Sándor Márai

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Porträt Sándor Márais von Lajos Tihanyi, 1924

Sándor Márai [ˈʃaːndor ˈmaːrɒi] (* 11. April 1900 als Sándor Károly Henrik Grosschmid[1] in Kaschau, Österreich-Ungarn; † 22. Februar 1989 in San Diego, USA) war einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker, Schriftsteller und Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Mit der Neuausgabe seines Romans Die Glut erfuhr er 1998 eine vielbeachtete Renaissance in Deutschland. Márai hatte unter anderem deutsche Wurzeln und schrieb zunächst auch auf Deutsch, ab 1928 publizierte er nur noch in ungarischer Sprache. Márai führte nach seiner Emigration aus Ungarn ein Wanderleben, das in Einsamkeit und Depressionen endete. Er ist der Bruder des Filmregisseurs Géza von Radványi.

Leben[Bearbeiten]

Sándor Márais Biograph Ernő Zeltner bezeichnete den Versuch seine Lebensgeschichte nachzuzeichnen „…als abenteuerliches Unternehmen“, „hat doch der Autor sein ganzes Schriftstellerleben lang einen wahren ‚Irrgarten‘ angelegt, in dem sich Fakten und Erinnerung, Biographie und Fiktion auf sonderbare Weise mischen“.[1]

Herkunft und erste Versuche als Journalist[Bearbeiten]

Sándor Márai im Alter von vier Jahren

Sándor Márai wurde in Kaschau (ungarisch Kassa, slowakisch Košice), das damals zum Königreich Ungarn gehörte (seit 1918/1919 zur Tschechoslowakei, seit 1993 zur Slowakei), als Sohn des Advokaten und späteren Königlichen Vizenotars Géza Grosschmid geboren. Márai selbst bezeichnete sich selbst mehrfach missverständlich als „Deutscher aus der Zips“, war aber mit Leib und Seele Ungar und stolz darauf, auch wenn er sein halbes Leben fern der Heimat verbrachte. Seinem Großvater Christoph Grosschmid war für treue Dienste von Kaiser Leopold II. das Adelsprädikat de Mára nach der Landschaft Maramureș in Rumänien verliehen worden. Auch wenn der Dichter bereits ab 1919 seine Zeitungsartikel mit Márai zeichnete, ersetzte er den Namen Grosschmid erst mit der Bestätigung eines Namensänderungsgesuches ab 1939 offiziell durch Márai. Seine Mutter war Lehrerin an der Höheren Mädchenschule in Kaschau.[1]

Er wuchs im Sinne einer liberalkonservativen Familientradition in Kaschau auf, das er als eine der wenigen „europäischen“ Städte Ungarns dieser Zeit bezeichnete. Über seinen Vater schrieb er Jahrzehnte später in seinen Tagebüchern: „Liberal war er, und konservativ. So wie die Besten aus seiner Generation, aber nie wußte man mit Sicherheit, ob sie eher liberal als konservativ oder eher konservativ als liberal waren. Die Zeit, die die ihrige war – vom Ausgleich bis zum Ersten Weltkrieg –, erscheint einem heute als Zeit des Friedens, des Rechts und der Prosperität.“[2]

Mit dem Ersten Weltkrieg und der Abtrennung Oberungarns aus dem ruhigen Lauf der Dinge herausgerissen, emigrierte der junge Márai nach kurzer Studienzeit in Budapest nach der Räterepublik Béla Kuns im Oktober 1919 nach Deutschland. Er studierte zunächst am Institut für Zeitungskunde der Universität Leipzig Journalistik und schrieb unter dem Namen Alexander Grosschmid de Márai nebenbei Artikel für das Satireblatt Der Drache des sächsischen Herausgebers Hans Reimann. Später setzte er seine Studien in Frankfurt am Main fort, wo er für das Feuilleton der Frankfurter Zeitung schrieb, die er für die einzige echte Weltzeitung Deutschlands hielt. Sein letzter Studienaufenthalt in Deutschland war in Berlin, wo er zwar keinen Studienabschluss erwarb, jedoch ausgiebige Erfahrungen in der lokalen gesellschaftlichen Szene sammelte.

Gedichte, Essays, Reiseberichte und erste Buchveröffentlichungen[Bearbeiten]

Statue von Sándor Márai in Košice

Márai heiratete 1923 Ilona Matzner (genannt Lola), die er bereits von zu Hause kannte. Lola, die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammte, sollte ihn 62 Jahre lang bis zu ihrem Tod begleiten. Zuerst heiratete das Paar nur standesamtlich, eine kirchliche Trauung wurde 13 Jahre später nachgeholt. Kurz nach der Hochzeit zog das Ehepaar nach Paris, wo er als Korrespondent der Frankfurter Zeitung und des Prager Tagblatts arbeitete.

Während seines Aufenthaltes in Paris verkehrte Márai an literarischen „Stammtischen“, wie dem des Journalisten Egon Erwin Kisch. Er las die Werke von Flaubert, Stendhal, Balzac u. a. im Original und brachte Duhamel und Gide besondere Wertschätzung entgegen. Er las in dieser Zeit auch die Werke von Kafka, Trakl, Benn und Else Lasker-Schüler, die er ins Ungarische übersetzte und dadurch in seiner Heimat populär machte. Eine geplante Übersetzung von Thomas Manns Roman Buddenbrooks fand keinen Verleger.

1925 nahm die angesehene literarische Kazinczy-Gesellschaft von Kaschau den Dichter, der trotz des Aufenthaltes im Ausland längst durch seine Gedichte und Zeitschriftenbeiträge in Ungarn populär geworden war, als Mitglied auf.

Am 30. März 1926 schiffte sich Márai in Marseille ein und unternahm eine Reise durch den Nahen Osten. Er bereiste Ägypten, Palästina, Syrien und die Türkei und kehrte über Griechenland und Italien nach Frankreich zurück. Seine Reiseeindrücke veröffentlichte er in der Frankfurter Zeitung und in zahlreichen Fortsetzungen in der Budapester Újság und im Prágai Magyar Hírlap (Prager Ungarischen Journal). Unter dem Titel Auf den Spuren der Götter erschienen seine Erlebnisse und Reflexionen 1927 als Buch (vom Autor „Reiseroman“ genannt). Es ist das erste seiner Bücher, das Márai in sein Werkverzeichnis aufnahm. Eine frühere Veröffentlichung war ihm anscheinend nicht gut genug.[1]

Nach verschiedenen, auch länger dauernden Abstechern nach London, von wo er über alles für ihn Mitteilenswerte berichtete, kehrte Márai 1928, zunächst allein, nach Ungarn zurück. Lola folgte später; während sie Paris liebte, war Márai, auch wenn er es bewunderte, nie dort heimisch geworden.[1]

Seine produktivste und erfolgreichste Schaffensperiode begann.

Erfolge in der Heimat und die Besetzung Ungarns[Bearbeiten]

Dem Kaschauer Theater (Bild um 1900) setzte Márai im Roman Die jungen Rebellen ein Denkmal

Im Ausland hatte Márai bis dahin Reportagen und Feuilletons, Artikel für Zeitungen und Magazine, Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben und veröffentlicht. Nun widmete er sich auch größeren Werken, schrieb Lyrik, Prosa, Dramen und ebenso essayistische Werke. Zu nennen ist beispielsweise neben Die Schule der Armen (1933) sein Opus Land, Land. Endlich auch finanziell erfolgreich wurde Márai durch den stark autobiographisch gefärbten Roman Bekenntnisse eines Bürgers (1934). 1942 erschien sein Roman Die Glut, der bei seiner Wiederveröffentlichung 1998 in Deutschland die Márai-Renaissance einläutete und dabei innerhalb eines Jahres 200.000 Exemplare verkaufte.[3]

Am 28.Februar 1939 wurde Lola und Sándor Márais einziges Kind geboren. Der Sohn erhielt den Namen Kristóf Géza Gábor und starb bereits im Alter von kaum sechs Wochen, da er an Hämophilie litt und nach dem damaligen Stand der Medizin keine Überlebenschance hatte. Obwohl der Tod des Kindes den Schriftsteller schwer traf, findet sich in seinem Werk kaum eine Zeile über das tragische Ereignis.

Ab 1920 bis 1944 regierte in Ungarn der ehemalige k. u. k. Admiral Miklós Horthy als Reichsverweser. Seit 1941 befand sich Ungarn an der Seite Deutschlands im Krieg. Als sich der gemeinsame Erfolg wendete und Friedenskontakte Horthys zum Westen bekannt wurden, ließ Hitler am 19. März 1944 Ungarn besetzen. Von der neu gebildeten Regierung unter Döme Sztójay wurde die Registrierung und Sammlung der ungarischen Juden vorgenommen und ihre Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager durch das Eichmann-Kommando unterstützt. Lolas Vater und viele ihrer Verwandten kamen im Holocaust um.

Aus Protest legte Sándor Márai am „19.März 1944 seinen Stift aus der Hand…“ und „war nicht bereit, unter deutscher Besatzung seine Arbeit zu tun“, wie die Tageszeitung Magyar Nemzet schrieb.[1] Von diesem Zeitpunkt an erschien kein neues Buch und keine Reportage, weder für den Rundfunk noch für Zeitungen, mehr von ihm. Am 15. Oktober 1944 wurden die Regierungsgeschäfte von den ungarischen Faschisten, den Pfeilkreuzlern, unter Ferenc Szálasi übernommen.

Als das Kriegsgeschehen immer näher rückte, zogen die Márais von ihrer Stadtwohnung in Buda in das Haus von Freunden im malerisch gelegenen Dorf und Künstlerdomizil Leányfalu, rund 25 Kilometer nördlich von Budapest. Der totalen Mobilmachung im Winter 1944, bei der alle Männer zwischen 14 und 70 Jahren für den Waffen- oder Arbeitsdienst erfasst wurden, entging Márai, da ein Amtsarzt bestätigte, „daß der Schriftsteller Sándor Márai aufgrund einer schweren Netzhautentzündung für jegliche körperliche Arbeit untauglich sei“.[1] Weihnachten 1944 hatte die sowjetische Armee Budapest besetzt und in das Haus, in dem Sándor und Lola lebten, wurden zwei Dutzend Rotarmisten einquartiert. Als sie erfuhren, dass die Deutschen Buda geräumt hatten und sie in ihre Stadtwohnung mit der 6000 Bände zählenden Bibliothek zurückkehren wollten, mussten sie feststellen, dass von ihrem Haus nur noch die Brandmauern standen und sie nahezu alles verloren hatten. Dennoch gelang es Márai bald wieder zu einer Art Tagesordnung mit Lesen und Schreiben zurückzukehren und sich ins literarische Leben Ungarns einzuschalten. Aus der unmittelbaren Anschauung begann er an der Arbeit für den Roman Befreiung (Szabadulás), dessen Manuskript aber erst im Jahr 2000 aus dem Nachlass veröffentlicht wurde.

Ungarn nach dem Krieg[Bearbeiten]

In der ersten Zeit nach dem Krieg wurde in Ungarn Wert auf Sándor Márais Gegenwart gelegt. Im Juli 1945 wurde er zum geschäftsführenden Generalsekretär des Ungarischen Schriftstellerverbandes gewählt. Ebenfalls wurde er in den künstlerischen Beirat berufen, der die Regierung bei allen kulturpolitischen Entscheidungen beraten sollte. Dieses Amt gab er allerdings nach einem Jahr wieder ab. Den Vorsitz des Ungarischen P.E.N.-Clubs und die Ehre, Ungarn in Bern als Generalkonsul zu vertreten, lehnte er ab, da er Schriftsteller sein und bleiben wollte. 1947 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

Den Winter 1946/1947 verbrachte Márai in Italien, kehrte aber im Frühling wieder nach Ungarn zurück. Er dachte zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch nicht daran, seine Heimat endgültig zu verlassen, sondern hatte sich für einen Neuanfang in Ungarn entschieden, wie Ernő Zeltner bemerkt. Als Indiz hierfür gilt dem Biographen die Adoption eines Kindes durch das Ehepaar Márai. Für Márai bezeichnend ist dabei, dass es über diesen Vorgang verschiedene Versionen gibt. In einer Zeitungsmeldung von 1947 hieß es, dass die Márais den 1941 geborenen János Babocsay, dessen Eltern im Krieg verschollen seien, an Kindes Statt angenommen hätten. Der Adoptivvater schrieb 1987 in seinem Tagebuch: „Als ich ihn [János] 1945 in einer Notariatskanzlei in Pécs (Fünfkirchen) adoptiert habe, waren die Eltern des Jungen, die der Krieg getrennt hatte, zugegen, sogenannte einfache Leute aus Transdanubien“. In einem Interview 1988 erzählte Márai dagegen, János sei der Enkel ihrer Zugehfrau, die das Kind bei sich aufgezogen habe, da seine Eltern wahrscheinlich bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen seien.[1]

Im November 1945 hatte die Partei der Kleinen Landwirte in den ersten freien Parlamentswahlen mit absoluter Mehrheit einen überraschenden und für die neuen Machthaber unerwünschten Sieg errungen. Doch nach fehlender Unterstützung aus dem Westen kam es 1948 zur Machtübernahme durch die Kommunisten unter Mátyás Rákosi. Im Laufe des Jahres 1947 war Márai klar geworden, dass für ihn als bürgerlichen Schriftsteller im kulturellen und künstlerischen Betrieb des neuen Ungarn kaum ein Platz vorhanden war. Dennoch waren die drei Jahre nach dem Krieg von einer regen literarischen Tätigkeit bestimmt. Er schrieb u. a. die Romane Die Schwester und Zauber, das Theaterstück Ein Herr aus Venedig und vollendete den zweiten und dritten Teil seiner großen Familienchronik Die Beleidigten. Doch für den Nachdruck vergriffener Werke Márais gab es bald kein Papierkontingent mehr.

Mitte 1948 wurde die Kommunistische und die Sozialdemokratische Partei unter dem Druck der Kommunisten und der im Land gebliebenen Roten Armee zur Partei der Werktätigen vereinigt. Die bürgerlichen Parteien wurden verdrängt; die Schulen, die bis dahin größtenteils von der Kirche und privat betrieben worden waren, wurden verstaatlicht. Der neue Kulturminister József Révai betrieb die schrittweise Gleichschaltung von Presse, Rundfunk und allen kulturellen Institutionen; die großen Verlage wurden verstaatlicht.

Márais Werke wurden von nun an in seiner Heimat von der offiziellen Literaturkritik vernichtend beurteilt. Der aus Moskau zurückgekehrte Literaturwissenschaftler und marxistische Philosoph Georg Lukács gab ihn in einem umfangreichen Aufsatz gewissermaßen zum Abschuss frei. Über den zweiten Band von Márais Roman Die Beleidigten schrieben die offiziellen „Kunsttribunen“: „Niedriger als sein politisches und menschliches Niveau ist nur noch das Niveau des Schriftstellers selbst.“[1]

Im September 1948 entschloss sich Márai, Ungarn endgültig zu verlassen. Schon kurz darauf tauchten in der Presse Meldungen auf, Sándor Márai plane einen längeren Italien-Aufenthalt, veräußere seine Bibliothek und bemühe sich um einen Reisepass.

Exil in Italien[Bearbeiten]

Den Rest seines Lebens sollte Márai im Exil verbringen, doch zeit seines Lebens fühlte er sich als ungarischer Schriftsteller und schrieb weiterhin in ungarischer Sprache. Kurz vor seinem Tod schrieb er in seinem Tagebuch: „Für jede Emigration ist es ein Schicksalsproblem, inwieweit der Emigrant bereit ist, sich auf Kosten der Muttersprache die Sprache der neuen Gemeinschaft anzueignen. Für Exilschriftsteller ist das keine Frage, denn wenn sie sich von der Muttersprache lösen […] zerschneiden sie die Nabelschnur, die sie mit der lebensspendenden Muttersprache verbindet und die ihr Selbstbewusstsein, ihre schriftstellerischen Fähigkeiten speist. Man kann sehr wohl Gedanken in einer fremden Sprache schriftlich ausdrücken, aber ‚schreiben‘, also schöpfen, kann man nur in der Muttersprache. Das war für mich kein Geheimnis, als ich vor 36 Jahren Ungarn verließ: Wohin es mich verschlägt, dort werde ich ein ungarischer Schriftsteller sein.“[4]

Posillipo, der Ort des italienischen Exils heute

Anlass und Vorwand, die Heimat endgültig zu verlassen, bot Márai die Einladung zur dritten Rencontre Internationale, einem jährlich stattfindenden Symposion von Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern aus verschiedenen europäischen Ländern in Genf. Die ungarischen Behörden hatten der gesamten Familie die Ausreise erlaubt, was die Vermutung nahelegt, dass die offiziellen Stellen über Márais Absicht informiert waren, das Land zu verlassen, und ihn gar nicht zurückhalten wollten. Sie waren für zehn Tage Gäste der schweizerischen Veranstalter, danach mieteten sie sich ein anderes Quartier, doch auf Dauer stellte sich die Schweiz als zu teuer für die knappe Kasse des Schriftstellers heraus. Sein deutscher Verleger J.P. Toth, der den Roman Die Möwe erfolgreich in einer Auflage von zwanzigtausend Exemplaren veröffentlicht hatte, bot ihm an, sich mit Familie in Deutschland niederzulassen, weil er dort mit Honoraren und Tantiemen sein Auskommen hätte, „aber ich verspüre keine Lust, nach Deutschland zu gehen; finde keinen seelischen Kontakt zu den Deutschen. Ich werde nach Italien umziehen, wo mich niemand und nichts erwartet.“[1]

Nach sieben Wochen verließ Márai mit Lola und dem kleinen János die Schweiz wieder. Sie ließen sich in Posillipo, einem Stadtteil von Neapel nieder. Luigi (eigentlich Lajos Marton), ein Onkel Lolas, der als Offizier der International Refugee Organization in einem Flüchtlingslager arbeitete, hatte eine günstige Wohnung für sie aufgetrieben. Die Einkünfte flossen spärlich, aber es reichte zum Leben. In Neapel begegnete Márai dem Blutwunder des San Gennaro, über das er 1965 im Selbstverlag in Amerika den Roman Das Wunder des San Gennaro veröffentlichen sollte. Von Neapel aus schrieb der berühmte Emigrant für ungarischsprachige Zeitungen in Europa, USA und Südamerika Feuilletons, aktuelle Erlebnis- und Reiseberichte, Kurzgeschichten und Stellungnahmen zu literarischen und kulturpolitischen Ereignissen.

Bei einer seiner Reisen nach München, wo er mit seinen Verlegern über die Herausgabe seiner Werke verhandelte, nahm er Verbindung mit Radio Free Europe auf. Er erhielt bei dem in München stationierten Sender eine regelmäßige Reihe unter dem Titel Sunday Talk, bei der er sich unter den Namen Candidus oder Ulysses zu Wort meldete. 1956, in den Tagen des ungarischen Volksaufstands, sprach Márai in fünfzehn persönlichen „special messages“ über den Äther zu seinen Landsleuten und bezog Stellung zu den aktuellen Ereignissen. Eine Rückkehr nach Ungarn wurde aber durch den Einmarsch der russischen Panzer für ihn unmöglich.

Amerikanischer Staatsbürger[Bearbeiten]

Die Márais lebten zwar gerne in Posillipo, doch die ungeordneten sozialen und politischen Zustände in Italien bereiteten dem Schriftsteller, der Wert auf geordnete Verhältnisse legte, immer größeres Unbehagen. Zudem hatte er hier keine regelmäßigen Einkünfte. Als die zuständigen Stellen dem prominenten Ostblock-Emigranten die US-Staatsbürgerschaft in Aussicht stellten und Freunde in New York zudem Lola eine Stellung in einem Warenhaus beschafften, beschlossen sie die Übersiedlung in die Vereinigten Staaten. 1957 leistete Márai den Eid auf die Verfassung.

Seine literarische Produktion war während der New Yorker Jahre nicht sehr umfangreich, da er kaum Verlagsverbindungen herstellen konnte, und so erschienen Márais Veröffentlichungen in dieser Zeit hauptsächlich im Selbstverlag. Er ließ auf eigene Kosten Miniauflagen der Bücher in Ungarisch drucken und versandte sie an seine Freunde, Interessierte und ungarische Buchhandlungen weltweit. 1958 gelang es ihm, den zweiten Teil seines Tagebuchs 1945–1957 bei Occidental Press in Washington in ungarischer Sprache zu veröffentlichen. Auch das Bühnenstück Ein Herr aus Venedig wurde 1960 dort veröffentlicht. Danach erschien jahrelang kein Buch Márais mehr. Über eine ausgedehnte Reise, die er 1959 durch den Südwesten der USA unternahm, schrieb er den 1964 beim Langen Müller Verlag erschienen Reisebericht Der Wind kommt von Westen.

Im Jahr 1967 beendete Márai seine Zusammenarbeit mit Radio Free Europe. Im gleichen Jahr strahlte das ZDF mit Hans Schweikart und Walter Rilla in den Hauptrollen unter dem Titel Asche und Glut den dramatisierten Roman Die Glut aus.

Mindestens einmal im Jahr war die Familie bisher nach Italien gereist, doch nun zogen die Márais wieder dauerhaft dorthin und lebten von 1967 bis 1980 in Salerno. Die Jahre in Salerno waren wieder von reicher literarischer Tätigkeit geprägt. Zum Teil kamen seine Werke in ungarischer Sprache beim Verlag Vörösváry-Weller in Toronto heraus. So erschien dort 1970 Das Urteil von Canudos und 1972 Land, Land!. Mit dem Verleger István Vörösváry sollte ihn von da an eine enge Freundschaft verbinden.

1980 zogen die Márais endgültig nach San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien. Hier schrieb er zahlreiche Romane und Erzählungen, die nun auch im englischen Sprachraum ihr Leserpublikum fanden. Diese Arbeiten tragen zumeist historische beziehungsweise mythologische Züge. Er führte hier auch sein 1943 begonnenes Tagebuch weiter und schrieb den 1931 bis 1947 entstandenen mehrbändigen Roman Das Werk des Garrens um. Es waren Jahre der selbst gewählten Einsamkeit, in der er Vorteile sah, denn es mag „sein, dass die Einsamkeit den Menschen zerstört, so wie sie Pascal, Hölderlin und Nietzsche zerstört hat. Aber dieses Scheitern, dieser Bruch sind eines denkenden Menschen noch immer würdiger als die Anbiederung an eine Welt, die ihn erst mit ihren Verführungen ansteckt, um ihn dann in den Graben zu werfen […] bleib allein und antworte […].“

Alter und Freitod[Bearbeiten]

In der Nähe des Balboa Parks in San Diego verbrachte Márai seine letzten Jahre.

Für Sándor Márai und Lola war ein wichtiger Grund für die Rückkehr in die Vereinigten Staaten, dass beide, nun doch im fortgeschrittenen Alter, der amerikanischen Gesundheitsversorgung größeres Vertrauen entgegenbrachten als der italienischen. Ein weiterer Grund war, dass sie in der Nähe ihres Adoptivsohnes János sein wollten, der mit seiner Familie nicht weit von San Diego in Carlsbad lebte und als Ingenieur bei einer Computerfirma arbeitete. Sie zogen in ein kleines Haus in der Nähe des Balboa Parks. In seinen Tagebüchern zog er die Bilanz seines Lebens: „Und wenn ich noch einmal so lange lebe? Werde ich dann mehr wissen? Glücklicher sein? Genaueres über Gott, die Menschen, die Natur und Übernatürliches vermuten? Ich glaube, nein; Erfahrungen verlangen Zeit, aber über ein bestimmtes Wissen hinaus vertieft die Zeit die Erfahrungen nicht. Ich werde einfach älter, nicht mehr und nicht weniger.“[5]

Am 4. Januar 1986 erlag die mittlerweile erblindete Lola einem Krebsleiden. In seinen Tagebüchern schrieb Márai: „Habe ich sie geliebt? Ich weiß es nicht. Liebt man seine Beine, seine Gedanken? Nur hat eben nichts einen Sinn ohne die Beine oder die Gedanken. Auch ohne sie hat nichts einen Sinn. Ich weiß nicht, ob ich sie ‚geliebt‘ habe. Es war anders. Ich ‚liebe‘ auch meine Niere und meine Bauchspeicheldrüse nicht. Nur sind eben auch sie beide ich, wie auch L. ich war.“[6] Im November desselben Jahres starb sein jüngerer Bruder, der Regisseur Geza von Radvanyi, in Ungarn. Wenige Monate später, am 23. April 1987, starb überraschend im Alter von 46 Jahren auch János.

In seiner Heimat erhielt Márai nun wieder mehr Aufmerksamkeit, und die Ungarische Akademie der Wissenschaften, aus der er 1949 ausgeschlossen worden war, und der Schriftstellerverband riefen ihn in einer Geste der Wiedergutmachung zurück. Ebenso bot man ihm großzügige Verträge für eine Wiederveröffentlichung seiner Werke in Ungarn an. Seine Antwort war stets, dass er einer Veröffentlichung nur zustimmen werde, „wenn die sowjetischen Truppen aus dem Land abgezogen sind und wenn das ungarische Volk in Anwesenheit glaubwürdiger ausländischer Beobachter in freien, demokratischen Wahlen entschieden hat, unter welchem politischen System es zu leben wünscht.“[1]

Im November 1988 hielt Márai die bei Vörösváry in Toronto erschienene zweibändige Prachtausgabe seines Romanzykluses Die Garrens in der Hand. Hier hatte er Die jungen Rebellen, Die Eifersüchtigen und Die Beleidigten zusammengefügt und verflochten. Das Werk war sein literarisches Vermächtnis. In seinem vermutlich letzten Brief betraute er das Verlegerehepaar Vörösváry mit der Verwaltung seines literarischen Nachlasses.

Bereits vorher hatte Márai sich eine Pistole gekauft und Schießunterricht genommen. Am 15. Januar 1989 schrieb er seinen letzten Tagebucheintrag: „Ich warte auf den Stellungsbefehl, bin nicht ungeduldig, will aber auch nichts hinauszögern. Es ist Zeit.“

Márai erschoss sich am 22. Februar 1989. Seine Asche wurde ins Meer gestreut.

Stimmen über Sándor Márai[Bearbeiten]

„Márai schöpft nicht aus fremden Quellen, seine Arbeiten reflektieren vielmehr seine eigenen Jugendjahre in einer gut situierten Familie des Beamtenadels, reflektieren die Eindrücke eines materiell schlecht gestellten Zeitungsredakteurs im Ausland und sein eher kleinbürgerliches Leben im Ungarn der Zwischenkriegs- und Kriegszeit. Dazu bringt er seine Lehren aus dem Zusammenbruch der alten Welt und dem Aufstieg und Untergang totalitärer Regime ein, was bei ihm ohne große Geste und ohne sich zum Komplizen zu machen geschieht. Vor dem Hintergrund dieses Erfahrungsspektrums verschaffte sich Márai auch über ideologische Grenzen hinweg Respekt und vermittelt vielen den Eindruck, er habe das eigene Lebensgefühl erfasst. Manche Kritiker gehen sogar davon aus, dass er 1934 mit seinem großen Erfolg, mit ‚Bekenntnisse eines Bürgers‘, nicht nur das Lebensgefühl der Ungarn erfasst, sondern mitgestaltet hat.[7]

Christina Viragh

In seinem Exil, das er nicht mit Emigration verwechselt haben wollte, blieb Ungarn stets sein geistiger Mittelpunkt, was durch die Distanz zu seinem neuen Umfeld verschärft wurde. Diese nationale Fixierung und Abschottung trug wesentlich dazu bei, dass er vom Rest der Welt erst ein gutes Jahrzehnt nach seinem Tode wahrgenommen wurde. Es war erst der Roman Die Glut, der um die Jahrtausendwende herum den Nichtmagyaren zeigte, dass dessen Autor nicht nur für Ungarn und eine bestimmte Epoche geschrieben hatte, sondern mit den Themen Freundschaft, Liebe, Schicksal, Lebenszweck und Sehnsucht zeitlose, essentielle Fragen stellte und darauf auch Antworten gab.

Chronologie der Rehabilitierung Márais in der Heimat[Bearbeiten]

  • September 1989: Die Márai aus politischen Gründen aberkannte Mitgliedschaft bei der Ungarischen Akademie der Wissenschaften wird wieder aktiviert.
  • November 1989: Symposion und Gedächtnisveranstaltung zu Ehren Márais in Budapest
  • 1990: Gründung der Márai-Sándor-Stiftung in Bratislava
  • März 1990: Posthume Verleihung des Kossuth-Preises, der höchsten Auszeichnung Ungarns
  • Dezember 1990: Tagung unter dem Titel Die Stadt Márais – Die Welt Márais in Košice
  • März 1991: Enthüllung einer Gedenktafel am Márai-Haus in Košice
  • September 1994: Enthüllung einer Gedenktafel in der Mikóstraße des Christinenviertels in Budapest
  • Dezember 1994: Stiftung des jährlich vergebenen Sándor-Márai-Literaturpreises in Budapest. Bisherige Preisträger waren unter anderem Péter Esterházy (2001) und György Ferdinandy.
  • September 1997: Überführung des Márai-Nachlasses nach Ungarn in das Petőfi-Literaturmuseum in Budapest
  • 2000: Zum hundertsten Geburtstag Ausstellungen in Budapest und Košice; wissenschaftliches Symposion in Szombathely
  • 2001: Wanderausstellung des Petőfi-Literaturmuseums in Stuttgart, Berlin und München

Werke[Bearbeiten]

Historische Ausgaben[Bearbeiten]

Dies ist eine Auflistung aller bis 1996 in deutscher Sprache erschienenen Werke Sándor Márais in der Reihenfolge ihrer Entstehung, die Bücher wurden zum Teil unter dem Namen „Alexander Marai“ veröffentlicht. Angegeben ist das jeweilige Erscheinungsjahr der deutschen Übersetzung:

  1. Die große Nummer. Ilonka. Übersetzung: Tibor von Podmaniczky. 1946
  2. Der Richtige. Originaltitel Az Igazi. Übersetzung: E. Burgenländer. 1948
  3. Die französische Jacht und andere Erzählungen. Übersetzung: Tibor von Podmaniczky/Ludwig Górcz. 1953
  4. … Doch blieb er ein Fremder. Übersetzung: Mirza von Schüching. 1935
  5. 20 Jahre, in 700 Bildern. 1910–1930. Übersetzung: unbekannt. 1931
  6. Achtung! Bissiger Hund!. Übersetzung: Mirza von Schüching. 1940
  7. Bekenntnisse eines Bürgers. Übersetzung: Hans Skirecki. 1996
  8. Die Nacht vor der Scheidung. Übersetzung: Margit Ban. 1951
  9. Die Eifersüchtigen. Übersetzung: Artur Saternus. 1947
  10. Schule der Armen. Übersetzung: Tibor von Podmaniczky. 1947
  11. Ein Herr aus Venedig. Übersetzung: Renée von Stipsicz-Gariboldi/Georg von Komerstädt. 1943 (auch als: Begegnung in Bolzano, 1946; später als Die Gräfin von Parma, 2002)
  12. Das letzte Abenteuer. Schauspiel in 3 Akten. Für die deutsche Bühne: Jos. Paul Toth. 1941
  13. Sindbad geht heim. Übersetzung: Markus Bieler/E. Zaitai. 1978
  14. Die Möwe. Übersetzung: Tibor von Podmaniczky. 1948
  15. Wandlungen der Ehe. Übersetzung: Tibor von Podmaniczky. 1949
  16. Die Kerzen brennen ab. Übersetzung: Eugen Görcz. 1950
  17. Verzauberung in Ithaka. Übersetzung: Tibor von Podmaniczky. 1952
  18. Das Wunder des San Gennaro. Übersetzung: Tibor und Mona von Podmaniczky. 1957
  19. Geist im Exil. Tagebücher 1945–1957. Übersetzung: Tibor und Mona von Podmaniczky. 1960
  20. Der Wind kommt vom Westen. Amerikanische Reisebilder. Übersetzung: Artur Saternus. 1964
  21. Musik in Florenz. Übersetzung: Artur Saternus. 1955
  22. Die Bürger von Kaschau. Für die deutsche Bühne: Paul Mundorf. 1947
  23. Der große Augenblick. Für die deutsche Bühne: Paul Mundorf. 1947

Aktuelle Ausgaben[Bearbeiten]

Über Sándor Márai[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

  • Sándor Márai. Ein Porträt des ungarischen Autoren, der eine erstaunliche Renaissance erfährt. Reportage, 2006, Autor: Michael Kluth, Produktion: MDR, Redaktion: Kulturreport, Ausstrahlung: 19. Februar 2006 [8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sándor Márai – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k Ernő Zeltner: Sándor Márai: Ein Leben in Bildern
  2. Tagebücher 1984–1989. S. 39
  3. Text auf dem Rückencover von Himmel und Erde, ISBN 978-3-492-23714-7
  4. Tagebücher 1984–1989. 17
  5. Tagebücher 1984–1989. 60
  6. Tagebücher 1984–1989. S. 102
  7. Christina Viragh: Nachwort; in: Sándor Márai: Die Glut (1999 München)
  8. Inhaltsangabe des Filmberichts auf der Webseite des MDR