Baldur von Schirach

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Baldur von Schirach (vor 1934)

Baldur Benedikt von Schirach (* 9. Mai 1907 in Berlin; † 8. August 1974 in Kröv an der Mosel, Rheinland-Pfalz) war ein Politiker der NSDAP während der Zeit des Nationalsozialismus und Reichsjugendführer.

Schirach gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Personen und wurde am 1. Oktober 1946 wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt, jedoch von der Anklage der Vorbereitung eines Angriffskrieges freigesprochen.

Familie[Bearbeiten]

Schirach war der Sohn des Oberleutnants und Schwadronschefs im Garde-Kürassier-Regiment und späteren Rittmeisters und großherzoglich sächsischen Kammerherrn Carl Baily Norris von Schirach (1873–1949), 1909 bis 1918 Intendant des Nationaltheaters Weimar, 1935 bis 1943 Intendant des Staatstheaters Wiesbaden. Seine Mutter war die US-Amerikanerin Emma Lynah Tillou Bailey Middleton von Schirach (1872–1944).

Schirach wuchs in einem gleichermaßen liberal und progressiv-aufgeklärten wie auch konservativen und kaisertreuen Milieu auf. Sein sieben Jahre älterer Bruder Karl (* 1900) erschoss sich 1919 in Roßleben, offensichtlich aus Gram über die Abdankung des Kaisers und den Abschluss des Friedensvertrages von Versailles. Zudem hatte er zwei Schwestern, Rosalind und Viktoria. Viktoria verstarb jung an Diphtherie. Rosalind wurde Opernsängerin. Baldur wurde im Sinne des Reformpädagogen Hermann Lietz erzogen.

Er heiratete am 31. März 1932 in München Henriette Hoffmann (1913–1992), die Tochter des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann und dessen Frau Therese. Henriette brachte zwischen 1933 und 1942 die Kinder Angelika Benedikta, Klaus, Robert und Richard zur Welt. Die Ehe der von Schirachs wurde am 20. Juli 1950 in München geschieden.

Der Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach, die Essayistin Ariadne von Schirach und der Schriftsteller Benedict Wells sind seine Enkel.

Politik[Bearbeiten]

Schirach, im Bild der zweite von rechts

Als 17-jähriger begegnete Schirach 1925 Adolf Hitler und wurde zu dessen begeistertem Anhänger. Mit Erreichen der Volljährigkeit trat er in die NSDAP ein. Als Student der Germanistik und Kunstgeschichte[1] wurde er 1928 Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds. Am 30. Oktober 1931 wurde er zum Reichsjugendführer der NSDAP ernannt und erhielt den Rang eines Gruppenführers in der SA. Sein Studium schloss er nicht ab.

Nach der „Machtergreifung“ und der Gleichschaltung aller Jugendverbände ernannte ihn Hitler am 17. Juni 1933 zum Jugendführer des Deutschen Reiches.

Schirach 1937 mit dem Jugendführer Japans, Yoshinori Futara

Von 1936 bis 1945 wohnte von Schirach mit seiner Familie auf Schloss Aspenstein in Kochel am See, wo sich heute die SPD-nahe Georg-von-Vollmar-Akademie befindet.

1936 wurde er Staatssekretär und machte die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ) zur Pflicht, so dass die HJ auf 6 Millionen Mitglieder anwuchs. Seine Bemühungen, die Kontrolle über die gesamte Jugenderziehung zu erlangen, führte zu einem Machtkampf mit Arthur Axmann. Ein Versuch, Einfluss auf die Erziehung im Nationalsozialismus zu erlangen, waren auch die Adolf-Hitler-Schulen.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 meldete sich Schirach freiwillig an die Front und nahm am Westfeldzug teil. Axmann wurde am 1. Mai 1940 zunächst Schirachs Stellvertreter und am 7. August 1940 sein Nachfolger. Schirach behielt seinen Rang als Reichsleiter, wurde zum Beauftragten für die Inspektion der gesamten Hitlerjugend und organisierte ab September 1940 die erweiterte Kinderlandverschickung, mit der etwa 2,5 Millionen Kinder aus den vom Luftkrieg bedrohten Städten in weniger gefährdete Teile des Reiches verbracht wurden.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Schirach, beispielsweise in Flüsterwitzen, homosexuelle Neigungen nachgesagt. Ihren Ausgangspunkt dürften die Gerüchte in dem – im Vergleich zu anderen führenden Nationalsozialisten – „wenig ausgeprägten Männlichkeitsgehabe“[2] Schirachs gehabt haben, womit er zeitgenössischen Klischees von Homosexuellen entsprach. Derlei Gerüchte wurden von ausländischen Rundfunksendern und Kreisen des Exils aufgegriffen: So gab der Schriftsteller Hans Siemsen in seinem 1940 bei Lindsay Drummond in London erschienenen Roman Hitler Youth an, Schirach habe eine Beziehung mit dem Hauptdarsteller des Films Hitlerjunge Quex, Jürgen Ohlsen gehabt. Belege für Siemsens Darstellung fehlen.

Der Text des Hitlerjugendliedes Vorwärts! Vorwärts! schmettern die hellen Fanfaren stammte von Schirach und wurde in dem 1933 uraufgeführten Tonfilm Hitlerjunge Quex erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Zudem war Schirach im Propagandafilm Der Marsch zum Führer von 1940 zu sehen.

Baldur von Schirach hatte u. a. das Ehrenbürgerrecht der Städte Braunschweig und Melle inne.

Hauptamtlich aber wurde Baldur von Schirach am 7. August 1940 Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien und zog mit seiner Familie in die repräsentative Wiener Hofburg. In dieser Position, die er bis zum Kriegsende 1945 behielt, war er für die Deportation der Wiener Juden verantwortlich, was er in einer Rede vom 14. September 1942 als Beitrag zur europäischen Kultur bezeichnete: „Wenn man mir den Vorwurf machen wollte, daß ich aus dieser Stadt Aberzehntausende ins östliche Ghetto abgeschoben habe, muß ich antworten: Ich sehe darin einen aktiven Beitrag zur europäischen Kultur.“[3] Schirach war erklärter Antisemit, allerdings äußerte er einige Male vorsichtige Kritik an der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Beispielsweise gibt es Hinweise darauf, dass er den Einheitsführern der Hitlerjugend verboten hatte, an den Novemberpogromen 1938 mitzuwirken. Dies ist jedoch umstritten und bislang nicht belegt. Als er zudem am 24. Juni 1943 eine bessere Behandlung der Osteuropäer forderte, fiel er bei Hitler in Ungnade.[4]

Am 24. Februar 1945 wurde Schirach nach Berlin zu Adolf Hitler bestellt und bekam den Befehl, als Reichsverteidigungskommissar die Stadt Wien bis zum Letzten zu verteidigen. Der Gaugefechtsstand Wien am Gallitzinberg in Ottakring wurde am 4. April 1945 geräumt, weil die Sowjetarmee schon in Hütteldorf stand. Als sich die sowjetischen Truppen über Klosterneuburg annäherten, übersiedelte der Reichsverteidigungskommissar am 6. April 1945 von seinem Bunker auf der Hohen Warte, gezwungenermaßen, denn die Widerstandsbewegung hatte Strom und Telefon des Bunkers gekappt,[5] in die Hofburg, und am Nachmittag des 9. April 1945 fluchtartig nach Floridsdorf, in das Hauptquartier des 2. SS-Panzerkorps in der Nähe des Bisamberges. „Kampf bis zum letzten Mann“, hatte Schirach befohlen, ehe er sich über die Donau absetzte. Das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vermerkt: „Ein Teil der Wiener Bevölkerung hat seine Haltung verloren.“ Joseph Goebbels schrieb am 10. April 1945 in seinem Tagebuch: „Es haben in der Stadt Aufruhraktionen in den ehemals roten Vororten stattgefunden, und zwar haben diese Ausmaße angenommen, daß Schirach sich in seiner Hilflosigkeit veranlaßt gesehen hat, sich unter den Schutz der Truppe zu begeben. Das ist so typisch Schirach. Erst läßt er die Dinge laufen, wie sie laufen, und dann flüchtet er sich zu den Soldaten.“[6]

In der Wehrmacht hatte v. Schirach den Spitznamen „Baruch von Bierarsch“.[7]

Nach 1945[Bearbeiten]

Acht der Angeklagten in Nürnberg
(vordere Reihe v.l.n.r.): Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel
(dahinter): Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel

Nach dem Ende des Dritten Reiches tauchte von Schirach in Tirol als Richard Falk unter und galt zunächst als tot. Aus den letzten Kriegstagen gab es die Mitteilung, Wiener hätten ihn aufgehängt. Stattdessen arbeitete er nun als Dolmetscher für die US-Truppe und schrieb über Wien kurz vor dessen Eroberung im April 1945. Später, am 5. Juni 1945, stellte er sich jedoch und wurde 1946 in den Nürnberger Prozessen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt, da er als Gauleiter für die Deportation von 185.000 österreichischen Juden in Konzentrationslager verantwortlich gewesen war.

Während seiner Haftzeit wurde er 1950 von seiner Frau geschieden. Nach der gemeinsamen Entlassung mit Albert Speer im Jahre 1966 lebte er, teilweise erblindet, in der Pension Müllen in Kröv[8] und veröffentlichte 1967 unter dem Titel Ich glaubte an Hitler seine Memoiren.

Schriften[Bearbeiten]

  • Die Pioniere des Dritten Reiches, Essen 1933.
  • Revolution der Erziehung. Reden aus den Jahren des Aufbaus. Eher, München 1938
  • Ich glaubte an Hitler, Mosaik-Verlag, Hamburg 1967.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Buddrus: Schirach, Baldur Benedikt von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 4 f. (Digitalisat).
  • Gerhard Hay: Religiöser Pseudokult in der NS-Lyrik am Beispiel Baldur v. Schirach. In: Pietas liturgica, 1, 1983, S. 855–864.
  • Joe J. Heydecker, Johannes Leeb: Der Nürnberger Prozess. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, ISBN 3-462-03240-2
  • Guido Knopp / Ricarda Schlosshan: Hitlers Helfer. Goldmann, 1999, ISBN 3-442-15017-5, S. 89 ff.
  • Jochen von Lang: Der Hitlerjunge. Baldur von Schirach, der Mann, der Deutschlands Jugend erzog. Droemer Knaur, München 1991, ISBN 3-426-04045-X (= Knaur; 4045; Sachbuch)
  • Henriette von Schirach: Der Preis der Herrlichkeit. Erfahrene Zeitgeschichte. Ullstein, Frankfurt am Main u. a. 1995, ISBN 3-548-35457-2 (= Ullstein-Buch; 35457)
  • Richard von Schirach: Der Schatten meines Vaters. Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20669-8
  • Karl Schönhammer: Der Ehrenhandel Baldur von Schirachs. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, 30 (1985), S. 69–86
  • Michael Wortmann: Baldur von Schirach, Hitlers Jugendführer. Böhlau, Köln 1982, ISBN 3-412-05580-8 (Zugleich Köln, Universität Dissertation 1980)
  • Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich? Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-24373-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Baldur von Schirach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich; Fischer Taschenbuch Verlag 2002, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005; ISBN 3-596-13086-7; S. 404.
  2. Burkard Jellonnek: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich. Ferdinand Schönig, Paderborn 1990, ISBN 3-506-77482-4, S. 87f.
  3. Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 536.
  4. Zu Hitlers Abwendung von Schirach führte auch ein Klagen seiner Frau Henriette bei Hitler im April 1943 über die Behandlung von Jüdinnen in den Niederlanden, was den Zorn des „Führers“ erregte. Christa Schroeder: Er war mein Chef. Aus dem Nachlass der Sekretärin von Adolf Hitler. 2. Aufl., Langen Müller Verlag, München/Wien 1985, ISBN 3-7844-2059-1, S. 194 ff.
  5. jungle-world Annett Gröschner, Peter Jung: A Heft und Bomben: Wien 1944/45, Jungle World Nr. 15, 8. April 2004
  6. Kurt Landsmann: Floridsdorf 1945: Das Kriegsende – Ein Beitrag zur Zeitgeschichte, Christian Brandstätter Verlag, Wien 1995, Seite 49 bis 51, ISBN 3-85447-622-1
  7. Gerhard Junge: Nebelschattenschein. Bremerhaven 2010, ISBN 978-3-86509-966-2, S. 38
  8.  Gestorben: Baldur von Schirach. In: Der Spiegel. Nr. 33, 1974 (online).