Claudio Magris

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Magris 2009 in der Frankfurter Paulskirche

Claudio Magris (* 10. April 1939 in Triest) ist ein italienischer Schriftsteller, Germanist und Übersetzer. Von 1978 bis zu seiner Emeritierung 2006[1] war er Professor für moderne deutschsprachige Literatur an der Universität Triest.

Leben und Werk

Claudio Magris studierte in Turin und Freiburg im Breisgau Germanistik. Er ist Essayist und Kolumnist für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera und andere europäische Zeitungen. Durch seine zahlreichen Studien zur mitteleuropäischen Kultur gilt er als deren größter Förderer in Italien.

Claudio Magris lebt in Triest und spricht seinen fast als eigene Sprache bezeichneten Triestiner Dialekt.[2] Das bekannte Retro-Kaffeehaus Caffè San Marco dort, eröffnet am 3. Januar 1914 vom Istrianer Marco Lovrinovich mit seiner erhaltenen, der Republik Venedig verbundenen Atmosphäre, gilt als sein Wohn- und Arbeitszimmer. Und auf seinem dortigen Stammtisch (rechts hinten) verfasst er seine unzähligen, auch vom bunten Publikum der Triestiner Kaffeehäuser beeinflussten Essays und Romane.

Magris veröffentlichte als Triestiner Jung-Germanist mit 24 Jahren seine auf Italienisch geschriebene Doktorarbeit (auf Deutsch 1966: Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur). Diese enthält die bis heute wichtigste und einflussreichste Theorie, die je zur österreichischen Literatur entwickelt wurde; sie handelt vom habsburgischen Mythos in der modernen österreichischen Literatur. Den habsburgischen Mythos konstituieren nach Magris grundsätzlich drei Elemente. Als ersten Teil sieht er die religiös aufgeladene Vorstellung eines im Zeichen einer höheren Idee gegründeten Reiches mit der Überlebenstaktik des defensiven Hinausschiebens und Sichtotlaufenlassens des Konfliktes („Das Fortwursteln, um einen Vielvölkerstaat zusammenzuhalten“). Das weitere Element bezeichnet die positive bürokratische Mentalität und Qualität der Monarchie. Magris greift dabei auf Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil und Franz Werfel beziehungsweise auf das Leitmotiv des "theresianischen Menschen" zurück und sieht die Donaumonarchie von einer „wenig fühlbaren, alle Spitzen vorsichtig beschneidenden Bürokratie“ verwaltet und bezeichnet als dessen verkörperte unbestechliche Dienstpragmatik den „Workaholic“ Kaiser Franz Joseph. Als drittes Grundmotiv ortet Magris den Hedonismus der habsburgischen Untertanen zwischen Oper, Theater, Tanzsälen, Wirts- und Kaffeehäusern mit der musikalischen Grundstimmung der „Fledermaus“. Der Habsburg-Diagnostiker Magris hat mit dem u.a. Grillparzer, Hofmannsthal, Musil, Bernhard, Werfel, Zweig, Roth, Bachmann oder auch die Menasses beeinflussenden „Mythos“ der österreichischen Literatur ein Eigenrecht (weg vom alpenländisch-exotischen Anhängseldenken) in der deutschen Literatur zugebilligt und gegeben.

Er schrieb Essays über E. T. A. Hoffmann, Joseph Roth, Henrik Ibsen, Italo Svevo, Robert Musil, Hermann Hesse und Jorge Luis Borges. Der literarische Durchbruch gelang Magris 1986 mit seinem bekanntesten Werk, Danubio (Donau), einer literarischen Reise entlang des Flusses von der Quelle bis zur Mündung, in deren Vordergrund die multikulturelle Vergangenheit des Donauraumes steht. Seine Vision eines von Stacheldraht und Mauer freien und ungeteilten Mitteleuropas, die er in diesem Werk entwarf, wurde nur wenige Jahre nach dieser Veröffentlichung Realität. Diese oft falsch verstandene (Wieder-)Entdeckung Mitteleuropas bzw. der Donaumonarchie und die mehrfache zukünftige Brisanz seiner orakelhaft aufgegriffenen Themen hat ihm die Bezeichnung „Kolumbus von Triest“ gebracht.[3]

Ähnlich der Realität gewordenen Osteuropa-Vision Magris’ wurde sein schon 1963 zum „habsburgischen Mythos“ erfühltes bzw. diagnostiziertes habsburgisch-bürokratische Wesen viel diskutiert 2011 wissenschaftlich-statistisch nachgewiesen. Dabei transformiert der habsburgische Mythos zum Habsburger Effekt. Dieser bezeichnet kurz zusammengefasst, dass ehemalige Institutionen noch nach mehreren Generationen durch kulturelle Normen fortwirken, insbesondere dass Menschen, die auf ehemaligem habsburgischem Gebiet leben, messbar mehr Vertrauen in lokale Gerichte und Polizei haben und wahrscheinlich weniger Bestechungsgelder für öffentliche Dienste zahlen.[4] Claudio Magris hat das Fortwirken des „habsburgischen Mythos“ in den Machtstrukturen des heutigen Europas gezeigt.[5]

Magris ist Mitglied vieler europäischer Akademien und war von 1994 bis 1996 für die italienischen Linken Senator im italienischen Senat. 1987 wurde er mit einem Antonio-Feltrinelli-Preis ausgezeichnet.

Zunehmend warnt er vor der Gegenwart des Krieges und betätigt sich als paneuropäischer Friedensstifter im Sinne Kants.[6] Er sieht sich selbst als einen der letzten Triestiner Kaffeehausliteraten, deren Tradition aussterben wird – dies jedoch nicht lähmend wehmütig, sondern als Chance für Neues.[7]

Schriften

  • Il mito absburgico nella letteratura austriaca moderna, 1963, Neuausgabe 1996
    • dt. Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur Übers. Madeleine von Pásztory. Müller, Salzburg 1966; nach der ital. Neuausgabe bearbeitet: Zsolnay, Wien 2000 ISBN 3-552-04961-4
    • frz. Le Mythe et L’empire dans la litterature autrichienne moderne Übers. Jean & Marie-Noelle Pastureau. Gallimard, Paris 1991 ISBN 2-07-078043-0
  • Lontano da dove. Joseph Roth e la tradizione ebraico-orientale Einaudi, Torino 1971; 3. Aufl. 1982 ISBN 88-06-00952-4
    • dt. Weit von wo. Verlorene Welt des Ostjudentums Übers. Jutta Prasse. Europa, Wien 1974 ISBN 3-203-50490-1
  • L’altra ragione: Tre saggi su Hoffmann, 1978 (dt. Die andere Vernunft: E.T.A. Hoffmann, übersetzt von Paul Walcher und Petra Braun. Hain, Königstein/Ts. 1980)
  • (mit Angelo Ara) Trieste: un’identità di frontiera, 1983 (dt. Triest: eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa, übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Hanser, München 1987; Zsolnay, Wien 1999, ISBN 3-552-04950-9; dtv 2005, ISBN 3-423-34175-0)
  • Illazioni su una sciabola, 1984 (dt. Mutmaßungen über einen Säbel. Erzählung, übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Hanser, München 1986, ISBN 3-446-14518-4)
  • L’anello di Clarisse, 1984 (dt. Der Ring der Clarisse: großer Stil und Nihilismus in der modernen Literatur, übersetzt von Christine Wolter. Suhrkamp, Frankfurt/M 1987, ISBN 3-518-04433-8)
  • Danubio 1986 (dt. Donau. Biographie eines Flusses, übersetzt von Heinz-Georg Held. Hanser, München 1988, ISBN 3-446-14970-8; dtv 2007, ISBN 3-423-34418-0)
  • Un altro mare, 1991 (dt. Ein anderes Meer Übers. Karin Krieger. Hanser, München 1992, ISBN 3-446-16591-6)
  • Quattro vite bizzarre, 1995 (dt. Vier seltsame Leben, übersetzt von Ragni Maria Gschwend. AER, Bozen 1995, ISBN 88-86557-20-5)
  • Danubio e Post-Danubio, 1995 (dt. Donau und Post-Donau, übersetzt von Ragni Maria Gschwend, AER, Bozen 1995, ISBN 88-86557-19-1)
  • Microcosmi, 1997 (dt. Die Welt en gros und en détail, übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Hanser, München 1999, ISBN 3-446-19492-4; dtv 2004, ISBN 3-423-13177-2)
  • La mostra, 2001 (dt. Die Ausstellung, übersetzt von Hanno Helbling. Hanser, München 2004, ISBN 3-446-20543-8)
  • Utopia e disincanto, 1999 (dt. Utopie und Entzauberung. Geschichte, Hoffnungen und Illusionen der Moderne, übersetzt von Ragni Maria Gschwend, Karin Krieger u.a. Hanser, München 2002, ISBN 3-446-20216-1)
  • Alla cieca, 2005 (dt. Blindlings. Roman, übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Hanser, München 2007, ISBN 978-3-446-20825-4)
  • L’infinito viaggiare, 2005 (dt. Ein Nilpferd in Lund. Reisebilder, übersetzt von Karin Krieger. Hanser, München 2009, ISBN 978-3-446-23086-6)
  • Das Alphabet der Welt: Von Büchern und Menschen. Übersetzung von Ragni Maria Gschwend. Hanser Verlag, München 2011 ISBN 978-3-446-23759-9

Auszeichnungen

Weblinks

Commons: Claudio Magris – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Humboldt-Preisträger Claudio Magris erhält wichtige deutsche Kulturauszeichnung, Meldung des informationsdienstes wissenschaft vom 14. Oktober 2009, abgerufen am 15. Oktober 2009
  2. Gespräch Claudio Magris und Martin Schulz in FAZ vom 23. April 2014, S.12
  3. Franz Haas: Der Kolumbus von Triest. In: NZZ vom 17. Oktober 2009
  4. Der Habsburger Effekt. Wie das untergegangene Großreich auch heute noch das Verhältnis der Bürger zu ihren staatlichen Institutionen prägt, vgl. auch Sascha O. Becker, Katrin Boeckh, Christa Hainz und Ludger Woessmann: The Empire Is Dead, Long Live the Empire! Long-Run Persistence of Trust and Corruption in the Bureaucracy. In: The Economic Journal (Volume 126, Issue 590, S. 40–74) Februar 2016
  5. Gespräch Claudio Magris mit Martin Schulz in FAZ vom 23. April 2014, S.12
  6. Franz Haas: Der Kolumbus von Triest. In: NZZ vom 17. Oktober 2009
  7. Roland Graf: Versöhnung im Kaffeehaus. Wiener 5/2013, S. 126
  8. http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2009%20Friedenspreis%20Reden.pdf
  9. Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit, abgerufen am 4. Oktober 2015.