Eingeschworene Jungfrau

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als eingeschworene Jungfrau (engl. Sworn virgin, alb. burrnesha oder virgjinesha) wird auf dem Balkan eine Frau bezeichnet, die unter völligem Verzicht auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder in ihrer Familie die Rolle eines Mannes übernimmt. Die Frau legt vor den Ältesten der Gemeinde oder des Stammes einen Schwur ab und wird fortan als Mann behandelt. Sie trägt Männerkleidung und Waffen und kann die Position des Familienoberhaupts übernehmen. Hauptursachen für dieses Verhalten sind die Vermeidung einer ungewollten Ehe oder das Fehlen eines männlichen Familienoberhaupts.

Die eingeschworenen Jungfrauen sind die einzige institutionalisierte Form des Cross-Gender in Europa. Ähnliche Verhaltensweisen sind noch bei einigen indigenen Völkern in Nordamerika und Asien beobachtet worden. In der Gegenwart leben noch einige Dutzend eingeschworene Jungfrauen in Albanien, die alle aus dem traditionalistischen Norden des Landes stammen. In den letzten Jahren ist ihre besondere Lebensweise in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung und der Medien geraten. In deutschen Zeitungsartikeln werden sie oft mit dem Neologismus Schwurjungfrau oder als albanische Mannfrau bezeichnet.[1]

Verbreitung[Bearbeiten]

Über die Existenz der eingeschworenen Jungfrauen berichteten westeuropäische Reisende und Forscher zum ersten Mal an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Diese Lebensweise kam bei Albanern, Südslawen und Roma sowie selten auch bei Aromunen und Griechen vor und war nicht an eine bestimmte Konfession gebunden. Sie war auf abgelegene ländliche Regionen beschränkt, wo die Menschen in archaischen Stammes- und Familienverbänden lebten. Während dieses Verhalten bis in das 20. Jahrhundert hinein bei diesen Völkern noch weit verbreitet war, sorgte die gesellschaftliche Modernisierung in den letzten Jahrzehnten für ein weitgehendes Aussterben der Lebensform. Nur in Albanien leben noch etwa 40 eingeschworene Jungfrauen.

Ursachen[Bearbeiten]

Nur durch den symbolischen Übertritt zum männlichen Geschlecht konnte eine Frau in den Stammesgesellschaften Südosteuropas einer arrangierten Verheiratung entgehen. Indem sie fortan als Mann lebte, ersparte sie sich und ihrer Familie die Entehrung, die sonst durch den Bruch eines Eheversprechens unweigerlich eingetreten wäre. Der zweite wichtige Grund für das Leben als eingeschworene Jungfrau war das Fehlen eines männlichen Familienoberhaupts, wodurch die Frauen der Familie schutzlos waren und die betreffende Familie auch keinen Sitz im Rat der Gemeinde oder des Stammes hatte. Wenn kein Sohn die Nachfolge übernehmen konnte, trat eine ledige Tochter an diese Stelle, lebte als Mann und war Familienoberhaupt. Der Mangel an männlichen Familienmitgliedern rührte in den südosteuropäischen Stammesgesellschaften aus der weit verbreiteten Blutrache her, bei der oft alle männlichen Mitglieder einer Familie ausgerottet wurden. Indem eine eingeschworene Jungfrau an die Spitze der Familie trat, konnte das Problem zumindest für eine Generation gelöst werden. Der Fortbestand der Familie war aber nur gesichert, wenn noch minderjährige Jungen lebten, die später an die Stelle ihrer Tante treten konnten.

Rechtliche Grundlagen[Bearbeiten]

„Kanuni i Malevet të Shypnís shliron e perjashton: … VIII. Virginat (fêmnat, qi veshen si burrë): S’ veçohen prej grásh tjera, posë qi jânë të lira me nðêjë nðer burra, porsè pá tager zânit e kuvenðit.“

„Das Gesetz der albanischen Berge befreit und nimmt aus: … 8. die Jungfrauen (sog. virgjinat, das sind Mädchen, die Männerkleidung tragen). Sie werden von den anderen Frauen nicht gesondert behandelt, nur sind sie frei, sich unter den Männern aufzuhalten, aber ohne Stimme (wenn auch Sitz) im Rate;“

Kanun: 12. Buch: Befreiung und Ausnahmen, 1. Kapitel: Teilhaber der Ausnahmen[2]

Die Frau trat vor ein Gremium, dem die zwölf wichtigsten Männer des Dorfes angehörten, und gelobte Enthaltsamkeit. Danach konnte sie Waffen tragen und die Führung der Familie übernehmen. In dieser Rolle wurde sie in der von Männern dominierten Gesellschaft als vollwertiges Mitglied anerkannt und respektiert. Wenngleich die Übernahme der männlichen Rolle formal freiwillig zu erfolgen hatte, spielte häufig der Druck durch die Clanmitglieder eine entscheidende Rolle.[3] Für Nordalbanien werden die Rechte der eingeschworenen Jungfrauen im Gewohnheitsrecht, dem Kanun, geregelt. Sie dürfen sich unter Männern aufhalten und haben einen Sitz im Rat (allerdings ohne Stimmrecht). Außerdem waren sie erbberechtigt.[4] Die Übernahme der männlichen Rechte und Pflichten bedeutete auch, dass die eingeschworenen Jungfrauen die Blutfehden ihrer Verwandten fortführen mussten.

Verhalten[Bearbeiten]

Die eingeschworenen Jungfrauen übernehmen weitgehend die männlichen Verhaltensweisen: Sie kleiden sich wie Männer, tragen Waffen, gehen auf die Jagd und dürfen verschiedene Männern vorbehaltene Privilegien wie beispielsweise Tabak- und Alkoholkonsum in Anspruch nehmen. Die Frage „A je burrnesh?“ (albanisch für „Bist du so stark wie ein Mann?“) war in den 1990er Jahren eine übliche Begrüßung in Nordalbanien.[5]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. D. Bilefsky: Jungfrauen, die Männer wurden In: Welt am Sonntag Ausgabe vom 29. Juni 2008
  2. Original nach  Shtjefën Gjeçov, Leonard Fox (Hrsg.): Kanuni i Lekë Dukagjinit – The Code of Lekë Dukagjini. Gjonlekaj Publishing Company, New York 1989, ISBN 0-9622141-0-8, S. 215.; Übersetzung nach  Robert Elsie (Hrsg.): Der Kanun. Dukagjini Publishing House, Peja 2001, S. 261f.
  3. Der Kanun lebt. In: ORF Sendung vom 4. Mai 2008
  4. Der Kanun des Lekë Dukagjini, 12. Buch, 1. Kapitel, Absatz 8: Mädchen, die Männerkleidung tragen S. 206 (PDF; 679 kB)
  5. Susan E. Pritchett Post: Women in Modern Albania: Firsthand Accounts of Culture and Conditions from Over 200 Interviews, McFarland, 1998, ISBN 0-7864-0468-X, S. 57