Daphnis und Chloe

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Léon Bakst: Bühnenbild für das Ballett Daphnis et Chloë von Ravel, 1912
Jean-Pierre Cortot: Daphnis und Chloe (Marmor, Louvre)

Daphnis und Chloe (griechisch Δάφνις καὶ Χλόη) ist ein antiker Liebesroman des sophistischen Rhetors Longos (latinisiert: Longus), den er vermutlich im 3. Jahrhundert auf der ägäischen Insel Lesbos schrieb.

Longos erzählt die Geschichte von den Findelkindern Daphnis und Chloe, die ihre Kindheit elternlos bei Hirten auf Lesbos erleben, voneinander getrennt werden, wieder zueinander finden, sich lieben und schließlich bei ihren Eltern glücklich leben. Durch die häufige Thematisierung der Natur lässt sich dieses Werk der Bukolik zuordnen.

Inhalt[Bearbeiten]

Erstes Buch[Bearbeiten]

Daphnis wird im Wald von einer Ziege genährt, von dem Ziegenhirten Lamon gefunden und von ihm und dessen Frau Myrtale adoptiert. Zwei Jahre später wird Chloe in einer Nymphenhöhle, von einem Schaf genährt, von dem Schäfer Dryas gefunden und von ihm und seiner Frau Nape aufgezogen. Den beiden waren Gaben beigelegt, die auf eine vornehme Herkunft schließen lassen.

Die Herden der beiden Adoptiveltern weiden nah beieinander, sodass sich bereits während der Kindheit eine Freundschaft zwischen Daphnis und Chloe entwickelt.

Die Gefühle der beiden werden zum ersten Mal deutlich, als Chloe Daphnis aus einer Grube rettet, in die dieser gestürzt war, und ihn danach beim Baden beobachtet. Sie kann ihre Gefühle noch nicht wirklich verstehen, begreift aber, dass Daphnis die Ursache dafür ist und spürt das Verlangen, ihn wieder baden zu sehen.

An dieser Stelle tritt Dorkon, ein Rinderhirte in die Haupthandlung. Er half einst, Daphnis aus der Grube zu befreien und verliebte sich dabei in Chloe. Bei einem Wettstreit über die Schönheit zwischen Daphnis und Dorkon erklärt Chloe Daphnis zum Sieger und gibt diesem einen Kuss als Preis. Dies ist die zweite Schlüsselstelle, da nun Daphnis für Chloe entflammt. Mit einem Schlag ist er wie verwandelt und nimmt sie viel intensiver wahr.

Die erotische Spannung wird gegen Ende des ersten Buches kurz unterbrochen, als Seeräuber die Küste überfallen und Daphnis entführen. Als Chloe Dorkon um Hilfe bitten will, findet sie diesen schwer verletzt und im Sterben liegend bei seiner Herde vor. Kurz vor seinem Tod schenkt er ihr seine Syrinx und verrät ihr, wie sie Daphnis damit retten kann. Chloe bringt mit der Syrinx die Rinder dazu, sich ins Meer zu stürzen, das Schiff der Seeräuber zum kentern zu bringen, um so Daphnis die Flucht zu ermöglichen.

Zweites Buch[Bearbeiten]

Im zweiten Buch nähern die beiden Verliebten sich wieder einander an. Bei einem Fest zu Ehren des Gottes Dionysos begegnet ihnen der Greis Philetas, der ihnen vom Gott Eros erzählt und die Liebe erklärt. Von ihm erfahren Daphnis und Chloe auch, wie sie ihre Lust füreinander ausleben können:

„Denn gegen den Eros hilft kein Mittel, nicht was getrunken, nicht was eingenommen, nicht was in Zauberliedern ausgesprochen wird; keines als Kuss und Umarmung und Zusammenliegen mit nackten Leibern.“

Longos: Daphnis und Chloe

Die beiden Verliebten zögern noch mit dem letzteren, zumal sie gar nicht wissen, was damit eigentlich gemeint ist.

Die Ereignisse werden dramatisch, als reiche Jünglinge aus der Stadt Methymna an der Küste landen und Daphnis schwer Prügel bezieht. Er wird jedoch von Chloe und einigen anderen Hirten gerettet und die Jünglinge werden in die Flucht geschlagen. Diese kehren mit Truppen zurück und entführen Chloe. Daphnis fleht die Nymphen und den Hirtengott Pan um Hilfe an. Dieser bewirkt letzten Endes Chloes Freilassung. Wieder vereint, schwören sich die beiden Verliebten ewige Treue.

Drittes Buch[Bearbeiten]

Die erotische Spannung zwischen Daphnis und Chloe intensiviert sich, als nach einem langen Winter sich endlich wieder die Möglichkeit ergibt, sich allein zu sehen. Die beiden wollen nun ihr Verlangen, das sie immer noch nicht genau einordnen können, stillen, indem sie unbekleidet zusammenliegen. Da das allein nicht hilft, versuchen die beiden, es ihren Tieren gleichzutun, wenn sie sich besteigen. Als das nicht funktioniert, sind die beiden frustriert.

Die Frau eines Bauern, Lycänion, die Daphnis begehrt und um den Frust der Verliebten weiß, macht sich die Situation zunutze. Sie lockt Daphnis unter einem Vorwand zu sich, sagt ihm, sie würde ihn lehren, wie er sein Verlangen mit Chloe ausleben könne und schläft mit ihm.

Daphnis hat jedoch Angst mit Chloe zu schlafen, da Lycänion ihm erzählt, dass Mädchen, wenn sie zur Frau werden, stark bluten.

Derweil werben viele andere Männer um die Gunst von Chloes Pflegevater Dryas, damit er ihnen Chloe zur Frau gibt. Daphnis hat eine Vision von den Nymphen, die ihn letztlich zu einem angeschwemmten Beutel voller Geld führen, was ihm den Zuschlag von Dryas einbringt, sodass einer Vermählung des Paares nun nichts mehr im Wege zu stehen scheint.

Viertes Buch[Bearbeiten]

Zwei reiche Städter kommen aufs Land, Dionysophanes und sein Sohn Astylos. Sie sind die Herren der Hirten. Auch Gnathon, ein Untergebener des Herren, ist unter ihnen und versucht, Daphnis als Liebhaber zu gewinnen, was dieser jedoch ablehnt.

Als Daphnis’ Findelkind-Geschichte erzählt wird, stellt sich heraus, dass Dionysophanes Daphnis Vater ist. Daphnis lebt nun mit seiner richtigen Familie in Wohlstand, kann aber nicht seine alten Gewohnheiten vergessen, da er immer ein Hirte war.

Chloe wird von Lampis, einem Rinderhirten, entführt, da dieser glaubt, Daphnis hätte durch sein neues Leben das Vorhaben, sie zur Frau zu nehmen, aufgegeben. Als Daphnis von der Entführung seiner Geliebten erfährt, eilt Gnathon ihm zu Hilfe und befreit Chloe, um Daphnis’ Gunst zurückzugewinnen, da dieser als Sohn von Dionysophanes ebenfalls sein Herr ist. Daphnis verzeiht Gnathon dessen ursprüngliches Nachstellen und will nun endlich Chloe heiraten. Zuvor finden sie noch Chloes wahren Eltern unter den reichen Städtern, indem sie ihre Beigaben bei einem Fest präsentieren.

Die beiden feiern ihre Hochzeit auf dem Lande und verzichten auch für ihr weiteres Leben auf den Luxus der Stadt:

„Und nicht bloß damals, sondern so lange sie lebten, führten sie ein Hirtenleben, verehrten die Götter, die Nymphen, den Pan, den Eros, schafften große Herden von Schafen und Ziegen an und kannten keine süßere Kost als Obst und Milch.“

Longos: Daphnis und Chloe

Dank Lycänion können sie jetzt auch ihrer Liebe freien Lauf lassen und bekommen später zwei Kinder, die sie von einer Ziege (Junge) und einem Schaf (Mädchen) nähren lassen.

Charaktere[Bearbeiten]

Daphnis[Bearbeiten]

Daphnis tritt fast während der gesamten Handlung als Jüngling von etwa 15-16 Jahren auf. Er wird als sonnengebräunt, dunkelhaarig und nicht besonders kräftig beschrieben. Er zeigt sich meistens zurückhaltend, bescheiden, schüchtern und ein wenig naiv. Er entdeckt seine Liebe für Chloe erst, nachdem diese ihn küsst, er kann diese Gefühle aber anfangs noch nicht verstehen.

Er gerät im Laufe der Handlung immer wieder in gefährliche Situationen, aus denen er sich jedoch nicht selbst befreien kann. Durch seine Hilfsbedürftigkeit entspricht er nicht der klassischen Definition eines antiken Helden.

Als seine Lebensumstände sich durch die Zusammenkunft mit seinen leiblichen Eltern standesmäßig stark verbessern und ihm eine Zukunft voller Wohlstand in Aussicht steht, verzichtet er freiwillig darauf, um das einfache Leben unter Hirten und Bauern mit seiner geliebten Chloe weiterzuführen.

Chloe[Bearbeiten]

Chloe wird zwei Jahre nach Daphnis gefunden, was darauf schließen lässt, dass sie etwas jünger ist als dieser. Sie ist ein liebes, unschuldiges Mädchen, außerdem wunderschön und wirkt sehr jung, fast noch kindlich. Dennoch ist sie für viele Jungen und Männer ein Objekt der Begierde, was sowohl sie als auch Daphnis des Öfteren in heikle Situationen bringt.

Auch sie schätzt das einfache Hirtenleben mehr als den Luxus in der Stadt und erfreut sich eher an den kleinen Dingen und an ihrer reinen Liebe zu Daphnis, den Schafen und der Natur.

Schauplatz[Bearbeiten]

Als Schauplatz der Handlung wählt Longos seine Heimat Lesbos, welche von ihm als sehr idyllisch beschrieben wird. Die Geschichte spielt in der Nähe der Hafenstadt Mytilene.

„Auf Lesbos liegt eine Stadt, Mytilene, so groß wie schön; denn sie ist von Kanälen durchschnitten, in die das Meer einströmt, und geschmückt durch Brücken von behauenem und weißem Gestein. Du wirst glauben, nicht eine Stadt, sondern ein Eiland zu sehen. Von dieser Stadt Mytilene also, etwa zweihundert Stadien entfernt, liegt das Gut eines reichen Mannes, ein herrlicher Besitz; wildnährende Berge, fruchttragende Ebenen, Hügel mit Reben, Weiden mit Herden bedeckt, und die Meerflut spült an den weichen Sand der langgestreckten Küsten an.“

Longos: Daphnis und Chloe

Abgesehen von einer kurzen Entführung verbringen die Protagonisten ihr gesamtes Leben auf Lesbos.

Stil[Bearbeiten]

Daphnis und Chloe weist stilistisch alle Merkmale einer bukolischen Dichtung auf: Die große Bedeutung der Natur für die Handlung sowie für die darin vorkommenden Personen und ihre häufige Beschreibung und Inszenierung und das typische Thema der Hirtengeschichte, die sich in einer einfachen, idyllischen Welt abspielt.

Im Gegensatz zu anderen antiken Romanen unternehmen die Protagonisten hier keine weiten Reisen, die sie mit vielen verschiedenen Völkern in Kontakt kommen lassen, sondern befinden sich bis auf eine kleine, kurzzeitige Entführung durchgängig auf Lesbos und dort auch fast ausschließlich in den Gefilden, in denen sie seit ihrer Kindheit ihre Schafe und Ziegen hüten.

Demnach verlagert Longos hier die typische Reisethematik auf eine Art innere Reise, die die Protagonisten im Laufe ihres Heranwachsens durchleben. Die Atmosphäre ist während des gesamten Romans sehr friedlich und beschaulich, selbst ab und an vorkommende Probleme tun dem keinen Abbruch. Man hat das Gefühl, in eine unschuldige, verträumte Welt einzutauchen, die irgendwie von der Außenwelt abgeschnitten ist und daher unberührt und harmonisch wirkt.

Johann Wolfgang von Goethe schwärmte einst von Longos’ Werk es sei ein Meisterstück, das er oft gelesen und bewundert habe und in dem

„Verstand, Kunst und Geschmack auf ihrem höchsten Gipfel erscheinen.“

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe. Band 2, Leipzig 1836

Moderne Adaptionen[Bearbeiten]

Opern[Bearbeiten]

Ballett[Bearbeiten]

Kino[Bearbeiten]

Das Werk wurde 1931 von Orestis Laskos als Film umgesetzt, der als einer der ersten griechischen Kino-Klassiker gilt und mit der für die damalige Zeit unüblichen Nacktheit in einigen Szenen für Furore sorgte.

Die Geschichte diente auch als Vorlage für den 1963 entstandenen Film Μικρές Αφροδίτες (Mikres Afrodites), oder auch „Junge Aphroditen“, vom griechischen Filmemacher Nikos Koundouros, mit einem Drehbuch von Vassilis Vassilikos.

Übersetzungen und Editionsgeschichte[Bearbeiten]

Der Roman wurde 1559 von Jacques Amyot, dem späteren Bischof von Auxerre, ins Französische übersetzt, diese Version (insbes. in der Überarbeitung von Paul-Louis Courier) fand weitere Verbreitung als der griechische Originaltext. Dieser wurde erst 39 Jahre später in Florenz von Columbani erstmals gedruckt.

Bedeutende weitere Ausgaben sind die von

André J. Pons' Ausgabe (1878) von Couriers Version enthält eine umfangreiche Bibliographie; zahlreiche illustrierte Ausgaben liegen vor, die mit den Zeichnungen von Pierre Paul Prud’hon ist besonders hervorzuheben.

Stil und Rezeption[Bearbeiten]

Longos wandelt in seiner idyllischen Geschichte die Poesie in epische Prosa. Die gesprochene Rede dominiert die Schriftlichkeit, wird gleichsam moderner Hörbuchstoff, weshalb dieses bukolische Werk auch als frühes Beispiel für einen Schäferroman einzuordnen ist.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb, man tue wohl, es alle Jahre einmal zu lesen. Und schwärmt:

die herrliche Landschaft, immer der blaueste Himmel, die anmutigste Luft und keine Spur von trüben Tagen! Wenn auch viel von Hirten aller Art, Feldarbeitenden, Gärtnern und Winzern erzählt wird, so ist ihr Tun doch nie als harte Arbeit geschildert, sondern als eine Beschäftigung, die sich in die umgebende Natur einfügt.

Daphnis und Chloe war Vorlage für viele Werke der europäischen Hirtendichtung des 16./17. Jh., z. B. La Sireine von Honoré d'Urfé, die Diana enamorada von Jorge de Montemayor, die Aminta von Torquato Tasso und The Gentle Shepherd des Schotten Allan Ramsay. Noch der immens erfolgreiche Roman Paul et Virginie (1784) von Bernardin de Saint-Pierre ist ein später Nachfahre. In der Musik wurde die Geschichte von Daphnis und Chloé durch die Umsetzung als Ballett von Maurice Ravel aus den Jahren 1909-1912 bekannt.

Literatur[Bearbeiten]

Textkritische Ausgaben[Bearbeiten]

  • Michael D. Reeve (Hrsg.): Daphnis and Chloë. Saur, München 2001, ISBN 3-598-71932-9
  • Otto Schönberger: Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. Akademie-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-05-000569-6.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Niklas Holzberg: Der antike Roman. Eine Einführung. Artemis und Winkler, Düsseldorf 2001, ISBN 3-538-07115-2.
  • Richard L. Hunter: A study of „Daphnis and Chloë“. CUP, Cambridge, Mass. 1983, ISBN 0-521-25452-3.
  • Heinrich Kuch (Hrsg.): Der antike Roman. Untersuchungen zu literarischen Kommunikation und Gattungsgeschichte Akademie-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-05-000578-5.
  • Whitmarsh, Tim: The Cambridge Companion to the Greek and Roman Novel"" Cambridge 2008.
  • Günter Wojaczek: Daphnis. Untersuchungen zur griechischen Bukolik. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1969 (Beiträge zur klassischen Philologie 34)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Daphnis und Chloe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien