Freudomarxismus

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Der Freudomarxismus ist eine Gesellschaftstheorie, die aus einer Verbindung der Theorien von Freud (Psychoanalyse) und Marx (Marxismus) in den 1920er Jahren entstanden ist. Der Freudomarxismus, der seinerzeit weder in der Psychoanalyse noch im Marxismus politischen Einfluss gewinnen konnte, kam erst in den 1960er Jahren durch die Neue Linke (68er-Bewegung) zu einer gewissen Geltung.

Grundlegung durch Wilhelm Reich[Bearbeiten]

Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich war der bekannteste Vertreter des frühen Freudomarxismus. Er versuchte eine Synthese der marxistischen Methode des dialektischen Materialismus mit der Psychoanalyse. Reich wollte zeigen, dass die rein klinische Psychoanalyse nichts enthält, was im Widerspruch zum Marxismus steht. Es bestand aber ein Widerspruch zwischen dem Marxismus und jener Psychoanalyse, die Freud in den 1920er Jahren immer mehr zu einer pessimistischen Haltung bezüglich der menschlichen Natur in der Kulturphilosophie (vgl. Todestrieb) ausbaute.

Reich betonte demgegenüber, dass die Psychoanalyse eine radikale Gesellschaftskritik beinhalte. Er hoffte deshalb, wie vor ihm Otto Gross, die Psychoanalyse könne erst im Sozialismus bzw. Kommunismus breite Anerkennung finden und ihr volles Potential entfalten. Diese Haltung Reichs war ein Grund dafür, dass er immer mehr in Konflikt mit Freud geriet. Während andere damalige Freudomarxisten wie Otto Fenichel, Siegfried Bernfeld oder Erich Fromm in der psychoanalytischen Bewegung durchaus toleriert wurden, wurde Reich 1934 auf Betreiben von Freud ohne offizielle Begründung aus ihr ausgeschlossen. Dies zeigt, dass der Konflikt zwischen Freud und Reich, der bereits vor Reichs Hinwendung zum Marxismus begonnen hatte, tiefere Gründe hatte als Reichs Freudomarxismus.

Grundannahmen des Reich'schen Freudomarxismus sind:

  • Die Gesellschaft leide unter einer Massen-Neurose. Dieser Gedanke wurde schon in Freuds Das Unbehagen in der Kultur angesprochen, ohne dort jedoch weiter spezifiziert zu werden.
  • Die Ursache für die Neurosen des Einzelnen sei die gesellschaftliche Unterdrückung des Individuums durch Kapitalismus, Arbeit, Macht. Insbesondere im sexuellen Bereich werde diese, etwa durch Vorschriften und falsche Moralvorstellungen, die diese Ordnung aufrechterhalten sollen, erfahrbar.
  • Die sexuelle Befreiung des Einzelnen sei eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Befreiung in der Revolution. Sexuelle Befreiung sei ebenso wie anderweitige Emotionalität ein Teil einer gesamtgesellschaftlichen revolutionären Bewegung.

Weiterentwicklungen[Bearbeiten]

Mit Reichs Ansatz, Psychoanalyse mit dem Marxismus zu verbinden, sympathisierten vor allem viele junge Berliner Psychoanalytiker. Reichs Ideen wurden insbesondere durch Erich Fromm und Karen Horney aufgenommen, verändert und weiterentwickelt. Beide betonten aber stärker die gesellschaftlichen Faktoren bei der Entstehung von Neurosen. Libidinöse Faktoren traten hingegen zunehmend in den Hintergrund.

Auch die Vertreter der Kritischen Theorie waren stark von Marx und Freud beeinflusst, insbesondere der von Heidegger inspirierte Herbert Marcuse. Er entwirft seine Theorie allerdings, im Gegensatz zu Reich, auf der Basis der Todestriebtheorie des späten Freud. Deshalb distanziert er sich (in seinem Buch Eros and Civilization, 1955, dt. zuerst Eros und Kultur, dann Triebstruktur und Gesellschaft) von Reich, den er als undifferenziert und "primitiv" bezeichnet.

Ob die Theorien von Fromm, Horney, Marcuse und anderen als Weiterentwicklungen oder Verwässerungen der ursprünglichen Ansätze zu sehen sind, blieb umstritten und letztlich ungeklärt. Reich selbst revidierte seine einschlägigen Schriften in den 1940er Jahren, so dass sein Freudomarxismus zwar durch (ungenehmigte) Nachdrucke der Frühschriften in den Jahren um „1968“ bekannt wurde, in den regulären Ausgaben seiner Schriften (ab 1969) aber kaum noch kenntlich ist.

Auf feministischer Basis versucht Shulamith Firestone die Ansätze von Wilhelm Reich aufzunehmen (in: The Dialectic of Sex (1970), deutsch: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution). Der Freudomarxistische Feminismus kann vor allem auf die amerikanische Frauenbewegung Einfluss nehmen.

In der Arbeit mit Gruppen haben argentinische Psychoanalytiker unter der Bezeichnung Grupo Operativo eine Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse entwickelt, die in der Bildung, aber auch in Psychiatrie, Psychotherapie und Organisationsentwicklung zur Anwendung kommt.

Auswirkungen auf die 68er[Bearbeiten]

Insbesondere durch Marcuses Arbeiten erfuhr der Freudomarxismus in der deutschen und französischen 68er-Bewegung Anerkennung. Im Vorfeld der Mai-Unruhen 1968 in Paris bezogen sich insbesondere die revoltierenden Studenten der Universität Nanterre um Daniel Cohn-Bendit auf Wilhelm Reich. In ihrer "Schlafzimmerrevolte" (Boadella) erzwangen sie unter anderem die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Studentenwohnhäusern der Universität Nanterre.

Ausgewählte Literatur[Bearbeiten]

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  • Siegfried Bernfeld: Psychoanalyse und Sozialismus. In: Der Kampf, Wien 1926, S. 385 ff.
  • Wilhelm Reich: Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse (1929); div. Nachdrucke 1968 ff.
  • Reimut Reiche: Sexualität und Klassenkampf'. Zur Kritik repressiver Entsublimierung. Berlin 1968.
  • Hans-Peter Gente (Hrsg.): Marxismus, Psychoanalyse. In: Sexpol. Band 1. Fischer-TB, Frankfurt am Main 1970 (Originalarbeiten).
  • Hans Jörg Sandkühler: [Einleitung]. Psychoanalyse und Marxismus. Dokumentation einer Kontroverse. In: [Siegfried] Bernfeld/[Wilhelm] Reich/[W.] Jurinetz/[I.] Sapir/[A.] Stoljarov: Psychoanalyse und Marxismus. Dokumentation einer Kontroverse. [Mit einer Vorbemerkung und einer] Einleitung von Hans Jörg Sandkühler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1970, S. 7-45.
  • Hans-Peter Gente (Hrsg.): Marxismus, Psychoanalyse. Sexpol. Band 2. Fischer-TB, Frankfurt am Main 1972 (Aktuelle Diskussion).
  • George Lichtheim: Freud and Marx. In: Jonathan Miller (Hrsg.): Freud. The man, his world, his influence. George Weidenfeld and Nicolson, London 1972, ISBN 0 297 99531 6, S. 55-69 und S. 167-168.
  • Helmut Dahmer: Libido und Gesellschaft. Studien über Freud und die Freudsche Linke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973.
  • Michael Schneider: Neurose und Klassenkampf. Materialistische Kritik und Versuch einer emanzipativen Neubegründung der Psychoanalyse. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1973, ISBN 3 499 25026 8.
  • Karl-Heinz Braun: Kritik des Freudomarxismus. Pahl-Rugenstein, Köln 1979.
  • Jean Laplanche: Über Marcuse und die Psychoanalyse. Aus dem Französischen übersetzt von H. J. Grune, U. Sperling [und] H. Zischler. Merve Verlag, Berlin 1970.
  • Karl Fallend/Bernd Nitzschke (Hrsg.): Der "Fall" Wilhelm Reich. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997.
  • Siegfried Kätzel: Marxismus und Psychoanalyse. Eine ideologiegeschichtliche Studie zur Diskussion in Deutschland und der UdSSR 1919-1933. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1987.
  • Eugene Victor Wolfenstein: Psychoanalytic-Marxism. Groundwork. Free Association Books and Guilford Publications, London/New York 1993.
  • Hans-Martin Lohmann: Marxismus. In: Hans-Martin Lohmann/Joachim Pfeiffer (Hrsg.): Freud-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2006, ISBN 3-476-01896-2, S. 373-376.
  • Moshe Zuckermann: Was ist Freudomarxismus?, Melodie und Rhythmus 5/2014, S. 30