Martin Walser

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Martin Walser Frankfurter Buchmesse 2013
Martin Walser, Köln 2010
Brunnen von Peter Lenk in Überlingen
Walsers Signatur

Martin Johannes Walser (* 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee) ist ein deutscher Schriftsteller. Bekannt wurde Walser durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen.

Leben[Bearbeiten]

Die Eltern Walsers betrieben die Bahnhofsrestauration und eine Kohlenhandlung in Wasserburg. Das Milieu seiner Kindheit wird im Roman Ein springender Brunnen geschildert. Von 1938 bis 1943 besuchte er die Oberrealschule in Lindau und wurde anschließend als Flakhelfer eingezogen. Nach Unterlagen des Berliner Bundesarchivs ist Walser in der Zentralkartei der NSDAP mit dem Eintrittsdatum 30. Januar 1944 verzeichnet.[1] Walser bestreitet jedoch, jemals einen Aufnahmeantrag ausgefüllt zu haben.[2] Nach dem Reichsarbeitsdienst erlebte er das Ende des Zweiten Weltkrieges als Soldat der Wehrmacht.

Nach Kriegsende machte er 1946 in Lindau am Bodensee-Gymnasium das Abitur und studierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg und der Eberhard Karls Universität Tübingen Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. 1950 heiratete er Katharina „Käthe“ Neuner-Jehle. Aus dieser Ehe gingen die Töchter Franziska, Johanna, Alissa und Theresia hervor, mit Maria Carlsson, der Ehefrau des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, hat er außerdem einen Sohn, Jakob Augstein.[3]

Während des Studiums begann Walser 1949, für den neu gegründeten Süddeutschen Rundfunk als Reporter zu arbeiten und Hörspiele zu schreiben.[4] Eine zwischenzeitliche Festanstellung beim SDR ermöglichte ihm 1951 die Promotion in Tübingen mit einer Dissertation zu Franz Kafka. Zusammen mit Helmut Jedele bildete er den Kern der „Genietruppe“ des Stuttgarter Hörfunks und baute als freier Mitarbeiter den Fernsehbereich des Senders mit auf. Er führte Hörspielregie und wirkte 1953 am Buch zur ersten Fernsehfilmproduktion des deutschen Nachkriegsfernsehens mit.[5] Parallel dazu vertiefte er als Rundfunkredakteur und Autor seine Kontakte zur Literaturszene.

Seit 1953 wurde Walser regelmäßig zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen, die ihn 1955 für die Erzählung Templones Ende auszeichnete. Sein erster Roman Ehen in Philippsburg erschien 1957 und wurde ein großer Erfolg. Walser lebte von da an mit seiner Familie als freier Schriftsteller erst in Friedrichshafen und dann in Nußdorf am Bodensee.

In den sechziger Jahren setzte sich Walser wie viele andere linke Intellektuelle (Günter Grass u. a.) für die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler ein. 1964 war er Zuhörer beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt. Er engagierte sich gegen den Vietnamkrieg[6], reiste nach Moskau und galt (auch seinem Verleger Siegfried Unseld) in den sechziger und siebziger Jahren als Sympathisant der DKP, der er aber nie als Mitglied angehörte; er war mit Ernst Bloch, Robert Steigerwald u. a. befreundet. 1988 hielt Walser im Rahmen der Reihe Reden über das eigene Land eine Rede, in der er deutlich machte, dass er die deutsche Teilung als schmerzende Lücke empfindet, mit der er sich nicht abfinden will. Diesen Stoff machte er auch zum Thema seiner Erzählung Dorle und Wolf. Auch wenn Walser ausdrücklich betonte, dass sich seine Haltung über die Zeit nicht verändert habe, sprechen einige Beobachter von einem Sinneswandel des Autors.[7]

Eine in Verlagsverträgen ungewöhnliche Klausel ermöglichte es Walser, nach dem Tod von Siegfried Unseld mit allen seinen Werken 2004 vom Suhrkamp Verlag zum Rowohlt Verlag zu wechseln. Insbesondere spielte laut eigener Aussage dabei die fehlende Positionierung des Verlags im Streit um seinen umstrittenen Roman Tod eines Kritikers eine Rolle. Walser hatte dabei den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einerseits als Person und andererseits als Symbol einer unredlichen Kulturszene kritisiert. Unter anderem Frank Schirrmacher kritisierte ein „Spiel mit antisemitischen Klischees“.

Walser ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Sächsischen Akademie der Künste, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und des PEN-Zentrums Deutschland.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben: Seine Helden sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen an sie oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen; der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder. Dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äußere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Martin Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur (wie Heinrich Böll, Peter Handke oder Siegfried Lenz) und setzt ihn in Gegensatz zur angelsächsischen Literaturtradition, in der das Vorantreiben einer äußeren Handlung weit bedeutender ist. Nicht vergessen werden dürfen hier Walsers Theater-Arbeiten. Gleich mit seinem ersten Stück Der Abstecher sorgte er für heftige Diskussionen.

Originalausgaben[Bearbeiten]

  • Beschreibung einer Form. Versuch über die epische Dichtung Franz Kafkas. Dissertation, Beißner, Tübingen 1951.
  • Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1955.
  • Ehen in Philippsburg. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1957.
  • Halbzeit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1960.
  • Eiche und Angora. Eine deutsche Chronik, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962.
  • Lügengeschichten. Suhrkamp (es 81), Frankfurt am Main 1964.
  • Unser Auschwitz. In: Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.): Kursbuch Nr. 1, 1965, S. 189–200. (Über den Auschwitzprozess)
  • Erfahrungen und Leseerfahrungen. Suhrkamp (es 109), Frankfurt am Main 1965.
  • Das Einhorn. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966.
  • Heimatkunde. Aufsätze und Reden. Suhrkamp (es 269), Frankfurt am Main 1968.
  • Fiction. Erzählung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970.
  • Die Gallistl'sche Krankheit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972.
  • Der Sturz. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973.
  • Jenseits der Liebe. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976.
  • Ein fliehendes Pferd. Novelle. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978.
  • Seelenarbeit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979.
  • Das Schwanenhaus. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980.
  • Selbstbewußtsein und Ironie. Frankfurter Vorlesungen, Suhrkamp (es 1090), Frankfurt am Main 1981.
  • Brief an Lord Liszt. Roman, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982.
  • Liebeserklärungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983.
  • Brandung. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985.
  • Meßmers Gedanken. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985.
  • Geständnis auf Raten. Suhrkamp (es 1374), Frankfurt am Main 1986.
  • Die Amerikareise. Versuch, ein Gefühl zu verstehen. (Mit André Ficus), Kunstverlag, Weingarten 1986.
  • Dorle und Wolf. Eine Novelle. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987.
  • Jagd. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988.
  • Über Deutschland reden. Suhrkamp (es 1553), Frankfurt am Main 1988.
  • Die Verteidigung der Kindheit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991.
  • Ohne einander. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993.
  • Vormittag eines Schriftstellers. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994.
  • Finks Krieg. Roman, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996.
  • Deutsche Sorgen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
  • Umgang mit Hölderlin. Zwei Reden. Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1998, Insel-Bücherei 1176
  • Heimatlob. Ein Bodensee-Buch (mit André Ficus), Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1998
  • Ein springender Brunnen. Roman, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998.
  • Am Wasser. Ein Bilderbuch. Sanssouci Verlag, München 2000.
  • Der Lebenslauf der Liebe. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001.
  • Tod eines Kritikers. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002.
  • Meßmers Reisen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003.
  • Der Augenblick der Liebe. Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004.
  • Die Verwaltung des Nichts. Aufsätze, Rowohlt, Reinbek 2004.
  • Leben und Schreiben. Tagebücher 1951–1962. Rowohlt, Reinbek 2005, ISBN 978-3-499-24427-8.
  • Angstblüte. Roman. Rowohlt, Reinbek 2006.
  • Der Lebensroman des Andreas Beck. Edition Isele, Eggingen 2006.
  • Das geschundene Tier. Neununddreißig Balladen. Rowohlt, Reinbek 2007.
  • Ein liebender Mann. Roman. Rowohlt, Reinbek 2008, ISBN 978-3-498-07363-3.
  • Leben und Schreiben. Tagebücher 1963–1973. Rowohlt, Reinbek 2008, ISBN 978-3-498-07358-9.
  • Mein Jenseits. Novelle. Berlin University Press, Berlin 2010, ISBN 978-3-940432-77-3.
  • Leben und Schreiben. Tagebücher 1974–1978. Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-498-07369-5.
  • Muttersohn. Roman. Rowohlt, Reinbek, 2011, ISBN 978-3-498-07378-7.
  • Meine Lebensreisen. Corso, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86260-045-8.
  • Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. Rowohlt, Reinbek 2012, ISBN 978-3498073817.
  • Das dreizehnte Kapitel. Rowohlt, Reinbek 2012, ISBN 978-3-498-07382-4.
  • Meßmers Momente. Rowohlt, Reinbek 2013, ISBN 978-3-498-07383-1
  • Die Inszenierung. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-498-07384-8 auch als E-Book.

Theaterstücke[Bearbeiten]

  • Der Abstecher. Die Zimmerschlacht. (2 Stücke, geschrieben 1961 bzw. 1962/63/67), Suhrkamp (es 205), Frankfurt am Main 1967.
  • Das Sofa. Eine Farce (geschrieben 1961). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992.
  • Eiche und Angora. Eine deutsche Chronik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962.
  • Überlebensgroß Herr Krott. Requiem für einen Unsterblichen. Suhrkamp (es 55), Frankfurt am Main 1964.
  • Der schwarze Schwan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1964.
  • Wir werden schon noch handeln. (Uraufführung 1968 unter dem Titel Der schwarze Flügel.)
  • Ein Kinderspiel. Stück in zwei Akten. Suhrkamp (es 400), Frankfurt am Main 1970.
  • Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe. Szenen. Mit 16 Graphiken von Peer Wolfram. Eremiten-Presse, Stierstadt 1971.
  • Das Sauspiel. Szenen aus dem 16. Jahrhundert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975.
  • In Goethes Hand. Szenen aus dem 19. Jahrhundert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982.
  • Ein fliehendes Pferd. Theaterstück. Mitarbeit Ulrich Khuon. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985.
  • Die Ohrfeige. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986.
  • Nero lässt grüssen oder Selbstporträt des Künstlers als Kaiser: Ein Monodram. Edition Isele, Eggingen 1989.
  • Kaschmir in Parching. Szenen aus der Gegenwart. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.
  • Ein liebender Mann, Rowohlt Theaterverlag, Reinbek 2010[8]

Sammelausgaben[Bearbeiten]

  • Drei Stücke. Eiche und Angora. Überlebensgroß Herr Krott. Der schwarze Schwan. Mit einem Nachwort von Werner Mittenzwei. Aufbau, Berlin/Weimar 1965.
  • 17 Geschichten. Ex Libris, Zürich 1969.
  • Gesammelte Stücke. Suhrkamp (st 6), Frankfurt am Main 1971.
  • Was zu bezweifeln war. Aufsätze und Reden 1958–1975. Auswahl von Klaus Schuhmann. Aufbau, Berlin/Weimar 1976.
  • Gesammelte Geschichten. Suhrkamp (Weißes Programm im 33. Jahr), Frankfurt am Main 1983.
  • Stücke. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987.
  • Fingerübungen eines Mörders. Zwölf Geschichten (ausgewählt vom Autor). Suhrkamp (st 2324), Frankfurt am Main 1994.
  • Zauber und Gegenzauber. Aufsätze und Gedichte. Isele, Eggingen 1994.
  • Mit der Schwere spielen. Lesebuch, ausgewählt von Hans Christian Kosler. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.
  • Werke in zwölf Bänden. Hg. v. Helmuth Kiesel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
  • Ich vertraue. Querfeldein. Reden und Aufsätze. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000.
  • Die großen Romane. 6 Bände, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002.

Briefwechsel[Bearbeiten]

  • Maria Menz: Briefe – Band I. Briefwechsel mit Martin Walser. Isele, Eggingen 2005, ISBN 978-3-86142-362-1.

Ehrungen[Bearbeiten]

Walser wurde auf einem Brunnen von Peter Lenk in Überlingen dargestellt.

Kontroversen[Bearbeiten]

Paulskirchenrede 1998[Bearbeiten]

Als Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine Rede hielt, in der er eine „Instrumentalisierung des Holocaust“ ablehnte, kam es zu kontroversen Diskussionen und teilweise auch zu Protesten.

Die von manchen als sprachlich kompliziert empfundenen Äußerungen Walsers wurden oft wie folgt interpretiert: Die nationalsozialistischen Verbrechen würden von einigen Leuten dazu missbraucht werden, den Deutschen weh zu tun oder gar politische Forderungen zu stützen. Auch fühle derjenige, der ständig diese Verbrechen thematisiert, sich den Mitmenschen moralisch überlegen. Der Themenkomplex Auschwitz dürfe aber nicht zur „Moralkeule“ verkommen, gerade wegen seiner großen Bedeutung.

Nach Walsers Rede war im Anschluss allgemein von den Anwesenden stehend applaudiert worden, mit Ausnahme des Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland Ignatz Bubis, dessen Frau Ida und Friedrich Schorlemmer. Ignatz Bubis warf Walser später vor, „wegsehen“ zu wollen. Ferner wurde Walser vorgeworfen, dass rechte Revisionisten, die dieses brisante Thema abblocken wollten, sich auf ihn berufen würden. Walser hielt dieser Kritik entgegen, dass er keine politische Instrumentalisierung seiner „sehr persönlichen Ansicht“ beabsichtige und nur von seinem subjektiven Empfinden gesprochen habe.

„Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. […] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets […].“

Martin Walser: Rede in der Paulskirche am 11. Oktober 1998

Haltung zum Judentum[Bearbeiten]

Nach den Debatten um die Paulskirchenrede wurde die angebliche oder tatsächliche Zuwendung Walsers zur bürgerlichen Seite erneut zum öffentlichen Thema, als er bei der Klausurtagung der CSU in Wildbad Kreuth als Gastredner auftrat. Als er in seinem 2002 erschienenen Schlüsselroman Tod eines Kritikers den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einerseits als Person und andererseits als Symbol einer unredlichen Kulturszene kritisierte, hagelte es Proteste. Frank Schirrmacher kritisierte daraufhin sein „Spiel mit antisemitischen Klischees“. Reich-Ranicki kommentierte im Mai 2010 in einem Interview des Spiegel: „Ich halte ihn nicht für einen Antisemiten. Aber es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Kritiker, der ihn angeblich am meisten gequält hat, auch noch Jude ist. Er rechnet damit, dass ihm sein Publikum darin folgt. Sehen Sie, es hat von Grass nie eine antisemitische Zeile oder Bemerkung gegeben, keine einzige. Und über dessen Bücher habe ich gewiss nicht nur positiv geschrieben.“[12]

Der Kulturwissenschaftler Matthias N. Lorenz hat Walsers Lebenswerk in seiner weithin beachteten Dissertation Auschwitz drängt uns auf einen Fleck auf die Darstellung von Juden bzw. den Auschwitzdiskurs untersucht. In seiner Arbeit dokumentiert er das durchgängige Vorkommen der bekannten antisemitischen Stereotype. Das Leiden der Juden werde deutlich dem Leid „Deutscher“ gleichgestellt. Häufig finde sich die einfühlsame Darstellung Deutscher, die sich als „Verlierer der Geschichte“ fühlten: würdelos, stigmatisiert, ihrer Identität beraubt.[13]

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin wurde von Walser während der Planungsphase abwertend als „fußballfeldgroßer Albtraum im Herzen der Hauptstadt“ und „Kranzabwurfstelle“ bezeichnet; nach der Fertigstellung dagegen äußerte er sich positiv zum Denkmal.[14][15]

Literatur[Bearbeiten]

Gespräche mit Walser:

Umfassende Einführungen in Leben und Werk:

Walser in der Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik:

Kritische, teilweise auch polemisch geführte Auseinandersetzungen mit Walser:

  • Joachim Rohloff: „Ich bin das Volk“. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik. KVV-Konkret, Hamburg, 1999. [„Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden.“ (Martin Walser, 1979) – Joachim Rohloffs Buch untersucht den literarisch-politischen Werdegang Martin Walsers.]
  • Martin Dietzsch, Siegfried Jäger, Alfred Schobert (Hrsg.): Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verständnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation. DISS-Duisburg, 1999. [Die Dokumentation der Duisburger Sprachwissenschaftler zeigt, wie die Presse der extremen Rechten Walsers Rede mit Begeisterung vereinnahmen konnte, ohne sich selbst oder den Text Walsers verbiegen zu müssen.]
  • Matthias N. Lorenz: 'Auschwitz drängt uns auf einen Fleck' - Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser. Metzler, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-476-02119-9.

Hörbücher[Bearbeiten]

Zusammen mit Günter Grass:

Verfilmungen[Bearbeiten]

Zum 1972 erschienenen deutschen Filmdrama Das Unheil von Peter Fleischmann schrieb Walser gemeinsam mit dem Regisseur das Drehbuch und verfasste die Dialoge.

1978 verfilmte der österreichische Regisseur Peter Patzak Das Einhorn mit Peter Vogel und Gila von Weitershausen als Ehepaar Kristlein.

Der dritte und letzte Teil der Anselm Kristlein-Trilogie Der Sturz wurde 1979 von Alf Brustellin mit Franz Buchrieser, Hannelore Elsner, Wolfgang Kieling, Kurt Raab und Kurt Weinzierl als Darstellern verfilmt.

Ein fliehendes Pferd wurde zweimal verfilmt, zuerst 1985 als Fernsehfilm unter der Regie von Peter Beauvais und nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf. 2007 kam eine Neuverfilmung mit Regisseur Rainer Kaufmann und den Darstellern Ulrich Noethen als Helmut, Ulrich Tukur als Klaus, Katja Riemann als Sabine und Petra Schmidt-Schaller als Hel in die Kinos, siehe Artikel Ein fliehendes Pferd (2007).

Gemeinsam mit Asta Scheib schrieb Walser das Drehbuch zu der 1989 gesendeten Tatort-Folge Armer Nanosh. Das Buch erschien im gleichen Jahr als Kriminalroman.

Anlässlich seines achtzigsten Geburtstags sendete das ZDF im März 2007 eine Fernsehverfilmung seines Romans Ohne einander. Seine Tochter Franziska spielte die Hauptrolle, Diethard Klante führte Regie.[16]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Martin Walser – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Welt: Dieter Hildebrandt soll in NSDAP gewesen sein 30. Juni 2007
  2. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Walser, Lenz und Hildebrandt: All diese Karteikarten der NSDAP 1. Juli 2007
  3. Martin Walser ist Jakob Augsteins leiblicher Vater. Welt Online vom 26. November 2009
  4. Edgar Lersch, Reinhold Viehoff: Rundfunk, Politik, Literatur. Martin Walsers frühe Erfahrungen beim Süddeutschen Rundfunk zwischen 1949 und 1957. In: Jahrbuch Medien und Geschichte. 2, 2002, S. 213–257.
  5. Titel: Man erholt sich. Ein sommerliches Ferienfeuilleton, Erstausstrahlung 1955. Vgl. Harald Keller: Der Dichter als Fernsehpionier – Ein Nachtrag zum 85. Geburtstag von Martin Walser. In: Funkkorrespondenz, 29. März 2012. Sowie Jörg Magenau: Martin Walser. Eine Biographie. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage, Rowohlt, Reinbek 2008, ISBN 978-3-499-24772-9, S. 103–106.
  6. Carlo Schellemann und Martin Walser: Stationen Vietnams, Röderberg-Verlag Frankfurt, 1968
  7. So widersprechen Walsers Aussagen von 1986: „Ich finde, man muß sich der peinlichen Aufgabe stellen, wie ist es zu Auschwitz gekommen. Und das ist eine nationale Entwicklung, und das hat eben dann und dann angefangen und ist so und so gelaufen und hat zu Auschwitz geführt“, den umstrittenen Äußerungen in der im Folgenden beschriebenen Debatte um seine Paulskirchenrede, siehe [1].
  8. Fand 2010 in einer Inszenierung von Ansgar Haag am Meininger Theater im Beisein des Autors seine Uraufführung. Schwäbische Zeitung - Ausgabe vom 2. Oktober 2010
  9. http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/1998_walser.pdf
  10. Alemannischer Literaturpreis. Stadt Waldshut-Tiengen, abgerufen am 14. Dezember 2010.
  11. Porträt: Martin Walser anlässlich der Verleihung des Weishanu-Preises Goethe-Institut China, Dezember 2009
  12. Der Spiegel Nr. 21, 22. Mai 2010, S. 123; Spiegel-Gespräch mit Redakteur Volker Hage.
  13. Rezensionen zu Auschwitz drängt uns auf einen Fleck bei Perlentaucher
  14. Gewissen und Öffentlichkeit – Ein Deutungsvorschlag zur Walser-Bubis-Kontroverse - Artikel von Georg Pfleiderer in der Zeitschrift für evangelische Ethik Heft 4 1999
  15. „Eisenman ist ein Genie“ – Artikel von Claudia Keller in Der Tagesspiegel, Ausgabe vom 10. Mai 2006 (abgerufen am 8. November 2009)
  16. Ohne einander in der Internet Movie Database (englisch)