Kredittheorie

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Die Kredittheorie setzt sich mit der Rolle von Kredit als Geld auseinander.[1] Bis 1920 galt in Deutschland die orthodoxe Kredittheorie – dass Geschäftsbanken als Finanzintermediäre[2] Einlagen von Sparern verliehen.[3]

Bilanzbild aus 1936 (Hans Gestrich)

Moderne Kredittheorie[Bearbeiten]

Aus der Vergabe von Krediten entsteht zunächst zusätzlich verfügbares Buchgeld durch einen Buchungssatz (eine Geschäftsbank bucht in Form einer Bilanzverlängerung Kreditforderungen [Aktiva] sowie Verbindlichkeiten [Passiva] gegen sich selbst – Verbindlichkeiten, die üblicherweise als Zahlungsmittel akzeptiert werden).[4] Bei der Kreditvergabe muss kein Erwerb von Einlagen vorausgegangen sein. Bedingung ist hingegen für ein Einlagengeschäft, dass vorher ein Kreditgeschäft stattgefunden hat.[5][6]

In Deutschland wurde die Moderne Kredittheorie ab 1920 durch Albert Hahn (Volkswirtschaftliche Theorie des Bankkredits) begründet.

Kreditmechanik[Bearbeiten]

Nach Wolfgang Stützel stellt die dritte Phase der Theorie, die Kreditmechanik, gewissermaßen Synthese zwischen orthodoxer und moderner Kredittheorie dar und ist vor allem auf Wilhelm Lautenbach, Hans Gestrich, Otto Pfleiderer und Leonhard Gleske zurückzuführen. Nicht jede Kreditschöpfung führt in voller Höhe zu Geldschöpfung.[7] Es hängt davon ab, wem die Zahlungsströme zufließen[8][9][10] – inwieweit aus Kreditgewährungen entstehende Zahlungsströme (von anderen Schuldnern) zur Tilgung offener Kreditschulden (exkl. Zinsen) verwendet werden[11] – die Bankbilanzen sich also (wieder) verkürzen.

Zu Kreditbedarf der Unternehmen[12][13]

Weiters relativiert die Kreditmechanik die klassische Theorie des Crowding-out-Effekts,[14] da Kreditgewährungen an Private mit Kreditgewährungen an den Staat (durch das Bankensystem) nicht als in Konkurrenz stehend betrachtet werden, im Gegenteil.[15][16] Aus der Kreditmechanik resultiert die Erkenntnis, dass, um keine Konjunkturabkühlung zu riskieren, nicht nachfragende Geldsparvermögen, solange diese inaktiviert, der Kaufkraft entzogen werden, durch Kreditgewährung notwendig zu kompensieren sind.[17]

In seiner Saldenmechanik bringt es Wolfgang Stützel auf den Punkt: „Die Unternehmergewinne bleiben stets nur genau um jenen Betrag hinter dem Unternehmeraufwand für Konsum und Investition zurück, um den die Nichtunternehmer Einnahmeüberschüsse bilden.“[18] Das bedeutet, dass bei Bildung von monetären Überschüssen der privaten Nichtunternehmer (wie dies in der Gesamtheit üblicherweise auftritt)[19] und gleichzeitig angestrebter Entschuldung der inländischen Unternehmen, dies überhaupt nur durch einen zusätzlichen Ausgabenüberschuss des eigenen und/oder eines ausländischen Staatshaushalts finanziert werden kann – umgekehrt können Budgetdefizite nur dann erfolgreich reduziert werden, wenn andere Haushalte entweder entsparen (bereits gebildete Geldvermögen aus kumulierten Einnahmeüberschüssen verbrauchen) und/oder ihrerseits ihre Ausgabenüberschüsse erhöhen.[20]

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits 1882 erklärte Henry Dunning Macleod in Lectures on Credit and Banking,[21] dass Banken keinerlei Einlagen verleihen.[22] Weitere auf das angelsächsische Geld- und Kreditsystem bezogene Vertreter der Kreditschöpfungslehre waren Hartley Withers (The Meaning of Money, 1909,[23] The English Banking System, 1910),[24] Ralph George Hawtrey[25] (Currency and Credit, 1919)[26] und John Maynard Keynes (A Treatise on Money, 1930/Vom Gelde, 1932).[27][28]

Kreditgeld

Kreditgeld[Bearbeiten]

Entstehen aus dem „schöpferischen Bankkredit“ (aus der Nettokreditaufnahme der Nichtbanken) zusätzliche Zahlungsmittel, wird heute von Kreditgeld gesprochen. Kreditgeld ist so alt wie die materielle Schuld selbst bzw. genau so alt wie die Übertragung von Schuldforderungen zu Zahlungszwecken.[29] Heinrich Rittershausen weist darauf hin, dass genauso Einnahmeüberschüsse aus konventionellen Formen der Kreditvergabe als Kreditgeld zu verstehen sind.[30] In beiden Fällen stehen Einnahmeüberschüsse monetären Schulden in gleicher Höhe gegenüber.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinz-Peter Spahn: Geldwirtschaft (PDF; 415 kB)
  2. Deutsche Bundesbank: Das Banken- und Finanzsystem. Das Wichtigste im Überblick: Punkt 6: „Neben den Banken sind weitere wichtige Finanzintermediäre im Finanzsystem auch Versicherungen und Investmentfonds.“
  3. Walter Ehrlicher: Geldtheorie. In: Kompendium der Volkswirtschaftslehre. Band 1. (5. Auflage) Göttingen 1975. (online) S. 358.
  4. Hans-Werner Wohltmann: Grundzüge der makroökonomischen Theorie. (4. Auflage) München 2005. (online) S. 165:
    „Geldschöpfung findet allgemein dadurch statt, daß eine Bank Aktiva monetisiert [...]. Das bedeutet, daß Banken Nicht-Zahlungsmittel darstellende Aktiva von Nichtbanken erwerben (wie Devisen oder Aktiva im Zuge der Kreditgewährung an Private und den Staat) und anschließend mit Forderungen gegen sich selbst, die Zahlungsmittel darstellen, bezahlen.“
  5.  Hansjörg Herr: Geld, Kredit und ökonomische Dynamik in marktvermittelten Ökonomien – die Vision einer Geldwirtschaft.. 2. Aufl. Auflage. VVF, München 1988, ISBN 978-3882593969, S. 60f..
  6.  Augusto Graziani: The Monetary Theory of Production. Cambridge University Press, 2003, ISBN 9780521812115, S. 88.
  7. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. (2. Auflage) Tübingen 2011. (online) S. 219.
  8. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. (2. Auflage) Tübingen 2011. (online) S. 220.
  9. Leonhard Gleske: Die Liquidität in der Kreditwirtschaft. Frankfurt 1954. S. 53:
    „Die Menge des vom Banksystem durch Kreditgewährung kreierten Geldes hängt ganz entscheidend davon ab, ob die Zahlungen der Schuldner anderen Schuldnern oder aber Kreditoren zufließen oder umgekehrt davon, ob die Zahlungen der Kreditoren anderen Kreditoren oder aber Debitoren zufließen. In der Regel führt eine verstärkte Kreditgewährung, ein verstärkter Krediteinsatz der Banken doch zum Anstieg des Geldvolumens, es braucht aber nicht notwendig so zu sein.“
  10. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg.: Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. (PDF) S. 48:
    „Leistet ein Kreditor an einen Debitor, so schrumpft die Kreditsumme, leistet ein Debitor oder einer, der durch die Zahlung Debitor wird, an einen, der nicht Debitor ist, so erhöht sich die Kreditsumme. Sie bleibt aber gleich, wenn ein Debitor an einen anderen Debitor oder ein Kreditor an einen anderen Kreditor leistet.“
  11. Hermann Feifel: Die Anwendbarkeit der Modernen Kreditschöpfungslehre auf Die besondere Art des Sparkassengeschäfts. Berlin 1959. (online) S. 38 f:
    „Ferner berücksichtigen die Vertreter der Theorie der ausschließlich giralen Kreditschöpfungstätigkeit der Banken die von Lautenbach entwickelten Regeln der Kreditmechanik nicht. Wird nämlich ein Kredit derart beansprucht, daß der Debitor an einen anderen Debitor zahlt, dann entsteht keine neue Sichteinlage. Eine neue Sichteinlage kann nur dann entstehen, wenn der Debitor bei der Kreditinanspruchnahme an einen Kreditor zahlt.“
  12. Ewald Nowotny: Gründe und Grenzen der öffentlichen Verschuldung. In: Ökonomie in Theorie und Praxis. Berlin, Heidelberg 2002. (online) S. 261:
    „Typischerweise weisen dabei die privaten Haushalte erhebliche Überschüsse (Nettoersparnisse) auf."
  13. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. PDF S. 49:
    „Der Kreditbedarf der Unternehmer entsteht hier also gerade dadurch, daß Nichtunternehmer sparen, einerlei, ob es Private sind oder ob es die öffentliche Hand ist [...].“
  14. Hans Gestrich: Neue Kreditpolitik. Stuttgart und Berlin 1936. (PDF; 652,3 KB) S. 61:
    „Wenn die moderne Theorie vom Geld- und Kreditwesen etwas am Hergebrachten zu korrigieren hat, so ist es eine gewisse rein quantitative Betrachtungsweise, die sich daraus ergibt, daß die traditionelle Theorie sich den Kredit, der zur Verfügung gestellt werden kann, als einen starr begrenzten Vorrat vorstellt. Anhänger dieser Vorstellung können daher in Erstaunen geraten, daß am Höhepunkt einer Konjunktur, wenn die Menge sowohl des Bar- und Notenbankgeldes wie auch des auf Bankkredit beruhenden Giralgeldes stark vermehrt ist, der Zins hoch ist, während er am Ende einer Depression, wo die umlaufenden Barmittel und das Giralgeld durch Rückzahlungen und Konsolidierung verringert ist, der Zins niedrig ist.“
  15. Leonhard Gleske: Die Liquidität in der Kreditwirtschaft. Frankfurt 1954. S. 41:
    „Der Bankkreditbegriff hat in diesem Zusammenhang einen weiteren Inhalt. Er umfaßt nicht allein kurzfristige Wechsel- und Kontokorrentkredite, sondern auch die langfristigen Ausleihungen und Anlagen jeder Art in den Bankbilanzen, soweit ihnen Depositen und nicht aus der Emission von Wertpapieren entstandene Verpflichtungen der Banken gegenüberstehen. In diesem Sinne zählen also zu den Bankkrediten auch die auf der Aktivseite der Bankbilanz aufgeführten Hypotheken und Wertpapiere, im besonderen Pfandbriefe, Industrie- und Kommunalobligationen, Staatsanleihen und Aktien. Es ist zwar nicht üblich Wertpapiere in das Bankkreditvolumen mit einzuordnen, aber sofern sie sich im Besitz des Banksystems befinden, läßt ihr wirtschaftlicher Charakter eine solche Interpretation zu.“
  16. Wilhelm Lautenbach: Über Kredit und Produktion. Frankfurt 1937. (erstveröffentlicht 1936 im Vierteljahresheft: Die Wirtschaftskurve. Heft III.) S. 18:
    „Wie funktioniert der Kreditapparat, wenn der Staat große Ausgaben durch Kredit finanziert? Woher kommen die Mittel?“
    „Die meisten, die die Frage stellen, und es sind keineswegs nur Laien, haben dabei die Vorstellung, als gäbe es irgendeinen begrenzten Vorrat an Geld oder Kredit. Mit dieser Vorstellung verknüpft sich gewöhnlich die besorgte Frage, ob der Staat durch seine Kreditansprüche nicht der Wirtschaft den Kredit verknappe. In Wahrheit verhält es sich aber genau umgekehrt. Wenn der Staat in großem Stil Kredit nimmt, wird die ganze Kreditwirtschaft aufgelockert. Die Geld- und Kreditmärkte werden flüssig, die Unternehmer werden liquide, ihre Bankkredite nehmen ab, die Geschäftsdepositen steigen […].“
  17. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. (PDF) S. 62:
    „Wenn die ersparten Beträge als Depositen bei den Banken gehalten werden, verschlechtert sich ceteris paribus die Liquidität [des Gesamtbankensystems]. Das Kreditvolumen wächst bei gleicher Kasse, so daß das Verhältnis von Gesamteinlagen zu Kasse sich verschlechtert. Denn hätten die Sparer nicht gespart, sondern ihr Einkommen verausgabt, so wären die Geldbeträge genau so nach Durchfluß durch den Einzelhandel unweigerlich im Kreislauf an die Banken gekommen; der Barmittelbestand der Banken wäre also der gleiche gewesen, das Kreditvolumen aber geringer, weil die zum Konsum verausgabten Beträge von Unternehmern vereinnahmt worden wären mit der Folge, daß ihr Kreditbedarf entsprechend geringer, ihr Umsatz aber höher gewesen wäre. Das ist ein nach jeder Richtung hin paradoxes Ergebnis. Verdienst, Liquidität und infolgedessen Neigung zu investieren, sind größer, wenn Lohn- und Gehaltsempfänger weniger sparen. Das Sparen erzeugt gerade erst Kreditbedarf bei verringertem Umsatz, umgekehrt wird, wenn Sparer frühere Ersparnisse verzehren, die Liquidität sowohl der Banken wie der Unternehmungen, gesteigert und zugleich das Unternehmereinkommen.“
  18. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. (Nachdruck der 2. Auflage) Tübingen 2011. S. 80.
  19. Heinz-J. Bontrup nach Daten aus der Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung der Deutschen Bundesbank (PDF) Tab. 8, S. 26.
  20. Ewald Nowotny: Gründe und Grenzen der öffentlichen Verschuldung. In: Ökonomie in Theorie und Praxis. Berlin und Heidelberg 2002. (online) S. 261:
    „Wirtschaftspolitisch bedeutungsvoll ist dabei die zwingende saldenmechanische Beziehung, dass eine Politik zur Reduzierung von aufgetretenen Budgetdefiziten („Budgetkonsolidierung“), nur dann erfolgreich sein kann, wenn es gelingt, den Finanzierungsüberschuss der privaten Haushalte zu reduzieren (z. B. durch erhöhten privaten Konsum) und/oder die Verschuldungsbereitschaft der Unternehmen zu erhöhen (z. B. durch Investitionen) und/oder eine Verbesserung der Leistungsbilanz (z. B. durch zusätzliche Exporte) zu erreichen.“
  21. Onlinearchiviert: Henry Dunning Macleod: Lectures on Credit and Banking London 1882.
  22. Hans Christoph Binswanger: The Growth Spiral: Money, Energy and Imagination in the Dynamics of the Market Process. Berlin und Heidelberg 2013. (online) S. 38.
  23. Hans Gestrich: Kredit und Sparen. Jena 1944 (1. Auflage) S. 107.
  24. Onlinearchiviert: Hartley Withers: The English Banking System Washington 1910.
  25. Hermann Feifel: Die Anwendbarkeit der modernen Kreditschöpfungslehre auf die besondere Art des Sparkassengeschäfts. Berlin 1959. S. 28.
  26. Onlinearchiviert: R. G. Hawtrey: Currency and Credit. London 1919.
  27. John Maynard Keynes: Vom Gelde. (1930/1932) 3. Auflage. Berlin 1983. S. 18 f:
    „Eine solche Bank schafft Ansprüche gegen sich selbst auf Hergabe von Geld, oder, wie wir diesen Tatbestand späterhin nennen wollen, sie schafft Depositen. […] Aber es gibt noch einen zweiten Weg, auf dem die Bank einen Anspruch gegen sich selbst schaffen kann. Sie kann selbst Werte kaufen, das heißt ihre Anlagen erhöhen und diesen Kauf, wenigstens zunächst, dadurch begleichen, daß sie einen Anspruch gegen sich selbst einräumt. Oder die Bank kann einen Anspruch gegen sich selbst zugunsten eines Kreditnehmers schaffen, und zwar gegen sein Versprechen späterer Rückzahlung; das heißt, sie kann Darlehen oder Vorschüsse geben. In beiden Fällen schafft die Bank das Guthaben.“
  28. Hermann Feifel: Die Anwendbarkeit der modernen Kreditschöpfungslehre auf die besondere Art des Sparkassengeschäfts. Berlin 1959. (online) S. 18.
  29. John Maynard Keynes: Vom Gelde. (1930/1932) 3. Auflage. Berlin 1983. S. 12 f:
    „Denn die Verwendung von Bankgeld hängt von nichts anderem ab, als allein von der Entdeckung, daß in vielen Fällen die Übertragung der Schulden selber für die Abwicklung von Geschäften ebenso zweckdienlich ist wie die Übertragung des Geldes, auf das jene lauten. Ein Anspruch auf eine Schuld ist gleichzeitig ein Anspruch auf Geld, und soweit man auf die prompte Umwechslung eines Schuldtitels in Geld vertraut, spielt das Element der Entfernung bei der Tauglichkeit des Bankgeldes zur Abwicklung von Geschäften keine Rolle. Bankgeld in der Form von Wechseln war für die Zwecke der Abwicklung von Geschäften bei größeren Entfernungen in der alten Welt nicht weniger tauglich und notwendig als heute, wegen der geringen Kosten der Übermittlung im Vergleich zu den Kosten und Risiken eines Transportes von Bargeld.“
  30. Vgl. Heinrich Rittershausen: Bankpolitik. Eine Untersuchung des Grenzgebiets zwischen Kredittheorie, Preistheorie und Wirtschaftspolitik. Frankfurt 1956.