Das Unbehagen in der Kultur
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Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel eines großen Essays von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Freud veröffentlichte ihn 1929/1930 aus Anlass der Diskussionen innerhalb der psychoanalytischen Bewegung über die Möglichkeiten der Neurosenprophylaxe, die auf eine Politisierung der Psychoanalyse (Freudomarxismus) hinausliefen.
Freud holt zur Abwehr der Politisierung der Psychoanalyse in Das Unbehagen in der Kultur weit aus und befasst sich mit der allgemeinen Frage, warum Menschen oft eine Abneigung gegen ihre eigene Kultur hätten. Er bekräftigt seine Todestriebtheorie und kommt – anhand von Berichten der damaligen Völkerkunde, die er bereits in Totem und Tabu verarbeitet hatte – zu dem Schluss, dass jede Kultur dazu zwinge, bestimmte Triebe einzuschränken. Der Mensch lebe also in seinen Kulturen immer in einem teilweisen Widerspruch zu seiner biologischen Veranlagung/Trieben.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Zusammenfassung wichtiger Thesen
[Bearbeiten] Natur des Menschen
Die Handlungen des Menschen würden nach Freud zwei entscheidende Ziele erkennen lassen: 1.) Vermeiden von Schmerz und Unlust und 2.) Erfüllen ihrer Triebe zum Erreichen von Lustgefühlen. Das Vermeiden von Schmerz habe dabei in der Regel Vorrang (s. Lustprinzip). Beide Ziele seien aber nur sehr begrenzt erfüllbar – Leben bedeute immer auch Schmerz bzw. Unlust. Glück könne der Mensch nur vorübergehend empfinden, da er sich schnell an seine Lage gewöhne.
In Das Unbehagen in der Kultur greift Freud eine Theorie auf, die er in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) entwickelt hat: Zwei gegensätzliche Grundtriebe würden das Handeln des Menschen bestimmen:
- Der Eros, der Trieb zur Vereinigung, der sich z. B., aber nicht nur im Sexualtrieb äußere,
- Der Thanatos, der Todestrieb, der Trieb zur Zersetzung oder Zerstörung von Vereinigungen.
Diese Triebe seien in der Praxis schwer voneinander zu trennen, da viele Handlungen aus einer Mischung beider Triebe entstehe (Ein anschauliches Beispiel für diese Mischung wäre Sadismus als sexuelle Praxis).
[Bearbeiten] Freuds Verständnis von Kultur
Kultur – als Summe der Leistungen und Einrichtungen, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen unterscheidet – sei alles, womit sich der Mensch gegen die Natur schütze und/oder was das Zusammenleben der Menschen regle. Außerdem verlange der Mensch von einer Kultur Ordnung, Reinlichkeit, Schönheit und die Pflege höherer psychischer Tätigkeiten, wie z. B. Philosophie und Kunst. Diese vier Punkte würden allerdings nicht nur geschätzt wegen eventuellen Nutzens, sondern auch als reiner Selbstzweck.
[Bearbeiten] Entstehung der Kultur
Sigmund Freud entwickelt eine Theorie, warum die Menschen Kulturen gebildet haben. Zwei Gründe seien hier entscheidend:
- Die „Macht der Liebe“ (Kapitel IV) habe dazu geführt, daß Männer und Frauen Familien gebildet hätten. Dafür hätten sie unterschiedliche Gründe gehabt: Der Mann habe so am ehesten seinen ständig vorhandenen Sexualtrieb ausleben können. Die Frau habe unbedingt ihr Kind schützen wollen, da es ein ehemaliger Teil von ihr gewesen sei. Da der Mann im allgemeinen stärker gewesen sei, habe die ständige Partnerschaft den besten Schutz geboten.
- Der „Zwang zur Arbeit“ durch die „Not von außen“ (beide Kapitel IV) habe dazu geführt, daß Menschen Arbeitsgemeinschaften gebildet hätten: Die Menschen hätten erkannt, daß sie durch Arbeit ihr Leben verbessern könnten. Durch Arbeiten in Gemeinschaften seien dabei noch bessere Ergebnisse entstanden.
[Bearbeiten] Widersprüche zwischen der Kultur und der Natur des Menschen
Obwohl jede Kultur nach Freud auf der „Macht der Liebe“ aufbauen würde, käme es bald zu ‘‘Gegensätzen zwischen der Liebe und der Kultur‘‘ (Kapitel IV):
- Widerspruch zwischen Familie und Kulturgemeinschaft: Die Kulturentwicklung würde eine immer stärkere Zusammenballung der Menschen in Arbeitsgemeinschaften fordern. Die Familie dagegen wolle aber ihre einzelnen Mitglieder nicht an die Allgemeinheit abtreten. Dies sei auch der Grund für Aufnahmeriten in die Gemeinschaft der Erwachsenen (wie z. B. Konfirmation oder Jugendweihe), sie sollten es Jugendlichen erleichtern, sich von der Familie zu lösen.
- Widerspruch zwischen den Interessen der Frau und den Kulturaufgaben: Nach Freud würden vor allem Männer die wachsenden Aufgaben der Kulturgemeinschaft übernehmen. Um sie schaffen zu können, müssten sie ihre Triebenergie auf entsprechende Ziele umlenken. Das geschehe zu Lasten der Frau, die sich benachteiligt fühle. Deswegen werde sie zunehmend kulturfeindlich.
- Widerspruch zwischen den Ansprüchen des Sexualtriebes und der Kultur: Um die Aufgaben der Kultur zu bewältigen, werde Energie benötigt. Diese Energie müsse dem Sexualleben entzogen werden. Aus Angst, diese Unterdrückung des Sexualtriebes nicht zu schaffen, werde Sex von der Gesellschaft verteufelt und mit strengen Regeln bedacht, wie z. B. nur einen Sexualpartner zuzulassen. Diese Regeln seien aber nie vollkommen durchsetzbar.
Außerdem würden die Bedürfnisse der Kultur im Gegensatz stehen zu dem Todestrieb der Menschen, der sich zum Beispiel als Aggressionsneigung gegen andere Menschen zeigen könne. Jede Kultur müsse Schutzmaßnahmen gegen Aggressionen der Menschen schaffen, da Triebe stärker wären als gemeinsame Interessen, wie z. B. der Nutzen von Arbeitsgemeinschaften.
„[D]as wichtigste Problem der Kulturentwicklung“ (Kapitel VIII) nennt Freud das Schuldgefühl. Nach Freud überwacht eine moralische Instanz das Handeln des Menschen: das sogenannte „Über-Ich“. Das Über-Ich registriere Trieb-Verlockungen, die z. B. gesellschaftlich verboten oder verpönt seien. Wenn der Mensch diesen Triebverlockungen unterliege, würde er vom Über-Ich durch ein schlechtes Gewissen gestraft. Allerdings bestrafe das Über-Ich nicht nur, wenn der Mensch gegen ein Verbot verstoße, sondern auch beim bloßen Auftreten solch einer Triebregung. Da eine Triebregung stärker werde, wenn der Mensch ihr nicht folge, und die Kulturentwicklung immer stärkere Trieb-Verzichte fordere, steige mit fortschreitender Kulturentwicklung auch das Schuldgefühl der Menschen.
[Bearbeiten] Freuds Kritik an Religionen
Freud bezeichnet eine Religion als ein „System von Lehren und Verheißungen“ (Kapitel II), die eine vollständige Erklärung der Rätsel unserer Welt biete. Er nennt die religiöse Idee eines „Übervaters“ „offenkundig infantil“ und „wirklichkeitsfremd“ (alle Kapitel II). Seiner Meinung nach müsse jeder Mensch einen eigenen Weg finden, seine Lebensziele (siehe 1.1 „Natur des Menschen“) zu erfüllen. Die Religion aber zwinge allen Menschen den gleichen Weg dazu auf, und könne ihre Versprechungen nicht halten.
Freud kritisiert auch das Ideal der Nächstenliebe („Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“), das als eine Grundidee des Christentums gilt. Allerdings sei dieses Ideal älter als das Christentum, also nicht unbedingt ein rein religiöses Ideal. Freud sagt, dass Liebe große Opfer und Pflichten mit sich bringe. Jeden zu lieben sei dem Menschen wegen seiner begrenzten Kräfte nicht möglich. Die Liebe zu wahren Freunden werde herabgesetzt, wenn sie pauschal jedem Menschen zugesichert werde. Außerdem schließe die Nächstenliebe ein, auch Liebe für seine Feinde zu empfinden. Das könne sogar kulturschädigend sein, da Menschen, die dieses Ideal nicht befolgen würden, im Vorteil wären – sie könnten Anderen nun leichter Schaden zufügen. Freud formuliert als seiner Ansicht nach bessere Forderung: „Liebe deinen Nächsten wie dein Nächster dich liebt“.
[Bearbeiten] Abwehr der Politisierung der Psychoanalyse
[Bearbeiten] Freuds Zurückschrecken vor praktischen Konsequenzen
Freud war von Beginn an, wie er sagte, nicht so sehr Seelenarzt, sondern eher ein „Konquistadorentemperament“, jemand, der noch unerforschte geistige Kontinente erobern will. Dabei stieß er aber schon früh an seine inneren Grenzen. Denn obwohl er, nach Eroberung des Kontinents des Unbewussten, durch seine Neurosenlehre im Grunde „die gesamte Menschheit zum Patienten“ gemacht hatte – schon wegen der ubiquitären Verbreitung der Religionen und ihrer säkularen Ersatzideologien – scheute er zurück, wenn es um die praktische Konsequenz dieser Auffassung ging: Konkrete Gesellschaftskritik und politische und pädagogische Schritte zur Neurosenprophylaxe lehnte er seiner inneren Einstellung nach ab.
[Bearbeiten] Otto Gross
Den ersten seiner Schüler, der hier Konsequenzen aus Freuds Erkenntnissen zu ziehen begann, Otto Gross, verbannte Freud regelrecht aus dem Kreis seiner Schüler.[1] Damals, 1908, besiegelte Freud den Vorgang mit seiner theoretischen Gegenschrift Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität.
[Bearbeiten] Wilhelm Reich
Der unterdrückte Impuls lebte aber in den 1920er Jahren unter einigen seiner Schüler wieder auf, diesmal kräftiger in Gestalt des sog. Freudomarxismus. Der theoretisch und politisch aktivste Freudomarxist war in den zwanziger Jahren Wilhelm Reich. Reich schrieb in seiner wissenschaftlichen Autobiographie: „Die wenigsten wissen, dass Freuds Unbehagen in der Kultur in den erwähnten Kulturdiskussionen [im engeren Kreis um Freud] zur Abwehr meiner aufblühenden Arbeit und der von ihr ausgehenden ‚Gefahr‘ entstand.“[2]
Freuds Buch bestätigt deutlich, insbesondere auf den letzten Seiten, daß es gerade in der Auseinandersetzung mit Reich entstanden war. Als Reich jedoch nicht einlenkte, wurde auch er, 1934, von Freud aus dem Kreis der Psychoanalytiker ausgeschlossen.[3]
[Bearbeiten] Frankfurter Schule und 68er
Ein weiterer gesellschaftskritischer und politisierender Ansatz zur Verbindung aus Marxismus und Freuds Denken und zur Kritik am unbehaglichen Gegensatz von Natur und Kultur entwickelte sich ab den späten zwanziger Jahren in Form der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Führende Persönlichkeiten waren hier vor allem Max Horkheimer, Theodor Adorno und Erich Fromm.
Mit der 68er-Bewegung gewann der Ansatz der Frankfurter Schule, der u. a. besonderes Gewicht auf die Erforschung der autoritären Persönlichkeit legte, vorübergehend in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften an Einfluss. Der nicht offen ausgetragene Konflikt zwischen Freud und Reich, der Freud einst zur Darlegung seiner Position veranlasste, wurde in diesen Diskursen nicht näher thematisiert.
[Bearbeiten] Literatur
- Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1930 [1], Erstdruck. – (Zahlreiche Neuausgaben, z. B. in: Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften, Fischer, 2001, S. 29–108. ISBN 3-596-10453-X)
- Gerhard Gamm: Interpretation. Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur., in: Interpretationen. Hauptwerke der Sozialphilosophie, Reclam, 2001, S. 108–133. ISBN 3-15-018114-3
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ Eine konzise Darstellung des Vorgangs findet sich hier
- ↑ Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. (1942) Köln: Kiepenheuer & Witsch 1969, S. 181
- ↑ Vgl. z. B. Sigmund Freud contra Wilhelm Reich

