Dieter Graumann

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Dieter Graumann (* 20. August 1950 in Ramat Gan als David Graumann[1]) ist seit dem 28. November 2010[2] Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und seit dem 6. Mai 2013[3] Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Er trat damit in beiden Fällen die Nachfolge von Charlotte Knobloch an.

Leben[Bearbeiten]

Dieter Graumann wurde 1950 als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender in Ramat Gan bei Tel Aviv (Israel) geboren. Mit seinen Eltern kam er mit eineinhalb Jahren nach Deutschland und lebt seither in Frankfurt am Main.[4] Wie er selbst später berichtete, erklärten ihm die Eltern kurz vor seiner Einschulung, dass er von nun an Dieter heiße: „In Deutschland fällt man als Jude besser nicht auf.“[5]

Nach dem Abitur studierte er Volkswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt und schließlich Rechtswissenschaften am Londoner King's College. Er promovierte 1979 über die Europäische Währungsunion und war für zweieinhalb Jahre Mitarbeiter in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutschen Bundesbank. Darüber hinaus war er langjähriger Präsident von Makkabi Frankfurt und ist derzeit Ehrenpräsident des Clubs.

Privat betreibt Graumann eine Liegenschaftsverwaltung. Er ist seit 1995 Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und deren Dezernent für Finanzen, Schule, Kulturarbeit und Presse. Des Weiteren ist er Mitglied in der nach Georg Speyer benannten Georg und Franziska Speyer'schen Hochschulstiftung.

Im August 2009 gab er bekannt, für das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland kandidieren zu wollen.[6] Graumann wurde als einer der beiden amtierenden Vizepräsidenten am 28. November 2010 ohne Gegenkandidat zum Präsident gewählt und trat das Amt am gleichen Tag an.[2] Er ist damit der erste Präsident des Zentralrates, der den Holocaust nicht mehr miterlebt hat.[7]

Graumann würdigt das deutsche Gedenken an NS-Opfer als vorbildlich.[8]

Im Vorfeld der in Polen und der Ukraine stattfindenden Fußball-EM 2012 forderte Graumann, dass die deutsche Nationalmannschaft Auschwitz oder Babyn Jar besuchen solle.[9] Der Auschwitzbesuch einer DFB-Delegation im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2012 wurde von ihm jedoch heftig kritisiert. Die Abordnung von Spielern sei zu klein gewesen, sagte der fußballinteressierte Graumann. Im weiteren Zusammenhang wurde Teammanager Oliver Bierhoff von ihm wegen der Verwendung des Begriffs „Kamingespräch“ kritisiert.[10]

Das Urteil des Kölner Landgerichts vom 27. Juni 2012, das die Zirkumzision von Kleinkindern als Körperverletzung beurteilt hatte, bezeichnete Graumann als „kalt“, „fachjuristisch“ und „ohne Gefühl für Religion“. Beschneidungen würden im Judentum seit über 4000 Jahren vorgenommen und ein konsequentes Weiterdenken dieses Urteils würde bedeuten, dass jüdisches Leben in Deutschland faktisch unmöglich gemacht werde.[11]

Im Juni 2013 meldete sich Dieter Graumann zu Wort, als es in seiner unmittelbaren Heimatregion, genauer in Offenbach am Main, am hellen Tag in einem belebten Einkaufszentrum zu einem antisemitischen Überfall auf einen Rabbiner gekommen war. Der ZDJ-Präsident bezeichnete die näheren Umstände der Tat, die von sechs bis acht „südländisch aussehenden“ Jugendlichen begangen wurde, als „eine Schande für uns alle“. Besonders bedauerlich daran sei gewesen, dass dem Rabbiner weder der Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums noch (anfangs) die Polizei wirklich beigestanden hätten.[12]

Im Juli 2014 forderte er, den seiner Meinung nach ausufernden gewalttätigen antisemitischen Handlungen in Deutschland und Europa im Zusammenhang mit dem neu aufgebrochenen Konflikt zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen entgegenzutreten.[13] Dass Graumann dabei wiederholt die antisemitischen Vorkommnisse am Rande von pro-palästinensischen Kundgebungen mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus verglich, wurde von Antisemitismusexperten als auch von Stimmen innerhalb des Judentums als Trivialisierung der Situation der Juden in der NS-Zeit kritisiert; der Anteil der Antisemiten an der Bevölkerung sei konstant.[14]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Die Parallelwährung als europäische Integrationsalternative. Dissertation. Lang, Frankfurt am Main/ Bern/ Las Vegas 1979, ISBN 3-8204-6567-7.
  • Nachgeboren - Vorbelastet? Die Zukunft des Judentums in Deutschland. Kösel, München 2012, ISBN 978-3-466-37051-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dieter Graumann: „Ich muss meinen eigenen Weg gehen“. In: Der Tagesspiegel. 28. November 2010, auf: tagesspiegel.de
  2. a b Jüdischer Zentralrat: Dieter Graumann tritt Knoblochs Nachfolge an. Pressemeldung über Nachfolge auf focus.de vom 28. November 2010.
  3. http://www.zentralratdjuden.de/de/article/4096.html
  4. Der brave Dieter und der bissige David auf TAZ.de
  5. Festakt 60 Jahre Israel Süddeutsche Zeitung, vom 30. März 2013.
  6. Dr. Dieter Graumann kandidiert für die Wahl zum Präsidenten des Zentralrats, Pressemitteilung des Zentralrats vom 6. September 2010.
  7. Zwischen Aufbruch und Angst. über Dieter Graumann, von Matthias Drobinski, Süddeutsche Zeitung, vom 28. November 2010.
  8. Graumann würdigt deutsches Gedenken an NS-Opfer als vorbildlich. auf: derwesten.de, 27. Januar 2012.
  9. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatZentralrat der Juden fordert Zeichen - Bei der EM: National-Elf soll Auschwitz besuchen. bild.de, 07.03.2012, abgerufen am 6.8.2014.
  10. Graumann schimpft über Auschwitz-Besuch des DFB, welt.de. Abgerufen am 7. Juni 2012.
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatEmpörung über Verbot religiöser Beschneidungen: "Das Urteil macht jüdisches Leben unmöglich". tagesschau.de, 27. Juni 2012, abgerufen am 27. Juni 2012.
  12. Jugendliche attackieren Rabbi in Einkaufszentrum, Die Welt, 7. Juni 2013
  13. z.B. MDR-Aktuell vom 21. Juli 2014, 19:30 Uhr
  14. Antisemitismus in Deutschland: Deutsche Flagge an der Tür, Spiegel Online vom 8. August 2014.