Wir waren Nachbarn

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Blick in die Ausstellungshalle im Rathaus Schöneberg mit der Ausstellungsinstallation von "Wir waren Nachbarn – Biographien jüdischer Zeitzeugen"

Wir waren Nachbarn – Biographien jüdischer Zeitzeugen nennt sich eine öffentliche Ausstellung im Rathaus Schöneberg in Berlin. Diese Ausstellungsinstallation wird bereits seit 2005 jährlich für jeweils drei Monate präsentiert. 2010 wurde sie mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung (Senatskanzlei - kulturelle Angelegenheiten) als Dauerausstellung eingerichtet.

Im Saal der Ausstellungshalle im Rathaus liegen auf Lesetischen biographische Alben über ehemalige jüdische Einwohner von Schöneberg und Tempelhof in der Zeit des Nationalsozialismus zum Studium durch die Besucher aus. Die Ausstellungsinstallation ist im Stil einer historischen Bibliothek gestaltet. Zusätzliche Informationen zum Ausstellungsthema werden mit verschiedenen Elementen vermittelt.

Jüdische Einwohner in Schöneberg und Tempelhof (1933)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Schöneberg lebten zu Beginn der NS-Herrschaft 1933 über 16.000 jüdische Einwohner, das waren 7,35 % aller Schöneberger Einwohner. Besonders beliebt als Wohnquartier im Bezirk war das Bayerische Viertel, deshalb auch Jüdische Schweiz genannt. Während der NS-Zeit wurden über 6000 jüdische Bewohner vor den Augen ihrer Nachbarn aus Schöneberg deportiert. 1933 lebten in Tempelhof 2300 jüdische Bürger (2,03 %), von ihnen wurden 230 deportiert.[1]

Erinnerungsort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer in den 1980er Jahren einsetzenden Zeitzeugen- und Erinnerungsarbeit des Kunstamtes Schöneberg. Diese außergewöhnliche Idee eines Berliner Bezirks, einen symbolischen Denkort, einen Erinnerungsort für die verfolgten und ermordeten jüdischen Nachbarn einzurichten, wird kontinuierlich fortgeführt. Damit ist ein weiterer Ort des Gedenkens und der Erinnerung an den Holocaust neben den Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin entstanden.

Elemente der Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biographische Alben über ehemalige jüdische Einwohner von Berlin-Schöneberg und Berlin-Tempelhof liegen auf Lesepulten aus.

Biographische Alben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Zeit (2017) dokumentieren 157 biographische Alben die Lebens- und Leidensgeschichte von jüdischen Bürgern aus Berlin-Schöneberg und -Tempelhof. Die Mehrzahl der Familien- und Einzelbiographien wurde in Zusammenarbeit mit Zeitzeugen entwickelt, das heißt, die Geschichte wird aus deren Perspektive erzählt, daher der Ausstellungstitel Wir waren Nachbarn. Persönliche zeitgenössische Fotos, Dokumente, Briefe und Berichte machen ihre Geschichte in eindrücklicher Weise erfahrbar. Etwa ein Drittel der biographischen Alben sind prominenten Schönebergern und Tempelhofer Persönlichkeiten aus Literatur, Musik, Kunst, Wissenschaft oder Sport gewidmet (wie Albert Einstein, Alfred Kerr, Helmut Newton, Billy Wilder, Erich Fromm, Wilhelm Reich, Kurt Tucholsky, Gertrud Kolmar, Else Lasker-Schüler, Gisèle Freund, Coco Schumann, Nelly Sachs, Alice Salomon, Lilli Henoch, Alfred Flatow und Gustav Flatow sowie Georg Hermann; auch die Geschichte der Widerstandskämpferin Liane Berkowitz ist dokumentiert). Geschildert wird das Leben vor und nach 1933, die Flucht ins Exil, die Deportation und Ermordung von Familienangehörigen.

Die Alben zeigen aber auch das Leben nach dem Holocaust bis in die heutige Zeit und werden ergänzt um die Frage: Welche Formen der Erinnerung gibt es noch? (wie Gedenktafeln, Stolpersteine und biografische Bücher).

Das Ausstellungskonzept ist ein work in progress, das bedeutet die Ausstellung wird jedes Jahr um neue biographische Alben ergänzt und hat jährlich wechselnde Schwerpunkte. 2010 standen jüdische Schulen und Schüler im Mittelpunkt (Luise Zickel – Zickel-Schule[2][3], Reimann-Schule). Im Jahr 2012 lautete das Schwerpunktthema: "Jüdische Ärzte in Schöneberg. Topographie einer Vertreibung".

Karteikarten von Deportierten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An den Wänden der Ausstellungshalle sind handschriftliche Karteikarten mit den Namen von mehr als 6000 Deportierten und Ermordeten aus Schöneberg und dem Ortsteil Friedenau alphabetisch nach Straßennamen geordnet angebracht. Sie enthalten Namen und letzte Anschrift der Deportierten sowie Datum und Ziel der Deportation. 6069 Namen auf den Karteikarten machen anschaulich begreifbar, wie viele ehemalige jüdische Nachbarn aus ihren Wohnungen heraus abgeholt oder an ihrem Arbeitsplatz (siehe auch Fabrikaktion) verhaftet wurden und dann mit der Deutschen Reichsbahn in die Ghettos, Konzentrationslager oder Vernichtungslager transportiert und dort ermordet wurden oder verschollen sind. In der NS-Zeit waren diese Personendaten von den Berliner Finanzbehörden erfasst worden, um das Vermögen der Deportierten einzuziehen. 1987 übertrug Andreas Wilcke (zu der Zeit Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung von Schöneberg) die Angaben aus der Kartei der Oberfinanzdirektion auf die ausgestellten Karteikarten.[4]

Ländertafeln der Exilländer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Schautafeln, sogenannten Ländertafeln, werden die Situationen in den wichtigsten Exilländern, wie sie von den Emigranten vorgefunden wurden, mit zeitgenössischen Texten und Bildern dargestellt. Diese wiederum verweisen auf die Biographischen Alben: Die wichtigsten Exilländer waren Großbritannien, Palästina, die USA, Latein-Amerika, die Schweiz und China. Man sieht aber auch Fotos aus dem Exilland Türkei. Ernst Reuter ist in diesem Land im politischen Exil gewesen. Später war er Bürgermeister von Berlin (West) mit Sitz im Rathaus Schöneberg.

Interview-Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiteres Element der Ausstellung ist der Interview-Film Geteilte Erinnerungen von Monika Wenczel, der stündlich - oder für Gruppen nach Anmeldung - gezeigt wird. Dieser Film basiert auf Interviews mit jüdischen und nichtjüdischen Zeitzeugen aus dem Bayerischen Viertel.[5]

Informationspult[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Informationspult enthält einen interaktiven Info-Monitor mit einer DVD, auf welcher der Interviewfilm kapitelweise oder ganz geschaut werden kann und außerdem Hintergrundinformationen zum Bayerischen Viertel sowie zu den Interviewten des Films präsentiert. Ein Glossar gibt Auskunft zu zeitgenössischen Begriffen, eine Zeitleiste informiert über die wichtigsten Ereignisse im Deutschen Reich und Berlin. Daneben liegen Gedenkbücher[6] aus ganz Berlin und das jüdische Adressbuch von Berlin aus dem Jahr 1931 aus.

Archiv der Erinnerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im sogenannten Archiv der Erinnerungen finden die Besucher Erinnerungssplitter (kurze Berichte, Notizen, Fotos) von nichtjüdischen Zeitzeugen und von Besuchern der Ausstellung über Personen, Ereignisse und Orte im Zusammenhang mit der Thematik der Ausstellung. Es kann von Besuchern immer weiter ergänzt werden.

Aktuelle Medien-Berichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das letzte Element befasst sich mit dem Alltag heute und besteht aus aktuellen Medienberichten zu Antisemitismus und Rassismus sowie einer Hörstation mit Interview-Ausschnitten von jetzt lebenden jüdischen Berlinern.

Besuchererfolg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über 28.000 Ausstellungsbesucher wurden bis 2010 seit der Eröffnung im Jahr 2005 gezählt. Die Besucher sind international, zum Teil selbst Zeitzeugen, deren Nachkommen oder Verwandte und Bekannte. Auch Schulklassen besuchen die Ausstellung, beispielsweise in den Fächern Sozialkunde, Geschichte, Heimatkunde oder Sachunterricht.[7]

Besucherbetreuung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Besucherbetreuung und Beratung ist fachkundiges Personal in der Ausstellung präsent, um individuelle Fragen zu beantworten und Hinweise zu geben.

Bezug zum Denkmal Orte des Erinnerns[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausstellung hat einen inhaltlichen Bezug zu dem konzeptionellen Denkmal der Künstler Renata Stih und Frieder Schnock: Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel. Dieses 1993 eingeweihte Denkmal besteht aus einer stadträumlichen Installation aus 80 farbigen, doppelseitigen Tafeln von Bild- und Text-Kombinationen, welche die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit verdeutlichen.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kunstamt Schöneberg, Schöneberg Museum, Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz (Hrsg.): Orte des Erinnerns: Band 1, Das Denkmal im Bayerischen Viertel Edition Hentrich, Berlin 1994, ISBN 3-89468-146-2.
  • frag doch! Verein für Begegnung und Erinnerung (Hrsg.), Klaus Wiese, Jochen Thron: Wir waren Nachbarn – Biographien jüdischer Zeitzeugen. Eine Ausstellung in der Berliner Erinnerungslandschaft. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2008, ISBN 978-3-938485-73-6 (mit einer Videodokumentation auf Mini-DVD).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kunstamt Schöneberg, Schöneberg Museum, Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz (Hrsg.): Orte des Erinnerns: Band 2, Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel. Edition Hentrich, Berlin 1995, ISBN 3-89468-147-0, S. 12 (Tabelle Ergebnisse der Volkszählung vom 16. Mai 1933)
  2. Stolperstein für Luise Zickel auf wikimedia.commons
  3. Artikel über Luise Zickel in der Stadtteilzeitung Schöneberg, März 2010
  4. Kunstamt Schöneberg, Schöneberg Museum, Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz (Hrsg.): Orte des Erinnerns: Band 2, Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel. Edition Hentrich, Berlin 1995, ISBN 3-89468-147-0, S.215-270 (Gedenkbuch, mit einer Einleitung von Katharina Kaiser).
  5. Verweis auf die Website des Vereins frag doch! mit Angaben zum Interview-Film Geteilte Erinnerungen, Konzeption: Katharina Kaiser, Monika Wenczel, Texte und Recherche: Dr. Ruth Federspiel, Jens Leder, Produktion: Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin, Kunstamt HAUS am KLEISTPARK, gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für die Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Berlin 2000–2005
  6. Freie Universität Berlin, Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche Forschung (Hrsg.): Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. „Ihre Namen mögen nie vergessen werden.“ Edition Hentrich, Berlin 1995, ISBN 3-89468-178-0. (Das zum 50.Jahrestag der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft herausgegebene Buch listet über 55-tausend Namen von verfolgten und ermordeten Berliner Juden auf.)
  7. Pressemitteilungen des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg zu den Ausstellungen der Jahre 2005–2010
  8. Kunstamt Schöneberg, Schöneberg Museum, Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz (Hrsg.): Orte des Erinnerns: Band 1, Das Denkmal im Bayerischen Viertel Edition Hentrich, Berlin 1994, ISBN 3-89468-146-2.