Wortlänge

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Wortlänge wird danach bestimmt, aus wie vielen kleineren Einheiten ein Wort besteht. So ist es möglich, die Wortlänge entsprechend der Zahl der Buchstaben, Laute, Phoneme, Morphe, Silben oder Moren zu definieren. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Zeit zu messen, die ein Sprecher benötigt, um ein Wort auszusprechen; man erhält dann als Wortlänge die Wortdauer. Bevor man jedoch die Wortlänge oder Wortdauer bearbeiten kann, muss bestimmt werden, was genau ein Wort sein soll, ein keineswegs triviales Problem.

Kürzeste Wörter – längste Wörter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Frage, die auf ein breites Interesse stößt, ist die nach dem längsten Wort, entweder in einer bestimmten Sprache oder auch ganz allgemein.[1] Die anders gerichtete Frage nach dem kürzesten Wort ist sehr leicht zu beantworten, da ein Wort nicht kürzer als ein Buchstabe, Laut oder Phonem sein kann. Beispiele sind der lateinische Imperativ „ī“ (= geh), die polnische Präposition „w“ oder die deutsche Interjektion „o“, wie in O du lieber Augustin; es gibt also nicht nur ein solches kürzestes Wort.

Anders steht es um die Frage nach dem längsten Wort, zu der man einige Beobachtungen und Überlegungen beitragen, die man aber letztlich nicht beantworten kann. Ein paar Hinweise zum Deutschen mögen das demonstrieren:

Schon Jean Paul (1820) hat sich mit dem Phänomen langer Wörter befasst und selbst ein besonders langes erfunden: Wortbandwurmstockabtreibmittellehrbuchstempelkostenersatzberechnung, ein Wort mit 67 Buchstaben.[2]

Anlässlich einer entsprechenden Preisaufgabe der Gesellschaft für deutsche Sprache wurde „Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung“ angeführt, ein Wort, das aus 67 Buchstaben besteht.[3] Es handelt sich dabei um eine amtliche Gesetzesformulierung (GrundVZÜV, von 2003, 2007 wieder aufgehoben).[4] Ebenfalls amtlich belegt ist das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz in Mecklenburg-Vorpommern (RkReÜAÜG, von 1999, 2013 aufgehoben[5]) Von solchen in Textkorpora häufiger vorkommenden Wortgebilden, meist aus der Rechts- und Verwaltungssprache, unterscheidet der Duden „individuelle, kreative Augenblicksbildungen“, die in der Regel nur einmal vorkommen,[6] wie zum Beispiel „Steuerentlastungsberatungsvorgesprächskoalitionsrundenvereinbarungen[7] (68 Buchstaben) oder „Schauspielerbetreuungsflugbuchungsstatisterieleitungsgastspielorganisationsspezialist[8] (85 Buchstaben) Der Korpuslinguistiker Rainer Perkuhn vom Institut für Deutsche Sprache nennt als rekordverdächtig: „Psychoselbsterfahrungsfamilienaufstellungskörpertantrapersönlichkeitsentwicklungsseminare“.[9] Im Guinness-Buch der Rekorde wird „Donaudampfschifffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft“ genannt. Die Wörter bilden nicht die Obergrenze für Wortlänge im Deutschen, da man immer noch ein weiteres ergänzen kann, ohne die Wortbildungsregeln des Deutschen zu verletzen; so kann man an „Donaudampfschifffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft“ zum Beispiel „-sgründung“ anhängen. Das dadurch entstandene Wort mag nicht belegt sein, es ist aber möglich. Dies zeigt, dass man zwischen den längsten gefundenen Wörtern und den längsten möglichen Wörtern unterscheiden muss.[10]

Die Liste sehr langer Wörter lässt sich noch übertreffen, wenn man die Fachsprache der Chemie/Medizin hinzunimmt. So verzeichnet die „Rote Liste“ unter anderen die Bezeichnung „(6R,7R)-7-{[(2Z)-2-(2-Amino-1,3-thiazol-4-yl)-2-(methoxyimino)acetyl]amino}-3-{[(2-methyl-5,6-dioxo-1,2,5,6-tetrahydro-1,2,4-triazin-3-yl)sulfanyl]methyl}-8-oxo-5-thia-1-azabicyclo[4.2.0]oct-2-en-2-carbonsäure“ für ein Antibiotikum (Kurzbezeichnung „Ceftriaxon“).[11] Dieses Wort ist kein Einzelfall, da aufgrund der schier unendlichen Anzahl von Verbindungen in der organischen Chemie die IUPAC eine systematische Nomenklatur eingeführt hat, die es erlaubt, beliebig große (neu synthetisierte) Moleküle exakt zu benennen und international zu identifizieren, da – insbesondere pharmazeutische – Substanzen häufig unter verschiedenen Synonymen geführt werden.

Um die genannten (und weitere möglichen) Beispiele richtig einzuschätzen, muss man daran denken, dass das Deutsche zwar eine Sprache ist, in der leicht lange Komposita gebildet werden können; es gibt aber durchaus Sprachen, die dem Deutschen mindestens ebenbürtig sind, wenn es um die Möglichkeiten der Bildung langer Wörter geht, z. B. polysynthetische Sprachen.

Wortlängen in einem alphabetischen Wörterbuch des Deutschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Daten wurden anhand der Auswertung des Aussprachewörterbuchs von Viëtor[12] durch Menzerath[13] gewonnen; das Wörterbuch umfasst 20453 Stichwörter. Es ergibt sich folgende Übersicht:[14]

Zahl der Silben
pro Wort
Häufigkeit
Wörterbuch
prozentualer Anteil
im Wörterbuch
1 2245 11,00
2 6396 31,27
3 6979 34,12
4 3640 17,80
5 0920 04,50
6 0214 01,05
7 0042 00,21
8 0011 00,05
9 0006 00,03

Aus diesen Werten lässt sich berechnen, dass Worte in diesem Wörterbuch durchschnittlich aus 2,78 Silben bestehen. Nimmt man zum Vergleich die Werte eines Häufigkeitswörterbuchs, so ergibt sich eine geringere Länge, da kürzere Wörter in der Regel häufiger als längere verwendet werden. Dies zeigt die folgende Aufstellung.

Wortlängen in einem Häufigkeitswörterbuch (Frequenzwörterbuch) des Deutschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter der Leitung von Friedrich Wilhelm Kaeding wurde Ende des 19. Jahrhunderts ein deutschsprachiges Textkorpus von 10,906,235 laufenden Wörtern ausgezählt; nach Wortlängen sortiert ergab sich folgende Übersicht:

Zahl der Silben
pro Wort
Häufigkeit im
Textkorpus
prozentualer Anteil
im Textkorpus
1 5,426,326 49,75
2 3,156,448 28,94
3 1,410,494 12,93
4 646,971 5,93
5 187,738 1,72
6 54,436 0,50
7 16,993 0,16
8 5,038 0,05
9 1,225 0,01
10 461 0,00
11 59 0,00
12 35 0,00
13 8 0,00
14 2 0,00
15 1 0,00

Die Tabelle beruht auf Daten, die Zipf (1935, Neudruck 1968, Seite 23) entnommen wurden.[15] Aus ihnen lässt sich die durchschnittliche Wortlänge (gemessen nach der Zahl der Silben pro Wort) mit 1,83 berechnen.

Wortlängen verschiedener Sprachen im Vergleich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fucks[16] gibt für 11 Sprachen die mittlere Wortlänge (Silben pro Wort) literarischer Autoren an:

Sprache mittlere Wortlänge
literarischer Werke
Englisch 1,4
Französisch 1,6
Deutsch 1,7
Esperanto 1,9
Italienisch 2,0
Griechisch 2,1
Japanisch 2,1
Ungarisch 2,2
Russisch 2,2
Lateinisch 2,4
Türkisch 2,5

Im Häufigkeitswörterbuch von Kaeding ergab sich eine durchschnittliche Wortlänge für das Deutsche von 1,83 Silben pro Wort, während Fucks 1,7 angibt. Der Unterschied ist darauf zurückzuführen, dass Fucks in diesem Fall nur Daten zu literarischen Texten anführt.

Durchschnittliche Wortlänge in verschiedenen Textgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn man eine Sprache oder Stile/Texte hinsichtlich ihrer Wortlängen charakterisieren will, stellt sich die Frage, wie die Wortlängen bestimmt werden sollen. Untersucht man die Wortlänge anhand der Stichwörter im Lexikon oder anhand der Wörter im laufenden Text? Welche Einheit wählt man, um ihre Anzahl je Wort zu bestimmen? Ist es gleichgültig, welches Lexikon oder welche Textsorte man auswertet? Um es vorwegzunehmen: Man erhält unterschiedliche Durchschnittswerte, je nachdem, wie man sich bei den genannten Fragen entscheidet.

Als Beispiel seien einige Durchschnittswerte für Wortlängen im Deutschen genannt, bestimmt nach der Zahl der Silben im Wort; die Daten stammen aus Best (2006).[17] Die durchschnittliche Zahl der Silben je Wort in deutschen Texten wurde wie folgt erarbeitet:

Textklasse Grenze der Wortlänge
untere obere
Pressetexte 1,81 2,29
fachwissenschaftliche Texte 2,04 2,32
gesprochene Sprache 1,52 1,66
Lese- und Lehrbuchtexte 1,32 1,88
SMS-Texte 1,51
Briefe 20. Jahrhundert 1,68
Epik und Prosa 20. Jahrhundert 1,70
Gedichte von Erich Fried 1,60

Zur Erläuterung: Für die ersten vier Textklassen können die beobachteten unteren und oberen Durchschnittswerte angegeben werden. Diese Textklassen sind interessant, weil sie zeigen, wie sehr auch innerhalb einer Textklasse die Werte schwanken können. In den übrigen Fällen kann im Moment nur ein Wert genannt werden; dann ist der Höchstwert mit dem einen Durchschnittswert identisch. Weitere Details sind in der angegebenen Arbeit aufgeführt, einerseits zu Gruppen von Texten innerhalb einer Textklasse, andererseits zur Entwicklung der Wortlänge über die Jahrhunderte hinweg.

Natürlich sind die angegebenen Werte von der Auswahl der ausgewerteten Texte abhängig. Die Tabelle vermittelt einen Eindruck davon, wie sehr diese Durchschnittswerte schwanken können. Ein ähnliches Bild würde sich ergeben, wenn man Wortlänge anders als durch die Zahl der Silben je Wort bestimmt.

Wortlängenverteilung und Wortlänge im Zusammenspiel mit anderen sprachlichen Größen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Quantitative Linguistik hat sich in vielfältiger Weise mit den Gesetzmäßigkeiten der Wortlängen befasst.

  • Am besten erforscht ist das Gesetz der Verteilung von Wortlängen, das besagt, dass die Häufigkeit, mit der Wörter verschiedener Länge in Texten oder auch in Wörterbüchern verschiedener Art, ganz bestimmten, theoretisch begründbaren Verteilungen folgen: Die Länge von Wörtern ist eine Funktion ihrer Häufigkeit; in vielen Sprachen, so auch im Deutschen, kann man diese Aussage vereinfachen zu: Je häufiger Wörter sind, desto kürzer sind sie auch. In manchen Sprachen wie dem Finnischen[18] oder Lateinischen[19] gilt diese Aussage nicht schon von den einsilbigen Wörtern an, sondern erst von den zwei- oder auch dreisilbigen an. Für weitere Erläuterungen zu Wortlängenverteilungen soll hier ein Hinweis auf den entsprechenden Spezialartikel Gesetz der Verteilung von Wortlängen genügen.[20]
  • Wortlängen stehen in Texten oder auch in Wörterbüchern in einer ganzen Reihe von Wechselbeziehungen mit anderen Sprachgrößen. In Köhlers Regelkreis[21] werden einige dieser Wechselbeziehungen in Form eines einfachen Modells dargestellt; sie lassen sich in ein komplexeres Modell integrieren.[22]
    • Eine bedeutsame Gesetzmäßigkeit besteht zwischen der Länge der Wörter und der Länge der Wortteile: Je länger ein Wort ist, das heißt, aus je mehr kleineren Einheiten (direkten Konstituenten) es besteht, desto kleiner sind diese Konstituenten selbst. Es handelt sich hierbei um ein Sprachgesetz, das unter dem Namen Menzerathsches Gesetz (auch: Menzerath-Altmann-Gesetz) bekannt ist. Eine Untersuchung zum Deutschen galt der Hypothese „Je länger das Wort, um so kürzer seine Morphe“[23] und konnte aufgrund der Auswertung eines ganzen Wörterbuchs zeigen, dass diese Hypothese sich bewährt.
    • Untersucht man die Wortlänge im Hinblick auf die Zahl der Silben, so kann man eine entsprechende Hypothese formulieren: „Je länger das Wort, um so kürzer seine Silben“. Eine Untersuchung zu Wortlängen im Deutschen und Italienischen unterstützt diese Hypothese. Dies gilt auch dann, wenn man die Wortlänge in Beziehung zur Dauer der Silben in verschiedenen Sprechstilen in Beziehung setzt.[24]
    • Die Wortlänge wirkt sich auch auf die Dauer der Laute aus, aus denen die Wörter bestehen: Je länger die Wörter sind, desto kürzer werden ihre Laute gesprochen. Dieses Sprachgesetz geht zurück bis ins 19. Jahrhundert[25] und gehört damit zu den ältesten bekannten Gesetzmäßigkeiten. Es ist wiederum eine Spezifizierung des Menzerathschen Gesetzes. Überprüfungen dieses Gesetzes am Beispiel der Dauer von Vokalen im Ungarischen unterstützen die genannte Gesetzeshypothese.[26]
    • Es gibt auch einen gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen dem Alter von Wörtern und ihrer Länge: Je älter Wörter sind, desto kürzer sind sie im Durchschnitt. So befindet Miyayima: „Clearly older words are shorter and used more frequently.“[27]. Zum gleichen Ergebnis kommt Sanada-Yogo.[28]
    • Ein weiterer Zusammenhang besteht zwischen dem Alter von Wörtern und ihrer Polysemie: Je älter Wörter sind, desto mehr unterschiedliche Bedeutungen haben sie im Durchschnitt.[29]

Wortlänge in der Sprachtypologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei dem Versuch, Sprachtypen mit den Mitteln der Statistik auch numerisch zu charakterisieren, wurden im Rahmen der Sprachtypologie von Greenberg, Altmann & Lehfeldt und vielen anderen Maße entwickelt, die es erlauben, Sprachen morphologisch miteinander zu vergleichen. Unter den morphologischen Eigenschaften, die dazu gemessen wurden, befindet sich als einer von 10 Indizes auch ein Maß der Wortkomplexität, das ein Verhältnis zwischen der Zahl der Wörter eines Textes und der Zahl der Morpheme herstellt, der sogenannte „Synthese-Index“ S = Zahl der Morpheme/ Zahl der Wörter[30] oder auch umgekehrt S = Zahl der Wörter/ Zahl der Morpheme.[31] Der Synthese-Index ist ein Maß für die durchschnittliche Wortlänge der untersuchten Sprachen. Altmann & Lehfeldt zeigen auch, wie man mit den 10 Indizes zu einer Klassifikation der Sprachen kommen[32] und das Zusammenspiel dieser Indizes miteinander berechnen kann.[33] Wilhelm Fucks demonstriert am Beispiel von 11 Sprachen den Zusammenhang zwischen Entropie und Wortlänge.[34]

Entwicklung der Wortlänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wortlängen sind Anzeichen für die Entwicklung der Sprache, und zwar sowohl für die Entwicklung der Sprachfähigkeit des Individuums als auch für die Entwicklung der Sprache.

  • Entwicklung des Spracherwerbs von Individuen: Es kann gezeigt werden, dass Kinder im Schulalter systematische Fortschritte in sprachlicher Hinsicht machen, die sich auch in der fortschreitenden Zunahme der Wortlängen in ihren Äußerungen niederschlagen. Diese Entwicklung folgt der gleichen Gesetzmäßigkeit wie die der Sprache selbst, dem Piotrowski-Gesetz, das deshalb auch als Spracherwerbsgesetz aufgefasst werden kann.[35]
  • Entwicklung in der Sprache: Auch die durchschnittliche Wortlänge ändert sich mit dem Wandel einer Sprache. Für das Deutsche kann gezeigt werden, dass die Wortlängen zunächst bis etwa zur Zeit des einsetzenden Frühneuhochdeutschen abnehmen, um danach wieder zuzunehmen. Auch dieser Prozess folgt dem Piotrowski-Gesetz. Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung der Wortlänge, gemessen durch die Zahl der Silben pro Wort, in deutscher Epik und Prosa vom 8. bis zum 20. Jahrhundert als reversiblen Prozess:[36]
t Jahr-
hundert
Silben pro Wort
beobachtet berechnet
2,5 8.–11. 1,72 1,72
4,5 12. 1,66 1,63
5,5 13. 1,49 1,53
6,5 14. 1,49 1,46
7,5 15. 1,45 1,45
8,5 16. 1,51 1,53
9,5 17. 1,66 1,63
10,5 18. 1,69 1,70
11,5 19. 1,71 1,72
12,5 20. 1,70 1,73

(Erläuterung: t ist der für die Berechnung nach Jahrhunderten durchnummerierte Zeitabschnitt; als erster Zeitabschnitt wurde für das 8. bis 11. Jahrhundert die Mitte des 10. Jahrhunderts mit t = 2,5 angesetzt. Passt man an die beobachteten Daten das Piotrowski-Gesetz in der Form für den reversiblen Sprachwandel[37] an, so erhält man die angegebenen berechneten Werte. Die Anpassung des Modells ergibt einen Determinationskoeffizienten von C = 0,94, wobei C als gut erachtet wird, wenn es größer/gleich 0,80 ist. Für ausführlichere Erläuterungen sei auf die angegebene Literatur verwiesen.)

Die Entwicklung vom 8. – 11. Jahrhundert verdiente eine eigene Untersuchung, für die aber zusätzliche Daten erforderlich wären. Der generelle Trend einer Abnahme und vom 16. Jahrhundert an wieder Zunahme der Wortlängen wurde auch für deutsche Gedichte von der Zeit um 1000 bis 1970 (bei generell geringerer Wortlänge) festgestellt.[38] Bei deutschen Briefen ergab sich vom 16. bis 18. Jahrhundert eine Zunahme der Wortlänge, die danach wieder abnahm.[39] Auch wenn überall noch mehr Daten wünschenswert wären, deutet sich doch an, dass es einerseits einen generellen Trend für die deutsche Sprache gibt, der sich in unterschiedlichen Textklassen aber durchaus verschieden auswirken kann.

Lesbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Bestimmung der Schwierigkeit eines Textes für den Leser spielt die Lesbarkeit eine wichtige Rolle. Darunter versteht man die sprachlichen (grammatischen und lexikalischen) Eigenschaften eines Textes. Die Lesbarkeit ist ein Bestandteil dessen, was die Textverständlichkeit ausmacht. Seit langem gelten die Bemühungen der Wissenschaft der Frage, ob man die Lesbarkeit eines Textes messbar machen kann. Dabei sind eine Fülle von Lesbarkeitsindizes entwickelt worden, bei denen sehr oft auch die Wortlänge als ein wesentlicher Aspekt integriert ist.[40] In Best (2006)[41] wurde eine Begründung dafür entwickelt, warum so einfache Kriterien wie Wort- und Satzlänge triftige Eigenschaften von Texten sein können, um etwas über ihre Lesbarkeit auszusagen.

Aus den Erkenntnissen der Lesbarkeitsforschung wurden für die Sprachpraxis Konsequenzen gezogen. So hat Wolf Schneider Hinweise für die Vermeidung unnötig langer Wörter gegeben.[42] Eine zahlenmäßige Charakterisierung von Texten als „sehr leicht“, „leicht“, „einfach“, „normal“, „anspruchsvoll“, „schwierig“ oder „sehr schwer“ wurde von Mihm entwickelt[43]; eine Übersicht für deutsche Texte mit Vergleich zum Englischen findet sich bei Groeben.[44]

Stilistische Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt eine ganze Reihe stilistischer Aspekte der Wortlänge, sowohl in linguistischer als auch in literarischer und psychologischer Hinsicht.

Ein Aspekt betrifft dabei die Gestaltung von Eigennamen. So findet man bei Jean Paul den Hinweis, dass er „unbedeutende Menschen einsilbig: Wutz, Stuß getauft“ gefunden habe, wodurch sie von „schlimme[n] oder scheinbar unwichtige[n]“ unterschieden seien.[45] Sigmund Freud führt aus: „Bekanntlich neigt man gerade bei einsilbigen Familiennamen besonders dazu, den Vornamen mitzunennen.“[46] Wilfried Seibicke weist eine deutliche Tendenz nach, Mädchen einen längeren (einteiligen) Vornamen zu geben als Jungen.[47] In die gleiche Richtung weist die Tendenz zur Nutzung von mehr als nur einem Vornamen, die für Mädchen um etwa 10 % höher liegt.[48]

Wilhelm Fucks, der sich für eine Quantitative Literaturwissenschaft einsetzt, betrachtet Wort- und Satzlängen als Stilcharakteristiken, das heißt als zahlenmäßig erfasste Stileigenschaften, die genutzt werden können, um den Stil von Autorengruppen zu unterscheiden.[49]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl-Heinz Best: Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 3., stark überarbeitete und ergänzte Aufl. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2006, ISBN 3-933043-17-4. Das Buch enthält Seite 129–132 eine kurzgefasste Übersicht über die Zusammenhänge zwischen Wortlängen und anderen sprachlichen Größen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Wortlänge – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Wortlängenverteilung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Bandwurmwort – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rainer Perkuhn: Das längste deutsche Wort? Ein fiktives Gespräch mit wahrem Hintergrund. In: Sprachreport, 26. Jahrgang, Heft 2, Mannheim 2010, S. 2–6. http://pub.ids-mannheim.de/laufend/sprachreport/pdf/sr10-2a.pdf
  2. Jean Paul: Über die deutschen Doppelwörter; eine grammatische Untersuchung in zwölf alten Briefen und zwölf neuen Postskripten. In: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung II, Band 3, herausgegeben von Norbert Miller. Zweitausendeins, Frankfurt 1996 (Nachdruck der Ausgabe des Hanser-Verlags 1963), Seite 9-108, Beispiel Seite 67.
  3. Auflösungen älterer Preisaufgaben – Wortungetüme – (Preisaufgabe aus Heft 1/2008). Gesellschaft für deutsche Sprache (Gfds), archiviert vom Original am 30. März 2015; abgerufen am 28. April 2016.
  4. http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP16/93/9377.html
  5. Steffen Trumpf, dpa: Beschluss im Schweriner Landtag: Längstes Wort Deutschlands hat ausgedient. Spiegel Online, 3. Juni 2013, abgerufen am 3. Juni 2013.
  6. Die längsten Wörter im Dudenkorpus Duden, Abruf 28. April 2016
  7. Was fehlt 29. Mai 1997, die tageszeitung – das Archiv – taz.de. Abruf 28. April 2016
  8. Bei Shakespeares «Richard III.» wird Rudolf K. Rath wortbrüchig 23. Oktober 2002, Neue Zürcher Zeitung, Abruf 28. April 2016
  9. Rainer Perkuhn: Das längste deutsche Wort? Ein fiktives Gespräch mit wahrem Hintergrund. In: Sprachreport, 26. Jahrgang, Heft 2, Mannheim 2010, S. 2–6, Beispiel S. 6. http://pub.ids-mannheim.de/laufend/sprachreport/pdf/sr10-2a.pdf
  10. Weitere Beispiele in: Karl-Heinz Best: Unser Wortschatz. Sprachstatistische Untersuchungen. In: Karin. M. Eichhoff-Cyrus, Rudolf Hoberg (Hrsg.): Die deutsche Sprache zur Jahrtausendwende. Mannheim/ Leipzig/ Wien/ Zürich: Dudenverlag, 2000, S. 35–52, Beispiel S. 42. ISBN 3-411-70601-5.
  11. [online.rote-liste.de Rote Liste online], abgerufen am 27. März 2015.
  12. Wilhelm Viëtor: Deutsches Aussprachewörterbuch. 3. durchgesehene Auflage, besorgt von Ernst A. Meyer: O. R. Reisland, Leipzig 1921.
  13. Paul Menzerath: Die Architektonik des deutschen Wortschatzes. Dümmler, Bonn 1954.
  14. Best 2006, Seite 42.
  15. George Kingsley Zipf: The Psycho-Biology of Language. An Introduction to Dynamic Philology. The M.I.T. Press, Cambridge, Massachusetts 1968, Seite 23. Erstdruck 1935. Zipf erwähnt noch, dass Kaeding die Summe der Wörter auf 10,910,777 korrigiert habe, ohne die Verteilung auf die verschiedenen Wortlängen mitzuteilen. Die angeführte Berechnung ist geringfügig korrigiert und etwas ergänzt. Die gleichen Daten wie bei Zipf finden sich in: David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Campus, Frankfurt/ New York 1993, Seite 87. ISBN 3-593-34824-1.
  16. Wilhelm Fucks: Nach allen Regeln der Kunst. Diagnosen über Literatur, Musik, bildende Kunst - die Werke, ihre Autoren und Schöpfer. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, Seite 80.
  17. Karl-Heinz Best: Wortlängen im Deutschen. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 13, 2006, S. 23–49; es werden hier immer nur die beobachteten Werte der Wortlängen angegeben. Alle in der Tabelle zusammengestellten Daten beruhen auf Texten aus dem 20. Jahrhundert.
  18. Anikó Vettermann, Karl-Heinz Best: Wortlängen im Finnischen. In: Suomalais-ugrilaisen seuran aikakauskirja/ Journal de la Societé Finno-Ougrienne 87, 1997, S. 249–262.
  19. Winfred Röttger: The Distribution of Word Length in Ciceronian Letters. In: Journal of Quantitative Linguistics 3, 1996, S. 68–72; Andrew Wilson: Word Length Distributions in Classical Latin Verse. In: The Prague Bulletin of Mathematical Linguistics 75, 2001, S. 69–84.
  20. Einen Überblick über Untersuchungen dazu zum Deutschen und zu Fremdsprachen geben das Vorwort zu: Karl-Heinz Best (Hrsg.): Häufigkeitsverteilungen in Texten. Peust & Gutschmidt Verlag, Göttingen 2001, S. V - XVII, besonders S. VIII - XI. ISBN 3-933043-08-5 sowie Karl-Heinz Best: Wortlänge. In: Reinhard Köhler, Gabriel Altmann, & Rajmund G. Piotrowski (Hrsg.): Quantitative Linguistik - Quantitative Linguistics. Ein internationales Handbuch. de Gruyter, Berlin/ N.Y. 2005, S. 260–273. ISBN 3-11-015578-8.
  21. Linguistische Synergetik#Ein elementares Konzept
  22. Best 2006, S. 129.
  23. Rainer Gerlach: Zur Überprüfung des Menzerath'schen Gesetzes. In: Werner Lehfeldt, Udo Strauss (Hrsg.): Glottometrika 4. Brockmeyer, Bochum 1982, S. 95–102. ISBN 3-88339-250-2.
  24. Laila Asleh, Karl-Heinz Best: Zur Überprüfung des Menzerath-Altmann-Gesetzes am Beispiel deutscher (und italienischer) Wörter. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 10/11, 2004/05, 9–19.
  25. Eduard Sievers: Grundzüge der Lautphysiologie zur Einführung in das Studium der Lautlehre der indogermanischen Sprachen. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1876. Das entscheidende Zitat findet sich S. 122; in allgemeinerer Form, unterstützt durch Messungen zum Spanischen, wurde dieses Gesetz formuliert in: Paul Menzerath, Joseph M. de Oleza: Spanische Lautdauer. Eine experimentelle Untersuchung. de Gruyter, Berlin/Leipzig 1928, S. 70.
  26. Karl-Heinz Best: Gesetzmäßigkeiten der Lautdauer. In: Glottotheory 1, 2008, S. 1–9; besonders S. 5–7.
  27. Tatsuo Miyayima: Relationships in the Length, Age and Frequency of Classical Japanese Words. In: Burghard Rieger (Hrsg.): Glottometrika 13. Brockmeyer, Bochum 1992, S. 219–229, Zitat: S. 228. ISBN 3-8196-0036-1.
  28. Haruko Sanada-Yogo: Analysis of Japanese Vocabulary by the Theory of Synergetic Linguistics. In: Journal of Quantitative Linguistics 6, Nr. 3, S. 239–251, besonders S. 244, 247f.
  29. Haruko Sanada-Yogo: Analysis of Japanese Vocabulary by the Theory of Synergetic Linguistics. In: Journal of Quantitative Linguistics 6, Nr. 3, S. 239–251, besonders S. 244, 247f.
  30. Joseph H. Greenberg: A quantitative approach to the morphological typology of languages. In: International Journal of American Linguistics. Band 26, 1960, S. 178–194, „synthetic index“ S. 185.
  31. Gabriel Altmann und Werner Lehfeldt: Allgemeine Sprachtypologie. Fink, München 1973. ISBN 3-7705-0891-2. „Synthetismus“ beziehungsweise „Analytismus“ S. 39.
  32. Gabriel Altmann und Werner Lehfeldt: Allgemeine Sprachtypologie. Fink, München 1973, S. 41.
  33. Gabriel Altmann und Werner Lehfeldt: Allgemeine Sprachtypologie. Fink, München 1973, S. 44f.
  34. Wilhelm Fucks: Nach allen Regeln der Kunst. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, S. 91.
  35. Karl-Heinz Best: Gesetzmäßigkeiten im Erstspracherwerb. In: Glottometrics 12, 2006, S. 39–54, besonders S. 43f.
  36. Karl-Heinz Best: Wortlängen im Deutschen. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 13, 2006, Seite 23–49, Tabelle Seite 31.
  37. Gabriel Altmann: Das Piotrowski-Gesetz und seine Verallgemeinerungen. In: Karl-Heinz Best, Jörg Kohlhase (Hrsg.): Exakte Sprachwandelforschung. Theoretische Beiträge, statistische Analysen und Arbeitsberichte (= Göttinger Schriften zur Sprach- und Literaturwissenschaft. Bd. 2). edition herodot, Göttingen 1983, ISBN 3-88694-024-1, Seite 54–90, zum reversiblen Sprachwandel: Seite 78ff.
  38. Karl-Heinz Best: Wortlängen im Deutschen. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 13, 2006, Seite 23–49, Gedichte Seite 26f.
  39. Karl-Heinz Best: Wortlängen im Deutschen. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 13, 2006, Seite 23–49, Briefe Seite 33.
  40. Norbert Groeben: Leserpsychologie: Textverständnis, Textverständlichkeit. Münster: Aschendorff Verlag, 2002, S. 175–183. ISBN 3-402-04298-3.
  41. Karl-Heinz Best: Sind Wort- und Satzlänge brauchbare Kriterien der Lesbarkeit von Texten? In: Sigurd Wichter, Albert Busch, (Hrsg.), Wissenstransfer – Erfolgskontrolle und Rückmeldungen aus der Praxis. Lang, Frankfurt/ M. u. a. 2006, S. 21–31. ISBN 3-631-53671-2.
  42. Wolf Schneider: Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004, S. 40–45. ISBN 3-499-19695-6.
  43. A. Mihm: Sprachstatistische Kriterien zur Tauglichkeit von Lesebüchern. In: Linguistik und Didaktik 4, 1973, S. 117–127.
  44. Norbert Groeben: Leserpsychologie: Textverständnis, Textverständlichkeit. Münster: Aschendorff Verlag, 2002, S. 179.
  45. Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. In: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I, Band 5. Zweitausendeins, Frankfurt 1996, S. 270. (= Nachdruck der Hanser-Ausgabe; Vorlage: 2. Auflage 1813.) ISBN 3-86150-152-X.
  46. Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Fischer, Frankfurt 1992, S. 37. (Erstdruck 1904). ISBN 3-596-26079-5.
  47. Wilfried Seibicke: Die Personennamen im Deutschen. de Gruyter, Berlin/New York 1982, S. 105. ISBN 3-11-007984-4.
  48. Konrad Kunze: dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998, S. 49. ISBN 3-423-03266-9.
  49. Wilhelm Fucks: Nach allen Regeln der Kunst. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, S. 33.