Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

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Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ist eine Interessenvertretung mit Sitz in Heidelberg, die sich für die Belange der seit langem in Deutschland beheimateten Roma deutscher Staatsbürgerschaft einsetzt. Diese Roma gehören vorwiegend der Gruppe der Sinti an. Mit „Roma“ sind vom Zentralrat die Nachfahren der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Südosteuropa nach Mitteleuropa zugewanderten Roma-Familien gemeint.[1]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oswald Marschall, leitender Referent vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, hier vor der am 4. Mai 2015 enthüllten Erinnerungs- und Gedenktafel vor dem Hauptgebäude der Polizeidirektion Hannover

Der Zentralrat wurde 1982 gegründet und ist der politische Dachverband von 17 Mitgliedsvereinen, den neun Landesverbänden und mehreren weiteren Zusammenschlüssen. Vorsitzender ist Romani Rose. Ehrenvorsitzender war bis zu seinem Tod Franz Rosenbach.[2] Der Zentralrat trägt das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, ein bedeutendes Kulturzentrum und zugleich ein Archiv für den Porajmos, die NS-Verfolgung der deutschen Sinti und Roma. Der Zentralrat wird mit jährlich rund 500.000 Euro aus Mittel des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.[3]

Der Zentralrat und seine Mitgliedsorganisationen sehen sich – anders als zum Beispiel die Rom und Cinti Union in Hamburg – nicht als Sprecher der in den vergangenen Jahrzehnten als Arbeitsmigranten oder Bürgerkriegsflüchtlinge zugewanderten Roma. Diese stammen vor allem aus südosteuropäischen Staaten oder aus Spanien und sind inzwischen vielfach deutsche Staatsangehörige. Dennoch wendet der Zentralrat sich in Stellungnahmen gegen antiziganistische Maßnahmen und Vorgänge auch im Ausland und tritt für einen besseren Schutz der Betroffenen ein. So spricht sich der Vorsitzende des Zentralrats dafür aus, „keine Minderheitenangehörigen“ – er meint damit insgesamt „Bosniaken, Kroaten, Gorani, Roma, Ashkali, Egyptians“ – in den Kosovo abzuschieben, solange die Lage dort für Rückkehrer unsicher sei. Das Rückführungsabkommen solle ausgesetzt und den bereits lange in Deutschland lebenden Kosovo-Roma dauerhafter Aufenthalt gewährt werden.[4]

Die unter dem Dach des Zentralrats zusammengeschlossenen Vereine sind [5]:

  • Bremer Sinti-Verein
  • Bremerhavener Sinti-Verein
  • Landesverein der Sinti in Hamburg
  • Verein Deutscher Sinti Minden
  • Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg
  • Verband Deutscher Sinti und Roma
  • Landesverband Deutscher Sinti und Roma Nordrhein-Westfalen
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Hessen)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Saarland)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Rheinland-Pfalz)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Baden-Württemberg)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Bayern)
  • Sinti-Union Freiburg
  • Verband der Sinti und Roma in Karlsruhe
  • Verband Deutscher Sinti, Bundesverband
  • Verein der katholischen Roma e.V.
  • Verein der vereinigten polnischen katholischen Roma
  • Verein zur Förderung von Kultur und Handwerk - Sinti-Werkstatt Landau

Handlungsfelder, politische Erfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gespräch des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (1982)
Demonstration von Sinti und Roma am 28. Januar 1983 anlässlich des 50. Jahrestags der Machtergreifung vor dem BKA

Am 17. März 1982 empfing der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des Zentralrats. Er erkannte in völkerrechtlich bedeutsamer Weise die nationalsozialistischen Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord aus Gründen der sogenannten „Rasse“ an. Seither führt der Zentralrat Gespräche mit Bundes- und Landesregierungen zum Schutz vor Diskriminierung und zur Förderung als nationale Minderheit. Außerdem fördert er das Gedenken an die Opfer des Porajmos, die Aufklärung und Dokumentation über die begangenen NS-Verbrechen und die Entschädigung der Überlebenden.[6]

  • Die erste internationale Gedenkkundgebung zur Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord an 500.000 Roma und Sinti fand im Oktober 1979 im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen statt.
  • Seit dem Jahr 1985 bewirkte der Zentralrat grundlegende Änderungen bezüglich der früheren diskriminierenden Entschädigungspraxis für die noch lebenden KZ-Opfer der deutschen Sinti und Roma. In 3200 Einzelfällen wurden Neuentscheidungen der Entschädigungsbehörden durchgesetzt.
  • Der Zentralrat machte zudem nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit den Innenministern der Länder und dem Bundesinnenministerium die zum Teil aus der Zeit des Nationalsozialismus übernommenen Methoden der rassistischen Sondererfassung bei Justiz- und Polizeibehörden bekannt.
  • Der Zentralrat verlangt seit 1993 ein Diskriminierungsverbot in den Landesmediengesetzen, um diskriminierende und stigmatisierende Berichterstattung zu verhindern. Die Praxis der Minderheitenkennzeichnung, wie sie von den Nationalsozialisten für Juden sowie für Sinti und Roma angeordnet worden war, findet sich noch heute in Presseberichten. Um sich gegen derartige Diskriminierung zu wehren, legte der Zentralrat Protest gegen 40 Zeitungsartikel und zwei Agenturmeldungen aus einem Jahreszeitraum 2004/2005 ein.
  • 1995 setzte der Zentralrat die gesetzliche Anerkennung der deutschen Sinti und Roma als nationale Minderheit mit eigener Minderheitensprache, dem Romanes, gemäß der „Charta“ des Europarats durch.
  • Im Jahr 2006 forderte der Zentralrat von der Bundesregierung schärfere Strafgesetze zur besseren Bekämpfung rassistisch motivierter Gewalttaten durch Einzelne oder Gruppen.
  • Am 17. November 2007 gründete die Vereinigung zusammen mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma und der Manfred Lautenschläger-Stiftung den Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma. Er ging 2008 an Wladyslaw Bartoszewski, 2010 an Simone Veil, 2012 an Thomas Hammarberg, 2014 an Tilman Zülch und 2016 an Amnesty International.[7]
  • 24. Oktober 2012 - das bundesweite Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas wurde am 24. Oktober 2012 im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck im Stadtgarten von Berlin eingeweiht.
  • Im kulturellen Bereich unterstützt die Organisation viele Veranstaltungen und Projekte, in denen sich Angehörige der Minderheit artikulieren und die durch einen interkulturellen Dialog zu einem wechselseitigen Verständnis beitragen können.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe z. B.: die Selbstbeschreibung des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma NRW (online).
  2. Nachruf des Zentralrats
  3. Beleg beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, abgerufen am 6. Juni 2013
  4. Romani Rose, Zur Lage im Kosovo. Stellungnahme des Vorsitzenden des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma zur geplanten Abschiebung von mehr als 10.000 Roma aus Deutschland in den Kosovo, in: Hinterland. Vierteljahresmagazin des Bayerischen Flüchtlingsrats, Nr. 13, 12. Juni 2010, S. 4-5, siehe auch: PDF.
  5. Liste der Namen und der Sitze der Mitgliedsorganisationen findet sich unter http://zentralrat.sintiundroma.de/content/index.php?navID=24&tID=13&aID=0.
  6. Historie des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma ([1])
  7. Europäischer Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma: Preisträger ([2]).
  8. Das Projekt Roma Routes zum Beispiel, auch von der EU unterstützt, will 2011 und 2012 einen interkulturellen Dialog in mehreren Ländern führen: D, Gr, Ru, Sl und dem UK.