Zuzanna Ginczanka

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Zuzanna Ginczanka (1938)
Zuzanna Ginczanka: O centaurach (1936)

Zuzanna Ginczanka, ursprünglich Zuzanna Polina Gincburg oder Zuzanna Pola Gincburżanka,[1] (geboren 22. März[2] 1917 in Kiew, Russisches Kaiserreich; gestorben Dezember 1944 in Krakau) war eine polnische Lyrikerin und Opfer des Holocaust. Ihr letztes Gedicht gilt als ein Meisterwerk der polnischen Lyrik zur Shoa.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zuzanna Ginczanka wurde als Zuzanna Polina Gincburg in Kiew als Tochter russischer Juden geboren. Ihre Eltern wanderten kurz nach Ausbruch der Oktoberrevolution nach Polen aus. Die Familie ließ sich in Równe in Wolhynien nieder, Zuzannas Großeltern zogen bald nach. Ihr Vater, ein Schauspieler, ging nach Berlin, später in die USA, und ihre Mutter verheiratete sich neu in Spanien.[3] Zuzanna wuchs bei ihrer Großmutter Klara Sandberg auf, die eine Apotheke führte. Die polnische Staatsangehörigkeit wurde ihr aber nie gewährt.[4]

Sie besuchte ein polnisches Gymnasium und begann im Alter von zehn Jahren Gedichte zu schreiben. Auf Anregung von Julian Tuwim nahm sie 1934 an einem landesweiten Lyrik-Wettbewerb teil und errang mit ihrem Gedicht Gramatyka eine Auszeichnung. Ab Frühjahr 1935 schrieb sie für die führende polnische Literatur-Zeitschrift Wiadomości Literackie und gehörte als einzige Frau dem Kreis um die Skamander an.

Nach dem Abitur zog sie nach Warschau, um Pädagogik zu studieren, und änderte ihren Namen in Zuzanna Ginczanka. Sie veröffentlichte satirische und antifaschistische Gedichte. Ihre frühe Lyrik ist aber auch von Sinnlichkeit geprägt[5] und spielt mit androgynen Motiven. Zuzanna Ginczanka verkehrte in Warschauer Literaturkreisen, wo sie u. a. Witold Gombrowicz kennenlernte. 1936 gab sie – neunzehnjährig – ihren einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichtband mit dem Titel O centaurach heraus.

Gedenktafel in Krakau

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh sie in das dann von der Sowjetunion okkupierte Lemberg und heiratete Anfang 1940 den polnischen Kunsthistoriker Michał Weinzieher (1903–1944). Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 in Lemberg einmarschierte, musste sie sich verbergen und während einer Polizeiaktion im Sommer 1942 wieder fliehen. Aus dieser Zeit stammt ihr wahrscheinlich letztes Gedicht. Es hat keinen Titel, beginnt mit der lateinischen Phrase Non omnis moriar.[6] Sie erinnert darin an die Namen ihrer Vermieterin, „Frau Chomin aus Lemberg, tapfere Spitzelgattin“,[7] und deren Sohn, einen NS-Kollaborateur, von denen sie bei den deutschen Besatzern denunziert worden war, und verspottet sie.[8] Das Gedicht schrieb sie auf einen Zettel, den sie zwei Jahre lang bei sich trug. Es gilt als ein Meisterwerk der polnischen Lyrik zur Shoa. Die Lebensstrategie von Zuzanna Ginczanka habe darin bestanden, durch Sprache und Kultur, die sie selbst gewählt hatte, ihre „verhängnisvolle Andersartigkeit“ zu überwinden, schreibt Elżbieta Adamiak. In ihrem letzten Gedicht komme im Angesicht des Holocaust die erzwungene Identität als Jüdin zum Ausdruck. Mit dem Gedicht habe Ginczanka nicht nur ihre persönliche Erfahrung der ständigen Todesangst ausgedrückt, sondern das Schicksal, das sie mit anderen Juden teilte.[9]

Stolperstein für Zuzanna Ginczanka in Riwne, pl. Teatralna, 1

Mit der Hilfe ihrer Freunde Maria Güntner und Janusz Woźniakowski versteckte sich Ginczanka ab 1943 mit ihrem Mann in Krakau, wo sie ein Jahr lang das Haus nicht verlassen konnte. Aufgrund erneuter Denunziation durch Nachbarn wurde sie im Herbst 1944 im Haus in der Mikołajska-Straße 5 von der Gestapo verhaftet und im Gefängnis gefoltert. Der Grund ihrer Verhaftung soll ihr Kontakt zur polnischen Untergrundbewegung gewesen sein, nicht ihre jüdische Herkunft, die erst ihre Schulfreundin Blumka Fradis unter Folter verriet.[10] Im Dezember des Jahres 1944 wurden beide Frauen im Hof des Krakauer Gefängnisses Montelupich erschossen,[11] wenige Wochen vor der Befreiung Krakaus durch die Rote Armee im Januar 1945.

Ihr Mann wurde ebenfalls 1944 ermordet.[11] Ihre Großmutter Klara Sandberg starb auf dem Transport in ein Konzentrationslager.[12]

Ihre Gedichte wurden in Polen postum in mehreren Anthologien veröffentlicht. Sie spiegeln wider, wie ihr Leben zunehmend zu einem Überlebenskampf wurde. Von ihrem im Krieg entstandenen Werk ist, außer dem Gedicht Non omnis moriar, kaum etwas erhalten geblieben. Lange war Zuzanna Ginczanka außerhalb der polnischen Jüdischen Studien wenig bekannt. Dank der Forschungsarbeit der Literaturwissenschaftlerin Izolda Kiec,[13] die 1993 die erste Monografie über Zuzanna Ginczanka veröffentlichte, wurde ihr Werk und ihr Leben in Polen zugänglich gemacht. Eine weitere Monografie folgte von Agata Araszkiewicz im Jahr 2002.

Zum Gedenken an Zuzanna Ginczanka verlegte der Künstler Gunter Demnig am 26. Juli 2018 am Theaterplatz der heute ukrainischen Stadt Riwne einen Stolperstein.[14]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1936: O centaurach. Warschau : Wydawnictwo J. Przeworskiego Wikisource
  • 1953: Wiersze wybrane (Ausgewählte Gedichte)
  • 1989 und 2014: Zuzanna Ginczanka. Wiersze zebrane (Von Izolda Kiec herausgegebene Gedichtesammlung, 2014 ergänzt mit Gedichten über Zuzanna Ginczanka)
  • 1991 Udźwignąć własne szczęście : poezje. Hrsg. von Izolda Kiec. Poznań : Książnica Włóczęgów i Uczonych
  • 2012: Krzątanina mglistych pozorów / Un viavai di brumose apparenze (polnisch und italienisch)
  • 2014: Wniebowstąpienie ziemi (Von Tadeusz Dąbrowski herausgegebene Gedichtesammlung)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Izolda Kiec: Zuzanna Ginczanka. Życie i twórczość. Obserwator, Poznań 1994, ISBN 83-901720-0-3 (Zugleich Dissertation Universität Poznań 1993 polnisch)
    • Auszüge in deutscher Übersetzung von Henryk Bereska in: Dichterinnen aus dem Dunkel. Band 2. WIR e.V. Polsko-Niemieckie Towarzystwo Literackie, 1995, OCLC 750664729
  • Agata Araszkiewicz: Wypowiadam wam moje życie. Melancholia Zuzanny Ginczanki. Fundacja OŚKA, Warschau 2001, ISBN 83-909820-8-0.
  • Elżbieta Adamiak: Von Schräubchen, Pfeilern und Brücken … Dichterinnen und Theologinnen mittel- und osteuropäischer Kontexte ins Wort gebracht. In: Jahrbuch der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (= Journal of the European Society of Women in Theological Research, ESWTR). 2006, S. 9–24, hier S. 18–22.
  • Bożena Shallcross: The Holocaust Object in Polish and Polish-Jewish Culture. Indiana University Press, Bloomington, 2011, ISBN 978-0-253-35564-5.[15]

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mary Mirki Milo (Regie): La Poesia spezzata – Zuzanna Ginczanka 1917–1944. Premiere 2014 beim Literaturfestival Port Literacki Wrocław. Filmtrailer (italienisch)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Zuzanna Ginczanka – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mit dem Namen Zuzanna Pola Gincburżanka war sie 1930 in der Tadeusz Kościuszko Schule in Równe eingeschrieben.
  2. Наталія Бельченко: «Київська чарівнице, Суламіто...», bei: Culture.pl, 28. Februar 2018 (ukrainisch).
  3. Mikołaj Gliński: Zuzanna Ginczanka’s Beauty and Brand, bei Culture.pl, Adam-Mickiewicz-Institut (englisch).
  4. Elżbieta Adamiak: Von Schräubchen, Pfeilern und Brücken. S. 21, Fn. 19.
  5. Bozena Shallcross: The Holocaust Object in Polish and Polish-Jewish Culture. S. 38. Elżbieta Adamiak: Von Schräubchen, Pfeilern und Brücken. S. 16.
  6. Nach Horaz. Wörtliche Übersetzung: „Ich werde nicht ganz sterben.“ In der literarischen Übertragung ins Deutsche gibt Henryk Bereska (1995) dem Gedicht den Titel Vermächtnis.
  7. Zitiert von Elżbieta Adamiak: Von Schräubchen, Pfeilern und Brücken. S. 19.
  8. Bozena Shallcross: The Holocaust Object in Polish and Polish-Jewish Culture. S. 39
  9. Elżbieta Adamiak: Von Schräubchen, Pfeilern und Brücken. S. 20–21.
  10. Bozena Shallcross: The Holocaust Object in Polish and Polish-Jewish Culture. S. 39, S. 145 Fn.
  11. a b The Holocaust Object in Polish and Polish-Jewish Culture, ebd., S. 38 f.
  12. Bożena Shallcross: The Holocaust Object in Polish and Polish-Jewish Culture, Indiana University Press 2011, ISBN 978-0-253-35564-5, S. 147.
  13. Izolda Kiec hat eine Professur an der University of Social Sciences and Humanities in Warschau
  14. istpravda.com.ua: Fünf Gedenksteine in den Straßen von Riwne für Nazi-Opfer, 31. Juli 2018 (auf Ukrainisch), abgerufen am 15. Oktober 2018
  15. Rezension bei h-net