Distichon

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Ein Distichon (Plural „Distichen“; griechisch „Zweizeiler“ von δι- di- „zwei“ und στίχος stíchos „Vers“, „Zeile“) ist in der Verslehre allgemein ein Verspaar bzw. eine zweizeilige Strophenform.

Die verbreitetste Form des Distichons ist das aus einem daktylischen Hexameter (griech. „Sechsmaß“) und einem Pentameter (griech. „Fünfmaß“) bestehende sogenannte elegische Distichon oder auch Elegeion. Die Form ist in der griechischen Dichtung schon im 7. Jahrhundert v. Chr. bei Kallinos und Archilochos nachzuweisen und wurde in der Antike vielfach für Epigramme, Elegien, Idyllen und Lehrdichtung verwendet.

Das metrische Schema des antiken elegischen Distichons ist

◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—×
◡◡ˌ—◡◡ˌ— ‖ —◡◡ˌ—◡◡ˌ—

Als Beispiel ein Distichon aus dem berühmtesten vollständig in Distichen verfassten Werk, der Ars amatoria („Liebeskunst“) des römischen Dichters Ovid.

Parcite praecipue viti(a) exprobrare puellis,
Utile quae multis dissimulasse fuit.[1]

Neben Ovid sind in der lateinischen Literatur als Verfasser von Distichen Tibull, Properz, Catull und Martial zu nennen.

Ein Beispiel für das Distichon im Deutschen gibt die Übersetzung[2] der Ovidschen Verse:

Nehmt euch vor allem in acht, die Gebrechen der Mädchen zu rügen,
ja, es hat manchem genützt, dass er mit Fleiß sie nicht sah.

Der antike Daktylus (—◡◡) besteht aus einem elementum longum (—), also einer lange Silbe, und einem elementum biceps (◡◡), dem meist eine Doppelkürze (◡◡), oft aber auch eine lange Silbe entspricht, wodurch ein Spondeus (——) entsteht. In der deutschen Nachbildung des antiken Versfußes wird statt dem im Deutschen schlecht realisierbaren Spondeus die Umsetzung des Daktylus als Trochäus (—◡) zugelassen, man notiert den deutschen Daktylus daher als —◡(◡). Das metrische Schema des Distichons ist im Deutschen demnach:

—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡◡ˌ—×
—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ— ‖ —◡◡ˌ—◡◡ˌ—

Erste Versuche einer Nachbildung finden sich in der deutschen Barockdichtung bei Fischart, Klaj und Birken, dort noch in silbenzählender und gereimter Form, reimlos und akzentuierend dann bei Gottsched und Klopstock (Die zukünftige Geliebte, Elegie). Ihren Höhepunkt fand die deutsche Distichendichtung aber in der Klassik, deren beide Hauptvertreter Goethe und Schiller diese Form für ihre epigrammatischen Xenien aufgriffen. Aus dieser Sammlung stammt Schillers bekannter Merkvers zum Distichon[3]:

Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

Eine Parodie von Matthias Claudius darauf lautet[4]:

Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus.

Meist geht dieser formale Rückgriff einher mit einem bewussten Anknüpfen an die antiken literarischen Vorbilder, das Distichon gilt im Deutschen daher als „antikisierende“ Form. Berühmt sind Goethes Römische Elegien, die sich auf die elegische Liebesdichtung eines Tibull, Properz und Ovid beziehen und aus denen die folgenden vier Distichen stammen:

Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer geküsst, es wird vernünftig gesprochen.
Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.
Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,
Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in lieblichem Schlummer
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust.[5]

Weitere bekannte Beispiele aus der Weimarer Klassik sind Goethes Venezianische Epigramme, das Lehrgedicht Die Metamorphose der Pflanzen und Schillers Der Spaziergang und Nänie:

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.

Nach Goethe und Schiller sind als bedeutende Vertreter deutscher Distichendichtung zu nennen Hölderlin (Menons Klagen um Diotima, Der Wanderer, Brod und Wein), Mörike, Geibel und August Graf von Platen.

Sonderformen des Distichons sind das zäsurgereimte leoninische Distichon sowie das Chronodistichon, ein Chronogramm in der metrischen Form eines Distichons.

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Beißner: Geschichte der deutschen Elegie. 2. Aufl. de Gruyter, Berlin 1965.
  • Sandro Boldrini: Prosodie und Metrik der Römer. Teubner, Stuttgart & Leipzig 1999, ISBN 3-519-07443-5, S. 97f.
  • Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moennighoff (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3. Aufl. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-01612-6, S. 161.
  • Daniel Frey: Bissige Tränen. Eine Untersuchung über Elegie und Epigramm seit den Anfängen bis Bertolt Brecht und Peter Huchel. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-88479-985-1.
  • Otto Knörrich: Lexikon lyrischer Formen. 2. Aufl. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-47902-8, S. 44f.
  • Marion Lausberg: Das Einzeldistichon. Studien zum antiken Epigramm. München 1982.
  • Burkhard Moenninghoff: Distichon. In: Klaus Weimar (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 1: A–G. De Gruyter, Berlin / New York 1997, ISBN 978-3-11-010896-5, S. 379 f.
  • Ludwig Strauss: Zur Struktur des deutschen Distichons. In: Trivium 6 (1948), S. 52–83.
  • Carl Wefelmeier: Epilegomena zum Elegischen Distichon. In: Hermes 124. Bd., H. 2 (1996), S. 140–149.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ovid Ars amatoria II,640 f. Das a von vitia fällt der Elision zum Opfer.
  2. Übersetzung von Wilhelm Hertzberg.
  3. Schiller: Das Distichon. In: Musen-Almanach für das Jahr 1797. Cotta, Tübingen 1796, S. 67.
  4. Matthias Claudius: Der berühmte Almanach. In: Urians Nachricht von der neuen Aufklärung. Hamburg 1797.
  5. Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Berlin 1960 ff, Bd. 1, S. 169. Römische Elegien, 5. Elegie, v. 11–18, online.