Über den Begriff der Geschichte

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Über den Begriff der Geschichte ist ein postum erschienener, geschichtsphilosophischer Aufsatz von Walter Benjamin aus dem Jahre 1940, in welchem er unter dem Eindruck des Aufstieges des Faschismus und des Hitler-Stalin-Paktes die historisierende Auffassung insbesondere der Sozialdemokratie materialistisch kritisiert und zugleich einen messianischen Standpunkt einnimmt.

Ein Manuskript hatte Benjamin in Marseille an Hannah Arendt gegeben, welche es in New York an das emigrierte Frankfurter Institut für Sozialforschung weiterreichte. Eine französischsprachige, unvollendete Fassung hatte Benjamin selbst verfasst. Das Institut veröffentlichte den Aufsatz 1942 im Rahmen des Gedenkbandes Walter Benjamin zum Gedächtnis. Benjamin war im September 1940 auf der Flucht im spanischen Grenzort Portbou gestorben. Es wird vermutet, dass er seine Lage für aussichtslos hielt und daher Suizid begangen hat.

Inhaltsangabe[Bearbeiten]

Der in einem stark aphoristischen Stil verfasste Aufsatz gliedert sich in 18 Abschnitte und einen zweiteiligen Anhang.

I[Bearbeiten]

Vergleichbar dem menschlichen Schachspieler im Inneren des im 18. Jahrhundert als vorgeblicher Automat vorgeführten Schachtürken steuere die Theologie im Verborgenen den historischen Materialismus.

II[Bearbeiten]

Ausgehend von der durch Hermann Lotze konstatierten Neidlosigkeit der Menschen gegenüber der Zukunft erkennt Benjamin eine schwache messianische Kraft, welche jedem gegenwärtigen Geschlecht von vergangenen Geschlechtern mitgegeben sei.

III[Bearbeiten]

Was ein nacherzählender Chronist versuche, könne erst der erlösten Menschheit gelingen: jeden ihrer vergangenen Momente zu zitieren.

IV[Bearbeiten]

Im Gegensatz zum Hegelzitat „Trachtet am ersten nach Nahrung und Kleidung, so wird euch das Reich Gottes von selbst zufallen“ sieht Benjamin den Geist im materiellen Klassenkampf nicht als Beute der Sieger, sondern dieser stelle die Siege der Herrschenden in Frage, wodurch das Vergangene sich der Sonne am Himmel der Geschichte zuwende, welchen Vorgang Benjamin mit dem Heliotropismus der Blumen vergleicht.

V[Bearbeiten]

Das Gottfried Keller zugeschriebene Wort „Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen“[1] sei verkehrt, denn jedes wahre Bild der Vergangenheit meine stets die Gegenwart, und sei daher flüchtig.

VI[Bearbeiten]

Die Geschichtsschreibung müsse die Erinnerung an den Augenblick der Gefahr des Konformismus bewahren, welche sowohl der Tradition als auch ihren Empfängern drohe. Benjamin beschreibt dies als Überwindung des Antichristen durch den Messias.

VII[Bearbeiten]

Das historisierende Verfahren sieht Benjamin charakterisiert durch den Rat des Historikers Fustel de Coulanges, zum Nacherleben einer Epoche die spätere Geschichte zu vergessen. Dies führe aber zu einer Einfühlung in Sieger und die ihnen nachfolgenden Herrschenden, welche ihre Beute als Kulturgüter betrachten. Kulturgüter seien jedoch stets auch Dokumente der Fronarbeit namenloser Zeitgenossen, und damit der Barbarei. Der Materialismus habe dagegen die „Geschichte gegen den Strich zu bürsten“.

VIII[Bearbeiten]

Der Faschismus sei keine Ausnahme von einem historisch normalen Fortschritt, vielmehr der Ausnahmezustand als die historische Norm zu erkennen.

IX[Bearbeiten]

Paul Klee: Angelus Novus, 1920

In einem Gedicht seines Freundes Gershom Scholem und in Paul Klees Skizze Angelus Novus erkennt Benjamin den Engel der Geschichte wieder, welcher auf die Vergangenheit zurückblicke und die Verwüstung heilen möchte, aber vom Sturm in die Zukunft geweht werde, welcher vom Paradies aus als Fortschritt wehe.

X[Bearbeiten]

Ähnlich wie die Meditationsvorschriften eines Klosters die Mönche der Welt entwöhnen sollen, beabsichtigt Benjamin, das „politische Weltkind“ aus den Netzen der Politiker zu lösen, die den Kampf gegen den Faschismus verraten hätten. Für Benjamin sind

„der sture Fortschrittsglaube dieser Politiker, ihr Vertrauen in ihre ´Massenbasis´ und schließlich ihre servile Einordnung in einen unkontrollierbaren Apparat drei Seiten derselben Sache gewesen“.

XI[Bearbeiten]

Benjamin lehnt den sozialdemokratischen Begriff von Arbeit ab, den etwa Joseph Dietzgen oder das von Marx kritisierte Gothaer Parteiprogramm vertreten haben. In diesem Arbeitsbegriff stehe die protestantische Moral säkularisiert wieder auf, wobei statt des Proletariats nun die Natur ausgebeutet werden solle, ganz entgegen den Vorstellungen des Vormärz und von Frühsozialisten wie Charles Fourier.

XII[Bearbeiten]

Gegenüber dem Verweis der Sozialdemokratie auf die Erlösung zukünftiger Generationen durch die Arbeiterklasse erinnert Benjamin an den Klassenkampf, wie er von Karl Marx, dem Spartakusbund oder Auguste Blanqui im Namen vergangener Generationen vertreten wurde.

XIII[Bearbeiten]

Den Fortschrittsbegriff der Sozialdemokratie kritisiert Benjamin nicht nur wegen der Überhöhung als unaufhaltsamer, unabschließbarer Fortschritt der Menschheit an sich, sondern grundsätzlicher, weil er von der verkehrten Vorstellung einer homogenen und leeren Zeit ausgehe.

XIV[Bearbeiten]

Ausgehend von Karl Kraus' Diktum „Ursprung ist das Ziel“ und Robespierres Auffassung der französischen Revolution als Wiederkehr Roms nennt Benjamin die französische Revolution einen „Tigersprung ins Vergangene“, jedoch in einer von der herrschenden Klasse diktierten Arena, während die dialektische Revolution derselbe Tigersprung „unter dem freien Himmel der Geschichte“ sein müsse.

XV[Bearbeiten]

Das Bewusstsein der Revolutionäre um die Diskontinuität der Zeit drückt sich laut Benjamin auch in der Einführung neuer Kalender aus. Feiertage dienen dann dem Eingedenken, wodurch im Grunde der gleiche Tag wiederkehre. Selbst im Schießen auf die Pariser Turmuhren während der Julirevolution von 1830 habe sich dieses Geschichtsbewusstsein gezeigt.

XVI[Bearbeiten]

Der materialistische Begriff der Gegenwart sei kein Übergang, sondern Ein- und Stillstand der Zeit. Benjamin nennt die Erzählung des 'es war einmal' eine Hure im Bordell des Historismus. Statt sich ihr hinzugeben, sei das Kontinuum der Geschichte zu sprengen.

XVII[Bearbeiten]

Während die historisierende Universalgeschichte Wissen additiv anhäufe, baue der Materialismus auf ein konstruktives Prinzip. Der Materialist erkenne seinen Gegenstand als Monade, welche das Zeichen messianischer Stillstellung des Geschehens und damit eine revolutionäre Chance trage. Das Werk berge das Lebenswerk, dieses die Epoche, diese den gesamten Geschichtsverlauf. Benjamin bietet die Metapher:

„Die nahrhafte Frucht des historisch Begriffenen hat die Zeit als den kostbaren, aber des Geschmacks entratenden Samen in ihrem Innern.“

XVIII[Bearbeiten]

Als ein Modell der messianischen Zeit bilde die Jetztzeit eine ungeheure Zusammenfassung der ganzen Menschheitsgeschichte, weshalb die Menschheit im Universum nach der Jetztzeit beurteilt werde.

Anhang A[Bearbeiten]

Es genüge nicht, historische Kausalitäten festzustellen, was Benjamin mit dem Beten eines Rosenkranzes vergleicht, sondern die Gegenwart sei in ihrem Verhältnis zu einer bestimmten Vergangenheit zu erfassen und könne so erst begriffen werden als Jetztzeit, die Fragmente („Splitter“) der messianischen Zeit enthält.

Anhang B[Bearbeiten]

Wie die alten wahrsagenden Religionen die Zukunft, genauso würden die Juden, denen das Wahrsagen ver- und das Eingedenken geboten ist, die Vergangenheit nicht als homogene oder leere Zeit empfinden, aber auch die Zukunft nicht aufgrund der sekündlichen Erwartung des Messias.

Wirkung[Bearbeiten]

Der Aufsatz ist in einer Vielzahl von Arbeiten zitiert worden. Einige von Benjamins Metaphern sind zu geflügelten Worten geworden.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Satz stammt in Tat und Wahrheit aus Schuld und Sühne von F. Dostojewski: Schuld und Sühne

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Institut für Sozialforschung: Walter Benjamin zum Gedächtnis. Hrsg. von Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund-Adorno, Los Angeles 1942. (Erstveröffentlichung unter dem Titel Geschichtsphilosophische Reflexionen.)
  • Die Neue Rundschau, Band 61. S. Fischer, Frankfurt 1950, Seite 560.
  • Walter Benjamin: Gesammelte Werke. Hrsg. von Hermann Schweppenhäuser und Rolf Tiedemann. Band I/2, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, Seiten 690-708.
  • Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. Werke und Nachlass – Kritische Gesamtausgabe, Bd. 19. Hrsg. von Gérard Raulet. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-58549-8. (Enthält alle überlieferten Fassungen sowie Entwürfe, Varianten, Erläuterungen, Kommentare, Dokumente.)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]