Cernunnos

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„Hirschgott“ auf dem Kessel von Gundestrup
Cernunnos-Darstellung auf dem Pilier des Nautes (Inschrift oben unkenntlich)

Cernunnos ist eine keltische Gottheit. Sein Name wird als „der Gehörnte“ gedeutet und er wird aus den bildlichen Darstellungen zumeist als Gott der Natur, der Tiere oder der Fruchtbarkeit interpretiert.

Verbreitung[Bearbeiten]

Es gibt keine antiken literarischen Erwähnungen eines Gottes Cernunnos, doch wurden in Gallien, aber auch in Teilen Spaniens und Norditaliens bildliche Darstellungen des „Hirschgeweihgottes“ gefunden. Insgesamt lassen sich Spuren von Britannien über Gallien, Spanien und Italien bis nach Rumänien verfolgen. Der Name des Gottes wurde erst neuzeitlich mit dem Fund einer beschrifteten Darstellung in Paris bekannt. Caesar berichtet im so genannten Gallierexkurs seines Werks De bello Gallico, die Gallier führten ihre Abstammung auf einen Nachtgott zurück, den er in Interpretatio Romana mit dem altitalischen Dis Pater gleichsetzt.[1] Dies sei der Grund, weshalb die Kelten nicht in Tagen, sondern in Nächten rechneten (vergleiche das englische Wort fortnight für einen Zeitraum von vierzehn Tagen). In dieser Gottheit, deren gallischen Namen Caesar nicht nennt, wollen manche moderne Forscher Cernunnos erkennen.[2] Eine andere Vermutung besagt, dass er der Stammesgott der Karnuten sei, in deren Gebiet sich das Zentralheiligtum der Druiden Galliens befand.

Der Geweihgott[Bearbeiten]

Als „Hirschgott“ oder „Geweihgott“ wird in der Archäologie eine männliche Gestalt mit Hirschgeweih, zumeist in „Buddha-Haltung“ bezeichnet. Oft ist der Hirschgott bärtig dargestellt, manchmal als Jüngling, zumeist aber als reifer Mann. Weitere Attribute des Geweihgottes sind ein Füllhorn (Cornucopia) oder ein Torques und eine oder mehrere Schlangen (oftmals die sogenannte „Widderhornschlange“). Die bekannteste Darstellung des Geweihgottes ist die Darstellung auf dem 1891 in Dänemark gefundenem Kessel von Gundestrup (dessen Herkunft jedoch im Gebiet der Ostkelten gesucht wird). Das bisher älteste bekannte Bildnis, das möglicherweise Cernunnos darstellen könnte, findet sich im Val Camonica, einem Tal in der Provinz Brescia, Italien, eine Felszeichnung, die eine mythische Figur mit erhobenen Armen und Torques zeigt, während vor ihr eine gehörnte Schlange aus dem Boden emporsteigt. Insgesamt wirkt sie beinahe viermal größer als die außen herumstehenden Menschenfiguren, die ebenfalls die Arme erhoben haben. Auf einem 1710 unter dem Chor der Kathedrale Notre-Dame de Paris gefundenen Basrelief wird dem dargestellten Geweihgott der (unvollständig erhaltene) Name „[C]ERNVNNOS“ zugeordnet. Das zugehörige Monument, der Pilier des Nautes (Kultpfeiler der Nautae Parisiaci), eine fünfstöckige Quadersäule der Nautae (Schiffergilde) vom Stamm der Parisier, stand ursprünglich im Tempel von Lutetia, dem heutigen Paris. Seine Überreste befinden sich heute im Musée de Cluny. Der Hirschgott erscheint dort in Begleitung von Mercurius und Apollo (hinter denen die keltischen Götter Esus oder Teutates und Belenus vermutet wurden). Im Allgemeinen scheinen dem Geweihgott oft Tiere zugeordnet worden zu sein, weshalb man ihn auch in den Kontext der Darstellung und Verehrung eines „Herrn der Tiere“ einordnet.

Namensherkunft[Bearbeiten]

Der Name „Cernunnos“ wird zumeist als „der Gehörnte“ oder „der mit den Ecken“ gedeutet und wurde in dieser Form in Gallien nur zweimal gefunden[3], wobei eine Form (auf dem Nautenpfeiler) nur das verstümmelte „[C]ERNVNNOS“ zeigt. Weitere Schreibweisen sind Karnonos[4], Cernenus[5], Cornutus, Karnuntinus und Kornunus, von denen immerhin drei übereinstimmend als Beinamen des gallischen Jupiters auftauchen, außerdem wird ein Cerunincos auf einer luxemburgischen Inschrift genannt.[6]

Die Ikonographie des Herrn der Tiere[Bearbeiten]

„Geweihgott“ auf Felszeichnungen im Nationalpark von Naquane (Felsbilder des ValcamonicaCapo di Ponte)[7]
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Die Ikonographie des Herrn der Tiere (alternativ auch der Herrin der Tiere) war in der antiken Kunst vor allem bei den indo-iranischen Völkern bekannt. Darstellungen in Persien und dem Industal werden heute mit der Hindu-Gottheit Rudra in Verbindung gebracht. Die indischen Reliefs zeigen einen gehörnten Gott in Buddha-Haltung und umgeben von Tieren, die frappierend an die Darstellung auf dem Gundestrup-Kessel erinnern. Aus diesem Grunde wird häufig eine Vermittlung der Ikonographie des Herrn der Tiere an die Kelten durch die Skythen angenommen, die auch sonst großen Einfluss auf die keltische Kunst hatten.

Für das Mittelalter wird ein Weiterleben der „Herr-der-Tiere- Ikonographie“ unter anderem bei dem bretonischen Heiligen Saint Cornély und bei Darstellungen des angeblichen Templergötzen Baphomet behauptet.

Weiterleben des Geweihgottes in der inselkeltischen Literatur?[Bearbeiten]

Häufig diskutiert wird ein eventuelles Weiterbestehen des Geweihgottes in der inselkeltischen Literatur des Mittelalters, am häufigsten wird hier die Gestalt des Wilden Mannes, des „Green Man“ und des Wilden Jägers erwähnt die jedoch alle nicht spezifisch keltisch sind. Interessant ist die Figur in Chrétien de Troyes´ Yvain ou Le Chevalier au lion: In diesem Epos trifft der Held auf einen schwarzen einäugigen Riesen, der umgeben ist von einer gewaltigen Anzahl von Tieren und in Begleitung eines Hirsches (später taucht diese Gestalt in Hartmann von Aues Iwein wieder als "Waltmann" auf).

In der irischen Sage wird oftmals Conall Cernach "der Siegreiche“ genannt, dessen Beiname „Cernach“ auch als „der Eckige“ oder „der Gehörnte“ gedeutet werden kann. In Wales wird Cernunnos wohl unter dem Lokalnamen Cernwn erwähnt, der „tiefe Kessel des Cernwn, der grauenvoll unendlich rauchende, der zu Samhain sich über der Welt öffnet“.[8]

Im englischen Volksglauben findet sich Cernunnos eventuell im mittelenglischen Mythos Herne („der Gehörnte“) in der Grafschaft Berkshire wieder, der auch als Geist eines Wildhüters im Park von Windsor angesehen wird. Diese Figur wurde vor allem durch William Shakespeares Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ und durch Richard CarpentersRobin of Sherwood“ (deutscher Titel: „Robin Hood“) als „Herne The Hunter“ („Herne der Jäger“) bekannt. Die Form „Herne“ gilt zwar als angelsächsisch, ist jedoch mit dem keltischen „Cern-" für „Horn“ urverwandt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Altjohann: Cernunnos-Darstellungen in den gallischen und germanischen Provinzen. In: Peter Noelke (Hrsg.): Romanisation und Resistenz in Plastik, Architektur und Inschriften der Provinzen des Imperium Romanum. Neue Funde und Forschungen. Philipp von Zabern, Mainz 2003, ISBN 3-8053-3089-8, S. 67–80.
  • Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-46601-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Caesar: De bello Gallico. Buch VI, Kapitel 18.
  2. Alexander Demandt: Die Kelten. 6. Auflage, C. H. Beck, München 2006, S. 10.
  3. CIL 13, 03026 und Michel Lejeune: Recueil des Inscriptions Gauloises (RIG). Vol. I: Textes gallo-grecs. Éd. du Centre National de la Recherche Scientifique, Paris 1985, ISBN 2-222-03460-4. Dort die Inschrift G-224.
  4. RIG 1 G-224: αλλετ[ει]υος καρνονου αλ[ι]σο[ντ]εας
  5. CIL 03, p 0924,01, Iovi Cerneni aus Roșia Montană in Rumänien
  6. AE 1987, 772
  7. Umberto Sansoni-Silvana Gavaldo, L'arte rupestre del Pià d'Ort: la vicenda di un santuario preistorico alpino, p. 156; Ausilio Priuli, Piancogno su "Itinera" (italian) Abgerufen am 2. April 2009..
  8. Theosophical Society in America: The Quest, Band 5, 1992.