Die Kreutzersonate

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Kreutzersonate aufgeführt.

Die Kreutzersonate ist eine Novelle von Lew Nikolajewitsch Tolstoi, geschrieben 1887/89. Die Erstveröffentlichung erfolgte 1890 in deutscher Übersetzung, hrsg. von Raphael Löwenfeld. In Russland durfte die Novelle erst 1891 erscheinen.

Deutsche Ausgabe zu Lebzeiten Tolstois

Inhalt[Bearbeiten]

Posdnyschew, Mörder seiner Frau, wegen Handelns aus Eifersucht freigesprochen, frühzeitig ergraut, mit blitzenden Augen und nervösem Gebaren, hört auf einer längeren Zugfahrt, wie die Reisenden über Liebe als Grundbedingung für eine glückliche Ehe diskutieren – eine Ansicht, die vor allem von einer nicht mehr jungen, nicht sonderlich attraktiven, rauchenden Dame vertreten wird. Ein alter Kaufmann dagegen vertritt rigoros patriarchalische, antiquiert anmutende Ansichten. Endlich, nachdem die meisten ausgestiegen sind, erzählt Posdnyschew seine Geschichte: Als junger Mann, nach Jahren des Alleineseins beschließt er zu heiraten. Obwohl er körperliche Begehrlichkeiten als „tierisch“ ablehnt, ist er von der Sinnlichkeit seiner Frau angezogen und fasziniert, sie bekommen fünf Kinder. Seine Gattin – sie ist eine nun dreißigjährige Schönheit – erfährt, dass sie aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder mehr bekommen darf, damit ist jede körperliche Beziehung zu Ende. Sie widmet sich nun ihren persönlichen Neigungen, besonders dem Klavierspiel. Posdnyschew argwöhnt, dass sie nach einer neuen Liebe Ausschau hält, und er vergeht vor Eifersucht, wenn sie in dem gemeinsamen Haus mit einem Geiger musiziert (die „Kreutzersonate“). So kommt es zur Zuspitzung des Ehekonflikts, er tötet die vermeintliche Ehebrecherin.

Interpretationsansatz[Bearbeiten]

französische Ausgabe

Tolstoi verwendet für seine Kritik an der russischen Gesellschaft und der Ehe im Besonderen zwei Wege: Zuerst lässt er die Passagiere in einem Eisenbahnwaggon über die russische Gesellschaft in Bezug auf Ehe und Liebe diskutieren. Dabei plädieren einige Figuren für den Erhalt der „alten Bräuche“, dass die Frau sich dem Mann unterzuordnen hat und sich dieser sozialen Stellung bewusst werden muss. Andere votieren für eine Gleichberechtigung und die verbesserte Bildung der Frauen bzw. Mädchen. Vor allem zu Beginn der Erzählung schweift die Hauptfigur Posdnyschow von der eigentlichen Schilderung seiner Entwicklung und seines Ehelebens zu traktatartigen Monologen über den Verfall der Sitten, der „Versklavung der Frau“ (Posdnyschow spricht immerhin vom Körper seiner Frau, welcher ihm als Eigentum zustehen könnte) in der Ehe und der Abkehr von christlichen Werten. Mit fortschreitender Erzählung wird Posdnyschow immer mehr von seiner Beschreibung der eigenen Ehe mit einer Frau, die er nicht liebt und nur auf Grund einer zeitweiligen Verliebtheit geheiratet hat, gefangen genommen, wobei deutlich wird, dass seine Eifersucht, scheinbar der Grund für das Scheitern der Ehe und den Mord, nur eine wahnhafte Einbildung ist. Posdnyschow sieht sich selbst als von der Gesellschaft in einem Maß verdorben an, dass eine glückliche Ehe, die frei von sexueller Ausschweifung im gegenseitigen Unverständnis in der damaligen russischen Gesellschaft mit ihm nicht möglich ist.

Mit dieser Novelle ist Tolstoi ein tiefgreifendes Psychogramm einer zerrütteten Ehe gelungen. Die Hauptfigur hat gelernt, sich bei ihren Handlungen zu beobachten und jede noch so kleine Tat bewusst wahrzunehmen. Außerdem ist die ethische Dimension eines Ehebruchs mit eingeflochten. Daraus ergeben sich weiterführende Fragen:

  • Gehören sich Ehegatten gegenseitig bedingungslos?
  • Darf die Sexualität nur der Kinderzeugung dienen? (ergibt sich aus Kap. XIII)
  • Inwieweit hat der Ehebrecher Truchatschewskij eine moralische Verfehlung begangen?

Letztlich bleiben die Fragen unbeantwortet. Die Theorie der sich gegenseitig gehörenden Ehegatten wird praktisch sofort in Frage gestellt, denn Posdnyschow erkennt, dass er gar keine Gewalt über den Körper seiner Frau hat bzw. haben kann (XXV). Das christliche Problem des lustlosen Kinderzeugens wird ebenfalls nicht eindeutig gelöst, das Problem taucht in Kapitel XIII auf und wird als „Affentätigkeit“, welche als Liebe deklariert wird, dargestellt. Als „Vorwort“ wird von Tolstoj Matth. 5,28 angeführt; sinngemäß: „… wer eine Frau begehrlich ansieht hat schon die Ehe gebrochen.“ Die Absicht dazu wäre das entscheidende Moment. Diese Ansicht wird von vielen Theologen und Philosophen geteilt. Wichtig für eine genauere Beurteilung wäre die Frage, ob Truchatschewskij in die Absicht des Ehebruches eingewilligt hat. Dies bleibt jedoch ein bisschen verschwommen. Hat er nicht eingewilligt, so hätte er nach Peter Abaelard (scito te ipsum §8) auch nicht moralisch falsch gehandelt. Für Abaelard ist entscheidend, ob derjenige in die böse Handlung einwilligt, oder ob es bei einem bloßen Begehren bleibt.

Nachwort[Bearbeiten]

Tolstoi schloss die Kreutzersonate am 26. August 1889 ab, zehn Jahre später, am 24. April 1900, verfasste er als Antwort auf die vielen Briefe ein Nachwort, was ich eigentlich über das Thema, den Kern der von mir unter dem Titel »Die Kreutzersonate« veröffentlichten Erzählung denke.

Was als eindringlich geschildertes Ehedrama und subtile psychologische Studie in die Weltliteratur eingegangen ist, wird durch Tolstois Erklärung nun zu einem puritanischem Benimmbuch für die Jugend. Mochte es zunächst so erscheinen, als habe Tolstoi mit der Figur des Posdnyschow eine extreme Position zum Ausdruck bringen wollen, das Psychogramm eines krankhaft eifersüchtigen, emotional labilen Menschen, der die ehelichen Streitsituationen zwar minutiös schildern, aber trotz seiner Intelligenz den Teufelskreis von Wort, Widerwort und Hass nicht zu durchbrechen vermag, eines Menschen, der grundlegende Störungen in seinem Verhältnis zur Sexualität hat und der sich in wahnhaftem Zustand zu extremen Verallgemeinerungen über die Ausschweifungen der Menschen, die Tierhaftigkeit des Geschlechtlichen, die Doppelmoral der Männer, die für ihn Wüstlinge sind, den moralisch verwahrlosten Zustand der Gesellschaft, die Rolle und Emanzipation der Frau (die nur eine Farce bleibe, solange der Mann die Frau als Objekt seiner körperlichen Lust betrachte und die Frau sich dementsprechend verhalte) versteigt und der als Lösung Jungfräulichkeit und sexuelle Abstinenz predigt. Das umfangreiche Nachwort lässt uns erkennen, dass Tolstoi es damit in weiten Teilen ernst gemeint und er Posdnyschow als freilich schrilles Sprachrohr seiner eigenen moralischen, sexualhygienischen und religiösen Überzeugungen verwendet hat. Die ledigen Leute sollen in jeder Beziehung eine natürliche Lebensführung anstreben, das heißt, sie dürfen nicht trinken, nicht im Übermaß essen, kein Fleisch genießen, nicht der anstrengenden körperlichen Arbeit – die durch keine Gymnastik zu ersetzen ist – aus dem Wege gehen und den Verkehr mit fremden Frauen selbst in Gedanken so wenig wie etwa den Verkehr mit ihren eigenen Müttern, Schwestern, weiblichen Verwandten oder mit den Frauen ihrer Freunde zulassen.

Sofja Tolstaja[Bearbeiten]

In der Öffentlichkeit wurde die Frau mit Tolstois Frau Sofja gleichgesetzt. Obwohl Tolstaja sich durch die Darstellung zutiefst gedemütigt sah, setzte sie sich doch bei der Zensurbehörde für das Werk ein, in der vergeblichen Hoffnung, dass durch eine Veröffentlichung die durch Abschriften des Manuskripts bereits kursierenden Gerüchte sich auflösen würden. Sie schrieb einen Gegenentwurf: „Wessen Fehl? Die Erzählung einer Frau. (anläßlich der „Kreutzersonate“ Lew Tolstois. Niedergeschrieben von der Gattin Lew Tolstois in den Jahren 1892/1893)“, aber es kam zu keiner Veröffentlichung. Ihr Gegenroman zur „Kreutzersonate“ wurde mit einhundert Jahren Verspätung in Russland herausgegeben und 2008 unter dem Titel Eine Frage der Schuld ins Deutsche übersetzt.

Wiederkehr des Themas[Bearbeiten]

Die Erzählung Tolstois und die Figur des Geigers basiert auf Ludwig van Beethovens Violinsonate Nr. 9, welche dieser einem damals bekannten Geiger (ursprünglich nicht Kreutzer) gewidmet hatte. Aufgrund der Tolstoi-Erzählung wiederum schrieb Leoš Janáček 1923 sein gleichnamiges Streichquartett, basierend auf diesem entstand 2001 (deutsch 2002) die gleichnamige Liebesgeschichte von Margriet de Moor, diese wurde mehrfach, zuletzt 2007, verfilmt.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Die Kreutzer-Sonate, Aus dem russischen Manuskript übersetzt. Berlin 1890: Verlag von A. Deubner

(Die Übersetzung weicht an vielen Stellen von anderen, neueren Übersetzungen ab. Der Übersetzer wird bei dieser Ausgabe nicht genannt.)

Titelseite Tolstoi Kreutzer-Sonate 1890
  • Die Kreutzersonate / Die Kosaken. Aus dem Russischen übertragen von Dr. H. Roskoschny. Berlin: Schreitersche Verlagsbuchhandlung o. J.
  • Die Kreutzersonate. Dt. Bearb. v. H. Lorenz, Illustrationen v. Karl Bauer. Klagenfurt: Eduard Kaiser Verlag o. J.
  • Die Kreutzersonate: Erzählung, Aus dem Russ. von Arthur Luther. Mit Ill. von Hugo Steiner-Prag, Frankfurt am Main: Insel-Verl. 2008, ISBN 3-458-32463-1 (enthält auch das Nachwort)
  • "Die Kreutzersonate": Aus dem Russischen von Raphael Löwenfeld, mit Nachwort; Köln: Anaconda Verl. 2006, ISBN 3-938484-72-1
  • als pdf mit Nachwort

Literatur[Bearbeiten]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Die Kreutzersonate (1922) in der Internet Movie Database (englisch)
  • 1936/37 – Die Kreutzersonate – Regie: Veit Harlan
Die Kreutzersonate (1937) in der Internet Movie Database (englisch)
Kreytserova sonata (1987) in der Internet Movie Database (englisch)
The Kreutzer Sonata (2008) in der Internet Movie Database (englisch)

Weblinks[Bearbeiten]

  • Ausführlicher Artikel der Literaturzeitschrift sandammeer.at