Dorisches Griechisch

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Verbreitungsgebiet der griechischen Dialekte. Dorisch in Braun.

Das Dorische ist ein altgriechischer Dialekt, der vom Stamm der Dorer gesprochen wurde. Das Verbreitungsgebiet des Dialekts umfasste große Teile der Peloponnes (u. a. Sparta, Argos, Korinth), Kreta, Rhodos, Teile der kleinasiatischen Westküste (u. a. Knidos) sowie die dorischen Kolonien am Schwarzen Meer, auf Sizilien und in Süditalien. Das Dorische wird oft zusammen mit den nah verwandten nordwestgriechischen Dialekten, die in Phokis (Delphi), Lokris und Elis (Olympia) gesprochen wurden, zum Dorisch-Nordwestgriechischen zusammengefasst.

Der dorische Dialekt war in zahlreiche lokale Varianten gegliedert, die hauptsächlich durch Inschriften überliefert sind. Zu den Vertretern der dorischsprachigen Literatur zählen die Lyriker Pindar, Bacchylides und Alkman, die syrakusanischen Komödiendichter Sophron und Epicharmos, der syrakusanische Mathematiker Archimedes sowie die alexandrinischen Dichter Theokritos und Kallimachos. Traditionell war Dorisch die Sprache der Chorlyrik. In der Attischen Tragödie (z. B. Sophokles, Aischylos, Euripides) wird der Dialog auf Attisch gesprochen, das Chorlied aber im dorischen Dialekt gesungen.

In hellenistischer Zeit wurde das Dorische, wie auch die übrigen griechischen Dialekte, durch die Koine, eine weitgehend auf dem Attischen beruhende Gemeinsprache, verdrängt. Jedoch hat sich in abgelegenen Teilen der Peloponnes bis heute das Tsakonische, ein auf dem antiken Dorischen beruhender Dialekt, erhalten. Auch der kretische Dialekt ist durch das Dorische geprägt worden.

Charakteristika[Bearbeiten]

Die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Dorischen und dem Attischen, der klassischen Form des Altgriechischen:

  • Ursprüngliches langes (ā) bleibt stets erhalten.
    Beispiel: dorisch μάτηρ (mātēr) gegenüber attisch μήτηρ (mētēr) oder φάμα (pháma – die Kunde, der Ruf) zu attisch φήμη (phếmê).
  • Verwendung von Doppelsigma/Sigma (σσ/σ) an Stelle von attisch Doppeltau/Tau/Theta (ττ und τ/θ) vor Vokalen
    Beispiel: dorisch θάλασσα (thálassa – Meer) zu attisch θάλαττα (thalatta), Ἀσάνα/Ἀθάνα (Asána/Athána) zu attisch/ionisch Ἀθηνᾶ (aus Ἀθηναία > *Ἀθηνάα > Ἀθηνᾶ) / Ἀθήνη (Athéne).
  • Teilweise Erhaltung des w-Lautes (Ϝ, ϝ)
    Beispiel: dorisch Fοῖκος (woikos) gegenüber attisch οἶκος (oikos)
  • Ursprüngliches -τι (-ti) bleibt erhalten.
    Beispiel: dorisch φέροντι (pheronti) gegenüber attisch φέρουσι (pherousi)
  • Ersatzdehnung auf η (ē) und ω (ō) statt ει (ei) und ου (ou)
  • Das Kardinalzahlwort τέτορες (tetores – vier) statt attisch τέτταρες (tettares) und Ionisch/Koine τέσσαρες (tessares).
  • Das Ordinalzahlwort πρᾶτος (prātos – (der) Erste) statt attisch πρῶτος (prōtos).
  • Das Demonstrativpronomen τῆνος (tēnos – dieser) für (ἐ)κεῖνος ((e)keinos)
  • Die Endung 3. Person Plural Aorist und Imperfekt ist „-n“ gegenüber attisch „-san“
    Beispiel: dorisch ἔδον/ἐδίδον (édon/edídon) Aorist/Imperfekt von διδόναι (δίδωμι; (didónai/dídômi) – geben) gegenüber att. ἔδοσαν/ἐδίδοσαν (édosan/edídosan).
  • Die Futurform ε (-se-ō) für attisch -σ-ω (-s-ō) am Beispiel des Mediums/Passivs von πράσσειν (att. πράττειν) – tun
    Beispiel: dorisch πραξῆται (aus πραγ-σ-έ-εται; prāxētai/prāg-sé-etai) für πράξεται (aus πράγ-σ-εται; prāxetai/prāg-s-etai) (Dorisches Futur (futurum Doricum)).
  • Endung der 1. Person Plural auf -μες statt -μεν
  • Im Nominativ Plural des Artikels und des Demonstrativpronomens dorisch τοί (toi), ταί (tai), τοῦτοι (toutoi), ταῦται (tautai) gegenüber attisch οἱ (hoi), αἱ (hai), οὗτοι (houtoi), αὗται (hautai)
  • Eigene Vokabeln wie die Verben λέειν/λείειν (le(i)ein – wollen), δρᾶv (aus δράειv; drâ'n/dráein – tun) oder πᾶσθαι (aus πάεσθαι; pā´sthai/páesthai – erwerben) = κτᾶσθαι (aus κτάεσθαι; ktâ´sthai/ktáesthai).