John Maynard Keynes

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John Maynard Keynes (1933)

John Maynard Keynes, Baron Keynes [keɪnz] (* 5. Juni 1883 in Cambridge; † 21. April 1946 in Tilton, Firle, East Sussex) war ein britischer Ökonom, Politiker und Mathematiker. Er zählt zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und ist Namensgeber des Keynesianismus. Seine Ideen haben bis heute Einfluss auf ökonomische und politische Theorien.

Leben[Bearbeiten]

Keynes wurde als Sohn des Professors für Politische Ökonomie, John Neville Keynes, und seiner Frau Florence Ada Brown geboren. Er genoss eine Ausbildung an den Eliteinstituten Eton und King’s College in Cambridge, wo er Mathematik, Philosophie, Geschichte und Ökonomie studierte. Er war Schüler Alfred Marshalls und studierte gemeinsam mit Arthur Cecil Pigou. Zusammen mit anderen herausragenden Studenten gehörte er dem elitären Debattierklub Cambridge Apostles an. Sein Bruder Geoffrey Keynes war später ein bekannter Arzt.

Zu Keynes’ großem Freundeskreis gehörte auch die berühmte Bloomsbury Group mit Virginia Woolf, Leonard Woolf, Lytton Strachey, James Strachey, Vanessa Bell, Clive Bell, Roger Fry, Rupert Brooke und vor allem dem Maler Duncan Grant, mit dem Keynes von 1908 bis 1915 eine Liebesbeziehung hatte. Mit einigen von ihnen lebte er in einem gemeinsam gemieteten Haus im Londoner Stadtteil Bloomsbury (Brunswick Square 38).[1]

Keynes war eines der liberalen Mitglieder der British Eugenics Society und von 1937 bis 1944 dessen Direktor.[2] Für diese Befürwortung der Eugenik wurde Keynes später scharf kritisiert; New Statesman verwies 2010 auf den allgemein sehr großen Einfluss der Eugenik-Befürworter in Großbritannien zu dieser Zeit und dass neben der Rechten auch mehrere früher eher Linke wie Keynes der Idee anhingen.[3]

Keynes beschäftigte sich intensiv mit Wahrscheinlichkeitsrechnung und reichte 1908 seine Doktorarbeit mit dem Titel A Treatise in Probability ein. Sie wurde von Logikern und mathematischen Grundlagenforschern, u.a. Bertrand Russell und Alfred North Whitehead, hoch gelobt [4] und wird als erste systematische Darstellung der logischen Grundlagen der Wahrscheinlichkeit gewürdigt. [5] 1921 wurde sie veröffentlicht. [6] Nach einer Anstellung beim India Office der Britischen Regierung kehrte er nach Cambridge zurück, wo er nun Volkswirtschaftslehre lehrte. Er war sehr skeptisch bezüglich der Art, wie neoklassische Ökonomen die Mathematik anwandten, um wirtschaftswissenschaftliche Theorien zu präzisieren.[7] Tatsächlich benutzt Keynes in seinen Theorien wesentlich weniger mathematische Formulierungen als die meisten seiner Kollegen.

Keynes war nach dem Ersten Weltkrieg als Vertreter des britischen Schatzamts Mitglied der britischen Delegation bei den Versailler Vertragsverhandlungen. Er trat kurz vor Abschluss der Verhandlungen unter Protest gegen die Vertragsbedingungen, die Deutschland auferlegt werden sollten, von seinem Posten in der Delegation zurück und schrieb 1919 das Aufsehen erregende Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages (The Economic Consequences of the Peace), mit dem er die Deutschland auferlegten Reparationszahlungen als ökonomisch widersinnig kritisierte. Sie würden sowohl die internationalen Wirtschaftsbeziehungen destabilisieren als auch größeren sozialen Sprengstoff für Deutschland mit sich führen. Das Buch entstand zwischen August und September 1919 im Landhaus Charleston, das seine Bloomsbury-Freunde Vanessa Bell und Duncan Grant gepachtet hatten und wo er regelmäßiger Gast an Wochenenden und in den Sommermonaten war.

Von 1920 bis zu seinem Tod lehrte er als Dozent am King’s College der Universität Cambridge. Als Schatzkanzler des King’s College gelang es ihm, dessen Stiftungsvermögen durch geschickte Anlage von 30.000 auf über 200.000 Pfund zu versiebenfachen.[8]

Lopokova und Keynes in den 1920er Jahren

Sein ganzes Leben lang beriet Keynes die Politik. So war er u.a. aktives Mitglied der Liberal Party Englands. Keynes war britischer Chefunterhändler bei den Bretton-Woods-Verhandlungen im Jahre 1944. Sein Ziel war ein Fixkurs-System zwischen den Währungen zu etablieren, jedoch ohne die Rigidität des Goldstandards zu übernehmen. Unter anderem schlug er auch eine Internationale Zahlungsunion (International Clearing Union) und eine internationale Verrechnungseinheit namens Bancor vor, die dem US-Dollar keine Vormachtstellung als internationales Verrechnungs- und Zahlungsmittel eingeräumt hätte. Mit dem Vorschlag der Internationalen Zahlungsunion konnte sich jedoch gegen die US-amerikanische Position, vertreten durch Harry Dexter White, nicht durchsetzen.[9]

Im Jahr 1925 heiratete er die russische Balletttänzerin Lydia Lopokova, die jedoch die meisten seiner Bloomsbury-Freunde nicht als Mitglied ihres Freundeskreises akzeptierten. Die Hochzeit war ein gesellschaftliches Ereignis. Vogue veröffentlichte ein ganzseitiges Foto mit der Unterschrift: „Die Heirat des brilliantesten englischen Volkswirtschaftlers mit der beliebtesten russischen Tänzerin ist ein schönes Symbol für die gegenseitige Abhängigkeit von Kunst und Wissenschaft.“[10] 1935 unterstütze er finanziell die Gründung des Cambridge Arts Theatre.[11]

46 Gordon Square in London: In diesem Haus lebte Keynes von 1916 bis 1946.

Seine Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936) veränderte nachhaltig die Makroökonomie und wird häufig als das einflussreichste wirtschaftswissenschaftliche Werk des 20. Jahrhunderts zitiert. Geprägt von der Weltwirtschaftskrise, versucht Keynes mit diesem Buch seine Kollegen von der Notwendigkeit einer grundlegend neuen makroökonomischen Wirtschaftstheorie zu überzeugen, als deren Konsequenz der Staat im Gegensatz zur Laissez-faire-Marktwirtschaft eine entscheidende wirtschaftspolitische Rolle spielt. Seine Ideen legten den Grundstein des heutigen Keynesianismus und wurden seither von Ökonomen dieser Schule weiterentwickelt.

Bertrand Russell bezeichnete Keynes als den intelligentesten Menschen, den er je traf. Im Jahr 1942, vier Jahre vor seinem Tod, wurde Keynes als Baron Keynes of Tilton in the County of Sussex geadelt und erhielt einen Sitz im House of Lords. Im April 1946 starb Lord Keynes an Herzversagen.

Keynes’ wirtschaftspolitische Grundposition[Bearbeiten]

Keynes bezeichnete den Goldstandard 1923 als barbarisches Relikt[12] und befürchtete, dass die Rückkehr zum Goldstandard zu den Vorkriegsparitäten in allen Ländern Konjunktur und Arbeitsplätze gefährde, wovor er immer wieder warnte. Im Gegensatz zu den Klassikern war Keynes überzeugt, dass eine Deflationspolitik der Notenbanken die Preise und Löhne nicht automatisch senke, sondern zu diesem Zweck hohe Arbeitslosigkeit verursachen werde. Knappes Geld sei sinnvoll zur Beendigung eines Booms, dürfe aber nicht benutzt werden, um eine deflationäre Depression zu verschärfen.[13] Im Jahr 1930 warnte Keynes davor, dass auch nach einer Senkung der Nominallöhne und Preise auf das Vorkriegsniveau die wirtschaftlichen Probleme nicht überwunden sein werden, weil die Deflation die reale Last der Schulden mit dem Wert des Geldes steigen lässt.[14]

Die Weltwirtschaftskrise war für Keynes die Folge einer falschen makroökonomischen Steuerung auf globaler Ebene, nicht ein Versagen oder grundsätzlicher Fehler der marktwirtschaftlichen Ordnung, wie seinem Vorwort zu den 1931 veröffentlichten Essays zu entnehmen ist. Keynes verglich sich darin mit Kassandra, weil er mit den Prophezeiungen seiner Essays zu seinem Unglück erfolgreicher war als mit seinem Versuch, zu überzeugen und die Deflationspolitik mit der Rückkehr zum Goldstandard zu verhindern.[15] Keynes verstand sich selbst als Vertreter einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit ihren individuellen Freiheiten, ein Liberaler, der endlich die makroökonomischen Zusammenhänge entdeckt hatte, und stimmte den Thesen und der Kritik an ihm durch Vertreter des Wirtschaftsliberalismus wie Friedrich Hayek, mit dem Keynes bis zuletzt freundschaftlich verkehrte, nicht zu.[16]

Seine Forderungen nach einer kompetenten Steuerung der Makroökonomie durch die Regierung und eine die Krise überwindende Geld- und Finanzpolitik hatte nichts mit einer staatlichen Planung wie in der Sowjetunion oder Italien (unter Benito Mussolini) gemeinsam. Keynes hatte 1923 Mussolini verspottet, als dieser die Kaufkraft der Lira anheben wollte, weil Mussolini sich wohl die Konsequenzen einer derartigen Deflationspolitik überhaupt nicht vorstellen konnte.[17] Keynes lehnte den italienischen Faschismus aus grundlegenden Prinzipien ab. Vielmehr wollte er seine Reformen im Rahmen der liberalen Demokratie Großbritanniens verwirklichen, auch um die Gefahr einer sozialistischen Revolution zu bannen. Viele Male betonte er dazu die Notwendigkeit von politischer Toleranz und konstruktiver Kritik. Keynes wollte allerdings statt des Laissez-faire-Liberalismus eine grundlegend neue Wirtschaftsform und diese durch makroökonomische Politik und demokratische Evolution erreichen.[18]

Keynes schlug eine auf die Gesamtwirtschaft bezogene staatliche Steuerung vor, die das allgemeine Niveau von wirtschaftlicher Produktion und Aktivität auf einer optimalen Höhe zu halten versuche (wir würden heute sagen: eine Globalsteuerung). Diese solle die Probleme in Angriff nehmen, die ein Einzelner nicht lösen könne, ohne die Freiheit und die Unabhängigkeit der Individuen zu beeinträchtigen.[19] In ökonomischen Einzelfragen sei er geneigt, so weit wie möglich die private Entscheidung, Initiative und die Unternehmung zu unterstützen.[20] Er setzte sich in der Weltwirtschaftskrise für mehr „nationale Selbstgenügsamkeit“ und weniger internationale Verflechtungen ein, damit Großbritannien ohne die Abhängigkeit vom Weltfinanzmarkt den Zinssatz so weit senken kann, wie dies für ausreichend hohe Investitionen erforderlich ist.

Für seine wirtschaftspolitische Einstellung sind auch seine Artikel Am I a Liberal?[21] von 1925, The End of Laissez-Faire[22] von 1926 aufschlussreich.

Zentrale Botschaft von Keynes[Bearbeiten]

Die zentrale Botschaft seiner General Theory besteht darin, dass das marktwirtschaftliche System auch bei flexiblen Preisen und Löhnen nicht automatisch zur Vollbeschäftigung tendiert, wie es das Saysche Theorem behauptet. Vielmehr kann es auch langfristig in einem Zustand der Unterbeschäftigung verharren; in diesem Fall soll der Staat (Regierung und Notenbank) zu finanz- und geldpolitischen Mitteln greifen, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wieder an das Niveau heranzuführen, bei dem Vollbeschäftigung herrscht. Eine wichtige Einsicht ist, dass mikroökonomisch sinnvolle Verhaltensweisen im makroökonomischen Kontext völlig falsch sein können (als Beispiel das Sparparadoxon: Wenn ein Einzelner mehr spart, steigt sein Vermögen und sein Zinseinkommen. Machen dies alle - ohne dass eine ausreichende Investitionsnachfrage besteht - sinkt die Güternachfrage, und somit Produktion, Beschäftigung und Einkommen, sodass die gesamtwirtschaftliche Sparsumme unverändert bleibt).

Durch die makroökonomische Politik soll die Nachfrage beeinflusst werden, da diese das Niveau von Produktion und Beschäftigung bestimmt, das erst bei Vollbeschäftigung durch die vorhandenen Ressourcen begrenzt wird. Letzteres ist der Fall, auf den sich die neoklassische Theorie bei ihren gesamtwirtschaftlichen Aussagen bezieht, ohne diese Begrenzung zu verdeutlichen.

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage setzt sich aus dem privaten Konsum, den privaten Investitionen (gemeint sind immer Sachinvestitionen), den Exporten und der staatlichen Nachfrage zusammen.

Einwänden, seine Theorie beziehe sich nur auf die kurzfristige Sicht, hielt er entgegen: “In the long run we are all dead” (deutsch: „Langfristig gesehen sind wir alle tot“).

Zentrale Bausteine seiner Analyse[Bearbeiten]

Konsumfunktion[Bearbeiten]

Eine der grundlegenden Neuerungen der keynesianischen Makrotheorie ist ihre Konsumfunktion. Sie postuliert, dass Veränderungen im Konsum in erster Linie von Veränderungen im tatsächlichen verfügbaren Einkommen verursacht werden. Dies klingt nicht besonders revolutionär, ist es aber, wenn man bedenkt, dass die neoklassische Theorie nur analysierte, was die Haushalte konsumieren würden, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt das von ihnen angestrebte Einkommen (als Produkt von bestehendem Stundenlohn und Arbeitszeit) erzielt hätten. Keynes geht von einer Konsumquote kleiner eins (0 < c < 1) und einer fallenden marginalen Konsumneigung aus. Dies bedeutet, dass Haushalte nicht ihr gesamtes Einkommen ausgeben, sondern einen Teil sparen, und dass der Anteil für Konsumausgaben immer weiter sinkt, je größer das Einkommen wird. Auf dieser Konsumfunktion beruht der Multiplikator.

Investitionen und „keynesianische Unsicherheit“[Bearbeiten]

Die Investitionen hängen bei Keynes von der Differenz zwischen der erwarteten Rendite und den Marktzinssätzen ab. Für die erwartete Rendite muss der Unternehmer Erwartungen bilden; ein zentrales Element von Keynes’ makroökonomischer Theorie ist Unwissenheit über die Zukunft. Wichtige Texte hierzu sind das Kapitel 12 der Allgemeinen Theorie und der Artikel The General Theory of Employment[23] von 1937. In letzterem formuliert er lapidar, dass man über die Zukunft einfach nichts weiß („We simply do not know.“). Damit stellt er sich in scharfen Kontrast zur Neoklassik, die die Kalkulierbarkeit zukünftiger Ereignisse – etwa in Form von Wahrscheinlichkeitsverteilungen – behauptet. Keynes argumentiert, dass über die Lebenszeit einer langfristigen Investition (etwa einer Autofabrik) die Gewinne einfach nicht abschätzbar sind. Dies ist der wichtigste Grund für die Volatilität der Investitionen. Deshalb stellt er dem neoklassischen Konzept von Risiko (der Streuung der erwarteten Verteilung um den Erwartungswert) die Idee der Unsicherheit (uncertainty) gegenüber, die angibt, ob wir überhaupt irgendetwas über die Zukunft aussagen können. Er folgert daraus, dass die neoklassische Annahme von rationalen Entscheidungen nutzenoptimierender Agenten nicht aufrechtzuerhalten ist.

Der Markt kommt höchstens auf lange Sicht gesehen zu einem Gleichgewicht. Doch wie Keynes auch sagt: „Auf lange Sicht sind wir alle tot.“ Womit er auf generelles Marktrisiko hinweisen möchte (uncertainty), denn praktisch handelt es sich dabei um ein nicht einlösbares Versprechen, und insofern muss der Staat eventuell „einspringen“ und eingreifen, um den Markt in ein wünschenswertes Gleichgewicht zu führen.

Konjunktur und Krise: Investitionen bestimmen Ersparnis und Einkommen[Bearbeiten]

Bei Keynes wird die Gesamtersparnis durch die gesamte Investition beherrscht. Die Investition ist also immer mit der realen Ersparnis identisch. Ein Anstieg der Zinsen wird die Investition vermindern und muss dabei das Einkommen so weit senken, dass die Ersparnis im gleichen Maße wie die Investition verringert wird.[24] Denn die Ersparnis ist für Keynes eine Funktion der Höhe der Einkommen, woraus folgt, dass ein Sinken der mit der Investition identischen Ersparnis ein entsprechendes Sinken der Einkommen erzwingen muss. Der Multiplikator sorgt dafür, dass geringe Schwankungen der Investition zu großen Schwankungen von Einkommen und Beschäftigung führen,[25] die Einkommen werden daher um einen weit größeren Betrag als die Investitionen abnehmen.[26] Die Krise beginnt in typischer Weise mit einem plötzlichen und heftigen Einbruch der Konjunktur, weil die während des Aufschwungs gestiegenen Zinsen zunächst keine Hemmung der Geschäfte bewirken, aber bei einem Wandel der Marktstimmung den Güterabsatz mit plötzlicher und verheerender Kraft treffen.[27]

Mit dieser Erklärung für Konjunktur und Krise trat Keynes in einen die ökonomische Theorie revolutionierenden Gegensatz zu den Klassikern. Diese hatten immer gelehrt, dass mangelnde Ersparnis die Ursache fehlenden Kapitals, zu hoher Zinsen und eines Rückgangs der Investitionen wäre, so dass das Sparen und der Konsumverzicht zur Überwindung einer Krise besonders gefördert werden sollten. Nach Keynes muss aber eine höhere Sparquote wegen des Multiplikators zu einem noch schmerzhafteren Rückgang der Einkommen in der Krise führen, weil ja die Ersparnis durch die Investition bestimmt ist und nicht umgekehrt. Seine Erkenntnisse stehen daher bis heute in einem radikalen Gegensatz zu den nach Auffassung der Keynesianer die Krisen verschärfenden wirtschaftspolitischen Forderungen der Neoklassiker.

Deficit Spending[Bearbeiten]

Das von Keynes zur Überwindung der Krisen geforderte Deficit Spending ist die monetäre Seite seiner Konjunkturtheorie. Wie die Investition mit der realen Ersparnis identisch ist, ist es die Geldvermögensbildung mit der Verschuldung. Daher muss die in Krisenzeiten überhöhte Ersparnis von Geld eine entsprechende Kreditaufnahme erzwingen und der Mechanismus dafür ist wieder die Verschärfung der Krise, wodurch die Einkommen, aus denen Geld gespart werden kann, sinken und gleichzeitig von den wegbrechenden Einkommen eine höhere Verschuldung erzwungen wird. Der Staat ermöglicht den Privaten mit seinem Haushaltsdefizit eine entsprechende Geldvermögensbildung und verhindert den Einbruch der Ökonomie, mit dem sonst die private Ersparnis von Geld mit der privaten Verschuldung zur Übereinstimmung gebracht worden wäre. Den monetären Mechanismus, wie gegebenenfalls Einnahmeüberschüsse die entsprechenden Ausgabenüberschüsse erzwingen und warum es dabei zu einem Einbruch der Konjunktur kommt, hat erst viel später Wolfgang Stützel mit seiner Saldenmechanik erklärt.

In seinem Offenen Brief an Präsident Roosevelt[28] schrieb Keynes im Dezember 1933, dass die Konjunktur entweder durch höhere Ausgaben der Privaten belebt werden könne, indem die Privaten weniger Geld aus ihrem laufenden Einkommen sparen, oder die Firmen sollten durch Zinssenkungen zu mehr Beschäftigung angeregt werden oder aber der Staat müsse durch Kreditschöpfung für mehr Einkommen sorgen. Auf dem Tiefpunkt einer Krise könne jedoch nur der Staat durch Deficit Spending den Anstoß zur Überwindung der Krise geben.

Nachfrage nach liquiden Mitteln (Kassenhaltung)[Bearbeiten]

Eine wichtige Neuerung stellt auch Keynes Analyse der Kassenhaltung dar.

Mit ihr versuchte Keynes zu erklären, weshalb die Wirtschaftsteilnehmer einen Teil ihres Geldvermögens in Formen halten, die keinen Zins bringen (Bargeld, Sichteinlagen). Für diese Liquiditätspräferenz („liquidity preference“) nennt Keynes vier Beweggründe („motives“):

  1. Einkommensmotiv („income motive“) für die Überbrückung der Zeit zwischen Einnahme und Ausgabe des Einkommens
  2. Geschäftsmotiv („business motive“) für die Überbrückung der Zeit zwischen Einkauf und Verkauf einer Ware
  3. Vorsorge- oder Vorsichtsmotiv („precautionary motive“): Vorsorge für unvorhersehbare Ausgaben
  4. Spekulationsmotiv („speculative motive“) aus der Erwartung günstigerer künftiger Gelegenheiten zur Anlage des Geldes.

Einkommensmotiv und Geschäftsmotiv zusammen nennt Keynes auch das Transaktionsmotiv („transactions motive“). Die hieraus resultierende Kassenhaltung ist nur vom Einkommen abhängig, die anderen aber auch und vor allem vom Zinssatz. Die klassische Theorie berücksichtigte nur die Transaktionskasse, während Keynes die Abhängigkeit der Geldhaltung vom Zinssatz aufzeigt.

Den Zinssatz erklärt Keynes durch die oben geschilderte Nachfrage nach Kassenhaltung und die vorhandene Geldmenge, die in der „General Theory“ (1936) als von der Zentralbank gesteuert behandelt wird. Damit ist der Zinssatz nicht mehr eine Variable, die – wie in der neoklassischen Theorie – für Anpassung der Investitionen an die Ersparnisse sorgen kann. Eine bekannt gewordene Interpretation von Keynes' Sicht der makroökonomischen Gleichgewichtsproblematik lieferte im folgenden Jahr sein Kollege John R. Hicks.[29]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • The Economic Consequences of the Peace. London 1919
    • Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages. Duncker & Humblot, München 1920 (online im Project Gutenberg);
    • Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrages von Versailles. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Dorothea Hauser. Berenberg, Berlin 2006, ISBN 3-937834-12-5 (Neuauflage ohne Tabellen und Einzelbestimmungen des Vertrages)
  • Treatise on Probability. 1921
    • deutsch: Über Wahrscheinlichkeit. Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1926
  • A revision of the treaty. London 1922
    • deutsch: Revision des Friedensvertrages. Eine Fortsetzung von „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“. Duncker & Humblot, München/Leipzig 1922
  • Tract on Monetary Reform. London 1923
    • deutsch: Ein Traktat über Währungsreform. Duncker & Humblot, München 1924; 2. Aufl. ebd. Berlin 1997, ISBN 3-428-07384-3
  • The End of Laissez-Faire. 1926
    • Das Ende des Laissez-faire. Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft. Duncker & Humblot, München 1926
  • Treatise on Money. London 1930
    • deutsch: Vom Gelde. Duncker & Humblot, München/Leipzig 1932; 3. Auflage ebd. Berlin 1983, ISBN 3-428-00756-5
  • Economic Possibilities for our Grandchildren. In: Nation and Athenaeum. Oktober 1930 (PDF)
  • Essays in Persuasion Macmillan, London 1931
  • The General Theory of Employment, Interest and Money. London1936 (online)
    • deutsch: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Duncker & Humblot, München/Leipzig 1936; 11. verbesserte Auflage ebd. Berlin 2009, ISBN 3-428-07985-X.)
  • The General Theory of Employment. In: Quarterly Journal of Economics. Vol. 51, Nr. 2, Februar 1937, S. 209–223.
  • Two Memoirs. 1949 Deutsche Ausgabe als
Sammelausgaben
  • The Collected Writings of John Maynard Keynes. 30 Bände. Herausgegeben von Austin Robinson und Donald Moggridge. Cambridge University Press, 1971–1998
  • Politik und Wirtschaft. Männer und Probleme. Ausgewählte Abhandlungen. Mohr (Siebeck), Tübingen 1956
  • Harald Mattfeldt: Keynes. Kommentierte Werkauswahl. VSA-Verlag, Hamburg 1985, ISBN 3-87975-297-4
  • On Air. Der Weltökonom am Mikrofon der BBC. Zusammengestellt und übersetzt von Michael Hein. Murmann, Hamburg 2008, ISBN 978-3-86774-026-5

Literatur[Bearbeiten]

Biografien über sein Leben und seine Werke

Einführungen in seine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes

Kritik (siehe vor allem den Artikel "Keynesianismus" in Wikipedia) Außerdem:

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: John Maynard Keynes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Texten

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Pamela Todd: Die Welt von Bloomsbury. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 42.
  2. Michael Haller, Martin Niggeschmidt (Hrsg): Der Mythos Vom Niedergang Der Intelligenz: Von Galton Zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler Der Eugenik. Springer-Verlag, 2012, S. 94
  3. The eugenics movement Britain wants to forget, New Statesman, 9. Dezember, 2010
  4. Bertrand Russell: Review: A Treatise on Probability. By John Maynard Keynes. In: Mathematical Association (Hrsg.): Mathematical Gazette. 32, July 1948, S. 152–159.
  5. Hacking: An introduction to Probability and Inductive Logic, Cambridge University Press 2006, ISBN 0-521-77501-9, S. 144
  6. Keynes: A Treatise on Probability, Mac Millan London 1921
  7. Edward Fullbrook: The Rand Portcullis and PAE. In: Post-Autistic Economics Review. Issue 32, 5. Juli 2005
  8. Nikolaus Piper: Wie der Weltökonom Millionen machte. In: SZ-Serie: Die großen Spekulanten (6). Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2008, abgerufen am 27. September 2010.
  9. Der Mythos von Bretton Woods, Never Mind The Markets, Tagesanzeiger, 20. August 2014
  10. Hermione Lee: Virginia Woolf. Ein Leben. S. Fischer, Frankfurt 1999, ISBN 3-10-042502-2, S. 616
  11. Manfred Reist: John M. Keynes: Ökonomie für den Frieden. In: A-Post. 2002, Nr. 2/3
  12. John Maynard Keynes: The Return to the Gold Standard In: Essays in Persuasion. W. W. Norton & Company, 1991, S. 208
  13. John Maynard Keynes: The Economic Consequences of Mr. Churchill. In: Essays in Persuasion. W. W. Norton & Company, 1991, S. 259
  14. John Maynard Keynes: The Great Slump of 1930. In: Essays in Persuasion. W. W. Norton & Company, 1991, S. 138 f.
  15. Keynes: Essays in Persuasion, Macmillan 1931, Preface
  16. Keynes v Hayek: Two economic giants go head to head, BBC, 3. August 2011
  17. Keynes, »Alternative Aims in Monetary Policy« 1923, Essays, S. 190f
  18. Siehe hierzu etwa: National Self-Sufficiency. S. 243–256.
  19. John Maynard Keynes: Collected Writings. Vol. 21, S. 84–92
  20. Nationale Selbstgenügsamkeit. In: Schmollers Jahrbuch. 57. Jahrgang, 1933, S. 61–70. Wiederabgedruckt in: Harald Mattfieldt: Keynes: Kommentierte Werkauswahl. VSA-Verlag, Hamburg 1985, S. 152–161. Original in den Collected Writings. Vol. 21, S. 233–246
  21. John Maynard Keynes: Am I a Liberal? In: Essays in Persuasion. W. W. Norton & Company, 1991, S. 312 ff.
  22. John Maynard Keynes: The End of Laissez-Faire. Hogarth Press, 1926
  23. John Maynard Keynes: The General Theory of Employment. (PDF; 273 kB) In: Quarterly Journal of Economics. Vol. 51, Nr. 2, Februar 1937, S. 209–223.
  24. Keynes: Allgemeine Theorie, 1936, S. 95
  25. Keynes: Allgemeine Theorie, 1936, S. 101
  26. Keynes: Allgemeine Theorie, 1936, S. 95
  27. Keynes: Allgemeine Theorie, 1936, S. 267
  28. Keynes: An Open Letter to President Roosevelt, 1936, 5.
  29. John R. Hicks: Mr. Keynes and the ‘Classics’: A Suggested Interpretation, Econometrica 5(2), April 1937, S. 147–159.
  30. Ebenso Philosoph und Moralist wie Ökonom, Frankfurter Rundschau