Crowding-out

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Der Begriff Crowding-out bzw. Verdrängungseffekt bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre die mögliche Verdrängung privatwirtschaftlicher Investitionen durch staatliche Aktivitäten.[1] Der gegenteilige Effekt wird als Crowding-in bezeichnet.

Verdrängungseffekte auf dem Finanzmarkt[Bearbeiten]

Die Theorie des Verdrängungseffektes (finanzielles Crowding out) beschreibt die Verdrängung privater Investitionen durch staatliche Ausgabensteigerungen.

Klassischer Kapitalmarkt / Loanable Funds Theory[Bearbeiten]

Die klassische Kapitalmarkttheorie beruht auf der Annahme, dass die Ökonomie immer mit voller Auslastung produziert. Eine Einschränkung der Konsumausgaben durch die Haushalte führt dann zu einem entsprechenden Anstieg der Ersparnisse (S = Y - C), die auf dem Kapitalmarkt angeboten werden (loanable funds). Sind die Ersparnisse der Haushalte größer als die Kapitalnachfrage für Investitionen der Unternehmen, dann sinke der Zins und bewirke steigende Investitionen oder auch sinkende Ersparnisse. Der Gleichgewichtszins sorgt im klassischen Modell des Kapitalmarkts dafür, dass Ersparnisse (Kapitalangebot) und Investionen (Kapitalnachfrage) sich angleichen und die Ökonomie immer voll ausgelastet produziert.

Durch eine staatliche Kreditnachfrage würden die Zinsen am Kapitalmarkt steigen. Da eine Erhöhung des Kreditzinses Leihkapital für private Unternehmen verteuert, fallen Investitionen der Privaten zurückhaltender aus und würden verdrängt. Somit sei die keynesianische Wirtschaftspolitik eine kurzfristig angelegte Strategie.[2]

Die Loanable Funds Theory entspricht dem klassischen Kapitalmarkt und wird heute zum Beispiel noch von Gregory Mankiw vertreten. Das Sparen führe zu einem Angebot von Kreditmitteln auf dem Kapitalmarkt und zu sinkenden Zinsen. Jede zusätzliche Staatsverschuldung verdränge die Investitionen von Unternehmen und erhöhe die Zinsen. Der Zinssatz würde sich an das Angebot an und die Nachfrage nach Kreditmitteln anpassen. Wie durch das Sparen der privaten oder öffentlichen Haushalte ein Angebot von Kreditmitteln entstehen sollte, ist allerdings ungeklärt.[3] In der Realität ist bei gegebener Höhe des Geldangebots (der Sparer) das Kreditangebot dennoch elastisch.

IS-LM-Modell / Neoklassische Synthese[Bearbeiten]

Gemäß Keynes soll der Staat bei rückläufiger Wirtschaftsentwicklung ausgabenseitig eingreifen. Des Weiteren geht der Ökonom davon aus, dass eine Erhöhung des Einkommens zu einer Konsumsteigerung führt. Dennoch wird nicht das gesamte Einkommen konsumiert.[4]

Der crowding-out-Effekt, der in Zusammenhang mit dem IS-LM-Modell steht, wurde/wird zumeist fälschlicherweise auf die General Theory of Employment, Interest and Money (1936) von John Maynard Keynes zurückgeführt,[5] basiert aber tatsächlich auf einer Keynes-Interpretation vor allem von Alvin Hansen, John R. Hicks (Hicks-Hansen synthesis) und Paul A. Samuelson.[6]

Zunächst analysiert das IS-LM-Modell Verflechtungen auf Güter-, Geld- und Finanzmärkten bei simultanem Gleichgewicht. Beide Kurven zeigen die Kombinationen von Zinssatz und Einkommen. Die Güternachfragekurve IS bildet die Verhältnisse auf dem Gütermarkt, die Geldangebotskurve LM die Beziehung auf dem Geldmarkt ab.[7] Das Geldangebot ist jedoch allein durch die Zentralbank bestimmt, so dass die folgende Darstellung im IS-LM-Modell nur unter der Voraussetzung zutrifft, dass die Zentralbank ihr Geldangebot absichtlich nicht erhöht, damit die Zinsen steigen. John Hicks hat gegen diese Interpretation seines Modells betont, dass das Geldangebot in der LM-Funktion nicht als konstant angenommen werden darf, weil die Verantwortlichen der Geldpolitik es vorziehen würden, die Geldmenge auszuweiten, um einen Anstieg der Zinsen zu verhindern.[8][9]

Verdrängungseffekt im IS-LM-Modell

Die Durchführung einer expansiven Fiskalpolitik geht mit einer Erhöhung der Staatsausgaben beziehungsweise einer Steuersenkung einher. Dies führt zu einer Steigerung des Konsums und der Investitionstätigkeiten (I0 zu I1), was eine Erhöhung der Güternachfrage nach sich zieht. Aufgrund der Nachfrageerhöhung steigt das Realeinkommen (y0 zu y1). Die Güternachfragekurve IS wird in einem Angebots-Nachfrage-Diagramm also nach rechts verschoben. Im monetären oder klassischen Bereich wirkt sich eine gestiegene Nachfrage nach Geld negativ auf das Vermögen an Bargeld und Giroguthaben aus. Dies bedingt ein steigendes Zinsniveau (E0 zu E2). Mit dem Auslaufen zusätzlicher Staatsausgaben führen somit bereits kleine Steigerungen der Geldnachfrage zu einer überproportional großen Erhöhung der Zinsen (y1 zu y2 bzw. E1 zu E2), was gleichzeitig zu einer Verringerung des Einkommens und des Konsums führt. Weiterhin führt der Zinsanstieg zu rückläufigen privatwirtschaftlichen zinsabhängigen Investitionen (I1 zu I2). Es ist dann in einer gestiegenen Anzahl von Fällen schlicht lukrativer, das Geld auf dem Kapitalmarkt anzulegen.[10]

Wie stark der Rückgang der Investitionen ausfällt, hängt von der Zinselastizität der Investitionsnachfrage ab. Da im Monetarismus, im Gegensatz zum Keynesianismus, eine große Zinselastizität der Investitionsnachfrage unterstellt wird, wirkt sich ein Zinsanstieg hier besonders negativ aus. Der Investitionsrückgang wird also in der monetaristischen Theorie besonders stark ausfallen.

Das Problem an dieser Konjunkturpolitik ist die Dynamik der Prozesse in dieser Politik. So können zwischen der Erkennung der Konjunkturphase und der Wirkung des Verdrängungseffektes durchaus mehrere Jahre vergehen. Dabei kann bei einer derartigen Verzögerung die Wirkung nicht im Gleichgewicht der IS-Voraussetzungen erfolgen, sondern stattdessen eher ein Ungleichgewicht der Investitionen zu der Nachfrage und den Geldmärkten kommen. Die Staatsverschuldung soll nach Keynes in der Boomphase durch höhere Steuereinnahmen reduziert werden, um so wieder ein Gleichgewicht zu erzielen. Da aber die Regierung die Boomphase zu spät erkennen kann, wird die nachfolgende Boomphase steuerlich nicht ausgenutzt. Sofern in einem Wirtschaftsabschwung die Steuern erhöht (bzw. und/oder die Einnahmen eingeschränkt) werden, wirkt dies prozyklisch auf die Rezession, womit es zu einer verstärkten Verschiebung des Ungleichgewichts zwischen Investitionen und Nachfrage kommt.

Der vorgenannte Zusammenhang ist das zentrale Argument, mit welchem aus Sicht des Monetarismus die Fiskalpolitik als Beeinflussungsinstrument abgelehnt wird.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sieht in den Maßnahmen der Federal Reserve und der Bank von England im Rahmen der Quantitativen Lockerung eine Finanzrepression, bei welcher eine verdeckte Umverteilung von Inhabern von Staatsanleihen zugunsten des Staates stattfindet. Damit kommt es nicht zu den Wirkungen, die gemäß der Theorie vom Crowding-out zu erwarten wären, die Zinsen in den USA und im Vereinigten Königreich sind trotz steigender Staatsverschuldung gesunken.[11]

Verdrängungseffekte auf dem Arbeitsmarkt[Bearbeiten]

Staatliches Handeln sorgt nach Ansicht liberaler Ökonomen auch auf dem Arbeitsmarkt für eine Verdrängung privatwirtschaftlichen Handelns. So entstehen Firmen, die teilweise oder ganz von den Staatsaufträgen abhängig sind. Weiterhin führt die Bereitstellung staatlich finanzierter Arbeitsplätze (beispielsweise über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Ein-Euro-Jobs) zu einem anteilsmäßigen Rückgang an Arbeitsplätzen in der freien Wirtschaft. Um Verdrängungseffekte zu vermeiden, werden derartige staatliche Zuschüsse oft nur für solche Arbeitsplätze ausgezahlt, für die angenommen wird, dass keine solche Gefahr besteht.

Ob dies aber tatsächlich der Fall ist, ist oftmals streitig und schwierig zu beantworten (Beispiel: Verdrängung von regulären Unternehmen im Gartenbausektor durch kommunale Anbieter durch Ein-Euro-Jobber, was angeblich zu Arbeitsplatzabbau bei den Gartenbauunternehmen führt).

Kritik[Bearbeiten]

Die klassische (monetäre) Crowding-out-Theorie basiert auf der orthodoxen Kredittheorie (von vor 1920), als noch von einem unelastischen Kapitalfonds, den Private und Staat sich teilen müssten, ausgegangen wurde.[12] Tatsächlich ist das Mittelangebot zum Zweck von Bankkrediten elastisch, da in der Realität Kreditgewährungen durch Geschäftsbanken mittels Giralgeldschöpfung finanziert werden.[13][14][15]

Selbst unter der Prämisse, dass das Kapitalangebot zur Finanzierung von Ausgabenüberschüssen durch Sparvermögen begrenzt wäre, würde dadurch das verfügbare Kapital nicht verzehrt. Metaphorisch veranschaulicht Wolfgang Stützel den Prozess wie folgt: „In dem Maße, in dem der Staat (per Saldo) Kredit aufnimmt („Wasser absaugt“), tätigt er einen Ausgabenüberschuss, der gleichzeitig Einnahmeüberschüsse bei irgendwelchen anderen Wirtschaftssubjekten darstellt; diese anderen Wirtschaftssubjekte verfügen damit über entsprechend höhere potentiell anlagebereite Mittel, die somit in den „Teich“ zurückfallen.“[16]

Literatur[Bearbeiten]

  • Olivier Blanchard, Gerhard Illing: Makroökonomie. 3. Auflage. Pearson Studium, München 2005.
  • Jürgen Kromphardt: Arbeitslosigkeit und Inflation. 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987
  • Gerhard Mussel: Einführung in die Makroökonomik. 7. Auflage. Franz Vahlen Verlag, München 2002.
  • Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold: Grundfragen der Wirtschaftspolitik. 5. Auflage. Franz Vahlen Verlag, München 2003.
  • Olivier Blanchard, Daniel Leigh: Growth Forecast Errors and Fiscal Multipliers. 1. Januar 2013. (IMF Working Paper WP/13/1) (PDF, 1,1 MB)

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold: Grundfragen der Wirtschaftspolitik. 5. Auflage. Franz Vahlen Verlag, München 2003, S. 48.
  2. Gerhard Mussel: Einführung in die Makroökonomik. 7. Auflage. Franz Vahlen Verlag, München 2002, S. 183.
  3. Steve Roth: No: Saving Does Not Increase the Supply of Loanable Funds.
  4. Nachfragepolitik: Ökonomische und politikwissenschaftliche Perspektiven. S. 1.
  5. Olivier Blanchard, Gerhard Illing: Makroökonomie. 3. Auflage. Pearson Studium, München 2003, S. 96.
  6. Josef Puhani: Volkswirtschaftslehre. Basiswissen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2003, S. 100.
  7. Olivier Blanchard, Gerhard Illing: Makroökonomie. 3. Auflage. Pearson Studium, München 2003, S. 161.
  8. John Hicks: Mr. Keynes and the „Classics“: A Suggested Interpretation. In: Critical Essays. 1967, S. 140.
  9. John Hicks: „IS-LM“: An Explanation Source. In: Journal of Post Keynesian Economics. Vol. 3, No. 2, Winter 1980/81, S. 150.
  10. Gerhard Mussel: Einführung in die Makroökonomik. 7. Auflage. Franz Vahlen Verlag, München 2002, S. 185f.
  11. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Jahresgutachten 2012/13, November 2012, S. 84 (Punkt 130).
  12. Adam Weishaupt: Über die Staatsausgaben und Auflagen. 1817. (online) S. 8.
  13. Ralf Anderegg: Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik. München 2007. (online) S. 81.
  14. Deutsche Bundesbank: Geld und Geldpolitik (PDF) S. 72: „Geschäftsbanken schaffen Geld durch Kreditvergabe.“
  15. Leonhard Gleske: Die Liquidität in der Kreditwirtschaft. Frankfurt 1954, S. 43:
    „Jede Kreditgewährung der Geschäftsbanken und der Zentralbank an private Wirtschaftssubjekte und an den Staat ist, sofern an anderer Stelle des Banksystems nicht gleichzeitig eine entsprechende Kreditrückzahlung erfolgt, notwendigerweise mit einer Zunahme der Geldmenge verbunden: Entweder steigen die Depositen oder der bare Geldumlauf nimmt zu. Die Zwangsläufigkeit ist aus dem Prinzip der doppelten Buchführung leicht zu erkennen.“
    Und S. 41: „Der Bankkreditbegriff hat in diesem Zusammenhang einen weiteren Inhalt. Er umfaßt nicht allein kurzfristige Wechsel- und Kontokorrentkredite, sondern auch die langfristigen Ausleihungen und Anlagen jeder Art in den Bankbilanzen, soweit ihnen Depositen und nicht aus der Emission von Wertpapieren entstandene Verpflichtungen der Banken gegenüberstehen. In diesem Sinne zählen also zu den Bankkrediten auch die auf der Aktivseite der Bankbilanz aufgeführten Hypotheken und Wertpapiere, im besonderen Pfandbriefe, Industrie- und Kommunalobligationen, Staatsanleihen und Aktien. Es ist zwar nicht üblich Wertpapiere in das Bankkreditvolumen mit einzuordnen, aber sofern sie sich im Besitz des Banksystems befinden, läßt ihr wirtschaftlicher Charakter eine solche Interpretation zu.“
  16. Wolfgang Stützel: Zum Einfluß der öffentlichen Verschuldung auf den Kapitalmarktzins. In: Staatsverschuldung Kontrovers. Köln 1981, S. 50–51:
    „Im Zuge jeder Erhöhung der staatlichen Nettokreditaufnahme, d. h. erhöhter staatlicher Ausgabenüberschüsse (verglichen mit dem vorangegangen Zeitraum oder mit vorher bestehenden Plänen), erhöht sich also der Einnahmeüberschuß der Gesamtheit aller übrigen Wirtschaftssubjekte in genau dem gleichen Maße; bei einigen von ihnen spiegelt sich dies in Form höherer Einnahmeüberschüsse, bei anderen in Form niedrigerer Ausgabenüberschüsse wider. Diese Wirtschaftssubjekte können daher am Kapitalmarkt entsprechend mehr Mittel zur Anlage anbieten, als sie ursprünglich anzubieten planten (bzw. fragen selbst weniger Kredite nach, als sie ursprünglich nachzufragen planten).“