Wikipedia Zero

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Verfügbarkeit von Wikipedia Zero in 59 Ländern über 67 Partneranbieter, Mai 2016[1]
Logo von Wikipedia Zero
Video für den freien Zugang zur Wikipedia
Wikipedia-Gründer Jimmy Wales 2014 als Sprecher der CeBIT Global Conferences zu Wikipedia Zero

Wikipedia Zero ist ein Projekt der Wikimedia Foundation, bei dem nur der Text der Artikel ohne Bilder übertragen wird, um Kosten zu sparen. Ziel ist es, die Reichweite der Wikipedia auf mobilen Endgeräten zu erhöhen, insbesondere in Ländern des Globalen Südens.[2]

Als das Projekt im Jahr 2012[3] begonnen wurde, war abzusehen, dass es bald mehr mobile Internetnutzer als Desktopbenutzer geben würde. Insbesondere in den Ländern des Globalen Südens soll Wikipedia einer Generation zugänglich gemacht werden, deren erster und einziger Zugriff auf das Internet mobil erfolgt. Diese Ziele sollen erreicht werden, indem Wikipedia-Artikel in Zusammenarbeit mit Mobilfunkgesellschaften vor allem in Afrika, Südamerika und Asien unentgeltlich auf mobilen Endgeräten verfügbar gemacht werden.[4][5][6]

Der Zugriff erfolgt zumeist auf die mobile Version von Wikipedia; selten auf eine speziell für dieses Programm entwickelte Version namens Wikipedia Zero, in der nur der Text der Artikel ohne Bilder übertragen wird.[7] Weil Smartphones in Entwicklungsländern sehr viel seltener genutzt werden als in den westlichen Märkten, können Wikipedia-Artikel rein textbasiert als SMS oder USSD angefordert werden.[8]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Projekt begann im Mai 2012 in Malaysia,[9] im Oktober 2012 folgten Thailand und Saudi-Arabien bei den Providern dtac und Saudi Telecom Company. Im Mai 2013 folgte Pakistan mit Mobilink[10] und im Juni 2013 Sri Lanka mit Dialog Axiata.[11] Der freie Zugang zur Wikipedia in Indien wird im Netz vom Aircel bereitgestellt.[12] Seit Ende 2013 wurden 4,5 Millionen Kunden von Airtel Africa in das Programm einbezogen. Seit dem 22. August 2014 bietet die Timor Telecom in Osttimor Wikipedia Zero für die Sprachversionen in Englisch, Portugiesisch, Indonesisch und Tetum an.[13] Nach 2013 sollten vor allem Länder in Südamerika einbezogen werden.[8]

Der Erfolg des Projekts bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die Anzahl der Seitenabrufe, die über Wikipedia Zero erfolgen, war im Jahr 2013 etwa um den Faktor 16 überschätzt worden.[14] Bis zum Sommer 2014 kam Wikipedia Zero auf 35 Millionen Abrufe.[15]

Im Januar 2014 war Wikipedia Zero in 22 Ländern verfügbar. In diesem Monat wurden der Wikimedia Foundation zufolge 50 Millionen Seitenabfragen getätigt.[16] Im selben Jahr warb Jimmy Wales als einer der Sprecher der CeBIT Global Conferences insbesondere für Wikipedia Zero.[17] Anfang 2015 wurde das Programm in „über 50“ Ländern betrieben.[15]

Die Fortführung von Wikipedia Zero soll Zeit online zufolge von der Entwicklung der Nutzung abhängen. Falls bis zum Sommer 2015 weniger als 100 Millionen Abrufe erreicht würden, stehe das Programm insgesamt zur Disposition.[15]

Die chilenische Regierung entschied im Mai 2014, dass die kostenlose Verbreitung von Wikipedia und Facebook gegen die Netzneutralität verstoße, und untersagte sie daher.[18] In der Folge kam es infolge intensiver Lobbyarbeit durch die Wikimedia Foundation zu einer Einigung mit den chilenischen Behörden – was wiederum die Kritik von Netzaktivisten hervorrief, die durch solche Aktivitäten langfristig den Zugang zum Wissen wegen der Einschränkung der Netzneutralität eher gefährdet sehen.[15]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bearbeitungen der englischsprachigen Wikipedia weltweit (2011)
Abrufe aller Wikipedia-Sprachversionen weltweit (2011)

Wikipedia Zero reagiert auf die digitale Kluft zwischen den industrialisierten und den sich entwickelnden Ländern bei der Nutzung des Internets, insbesondere auf den Nord-Süd-Gegensatz. Sowohl die Bearbeitungen[19] als auch die Abrufe[20] von Wikipedia stammen vorwiegend aus den nördlich gelegenen Industriestaaten. Dieses Ungleichgewicht soll ausgeglichen werden, um die Zugangsmöglichkeit zu freiem Wissen nachhaltig zu verbessern. In den Zielländern erfolgt der Zugang zum Internet vorwiegend über Mobilfunkgeräte.

Die Wikimedia Foundation schließt sich damit den großen kommerziellen Anbietern von sozialen Netzwerken Google und Facebook an, die mit Google Free Zone und Facebook Zero[7] ähnliche Projekte mit Mobilfunkbetreibern durchführen.[21]

Die Partnerunternehmen profitieren, indem sie durch das kostenlose Angebot neue Kunden gewinnen können.[8]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwächung der Netzneutralität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der chilenische Staatssekretär für Telekommunikation verbot zum 1. Juni 2014 Zero-Rating in Chile. Zur Begründung hieß es, dass die kostenfreie Nutzung ausgewählter Dienste wie Wikipedia Zero, Facebook Zero und Google Free Zone, bei dem die mobile Datennutzung bezuschusst wird, die Netzneutralität verletze.[22][23][24]

Die Electronic Frontier Foundation sagte im Juli 2014

„Whilst we appreciate the intent behind efforts such as Wikipedia Zero, ultimately zero rated services are a dangerous compromise.“

„Wenngleich wir die Absicht hinter Bemühungen wie Wikipedia Zero wertschätzen, sind zero-rated-Dienste schlussendlich ein gefährlicher Kompromiss.“

Jeremy Malcom: Electronic Frontier Foundation[25]

Die Nichtregierungsorganisation Access drückt es deutlicher aus und sagte im August 2014

„Wikimedia has always been a champion for open access to information, but it’s crucial to call out zero-rating programs for what they are: Myopic deals that do great damage to the future of the open internet.“

„Wikimedia war immer ein Schwergewicht im Kampf für freien Zugang zu Informationen, aber es ist äußerst wichtig, zero-rating-Programme das zu nennen, was sie sind: kurzsichtige Deals, die der Zukunft des offenen Internets großen Schaden zufügen.“

Raegan MacDonald: AccessNow.org[26]

Fehlende Metadaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da nur der reine Artikeltext zur Verfügung steht, können Leser nicht mit Hilfe der Versionsgeschichte die Entstehung und Verlässlichkeit des Artikels prüfen. Newsweek berichtete im April 2015 über den Artikel der englischsprachigen Wikipedia über das staatlich nicht anerkannte Indian Institute of Planning and Management, einer „gefälschten Hochschule“, einem in Indien weit verbreiteten Übel.[27] Der Administrator Wifione hatte die Informationen zum illegalen Status der Hochschule so umformuliert, dass von einer Verschleierung gesprochen werden muss.[28] Newsweek berichtet, dass sich Familien aus dem ländlichen Bereich Indiens, die nur auf Wikipedia Zero zugreifen konnten, auf die Reputation der Wikipedia verlassen hätten. Eltern hätten ihre Höfe verpfändet, um ihren Kindern ein Studium und einen letztlich wertlosen Hochschulabschluss zu finanzieren.[29] Mahesh Peri, Herausgeber des Magazins Careers360, das kritische Nachforschungen zum Indian Institute of Planning and Management angestellt hatte, sagte laut Newsweek:

„In my opinion, by letting this go on for so long, Wikipedia has messed up perhaps 15,000 students’ lives.“

„Meiner Meinung nach hat Wikipedia, da sie es so lange unbeachtet ließen, das Leben von vielleicht 15.000 Studenten zerstört.“

Mahesh Peri: Careers360[29]

Walled Gardens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Journalistin Hilary Heuler argumentierte im Mai 2015:

„for many, zero-rated programs would limit online access to the 'walled gardens' offered by the web heavyweights. For millions of users, Facebook and Wikipedia would be synonymous with 'internet'“

„für viele würden zero-rated Programme den Online-Zugang auf die Geschlossene Plattformen begrenzen, die von den Schwergewichten des Webs angeboten werden. Für Millionen Nutzer sind Facebook und Wikipedia gleichbedeutend mit 'Internet'.“

Hilary Heuler: ZDNet[30]

2015 haben Forscher untersucht, wie das ähnliche Programm Facebook Zero die Nutzung von Informationstechnologien in Entwicklungsländern beeinflusst. Sie fanden heraus, dass 11 % der Indonesier, die von sich sagen, sie benutzten Facebook, auch von sich sagten, sie würden nicht das Internet benutzen. 65 % der Nigerianer, 61 % der Indonesier und 58 % der Inder stimmten der Aussage „Facebook ist das Internet“ zu, verglichen mit nur 5 % in den Vereinigten Staaten.[31]

Reaktionen von Wikimedia-Organisationen auf die Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gayle Karen Young von der Wikimedia Foundation verteidigte das Programm im November 2014 in der Washington Post mit den Worten:

„We have a complicated relationship to net neutrality. We believe in net neutrality in America,“

„Wir haben ein kompliziertes Verhältnis zur Netzneutralität. Wir glauben an Netzneutralität in Amerika,“

Gayle Karen Young: Wikimedia Foundation

fügte jedoch hinzu, dass Wikipedia Zero eine andere Perspektive in anderen Ländern brauche:

„Partnering with telecom companies in the near term, it blurs the net neutrality line in those areas. It fulfills our overall mission, though, which is providing free knowledge.“

„Partnerschaften mit Telekomunternehmen verwischen auf kurze Sicht die Grenze der Netzneutralität in diesen Gebieten. Wir erfüllen jedoch unsere übergeordnete Mission, Freies Wissen zu verbreiten.“

Gayle Karen Young: Wikimedia Foundation[32]

Illegales Filesharing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 2016 wurde bekannt, dass Wikipedia Zero in Angola dazu benutzt wird, kostenlos urheberrechtlich geschütztes Material auf Wikimedia Commons hochzuladen. Links zu diesen Videos und anderen Dateien werden in Facebook-Zero-Gruppen ausgetauscht. Diese Verbreitungsart wurde wahrscheinlich wegen der hohen Preise für „normalen“ Internetzugang verwendet. Versuche, angolanische IP-Adressbereiche zu sperren, blieben mittelfristig erfolglos.[33][34] Ähnliche Vorfälle gab es bereits Mitte 2015.[35]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wikipedia Zero – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wikimedia Foundation contributors: Wikipedia Zero. Wikimedia Foundation, 30. Juli 2015, abgerufen am 8. August 2015 (englisch).
  2. Amit Kapoor: Wikipedia seeks global operator partners to enable free access „Wikimedia blog“. In: Wikimedia blog. Wikimedia Foundation, 26. Oktober 2011, abgerufen am 9. August 2015 (englisch).
  3. Erik Sofge: SXSW: Wikipedia for Non-Smartphones Is Brilliant. Here's Why. In: Popular Mechanics. 8. März 2013, abgerufen am 8. August 2015 (englisch).
  4. Maximilian Schönherr: Für null, aber nicht umsonst – Projekt "Wikipedia Zero" auch in Indien gestartet. In: Deutschlandfunk. 21. September 2013, abgerufen am 8. August 2015.
  5. Brandon Russel: Wikipedia Zero Brings Info to Mobile Users Without Internet. In: technobuffalo.com. 22. Februar 2013, abgerufen am 8. August 2015 (englisch).
  6. Kul Takanao Wadhwa: Getting Wikipedia to the people who need it most. In: KnightBlog. John S. and James L. Knight Foundation, 22. Februar 2013, abgerufen am 8. August 2015 (englisch).
  7. a b Wikimedia proposes Wikipedia Zero. In: Wikipedia Signpost. 31. Oktober 2011. Abgerufen am 21. Oktober 2013.
  8. a b c Stefan Mey: Freier Netzzugang mit Wikipedia Zero. In: DW.COM. Deutsche Welle, 10. November 2013, abgerufen am 8. August 2015.
  9. Amit Kapoor: Wikipedia Zero launches in Malaysia with Digi. In: Wikimedia blog. 26. Mai 2012, abgerufen am 8. August 2015 (englisch).
  10. Mobilink brings Wikipedia Zero to Pakistan. In: nation.com.pk. 5. Juni 2013, abgerufen am 8. August 2015 (englisch).
  11. Wikipedia FREE. In: dialog.lk. Archiviert vom Original am 8. April 2014, abgerufen am 8. April 2014 (englisch).
  12. Aircel customers can now access Wikipedia on their mobile phones for free | NDTV Gadgets. Gadgets.ndtv.com. 25. Juli 2013. Abgerufen am 20. September 2013.
  13. Timor Telecom: Partnership with Wikimedia Foundation, abgerufen am 11. September 2014.
  14. Torsten Kleinz: Spendenkampagne für Wikipedia startet. In: Heise Newsticker. 14. November 2013. Abgerufen am 15. November 2013: „Statt der geplanten 200 Millionen Seitenabrufe pro Monat konnte die Stiftung im letzten Berichtszeitraum nur 12 Millionen Abrufe pro Monat verzeichnen.“
  15. a b c d Torsten Kleinz: Wikipedia: Ist der Höhepunkt schon überschritten?. In: Zeit online. 15. Januar 2015. Abgerufen am 15. Januar 2015.
  16. Wikimedia Foundation: Wikimedia Foundation Report, January 2014.
  17. Vergleiche die Dokumentation bei Commons (siehe unter dem Abschnitt Weblinks)
  18. Leo Mirani: When net neutrality backfires: Chile just killed free access to Wikipedia and Facebook. In: Quartz. 30. Mai 2014. Abgerufen am 1. Juni 2014.
  19. Erik Zachte: Wikipedia edits visualized. In: Infodisiac. 9. Mai 2011. Abgerufen am 20. Oktober 2013.
  20. Erik Zachte: Wikipedia views visualized. In: Infodisiac. 21. November 2011. Abgerufen am 20. Oktober 2013.
  21. Mahafreed Irani: Facebook and 6 Tech Companies Launch Internet.org to Bring More People Online: The Founding Members of Internet.org - Facebook, Ericsson, MediaTek, Nokia, Opera, Qualcomm and Samsung - Will Develop Joint Projects, Share Knowledge, and Mobilize Industry and Governments to Bring the World Online.. In: DNA: Daily News & Analysis. 21. August 2013. Abgerufen am 21. Oktober 2013 über HighBeam Research.
  22. Ley de Neutralidad y Redes Sociales Gratis. In: Subsecretaría de Telecomunicaciones de Chile. 27. Mai 2014, abgerufen am 8. August 2015 (spanisch).
  23. Leo Mirani: Less than zero – When net neutrality backfires: Chile just killed free access to Wikipedia and Facebook. Quartz. 30. Mai 2014. Abgerufen am 2. Juli 2014.
  24. Jessica McKenzie: Face Off in Chile: Net Neutrality v. Human Right to Facebook & Wikipedia. 2. Juni 2014. Abgerufen am Februar 201407.
  25. Jeremy Malcom: Net Neutrality and the Global Digital Divide. In: eff.org. Electronic Frontier Foundation, abgerufen am 2. August 2015.
  26. Raegan MacDonald: Wikipedia Zero and net neutrality: Wikimedia turns its back on the open internet. In: accessnow.org. 8. August 2014, abgerufen am 2. August 2015 (englisch).
  27. Higher education accreditation. In: Wikipedia, the free encyclopedia. (wikipedia.org [abgerufen am 4. August 2015]).
  28. Indian Institute of Planning and Management. In: Wikipedia, the free encyclopedia. (wikipedia.org [abgerufen am 4. August 2015]).
  29. a b Alastair Sloan: Manipulating Wikipedia to Promote a Bogus Business School. In: Newsweek. 24. März 2015, abgerufen am 4. August 215 (englisch).
  30. Hilary Heuler: Who really wins from Facebook's 'free internet' plan for Africa? In: zdnet.com. 15. Mai 2015, abgerufen am 4. August 2015 (englisch).
  31. Leo Mirani: Millions of Facebook users have no idea they’re using the internet. In: Quartz. 9. Februar 2015, abgerufen am 4. August 2015 (englisch).
  32. Brian Fung: Wikipedia’s ‘complicated’ relationship with net neutrality. In: washingtonpost.com. The Washington Post, 25. November 2014, abgerufen am 2. August 2015.
  33. Wikipedia zur kostenlosen Tauschbörse umfunktioniert. In: netzpolitik.org. Abgerufen am 15. April 2016.
  34. Wikipedia:Kurier. In: Wikipedia. (wikipedia.org [abgerufen am 15. April 2016]).
  35. Wikimedia Forum - Meta. In: meta.wikimedia.org. Abgerufen am 15. April 2016.