Weniger ist mehr

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Dieser Artikel behandelt die Redewendung Weniger ist mehr. Für den gleichnamigen Fernsehfilm siehe Weniger ist mehr (Film)

Weniger ist mehr: Es handelt sich um einen Ausspruch, der zu einem geflügelten Wort geworden ist. Die englische Entsprechung lautet: less is more.

Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wendung stellt auf den ersten Blick eine an sich paradoxe und unsinnige Aussage dar, denn ein Weniger kann nicht ein Mehr sein. Die Widersprüchlichkeit ist allerdings ein bewusst gesetzter Sinnfehler. In der Rhetorik werden solche Konstruktionen als Oxymoron bezeichnet.

Eigentlich will man mit der Wendung, dass „weniger mehr sei“ lediglich aussagen, dass ein Weniger besser ist als ein Mehr. Das wäre dann keine an sich paradoxe Aussage, denn es sind in der Tat viele Situationen vorstellbar, in denen diese Aussage sachlich völlig richtig wäre. (Wenige Verzierungen an einem Möbel können besser gefallen als viele. Weniger Gift ist für den, der unbeschadet überleben möchte, besser als noch mehr davon.)

In diesem Widerspruch besteht also gerade der Reiz eines Oxymorons: Die (unausgesprochene) Bedeutung der Äußerung ist also plausibel, der Wortlaut hingegen ist unsinnig. Wer ein Oxymoron benutzt, geht davon aus, dass sowohl die eigentliche Bedeutung als auch der bewusst gesetze Sinnfehler vom Publikum erkannt werden.

Herkunft und späterer Gebrauch der Wendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wer der Schöpfer dieser Formulierung war, ist unbekannt. Gelegentlich wird sie Christoph Martin Wieland (1773 bis 1813) zugeschrieben.[1] In dem Gedicht Neujahrswunsch, das 1774 erschienen ist, finden sich am Ende jedenfalls folgende Zeilen, mit denen eine gewisse Weitschweifigkeit entschuldigt werden soll:

Ich sehe wohl, die Leutchen wundert,
Wie dies sich enden wird? – Verzeyht
Wenn es zu lange währet! Ich lieb in allen Sachen
Den nächsten Weg, wiewohl er zweymal oft so weit
Als jener ist, den andre Wandrer machen.
Ein guter Weg ist einen Umweg werth,
Und minder ist oft mehr, wie Lessings Prinz uns lehrt.[2]

Man sieht aber, dass Wieland die Wendung „und minder ist oft mehr“ gerade nicht in dem Sinn gebracht hat, in dem man sie heute verstehen würde. Aus dem Zusammenhang der einzelnen Gedichtzeile mit den anderen ergibt sich, dass Wieland hier gerade kein Oxymoron bilden wollte, sondern anscheinend eine Ellipse: Die sinntragenden Wörter bilden kein Gegensatzpaar, sondern wurden ausgelassen. Demnach wäre die letzte Zeile so zu lesen: Und minder [schnell zu sein] ist oft mehr [zu raten], wie [auch] Lessings Prinz uns lehrt.

Die Formulierung less is more findet sich auch in dem Gedicht Andrea del Sarto, das Robert Browning 1855 veröffentlich hat.[3]

Populär wurde der Ausdruck less is more unter Architekten, Designern und anderen Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts: Ludwig Mies van der Rohe hatte die Formulierung aufgegriffen, um damit seine Vorstellung vom Bauen auszudrücken (er lehnte schmückende Verzierungen ab und bevorzugte schlichte, einfache Formen). Van der Rohe wurde jedenfalls zur einem führenden Mann in einer Künstlergruppe, die man später als Minimalisten bezeichnete. Und van der Rohes less is more wurde mit der Zeit zu einer Parole und zu einem Kampfbegriff. Gelegentlich wurde die Wendung auch verballhornt, beispielsweise zu „less is a bore“. (sinngemäß: weniger ist langweilig).[4]

Abwandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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  • „If less is more, maybe nothing is everything.“ (Rem Koolhaas)
  • „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern nichts mehr weglassen kann“ (Antoine de Saint-Exupéry).
  • „Mehr ist nicht weniger“ (Robert Venturi)[5]
  • „[…] man möchte sagen: das Einfache ist nicht immer das Beste; aber das Beste ist immer einfach […]“ (Heinrich Tessenow)[6][7]
  • „Mache die Dinge so einfach wie möglich – aber nicht einfacher.“ (Albert Einstein)
  • „Reduce to the max“ (Werbebotschaft von Mercedes-Benz für den Smart)
  • „Mein Leitspruch bis heute: Weniger, aber besser.“ (Dieter Rams)[8][9]
  • Blaise Pascale führte als Entschuldigung für einen allzu langen Brief an, dass er eben keine Zeit hatte, sich kürzer zu fassen. In einem Postskriptum zu seinem langen Brief heißt es: „Ehrwürdige Väter, meine Briefe pflegen nicht so schnell aufeinander zu folgen und auch nicht so lang zu sein. Die wenige Zeit, die ich hatte, ist Ursache von dem einen wie von dem andern. Ich habe diesen Brief nur deshalb etwas länger gemacht, weil ich nicht Muße hatte ihn kürzer zu machen. Der Grund, warum ich zu eilen genöthiget war, ist Ihnen besser bekannt als mir.“ (Blaise Pascal)[10]
  • „Keep it simple.“ (Alan Graham Apley)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. So zum Beispiel von Roland Leonhard: Des Pudels Kern. Sprichwörter erklärt, Planegg und München: Rudolf Haufe Verlag, 2006, S. 157 (Ein Digitalisat dieser Seite bei Google Books; zuletzt abgerufen am 2. Juli 2016.)
  2. Neujahrswunsch, in: Der Teutsche Merkur vom Jahr 1774. Fünfter Band, Weimar: Hoffmanns Verlag, 1774, S. 1 bis 6, hier S. 4 (Digitalisat dieser Seite über die Universitätsbibliothek Bielefeld).
  3. Volltext des Gedichts auf der Homepage der Poetry Foundation. (Zuletzt abgerufen am 2. Juli 2016.)
  4. Less is a bore. Zum 90. Geburtstag von Robert Venturi. Artikel auf BauNetz vom 29. Juni 2015. (Hier online; zuletzt abgerufen am 2. Juli 2016)
  5. Das Zitat ist eigentlich englisch. Es lautet: „More is not less“. In: Venturi: Complexity and contradiction in architecture. 1966, S. 16
  6. In vollständigem Umfang ein längeres Zitat; es lautet: „Es ist schon so, daß die Forderung, unsere gewerblichen Arbeiten möchten formal reiner sein, auch die Forderung einschließt, sie möchten formal weniger oder einfach sein; aber soweit wir an so etwas wie an eine ideale Lebensart denken, werden wir ja wohl auch immer finden, daß dabei die größere Einfachheit für uns eine reichlich wichtige Rolle spielt; man möchte sagen: das Einfache ist nicht immer das Beste; aber das Beste ist immer einfach; im übrigen werden wir uns über die Einfachheit weniger gut verständigen können als über die Sauberkeit; wenn wir überlegen, wie weitgehend unsere Umwelt sauber sein darf, so antworten wir fast ohne Bedenken, sie solle nur immerfort so sauber sein, wie es überhaupt möglich ist; dagegen wir eine Forderung nach Einfachheit gleich einen Haufen grundsätzliche Bedenken haben.“ Zitiert nach: Die Sauberkeit oder die Reinheit gewerblicher Arbeiten, in: Hausbau und dergleichen. Mit 107 Zeichnungen und Photographien eigener Arbeiten von Heinrich Tessenow, Berlin: Bruno Cassirer, 1916, Seite 39 bis 46, hier Seite 45 f. (Digitalisat eben dieser Seite hier im Internet Archive.)
  7. Jüngere Ausgabe: Die Sauberkeit oder die Reinheit gewerblicher Arbeiten, in: Heinrich Tessenow. Geschriebenes. Gedanken eines Baumeisters. Herausgegeben von Otto Kindt, Braunschweig und Wiesbaden: Vieweg, 1982, S. 37 bis 40, hier S. 39 (ISBN 3-528-08761-7). (Digitalisat eben dieser Seite bei Google Books.)
  8. Zitiert nach Jochen Stöckmann: Weniger, aber besser. Lucky-Strike-Award für den Designer Dieter Rams. Der Beitrag wurde am 15. November 2007 im Programm von Deutschlandradio Kultur gesendet. Der Text der Sendung findet hier online. (Zuletzt abgerufen am 1. Juli 2016.)
  9. Vergleiche: Weniger, aber besser. Less but better. Herausgegeben von Dieter Rams, Hamburg: Klatt, 1995.
  10. Lettres provinciales, 16. Brief vom 4. Dezember 1656. – In der Pascal-Ausgabe Adolf Blechs umfasst eben dieser Brief, von dem Pascal sagt, dass er ihn länger gemacht habe, nur weil er „nicht Muße hatte“ ihn kürzer zu machen, immerhin 30 Druckseiten. Vergleiche: Pascals’s Briefe an einen Freund in der Provinz. Aus dem Französischen übersetzt von Karl Adolf Blech, Prediger zu St. Salvator in Danzig […], Berlin: Besser, 1841, S. 335 bis 365, hier S. 364 (Digitalisat eben dieser Seite hier bei Google Books).