Ein fliehendes Pferd
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Ein fliehendes Pferd ist eine Novelle des deutschen Schriftstellers Martin Walser. Sie entstand im Sommer 1977 als Nebenarbeit innerhalb weniger Wochen, wurde aber nach ihrer Veröffentlichung Anfang 1978 zu Walsers bis dahin größtem Erfolg, und stieß gleichermaßen auf eine sehr positive Aufnahme durch die Literaturkritik wie auf eine starke Nachfrage durch die Leser. Innerhalb der folgenden 30 Jahre entwickelte sich die Novelle zu einem Bestseller mit einer Gesamtauflage von über einer Million Exemplare.
Die Novelle schildert das Aufeinandertreffen zweier Paare mittleren Alters im Urlaub am Bodensee. Die beiden Männer, ehemalige Schulfreunde, haben einen ganz unterschiedlichen Lebensweg hinter sich. Während der Gymnasiallehrer Helmut Halm sich mit seiner Ehefrau von der Welt zurückzieht und sein Glück darin findet, von der Welt verkannt zu werden, jagt der Journalist Klaus Buch dem Erfolg und der gesellschaftlichen Anerkennung hinterher und findet seine Selbstbestätigung auch bei einer deutlich jüngeren Frau. Im Lauf der Novelle werden beide Lebenseinstellungen in Frage gestellt. Ihren Höhepunkt findet die Auseinandersetzung der Schulfreunde bei einem Segeltörn auf dem stürmischen Bodensee, von dem nicht beide gemeinsam zurückkehren.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Inhaltsangabe
Die Halms fahren seit elf Jahren an den gleichen Urlaubsort, wo sie immer die gleiche Ferienwohnung mit den vergitterten Fenstern beim Ehepaar Zürn mieten. Helmut Halm, Oberstudienrat am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, trägt seinen Spitznamen „Bodenspecht“ mit Gelassenheit: Er möchte vor allen Dingen, dass seine Mitmenschen sich kein mit seiner Realität übereinstimmendes Bild von ihm machen können. So hat Helmut Halm gegenüber den Zürns ein Image entwickelt, von dem er glaubt, so sähen diese ihn am liebsten, auch wenn es sehr wenig mit ihm selbst zu tun hat. Mit seiner Frau Sabine versteht er sich meist ohne viel Worte. Er ist allerdings in einer Phase angelangt, in der, entgegen dem Credo der Gesellschaft, Geschlechtsverkehr zur Seltenheit geworden ist. Er wünscht sich eher einen Zustand der Ruhe und Unbeweglichkeit.
Dann aber geschieht etwas, welches das eingespielte Verhältnis durcheinander bringt. Plötzlich taucht – vermutlich auf der Seepromenade in Überlingen – Klaus Buch, ein Schul- und Studienkamerad Helmut Halms, auf. Der fitnessbesessene Klaus ist mit der sehr viel jüngeren Helene in zweiter, kinderloser Ehe verheiratet. Er beginnt sofort eine Erinnerungsorgie zu feiern, der Helmut innerlich ablehnend gegenübersteht, was er sich aber nicht anmerken lässt. Immer neue Beweise muss Klaus Buch aus der Vergangenheit vortragen, ehe Helmut Halms Gedächtnis sich regt. Nichts verursacht ihm größere Ablehnung und Widerwillen als Vergangenes. Wie anders und intensiv muss Klaus Buch gelebt haben, dass ihm nach so langer Zeit selbst noch das Marika-Rökk-Gesicht und der blonde Zopf der Theologiestudentin zum Greifen nah ist. Helmut umgibt sich lieber mit Verblichenen. Auch in den nächsten Tagen, in denen die Buchs dem Ehepaar Halm immer wieder gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Essengehen, Wandern und Segeln aufzwingen, fühlt sich Helmut ständig von Klaus gereizt, der, offenbar Opfer der Midlife Crisis, gegen das spießige Kleinbürgertum zu Felde zieht.
Nur ein einziges Mal ist Helmut von Klaus Buch beeindruckt. Als sie auf einer Wanderung sind, galoppiert ein Pferd von hinten auf sie zu, das der Bauer nicht wieder einfangen kann. Als es am Wiesenrand stehen bleibt, nähert sich Klaus Buch dem Pferd von der Seite und springt auf, ehe es wieder davon galoppiert. „Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden“. So erklärt es Klaus Buch.
Während eines Segeltörns versucht Klaus sogar Helmut zu bereden, seine gesicherte Beamtenexistenz und womöglich auch noch Sabine aufzugeben und mit ihm und Helene auf die Bahamas zu ziehen. Die Situation eskaliert, als die beiden Männer während dieses Segeltörns in einen Sturm geraten, den Klaus als Herausforderung, Helmut aber als Bedrohung empfindet. Ehe das Boot, von Klaus hart am Wind gehalten, kentern kann, stößt Helmut ihm die Pinne aus der Hand, woraufhin der Fanatiker ins Wasser fällt. Wider Erwarten überlebt Klaus dieses Abenteuer und kehrt ins Zentrum des Geschehens in dem Augenblick zurück, in dem Helene in einem fulminanten Monolog im Wohnzimmer der Halmschen Ferienwohnung die ganze Verlogenheit ihres gemeinsamen Lebens enthüllt: Klaus empfand sich stets als Versager und „Verbrecher“, glaubte nicht an seine Fähigkeiten als Journalist und hat seine Frau absichtlich kleingehalten, um ihr immer gewachsen zu sein.
Die Paare trennen sich und die Halms reisen vorzeitig ab - nach Montpellier, wo, wie ihnen Helene erzählt hat, die Mauern so dick sind, dass man vom Liebesleben der Zimmernachbarn nichts mitbekommen kann und somit unbehelligt und frei vom Vergleichenmüssen ist. Im Zug eröffnet Helmut Sabine seine Gedanken und „erzählt“ die Novelle; sie endet mit demselben Satz, mit dem sie beginnt.
[Bearbeiten] Erzählstil
Erzähltechnisch bemerkenswert ist die starke Fokalisierung, die die Dinge aus der Sicht von Helmut erscheinen lässt und durch die der Leser tiefe Einblicke in sein Innenleben erhält.
[Bearbeiten] Stellung in Walsers Gesamtwerk
Ein fliehendes Pferd war in Walsers Werk in mehrfacher Hinsicht ein Wendepunkt. Die Novelle erwies sich als der Bestseller, auf den Walser, obwohl längst ein etablierter Schriftsteller, zuvor lange hatte warten müssen. Der Erfolg beim Publikum wie bei der Kritik war gleichermaßen groß und brachte für Walser auch die finanzielle Sicherheit, sich in Zukunft vollkommen auf seine schriftstellerische Tätigkeit konzentrieren zu können.[1]
Inhaltlich wurde die Novelle vielfach als Abkehr von Walsers früheren politischen Positionen hin zu einer Neuen Subjektivität gewertet. So urteilte Marcel Reich-Ranicki in seiner lobenden Rezension, Walser habe „offenbar nicht mehr den Ehrgeiz, mit der Dichtung die Welt zu verändern. Er will nur ein Stück dieser Welt zeigen. Mehr sollte man von Literatur nicht erwarten.“[2] Jörg Magenau übersetzte dies als: „Er hat sich vom Sozialismus losgesagt und bekommt dafür nun den Lohn.“[3] Walser selbst verwahrte sich gegen eine solche Wertung. „Wo, wo hätte ich diesen Ehrgeiz ausgedrückt, wo? Ich habe immer gesagt: Ein Autor verändert im besten Fall dadurch, daß er schreibt, sich selber.“ Gleichzeitig sei Ein fliehendes Pferd durchaus kein unpolitisches Buch: „Wenn ich die Novelle anschaue, dann scheint mir das kein privater Befund zu sein, wie diese beiden Männer, Halm und Buch auf verschiedene Weise Schein produzieren, Konkurrenzhaltungen leben, die gewissermaßen die Person auffressen.“[4] Der politische Hintergrund der Novelle sei, dass sie sich nur in unserer Gesellschaft auf diese Weise abspielen könne.[5]
Auch stilistisch bedeutete Ein fliehendes Pferd eine Wende im Werk Walsers. Gerald A. Fetz konstatierte in der Novelle „die diszipliniertere Sprache, die größere Überschaulichkeit der Handlung, die klar nachvollziehbare Fabel – es gibt sogar ‚Action‘! – die abgeschlossenere Form und die allgemeine Verständlichkeit“ gegenüber Walsers früheren Romanen.[6] Joachim Kaiser vermisste deren „tausendmal anfechtbareren, tausendmal herrlicheren Seelen- und Wort-Dschungel“ in der Novelle.[6] Und Martin Lüdke konstatierte, der „stetig steigende Unterhaltungswert“ von Walsers Prosa fordere einen hohen Preis: „Walsers Rückgriff auf die überlieferten literarischen Formen [Novellenform] läuft einher mit dem Rückgriff auf eine längst zerdepperte Bewußtseinsform. […] Martin Walser bewegt sich auf die fließende Grenze zu, die ‚Literatur‘ von ‚Unterhaltung‘ trennt.“[6]
Wie in vielen anderen Werken Walsers ist auch der Protagonist aus Ein fliehendes Pferd mit Zügen seines Autors ausgestattet. So schrieb Paul F. Reitze in einer Rezension der Novelle: „Sein Hauptthema heißt Walser. Die eigene Person wird zerlegt, wird mit dem spitzen Aperçumesser in Viertelstücke und Hälften tranchiert.“[7] Die Nähe Walsers zu Helmut Halm reicht von dessen Midlife Crisis – Walser selbst war wenige Monate vor Entstehung der Novelle 50 geworden – über die räumliche Umgebung – Walser wohnt in Nußdorf am Bodensee – bis zur kleinbürgerlichen Perspektive Halms.[5] Walser erklärte zur Figurenkonstellation in Ein fliehendes Pferd: „ich war, als ich das Buch schrieb, der Meinung, ich vertrete mit meiner Spielfigur Helmut Halm einfach meine eigene Position gegenüber einer Reihe von Figuren, die ich in Wirklichkeit kenne und die ich zusammengefasst habe in der Figur Klaus Buch.“[8] Andere Leser sahen in den beiden männlichen Protagonisten zwei Seiten von Walsers Persönlichkeit. Laut Hans-Erich Struck sei Walser wie Klaus Buch ein guter Segler und er besitze wie dieser eine besondere Empfindlichkeit gegen Abhängigkeit und Beleidigung.[9] Für Michael Zimmer spaltete Walser seine Biografie als Germanist in die Alternativen Gymnasiallehrer und Journalist auf, die er in der Novelle durchspiele.[10]
Die besondere Beziehung Walsers zu seiner Heimat am Bodensee drückte sich im zweiten 1978 erschienenen Buch Heimatlob aus, das Texte von Walser mit Aquarellen des Malers André Ficus verband. 1985 schrieb Walser mit dem Roman Brandung das Leben von Sabine und Helmut Halm fort und versetzte sie vom heimischen Bodensee nach Kalifornien, wo Halm eine Gastprofessur an einem amerikanischen College annahm. Gottlieb Zürn, der Vermieter der Ferienwohnung der Halms, ist die Hauptperson von Walsers Romanen Das Schwanenhaus, Jagd und Der Augenblick der Liebe.
[Bearbeiten] Entstehungsgeschichte
Ein fliehendes Pferd entstand im Sommer 1977 während Walsers Arbeit an seinem Roman Seelenarbeit. Nachdem eine erste Fassung von Seelenarbeit Ende Juli 1977 fertiggestellt war, wollte sich Walser nach eigener Aussage „für eine Durcharbeitung des Romans möglichst weit vom Geschriebenen […] entfremden“ und wandte sich daher einer Novelle zu, die innerhalb von vierzehn Tagen als Lockerungsübung entstand. Walser nannte Ein fliehendes Pferd eine „rasch wegzischende Sommerarbeit“ und sandte bereits am 8. September 1977 das Manuskript an Siegfried Unseld, seinen Verleger des Suhrkamp Verlags. Dessen Reaktion war positiv: „Ich gratuliere Dir und mir und uns“. Die Startauflage für das folgende Frühjahr wurde auf 25.000 Exemplare angesetzt. Zudem erschien die Novelle als Vorabdruck ab dem 24. Januar 1978 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.[11]
Ausgerechnet in der FAZ hatte Martin Walser mit seinem letzten, im Frühjahr 1976 erschienen Roman Jenseits der Liebe den bislang schärfsten Verriss seiner Karriere hinnehmen müssen. Schon der Titel, unter den Marcel Reich-Ranicki seine Rezension stellte, Jenseits der Literatur, sprach aus, was der Kritiker von Walsers letztem Werk hielt. Reich-Ranicki urteilte über Jenseits der Liebe: „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.“ Er beklagte den schriftstellerischen Niedergang Walsers, der einst als Hoffnung der Nachkriegsliteratur gehandelt worden sei, nun aber „die Worte nicht mehr halten“ könne.[12]
[Bearbeiten] Rezeption
Marcel Reich-Ranicki war es auch, der zwei Jahre später den Ton der Rezeption von Ein fliehendes Pferd vorgab. Zur Vorabveröffentlichung in der FAZ urteilte er, Walsers Novelle sei „sein reifstes, sein schönstes und bestes Buch“. Es sei „ein Glanzstück deutscher Prosa dieser Jahre, in dem sich Martin Walser als Meister der Beobachtung und der Psychologie, als Virtuose der Sprache bewährt“. Seinen Verriss des letzten Buches von Walser erklärte Reich-Ranicki nun pädagogisch: „Die Kritik […] war ein letzter, verzweifelter Versuch, auf Martin Walsers schriftstellerischen Weg einen Einfluß auszuüben.“[13] In seiner ausführlichen Rezension sechs Wochen später legte er nach, Walser habe „die Geschwätzigkeit überwunden und die Beredsamkeit wiedergewonnen. Selten wird in der deutschen Literatur der Gegenwart die Alltagssprache der Intellektuellen so genau und so entlarvend eingefangen.“[2]
Die überwiegende Mehrheit der von Februar bis August 1978 erschienenen über 130 Rezensionen der Novelle folgte Reich-Ranickis begeisterter Vorgabe. So urteilte Achim Ayren, „diese Geschichte könnte zu dem gehören, das einmal übrigbleibt von einem Jahrhundert“.[14] Peter Wapnewski fand „eine einfache, eine spröde und traurige Geschichte. […] Kunstvoll gerade in ihrer Lässigkeit. […] Eine Parabel von der Hilflosigkeit des Menschen mitten inmitten seiner menschgemachten Kraft- und Potenzwelt.“[15] Reinhard Baumgart betonte die gesellschaftskritische Dimension der Novelle. Sie beschriebe „ein soziales System, das keinen Lebenssinn mehr hergibt, das Halm nur noch als eine Produktion von Schein, das Buch als ein Universum des Schwindels erlebt.“ Walser sei „ein wahres Kunststück an Durchgeplantheit und Ökonomie“ gelungen, das „nahe an die Quadratur des Kreises, an die erzählende Objektivierung seiner Subjektivität gekommen ist.“[16] Auch Benjamin Henrichs applaudierte einer „Novelle, die mit dem Wort ‚meisterhaft‘ eher karg gelobt wäre. Ein Lesevergnügen, wie es in diesem Literaturjahr 1978 bestimmt nicht viele geben wird.“ Allerdings spürte er am Ende „etwas Maschinenhaft-Ernüchterndes“ über eine „überaus künstlich“ geratene Versuchsanordnung und ein Schlusskapitel, das mit seiner „trivialsten Enthüllungsdramaturgie“ „[e]ntlarvend, aber nur noch öde“ sei. [17] Noch weiter ging Günter Zehm in seiner Kritik. Für ihn konnte „keine Rede davon sein, daß wir es hier mit einem ‚Meisterwerk der deutschen Literatur‘ zu tun hätten“. Er bemängelte vor allem die Schlagseite der Novelle: „Allzu ungleich sind die Gewichte verteilt. Der behäbige Kierkegaard-Leser Halm im Clinch mit einem mineralwässrigen Fliegengewicht – so etwas sieht nur noch komisch aus, und man muß den Verdacht hegen, daß diese Komik unfreiwillig ist.“[18]
Ein fliehendes Pferd wurde ein Bestseller. Die Erstauflage von 25.000 Exemplaren war innerhalb weniger Tage vergriffen. Ende November 1978 wurde bereits die siebte Auflage mit insgesamt 132.000 Exemplaren nachgelegt. Die Novelle befand sich vom Zeitpunkt ihres Erscheinens am 1. März 1978 an während des gesamten Jahres auf der Bestsellerliste des Spiegels und erreichte in der Jahreswertung den 2. Rang. Zweimal wurde sie von einer Auswahl von 26 Kritikern auf den ersten Platz der SWR-Bestenliste gewählt.[19] Bis 2006 wurden in 26 Auflagen über eine Million Exemplare der Novelle verkauft.[20]
[Bearbeiten] Adaptionen
Als Auftakt des von Walser und Rolf Hochhuth ins Leben gerufene Meersburger Sommertheaters verfasste 1985 der damalige Dramaturg des Stadttheater Konstanz Ulrich Khuon eine Bühnenbearbeitung von Ein fliehendes Pferd, zu der Walser selbst mit einem Gespräch der beiden weiblichen Hauptfiguren eine Szene beisteuerte.[21] Das Stück setzt in der Ferienwohnung der Halms ein, als diese die Buchs bereits getroffen haben und auf ihren Besuch warten. Die Szene um das fliehende Pferd wurde gestrichen. Der Segelausflug Helmuts und Klaus’ ist der dramaturgische Höhepunkt des Stücks, das mit Hels abrechnendem Monolog und der Rückkehr des vermissten Klaus endet. Die Inszenierung in Meersburg erwies sich mit der Uraufführung am 19. Juli 1985 und zwölf weiteren ausverkauften Vorstellungen als Publikumserfolg.[22] Die Kritiken des Stücks waren überwiegend positiv.[23] Der Spiegel vermisste allerdings, die „Detailliebe und Genauigkeit, nach der Walsers Text in seiner dekuvrierenden Vielseitigkeit im Neurotischen, Obszönen und Verletzbaren verlangt, wenn er nicht ins Deklamatorisch-Satirische abrutschen soll.“[24] Das Stück wird bis heute auf vielen Bühnen gespielt. Walser arbeitete es für eine Hörspielfassung um, bei der er selbst Regie führte. Sie wurde erstmalig am 17. März 1986 vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt.[22]
Einige Tage später, am 26. März 1986, sendete die ARD eine Fernsehverfilmung von Ein fliehendes Pferd[25][26], die unter der Regie von Peter Beauvais und nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf entstanden war. Darsteller warem Vadim Glowna, Rosel Zech, Dietmar Mues und Marita Marschall. Walser selbst hatte auf Bitten Beauvais’ noch kurz vor Produktionsbeginn das Drehbuch überarbeitet, das er dennoch im Nachhinein als „Katastrophe“ empfand, die „nur die Novelle geplündert“ habe.[27] Benedikt Erenz wertete dagegen die Umsetzung als „buchgetreu“ und „ausgesprochen gelungene Filmfassung eines schwierigen Textes“.[28]
In der Neuverfilmung Ein fliehendes Pferd von 2006 spielten unter der Regie von Rainer Kaufmann Ulrich Noethen als Helmut, Ulrich Tukur als Klaus, Katja Riemann als Sabine und Petra Schmidt-Schaller als Hel.[29] Der am 20. September 2007 gestartete Film erreichte knapp 400.000 Kinozuschauer, seit 2008 ist er auf DVD erhältlich[30] Er übertrug die Novelle wesentlich freier als die erste Verfilmung in die Gegenwart und legte seinen Fokus auf eine unterhaltende Beziehungskomödie ohne gesellschaftskritischen Anspruch.[31] Walser, der am Drehbuch mitgewirkt hatte, war mit dem Ergebnis zufrieden: „Es ist ein Filmkunstwerk der eigenen Art, keine Verfilmung.“[32]
[Bearbeiten] Literatur
[Bearbeiten] Textausgaben
- Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-04269-6 (Erstausgabe)
- Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-37100-2 (Auf diese Fassung beziehen sich die verwendeten Zitate)
- Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Vollständige Lesung durch den Autor. Der Hörverlag, München 2007, ISBN 3-86717-098-3
- Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Theaterstück. Mitarbeit Ulrich Khuon. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-11383-6
[Bearbeiten] Sekundärliteratur
- Olaf Kutzmutz: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Lektüreschlüssel für Schüler. Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-015373-4
- Elmar Nordmann: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 376). Bange, Hollfeld 2008, ISBN 978-3-8044-1884-4
- Hans-Erich Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Oldenbourg, München 2002. ISBN 3-486-01427-7
- Michael Zimmer: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Interpretationen und Materialien. Beyer, Hollfeld 2007, ISBN 978-3-88805-167-8
- Gerald A. Fetz: Martin Walser. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-4761-0299-7, S. 118–123
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Jörg Magenau: Martin Walser, Rowohlt, Reinbek 2008, ISBN 978-3-499-24772-9, S. 357
- ↑ a b Marcel Reich-Ranicki: Martin Walsers Rückkehr zu sich selbst. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. März 1978
- ↑ Magenau: Martin Walser, S. 354
- ↑ Magenau: Martin Walser, S. 354–355
- ↑ a b Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 62
- ↑ a b c Zitiert nach: Fetz: Martin Walser, S. 121
- ↑ Paul F. Reitze: Die Reise nach Philippsburg. In: Rheinischer Merkur vom 24. März 1978
- ↑ Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 61
- ↑ Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 61–62
- ↑ Zimmer: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 77
- ↑ Magenau: Martin Walser, S. 349–351
- ↑ Magenau: Martin Walser, S. 343
- ↑ Marcel Reich-Ranicki: Walsers Glanzstück. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Januar 1978
- ↑ Achim Ayren: Wer arbeitet, lebt nicht. Zu Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“. In: Stuttgarter Zeitung vom 11. März 1978
- ↑ Peter Wapnewski: Männer auf der Flucht. In: Deutsche Zeitung – Christ und Welt vom 10. März 1978
- ↑ Reinhard Baumgart: Überlebensspiel mit zwei Opfern. In: Der Spiegel vom 27. Februar 1978
- ↑ Benjamin Henrichs: Narziß wird fünfzig. In: Die Zeit vom 24. Februar 1978.
- ↑ Günter Zehm: Der Oberstudienrat im Clinch mit einem Fliegengewicht. In: Die Welt vom 21. März 1978
- ↑ Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 67
- ↑ Kutzmutz: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 78
- ↑ Dorrit Riege: Ein Walser für Winterhude. In: Welt Online vom 2. März 2008
- ↑ a b Kutzmutz: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 79
- ↑ Nordmann: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd., S. 83
- ↑ Ins Wasser gestoßen. In: Der Spiegel vom 29. Juli 1985
- ↑ Ein fliehendes Pferd (1985) in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
- ↑ Ein fliehendes Pferd (1985). In: Deutsches Filmhaus
- ↑ Eckhard Fuhr: Das ungeheure Glück des Martin Walser. In: Welt Online vom 13. September 2007
- ↑ Benedikt Erenz: Kampf am Bodensee. In: Die Zeit vom 21. März 1986
- ↑ Ein fliehendes Pferd (2007) in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
- ↑ Daniel Ronel: Beziehungskarussell. Ein fliehendes Pferd. In: BR online vom 15. April 2008
- ↑ Nordmann: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd., S. 93
- ↑ Premiere am Drehort – Staraufgebot am Bodensee auf n-tv.de, 13. September 2007

