Derwisch

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Drehende Derwische des Mevlevi-Ordens in der Türkei, Februar 2006

Der Ausdruck Derwisch bezeichnet vor allem in den europäischen Sprachen einen Sufi, einen Angehörigen einer muslimischen asketisch-religiösen Ordensgemeinschaft (tariqa), die im Allgemeinen für ihre Bescheidenheit und Disziplin bekannt ist.

Derwische praktizieren den Sufismus und gelten als Quelle der Klugheit, der Heilkunst, der Poesie, der Erleuchtung und der Weisheit. Zum Beispiel wurde Nasreddin nicht nur für Muslime zu einer Legende im Orient.

Etymologische Herkunft[Bearbeiten]

Wereschtschagin: Derwische im Festtagsschmuck (1869–1870)
Ein türkischer Derwisch in den 1860ern, Gemälde von Amedeo Preziosi

Die Bezeichnung kommt aus dem persischen Wort darwīsch (‏درویش‎), das normalerweise einen asketischen Mönch bezeichnet. Dieses letzte Wort wird auch verwendet, um eine unerschütterliche oder asketische Wendung darwaishanathabiyath auszudrücken (wie in Urdu ein asketischer Charakterzug); das heißt, eine Haltung, die materiellem Besitz und dergleichen gegenüber gleichgültig ist. Die volle persische Übersetzung für Derwisch ist „Bettler“. Dabei ist es aber nicht unbedingt wörtlich zu verstehen, dass jeder Derwisch ein Bettler ist; sondern dieser Begriff dient auch als Symbol dafür, dass derjenige, der sich auf dem Weg des Sufismus befindet, seine eigene „Armut gegenüber Gottes Reichtum“ erkennt.

Der Begriff Derwisch selbst leitet sich her vom persischen Wort dar („Tor“, „Tür“), ein Sinnbild dafür, dass der Bettler von Tür (-schwelle) zu Tür (-schwelle) wandert. In der sufischen Symbolik bedeutet dies auch die Schwelle zwischen dem Erkennen der diesseitigen irdischen (materiellen, siehe auch dunya) und der jenseitigen göttlichen Welt.

Westliche Autoren haben des Öfteren die Bezeichnung Derwisch historisch ungenau verwendet und unter anderem mit dem Aufstand des Mahdi im Sudan und anderen antikolonialistischen Aufständen in Verbindung gebracht.

Bunt gekleidete Derwische in Pakistan und Afghanistan und im Osten des Iran mit und ohne spiritueller Abstammung von einem bestimmten Orden heißen Malang. Der Begriff kann einen Fakir, eine Art Zauberer/Magier oder einen wandernden Sufi-Mönch (Qalandar) bezeichnen.

Religiöse Praxis[Bearbeiten]

Tanzender Derwisch im Sudan, Februar 2005
Drehende Derwische des Mevlevi-Ordens in Istanbul, April 2006

Zahlreiche Derwische legen das Armutsgelübde ab und leben in mönchisch zurückgezogener Askese. Einige wählen die Existenz als Bettler, andere sind berufstätig; ägyptische Qadiriten – in der Türkei Kadiri genannt – sind z. B. Fischer.

In der Regel sind traditionelle Derwischvereinigungen (Sufiorden oder Tariqas) über eine spirituelle Kette (silsila) entweder über Ali oder Abu Bakr direkt mit dem Propheten Mohammed verbunden. Sie leben nach einer Mönchsregel, in gewissem Sinn manchmal mit christlichen Mönchsorden vergleichbar, es existieren aber auch Unterschiede wie beispielsweise das Gebot zur Führung eines Ehelebens. Verschiedene Ordensgemeinschaften und deren Untergruppierungen sind im Lauf der Jahrhunderte entstanden und auch wieder verschwunden.

Der ekstatische Trancetanz (sema), der im Mevlevi-Orden der Türkei ausgeübt wird, gilt als eine der körperlichen Methoden, in religiöse Ekstase (majdhb, fana) zu verfallen und mit Allah in Kontakt zu kommen (siehe auch dhikr). Die Kopfbedeckung der Mevlevi-Derwische heißt Sikke.

Die Bektaschi, die geschichtlich eng mit den Aleviten verknüpft sind, praktizieren unorthodoxe Bräuche, wie beispielsweise den Genuss von Alkohol oder Gottesdienste ohne geschlechtliche Trennung.

Die Sanusiya in Nordafrika sind dagegen strenggläubig und verstehen die Meditation als Teil der reinen islamischen Lehre. Andere Orden und Untergruppen singen Koranverse, trommeln oder tanzen intensiv, gemäß ihren jeweiligen Traditionen. Einige praktizieren die stille Meditation (z. B. Naqschbandi), wie die meisten Sufiorden in Südasien, manche sind vom Chishti-Orden beeinflusst. Jede Vereinigung hat ein eigenes Ordensgewand und besondere Methoden der Aufnahme und der Initiation.

Die drehenden Derwische sind besonders in der Türkei zu einer touristischen Attraktion geworden, der Heimat des Mevlevi-Ordens aus Konya. Heute werden ihre Sema-Zeremonien allein zu diesem Zweck veranstaltet, seit Mustafa Kemâl Pascha (genannt Atatürk), der Gründer der Türkischen Republik, die Rituale der Mevlevi-Derwische mit dem Gesetz Nr. 677[1] verbieten ließ. Seit 1954 darf der Sema anlässlich des Jahrestages von Rumis Tod am 17. Dezember wieder vollzogen werden, allerdings nicht im Mutterhaus der Tariqa, sondern in einer Sporthalle.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Reshad Feild: Ich ging den Weg des Derwisch. Das Abenteuer der Selbstfindung. 10. – 12. Tsd. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2000, ISBN 3-499-60456-6 (rororo. rororo-Sachbuch. rororo-Transformation 60456).
  • Pir Vilayat Inayat Khan: Der Ruf des Derwisch. Synthesis-Verlag, Essen 1996, ISBN 3-922026-07-9.
  • Jens Peter Laut: „Derwisch“: Eine gewagte Worterklärung. In: Thomas Jürgasch u. a. (Hrsg.): Gegenwart der Einheit. Zum Begriff der Religion. Festschrift anläßlich des 60. Geburtstages Bernhard Uhdes. Rombach, Freiburg (Breisgau) u. a. 2008, ISBN 978-3-7930-9550-7, S. 301–311.
  • Gerhard Schweizer: Die Derwische. Heilige und Ketzer des Islam. 2. Auflage. Verlag Das Bergland-Buch, Salzburg 1984, ISBN 3-7023-0111-9.
  • Idries Shah: Die Sufis. Botschaft der Derwische, Weisheit der Magier. Hugendubel, Kreuzlingen u. a. 2006, ISBN 3-7205-2849-9.
  • Muhyiddin Shakoor: Aufs fließende Wasser geschrieben. Mein Werdegang zum Derwisch. Der Erfahrungsbericht eines westlichen Suchers auf dem Schulungsweg der Sufis. Barth, Bern u. a. 1991, ISBN 3-502-67561-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Derwisch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Derwisch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gesetz Nr. 677 vom 30. November 1925 über das Verbot und die Schließung der Derwischorden, der Klöster und Mausoleen, über das Verbot des Berufs der Mausoleenwächter und der Führung und Verleihung einiger Titel, RG Nr. 243 vom 13. Dezember 1925.