Wiedervereinigung der Normandie

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Wappen der Normandie mit den zwei Leoparden
Die historische Region Normandie

Unter dem Begriff Wiedervereinigung der Normandie (französisch Réunification de la Normandie) wird das politische Ziel einer administrativen Vereinigung der beiden französischen Regionen Basse-Normandie und Haute-Normandie verstanden. Dieses Ziel wird von verschiedenen politischen Gruppierungen in Frankreich verfolgt. Laut der am 17. Dezember 2014 vom französischen Parlament verabschiedeten Regionalisierungsreform sollen die beiden Regionen ab dem 1. Januar 2016 wieder vereinigt werden.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

Seit den Zeiten der Wikinger-Züge durch Europa im 8. und 9. Jahrhundert ist die Normandie eine der historischen Provinzen Frankreichs. Sie behielt lange Zeit ihre relative Eigenständigkeit und kam mit Wilhelm dem Eroberer in eine enge politische Bindung zum benachbarten Königreich England und blieb zwischen der englischen und französischen Krone umkämpft. Nach dem Hundertjährigen Krieg kam sie unter die direkte Herrschaft der französischen Könige, bewahrte aber noch über mehrere Jahrhunderte einige ihrer Sonderrechte. Im Gefolge der Französischen Revolution von 1789 wurde versucht, die alten feudalen Besitz- und Herrschaftsverhältnisse radikal zu beseitigen. Das ganze Land wurde verwaltungsmäßig neu eingeteilt und in zunächst 83 neu geschaffenen Départements organisiert, deren Grenzen sich zum Teil bewusst nicht an den alten historischen Regionsgrenzen orientierten. Die Normandie zerfiel in fünf Départements: Calvados, Eure, Manche, Orne und Seine-Maritime. Diese Départementseinteilung wurde auch im nachrevolutionären Frankreich beibehalten, da sie der bürokratisch-zentralistischen Regierungsform entgegenkam.

Regionen Frankreichs (Stand 2011)

Seit den 1950er Jahren wurden in mehreren Gesetzen viele der alten französischen Regionen, die trotz der Départements-Einteilung in der öffentlichen Wahrnehmung immer weitergelebt hatten, administrativ wiederbelebt. Eine wesentliche Ausnahme bildete die Normandie, die nicht als eine, sondern in Form zweier Regionen (eine östliche Obere und eine westliche Niedere Normandie, Haute- und Basse-Normandie) wiedererstand. Verschiedene Gründe wurden für diese Aufspaltung genannt: in den 1950er Jahren war die Wirtschaft der östlichen Normandie stärker industriell geprägt und die Wählerschaft politisch links ausgerichtet, während die westliche Normandie agrarisch und politisch konservativer war. Die zwei Hauptorte Rouen und Caen boten sich beide als Zentralort einer zu schaffenden Region an.

Diskussion um eine mögliche Vereinigung der beiden Regionen[Bearbeiten]

In unregelmäßigen Abständen kommt das Thema einer Vereinigung der beiden Regionen auf die politische Tagesordnung. In inoffiziellen Meinungsumfragen hat sich eine Mehrheit der Bewohner für eine Vereinigung ausgesprochen. Die Zustimmung in der Haute-Normandie war dabei geringfügig höher als in der Basse-Normandie. Allerdings hatte das Thema für viele Befragte keine hohe Priorität und die Indifferenz zu dieser Frage ist groß. Das Wählerverhalten in der Haute- und Basse-Normandie unterscheidet sich heute kaum mehr und auch die wirtschaftlichen Strukturen haben sich weitgehend aneinander angeglichen. Verschiedene politische Gruppierungen haben zu diesem Thema Stellung bezogen, wobei die traditionellen Rechts-Links-Schemata überschritten werden. Viele Parteien haben aber keinen einheitlichen Standpunkt in dieser Frage bezogen. Zurzeit sprechen sich nur das Mouvement démocrate (bürgerlich-liberal), das Nouveau Centre (bürgerlich-konservativ), die Parti radical de gauche (linksliberal) und der Front National (radikal rechts) klar für eine Vereinigung aus.

Ein Hauptargument der Befürworter ist eine Verschlankung der Verwaltung durch Abbau von Doppelstrukturen, ein Argument, das nicht unumstritten ist. Die meisten Regionalräte haben sich prinzipiell für eine Vereinigung ausgesprochen, lehnen aber eine Vereinigung per Dekret aus Paris ohne regionale Mitsprache strikt ab und haben eine Vielzahl von zu erfüllenden Bedingungen formuliert. Viele Funktionsträger der bisherigen Regionen fürchten um ihre Ämter in einer neu zu schaffenden vereinigten Region. Außerdem gibt es eine deutliche Rivalität zwischen den bisherigen Regions-Hauptorten Caen (Basse-Normandie) und Rouen (Haute-Normandie), die etwa gleich viel Einwohner haben und beide gerne den Titel einer capitale régionale einer vereinigten Normandie erlangen würden. Ein Kompromissvorschlag sieht vor, das zwischen Caen und Rouen gelegene Le Havre, die größte Stadt der Normandie, zum Verwaltungssitz der vereinigten Normandie zu machen. Für keine der drei Städte gibt es derzeit eine klare Mehrheit.[1]

Bis jetzt haben sich beide Regionen, Haute-Normandie und Basse-Normandie zu einem gemeinsamen interregionalen Tourismusverband der Normandie zusammengeschlossen, der seinen Sitz in Évreux hat,[2], da sich der Name ‚Normandie‘ besser touristisch vermarkten lässt, als die Namen ‚Basse-Normandie‘ oder ‚Haute-Normandie‘.

Am 2. Juni 2014 schlug Präsident François Hollande eine Neugestaltung der französischen Regionen vor. Die Zahl der Regionen sollte demnach durch Vereinigung bestehender Regionen von 22 auf 14 verringert werden. Dazu gehörte auch die Vereinigung von Oberer und Niederer Normandie.[3][4] Letztlich sollen die beiden Regionen im Rahmen einer Reform der Regionen ab dem 1. Januar 2016 zu einer Region vereinigt werden.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sandrine Chesnel: Caen ou Rouen: quelle capitale pour la future grande Normandie? L‘Express, 23. Februar 2015, abgerufen am 23. März 2015 (französisch).
  2. Comité Régional de Tourisme de Normandie (CRT Normandie)
  3. Cécile Dehesdin: Voici la carte des 14 régions de la réforme territoriale de François Hollande. L‘Express, 2. Juni 2014, abgerufen am 23. März 2015 (französisch).
  4. "Réformer les territoires pour réformer la France". Élysée, 2. Juni 2014, abgerufen am 23. März 2015 (französisch).
  5. La carte à 13 régions définitivement adoptée. Le Monde, 17. Dezember 2014, abgerufen am 27. März 2015 (französisch).

Weblinks[Bearbeiten]