Blut-und-Boden-Ideologie

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Parteiadler der NSDAP, Blut und Boden, Hakenkreuz, Schwert und Ähre
NS-Parteiadler, Blut und Boden, Hakenkreuz, Schwert und Ähre: Richard Walther Darré auf einer Kundgebung des Reichsnährstandes in Goslar am 13. Dezember 1937, Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Die Blut-und-Boden-Ideologie betrachtet das Blut (als Sinnbild für die Abstammung) und den Boden (zur Nahrungsgewinnung durch Landwirtschaft und als Lebensraum) als die wesentliche Lebensgrundlage eines Volkes, und hebt damit zugleich die Bedeutung des örtlichen Bauerntums alter Abstammung hervor. Sie entstand aus dem Rassismus und dem Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts und war zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie.

Kritiker sehen in der Blut-und-Boden-Ideologie eine kriegstreibende Überhebung der (eigenen) Rasse (Blut) zur Legitimation für eine Nation, sich auszudehnen und den Bestand des eigenen Volkes durch die Vernichtung anderer Völker und die Aneignung fremden Bodens zu garantieren.

Herkunft[Bearbeiten]

Nachgewiesen als Begriffspaar ist Blut und Boden, wiewohl im Konflikt stehend und nicht als Einheit verstanden, erstmals in dem 1922 erschienenen Werk Der Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler, in dem vom „Kampf zwischen Blut und Boden um die innere Form einer verpflanzten Tier- und Menschenart“ gesprochen wird. Max Wundt schrieb 1924 in "Was heißt völkisch?" über "die natürlichen Wurzeln unseres Volkstums in Blut und Boden".[1] Der Verlag Eugen Diederichs in Jena brachte 1927 sein Verlagsprogramm 1927/28 unter dem Titel "Bindung in Blut und Boden. Die letzten Verlags-Erscheinungen in Gruppen" heraus. Das Bild wurde auch von August Winnig übernommen, dessen Schrift Befreiung aus dem Jahr 1926 wie auch sein Buch Das Reich als Republik (1928) jeweils mit dem Satz: „Blut und Boden sind das Schicksal der Völker (Menschen)“ beginnen.

1929 wurde der Artamanenführer August Georg Kenstler als Herausgeber von „Blut und Boden. Monatsschrift für wurzelstarkes Bauerntum, für deutsche Wesensart und nationale Freiheit“ tätig.[2] Durch Richard Walther Darré, ebenfalls ein Mitglied der Artamanen, wurde die prägnante Formel, indem er einem 1930 erschienenen Buch den Titel Neuadel aus Blut und Boden gab, zu einem Zentralbegriff der NS-Ideologie, der eine innere Abhängigkeit zwischen rasse-, wirtschafts- und agrarpolitischen Vorstellungen herzustellen versucht.[3]

Verwendung[Bearbeiten]

„Wir wollen das Blut und den Boden wieder zur Grundlage einer Deutschen Agrarpolitik machen“

Darré: aus der von ihm herausgegebenen Monatsschrift Deutsche Agrarpolitik vom Juli 1932

Als Ausdruck der Blut-und-Boden-Ideologie im Nationalsozialismus trat im September 1933 das Reichserbhofgesetz in Kraft. Die ersten zwei einleitenden Sätze zu diesem Gesetz verdeutlichen den Schutz des Bauerntums: „Die Reichsregierung will unter Sicherung alter deutscher Erbsitte das Bauerntum als Blutquelle des deutschen Volkes erhalten. Die Bauernhöfe sollen vor Überschuldung und Zersplitterung im Erbgang geschützt werden, damit sie dauernd als Erbe der Sippe in der Hand freier Bauern bleiben.“ Und weiter: „Bauer kann nur sein, wer deutscher Staatsbürger, deutschen oder stammesgleichen Blutes und ehrbar ist.“

Daneben beinhaltet die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten jedoch auch die nicht kulturell-sozialisatorisch, sondern lamarckistisch begründete Annahme, dass die ethnischen Eigenschaften einer Population von bestimmten geografisch begrenzten Gebieten bestimmt seien – diese also gleichsam mit ihrem Blute am Boden hängen. Nur dort könnte sie zur vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit, ihres volkseigenen Wesens gelangen.

Martin Heidegger verwendet das Begriffspaar in einem philosophischen Kontext, freilich nur relativierend:[4]:

„Blut und Boden sind zwar mächtig und notwendig, aber nicht hinreichende Bedingung für das Dasein eines Volkes“

Martin Heidegger: Sein und Wahrheit, Gesamtausgabe II/36/37, Freiburger Vorlesungen Sommersemester 1933 und Wintersemester 1933/34, Klostermann, Frankfurt 2001, S. 263

Am 6. Januar 1934 wurde in Berlin die Blut und Boden Verlag GmbH gegründet, die ihren Sitz 1935 nach Goslar, später nach Berlin zurück verlegte. Das Verlagsprogramm war explizit der Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus verpflichtet. Nach 1945 wurde die Verlagstätigkeit eingestellt, 1958 erlosch der Verlag.

Blut-und-Boden-Dichtung[Bearbeiten]

Die Blut-und-Boden-Dichtung (auch genannt „Blubo-Dichtung“ oder „Blubo-Literatur“) ist eine Literaturrichtung, in der die Idee einer artreinen bäuerlichen Führungsrasse zutage tritt. Sie umfasst vor allem Bauern-, Siedler- und Landnahmeromane. Vertreter sind Gerhard Schumann, Herbert Böhme, Heinrich Anacker, Herybert Menzel, Josefa Berens-Totenohl und andere.

Blut-und-Boden-Kunst[Bearbeiten]

In der Bildenden Kunst, besonders in der Malerei und der monumentalen Bildhauerei, sahen die Nationalsozialisten ein wichtiges Mittel der ideologischen Beeinflussung der Bevölkerung. Als wiederkehrende Motive wurden die arischen Mythen des fleißigen deutschen Bauern, des tapferen deutschen Soldaten, der fruchtbaren deutschen Frau oder der intakten deutschen Großfamilie beschworen. Es fanden sich genügend technisch-handwerklich Begabte, die das ideologische Bildprogramm der Nationalsozialisten optisch-visuell umsetzen konnten. Die Namen Adolf Ziegler, Paul Mathias Padua, Werner Peiner, Arthur Kampf, Arno Breker, Josef Thorak sollen hier stellvertretend für viele stehen. Einige dieser sogenannten Nazikünstler erhielten in der Kunst- und Kulturpolitik der NSDAP wichtige Positionen. Die Werke der bis 1933 in der Weimarer Republik zum Teil bekannt und berühmt gewordenen deutschen Künstler, deren Arbeit auf Freiheit und Unabhängigkeit basierte, wurden nach Hitlers Machtübernahme als entartete Kunst aus den Museen verbannt und teilweise zerstört. Sie selbst mussten vielfach ins Exil.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Blut und Boden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Götz Aly, Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, S. Fischer, Frankfurt 1993, ISBN 3-596-11268-0.
  • Anna Bramwell: Blut und Boden, in: Deutsche Erinnerungsorte, Hg. Etienne Francois und Hagen Schulze, Band 3, C.H. Beck, München 2003, S. 380-391.
  • Mathias Eidenbenz: "Blut und Boden." Zur Funktion und Genese der Metaphern des Agrarismus und Biologismus in der nationalsozialistischen Bauernpropaganda R. W. Darrés. Bern 1993.
  • Berthold Hinz: Die Malerei im deutschen Faschismus. Kunst und Konterrevolution, Hanser, München 1974, ISBN 3-446-11938-8.
  • Hermann Hinkel: Zur Funktion des Bildes im deutschen Faschismus, Anabas, Steinbach 1975, ISBN 3-87038-033-0.
  • Kunst im 3. Reich – Dokumente der Unterwerfung, Katalog des Frankfurter Kunstvereins, 1974.
  • Spurensuche Harzregion e. V.: Erntedank und „Blut und Boden“ – Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938. NS-Rassekult und die Widerrede von Kirchengemeinden. Spuren Harzer Zeitgeschichte, Sonderband 2. Papierflieger Verlag, Clausthal-Zellerfeld 2009, ISBN 978-3-86948-048-0.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Max Wundt: Was heißt völkisch? Langensalza: Hermann Berger und Söhne 1924, S. 32. - Die 4. Auflage des Buches erschien 1927 beim selben Verlag unter dem Titel "Volk, Volkstum, Volkheit".
  2. Johann Böhm, August Georg Kenstler, Herausgeber der Monatsschrift „Blut und Boden“ und aktiver Vorkämpfer der nationalsozialistischen Agrarpolitik, in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Heft Nr. 1/2003, Seite 19-43.
  3. Kapitel: "Blut und Boden". In: Frauendorfer, Sigmund von: Ideengeschichte der Agrarwirtschaft und Agrarpolitik im deutschen Sprachgebiet. Band 2: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. München: Bayerischer Landwirtschaftsverlag 1958, S. 162-175.
  4. Die Quelle ist auch online einsehbar bei Google Books sowie bei Internet-Buchhändlern.