Ignatz Bubis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ignatz Bubis (1997)

Ignatz Bubis (* 12. Januar 1927 in Breslau; † 13. August 1999 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Kaufmann, Politiker (FDP) und Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Bubis war das jüngste von sieben Kindern. Aus Angst vor antisemitischen Übergriffen verließ die Familie 1935 Breslau und zog in das polnische Dorf Dęblin. Im Februar 1941 musste Bubis mit seinem Vater ins Dębliner Ghetto ziehen. Die Mutter war 1940 an Krebs gestorben. Vom Judenrat des Ghettos wurde Bubis zum Postboten ernannt. 1942 wurde der Vater in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.[1] Auch Ignatz Bubis' Bruder und eine Schwester kamen durch die Nationalsozialisten ums Leben. Bubis selbst wurde Ende 1944 in das Zwangsarbeitslager Tschenstochau (poln. Częstochowa) gebracht, wo er in einer Munitionsfabrik arbeitete. Am 16. Januar 1945 wurde das Lager von der Roten Armee befreit. Aufgrund seiner Verschleppung durch die Nationalsozialisten konnte Bubis nur sechs Jahre lang Schulen besuchen. Er eignete sich in Folge sein gesamtes Wissen selbst an.[1]

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Nach Kriegsende ging Bubis nach Deutschland. Zuerst machte er Geschäfte in der Sowjetischen Besatzungszone und musste 1949 wegen der Verfolgung durch die sowjetische Geheimpolizei in den Westen flüchten, da er des Schwarzmarkthandels mit großen Mengen Kaffees beschuldigt wurde. In Berlin und in Pforzheim betätigte er sich im Schmuck- und Goldhandel. 1956 kam Bubis mit seiner Frau Ida nach Frankfurt, wo er im Immobiliengeschäft tätig war. Bubis engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt und seit 1969 in der Frankfurter FDP.

Immobilienhandel und Frankfurter Häuserkampf[Bearbeiten]

Ende der sechziger Jahre plante die Stadt Frankfurt, durch den Abriss alter Gründerzeitvillen im Frankfurter Westend Platz für Bürohäuser zu schaffen. Abriss- und Baugenehmigungen wurden ohne weitere Prüfung erteilt. Eine „Aktionsgemeinschaft Westend“ wollte den Stadtteil aber als Wohngebiet erhalten und widersetzte sich der geplanten Umwandlung. Im Frankfurter Häuserkampf wurden Wohnhäuser besetzt, die Bubis erworben hatte und leerstehen ließ, um sie abreißen zu lassen. Teilweise wurden auch Bordelle dort errichtet.[2] Ignatz Bubis wurde wie auch andere Frankfurter Juden in der Öffentlichkeit als Investor stark kritisiert. 1979 kandidierte Bubis als Beisitzer für den Frankfurter Kreisvorstand der FDP. Durch die Bauskandale war auch diese Kandidatur stark umstritten. Später legten einige Mitglieder der Frankfurter FDP wegen der „Methoden“ ihres Vorstandsmitglieds Bubis im Baugeschäft ihre Ämter nieder.[3]

In dem Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder Der Müll, die Stadt und der Tod wurde angeblich auf Bubis angespielt. Bubis beteiligte sich 1985 an Protesten gegen eine Aufführung, die er als „subventionierten Antisemitismus“ bezeichnete.[4]

Nachdem sich die Situation in Frankfurt zunehmend zuspitzte, strukturierte Bubis seit Anfang der 1980er Jahre einen Teil seines Immobilienbesitzes um. Er verkaufte unter anderem das einst umstrittene Grundstück an der Frankfurter Bockenheimer Landstraße und investierte in deutsche und israelische Hotelketten sowie in den Bau von Sozialwohnungen und Luxusimmobilien in Berlin.[3] Sein Engagement um die Berliner Immobilien Krumme Straße 11 und 13 stand in unmittelbarem Zusammenhang mit einem lokalen Bau- und Korruptionsskandal.[3][5]

In den Jahren nach Bubis’ Tod wurden die meisten seiner gut 50 Grundstücke und Gebäude im gesamten Bundesgebiet abgewickelt. Die meisten waren hoch verschuldet. Die Immobilien, unter ihnen das Hochhaus in der Frankfurter Ulmenstraße 37 bis 39 mit dem Bubis Ende der sechziger Jahre den Grundstock für seinen beträchtlichen Immobilienbesitz gelegt hatte, wurden sukzessive verkauft. Nur selten überstieg der Erlös die Verbindlichkeiten.[6] Die Banken stellten der Witwe Ida Bubis den Frankfurter Insolvenzverwalter Dirk Pfeil zur Seite.[6]

Jüdische Organisationen[Bearbeiten]

Seit 1966 war Bubis Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt und wurde später ihr Vorsitzender. 1978 wurde er erstmals in das Direktorium des Zentralrates der Juden in Deutschland gewählt. 1985 wurde er in dessen Verwaltungsrat und 1989 zum zweiten Vorsitzenden des Zentralrats gewählt.

1992, nach dem Tod des Vorsitzenden Heinz Galinski, wurde Bubis zu dessen Nachfolger gewählt. 1997 im Amt bestätigt, übte er den Vorsitz bis zu seinem Tod im Jahre 1999 aus. Bubis wurde als „Missionar eines toleranten Zusammenlebens von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen, von türkischen und kurdischen, albanischen und serbischen Mitbürgern“ beschrieben.[7]

Kandidaturvorschlag für das Amt des Bundespräsidenten[Bearbeiten]

Bubis war im Jahr 1993 als möglicher Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch. Er lehnte eine Kandidatur jedoch mit der Begründung ab, für ein jüdisches Staatsoberhaupt sei die Zeit in Deutschland noch nicht reif.

Parteipolitisches Engagement[Bearbeiten]

Ignatz Bubis war seit 1969 Mitglied der FDP, deren Bundesvorstand er lange Jahre angehörte. Bis zu seinem Tode vertrat er seine Partei auch im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung von Frankfurt am Main.

Bubis gehörte zu den entschiedensten Unterstützern von Migranten in der FDP. 1992 kritisierte er die Änderung des Asylrechts[8] und unterstützte 1992/1993 die Gründung der Liberalen Türkisch-Deutschen Vereinigung (LTD), bei deren Veranstaltungen er oftmals als Redner auftrat. Im Mai 1999 schlug er den Bundesvorsitzenden der LTD, Mehmet Gürcan Daimagüler, auf dem Bremer Parteitag für den Bundesvorstand der FDP vor.

Sonstiges Engagement[Bearbeiten]

Bubis war Mitglied im Aufsichtsrat der Münchner Deutsche Private Finanzakademie (DPFA).[9]

Privates[Bearbeiten]

Ignatz Bubis war mit Ida Bubis, geb. Rosenmann, verheiratet und Vater einer Tochter namens Naomi Bubis (* 1963). Bubis war tief in den Traditionen seiner Vorfahren verwurzelt. Er glaubte nicht an den biblischen Gott, sondern, in philosophischer Form, an eine Art „höheres Wesen“ und an die „ethische Ordnung der Religion“, an deren Regeln er sich seit seiner Kindheit hielt. Er trat für die strikte Einhaltung orthodoxer Grundsätze auch von nachfolgenden Generationen ein.[1]

Bestattung, Nachruf[Bearbeiten]

Bubis wurde auf eigenen Wunsch in Israel beerdigt, nicht weil er sich Deutschland nicht verbunden gefühlt hätte, sondern weil er fürchtete, dass auf sein Grab neonazistische Anschläge verübt werden könnten, so wie es mit dem Grab von Galinski geschehen war.

Während der Beerdigung von Ignatz Bubis in Israel wurde sein Grab mit schwarzer Farbe beschmutzt. Auf einem Video der Nachrichtenagentur Reuters ist zu erkennen, wie ein schwarzer Farbstrahl ins Grab schießt, während die Totengräber Erde schaufeln.[10] Die Tat wurde vom israelischen Künstler Meir Mendelssohn begangen, der damit nach eigenen Angaben die Person von Ignatz Bubis kritisieren und diskriminieren wollte. Der Corriere della Sera schrieb in diesem Zusammenhang: „Der deutsche Jude Ignatz Bubis wurde als Inkarnation der Alternative zum Zionismus betrachtet. Eine unbequeme Persönlichkeit in Israel.“[11] Immer wieder verteidigte er die Bundesrepublik im Ausland als demokratisch geläuterten Staat.[4]

Politische Positionen[Bearbeiten]

Nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen besuchte eine Delegation des Zentralrates am 2. November 1992 die Stadt. Dort kam es zu einem Zwischenfall. Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Karlheinz Schmidt fragte: „Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ihre Heimat ist Israel. Ist das richtig so?“ worauf Ignatz Bubis entgegnete „Sie wollen mit anderen Worten wissen, was ich hier eigentlich zu suchen habe?“ – Karlheinz Schmidt musste später zurücktreten und kündigte eine schriftliche Entschuldigung an, die jedoch nie erfolgte.[12][13][14][15][16][17][18][19]

Drei Tage später folgte der nächste Skandal, als Ignatz Bubis vom Fernsehsender MDR mit fadenscheiniger Begründung ausgeladen wurde.[20]

Beim Besuch des israelischen Präsidenten Weizman im Jahr 1996 wurde Bubis von Günter Reichert,[21][22] dem ehemaligen Assistenten Alfred Dreggers, seit 1992 Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, zur Rede „seines“ Staatsoberhauptes gratuliert. Bubis antwortete: „Oh, Präsident Herzog hält immer gute Reden“, aber Reichert beharrte darauf, Bubis zum Ausländer zu machen – „Ich meine Ihren Präsidenten, Herrn Weizman.“ Dies erwähnte Bubis u.a. später in einer Rede auf einer Versammlung des Allianz Konzerns in Frankfurt/Main.[23]

1996 erschien Ignatz Bubis' Autobiographie.[24] In dem Zusammenhang überwarf er sich mit seinem Koautor Peter Sichrovsky, der mittlerweile in der FPÖ aktiv geworden war.[25]

1998 kritisierte Bubis den Schriftsteller Martin Walser nach dessen „Friedenspreisrede in der Paulskirche“ und warf ihm latenten Antisemitismus vor.

Einen Monat vor seinem Tod äußerte sich Bubis resigniert über seine Amtszeit, in der er fast nichts habe bewegen können:[26]

„Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche, dort Juden, weghaben. Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es, daß die Menschen anders über einander denken, anders miteinander umgehen. Aber, nein, ich habe fast nichts bewegt.“

Ehrungen[Bearbeiten]

Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhielt er 1992, den Theodor-Heuss-Preis und das Große Bundesverdienstkreuz 1996; am 3. Oktober 1999 verlieh ihm die Stadt Darmstadt postum den Ricarda-Huch-Preis. Mit dieser Auszeichnung werden Persönlichkeiten geehrt, „deren Wirken in hohem Maße bestimmt ist durch unabhängiges Denken und mutiges Handeln“ und die die „Ideale der Humanität und Völkerverständigung als Werte der historisch-kulturellen Identität der europäischen Gesellschaft fördern“.

Im Dezember 2000 wurde in Frankfurt am Main die Obermainbrücke in Ignatz-Bubis-Brücke umbenannt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Ignatz-Bubis-Preis[Bearbeiten]

Hauptartikel: Ignatz-Bubis-Preis

Die Stadt Frankfurt am Main verleiht seit 2001 den Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung.

Schriften[Bearbeiten]

  • Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 1993.
  • Liberalismus. In: Werner Bruns, Walter Döring (Hrsg): Der selbstbewusste Bürger. Die Liberalen Perspektiven. Bouvier, Bonn 1995.
  • (Ghostwriter Peter Sichrovsky[25][28]): Damit bin ich noch längst nicht fertig. 1996 (Autobiografie).

Literatur[Bearbeiten]

  • Fritz Backhaus, Raphael Gross, Michael Lenarz (Hrsg.): Ignatz Bubis. Ein jüdisches Leben in Deutschland. Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-633-54224-6 (Ausstellungskatalog, Frankfurt am Main, Jüdisches Museum, 16. Mai – 11. November 2007).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c  Bruno Schrep: Mit Haß kann ich nicht leben. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1992, S. 77–79 (5. Oktober 1992, online).
  2. http://hiram7.wordpress.com/2007/09/29/bettina-rohls-interview-von-ignatz-bubis/
  3. a b c  Krumme Straße – In den Berliner Bauskandal ist jetzt auch ein Frankfurter Unternehmer verwickelt: Ignatz Bubis. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1986, S. 119–120 (10. Februar 1986, online).
  4. a b Joachim Güntner: Citoyen und Jude. Ignatz Bubis in einer Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. In: NZZ 18. Mai 2007.
  5.  Korruption: Mafiose Verflechtung. In: Der Spiegel. Nr. 5, 1988, S. 53–56 (1. Februar 1988, online).
  6. a b  Andreas Wassermann: Unauffällig abgewickelt. In: Der Spiegel. Nr. 29, 2004, S. 50 (12. Juli 2004, online).
  7. Volker Müller: Das Mahnmal im Herzen. Ein Mann der Aufklärung und des Ausgleichs. In: Berliner Zeitung, 14./15. August 1999, S. 3.
  8. Volker Müller: Die Bitterkeit des unbeirrbaren Mahners. In: Berliner Zeitung, 31. Juli 1999, S. 2.
  9.  Sehr schmerzlicher Prozeß. In: Der Spiegel. Nr. 13, 1997, S. 78–79 (24. März 1997, online).
  10. Die Grabschändung blieb fast unbemerkt. In: Der Tagesspiegel, 17. August 1999.
  11. Aus Pressestimmen. In: Berliner Zeitung, 18. August 1999.
  12. Worte der Woche 6. November 1992 in „Die Zeit“
  13. BONNER BÜHNE Humor im Recht 6. November 1992 in „Die Zeit“
  14.  Rafael Seligmann: Die Juden leben. In: Der Spiegel. Nr. 47, 1992, S. 75–78 (16. November 1992, online).
  15. Abschied vom deutschen „Sein“ von Otto Kalischeuer 4. Dezember 1992 in „Die Zeit“
  16. Robert Leicht 19. August 1999 in „Die Zeit“ Am Ende nirgendwo zu Hause
  17. Was ist Antisemitismus? von Götz Aly 6. Juni 2002 in „Die Zeit“
  18. Deutsche Vergangenheit Vom schwierigen Umgang mit dem Antisemitismus 31. Oktober 2003 im „Stern“
  19. „Trotz Auschwitz“ Willi Jasper 2. Februar 2008 in „Die Zeit“
  20. IGNATZ BUBIS, DER MITTELDEUTSCHE RUNDFUNK UND HERR BILGES 20. November 1992 in „Die Zeit“
  21. http://www.diebadhonnefer.de/gunter-reichert-erhalt-bundesverdienstkreuz-1-klasse.htm
  22. http://www.nrw.sudeten.de/TagDerHeimat-Bochum.pdf
  23. http://www.hagalil.com/deutschland/bubis/presse/bubis-sp.htm
  24. http://www.hagalil.com/deutschland/bubis/buch.htm
  25. a b  Karen Andresen: Wir bleiben immer Fremde. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1996, S. 40–43 (7. Oktober 1996, online).
  26. http://www.hagalil.com/deutschland/bubis/presse/stern.htm
  27.  Ehrung: Ignatz Bubis. In: Der Spiegel. Nr. 15, 1993, S. 256 (12. April 1993, online).
  28. hagalil.com, abgerufen am 15. Dezember 2012