El Raval

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Lage von El Raval im Stadtgebiet

El Raval [əɫ rəˈβaɫ] ist ein Stadtteil von Barcelona und gehört zum Verwaltungsbezirk Ciutat Vella (katalanisch für Altstadt).

El Raval wurde im 14. Jahrhundert eingemeindet und ist mit 43.400 Einwohnern pro Quadratkilometer[1] einer der am dichtesten besiedelten Stadtteile Barcelonas. Mit seiner engen Bebauung aus Fabriken und schäbigen Mietskasernen aus der Zeit der Industriellen Revolution war El Raval lange Zeit ein Arme-Leute-Viertel. Durch Modernisierung seit Mitte der 1980er Jahre ist in einigen Teilen von El Raval eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität zu verzeichnen, jedoch bei fortschreitender Gentrifizierung. Wegen seines hohen Migrantenanteils gilt El Raval als multikulturellster Stadtteil.

Etymologie[Bearbeiten]

Das katalanische Substantiv raval geht zurück auf hispano-arabisch rabaḍ und bedeutet Vorort oder Vorstadt, meist außerhalb der Stadtmauern gelegen.[2] Das Wort existiert in der katalanischen Sprache in der männlichen Form (el raval), aber auch in der weiblichen Form (la raval; balearischer Dialekt: sa raval). Für den Stadtteil Barcelonas wird jedoch stets die männliche Form verwendet. Das Wort wird pauschal im Sinne von Vorort verwendet, aber auch – wie im Falle von Barcelonas El Raval – als Eigenname.

Begrenzung[Bearbeiten]

Die Grenzen des Stadtteils verlaufen bis heute nahezu vollständig entlang der mittelalterlichen Stadtmauer, die im 19. Jahrhundert abgerissen wurde. Deren Verlauf orientierte sich größtenteils an bereits vorhandenen Pfaden aus der Zeit der Römischen Besatzung[3] und verlief in Höhe der heutigen Straßen Avinguda del Paral·lel, Ronda de Sant Pau, Ronda de Sant Antoni, Carrer de Pelai. Im Osten wird Raval durch die Rambla begrenzt – auch dort verlief eine Stadtmauer. Außerhalb des mittelalterlichen Befestigungsrings gehört die künstliche Halbinsel Moll de Barcelona zu El Raval, die im äußersten Südosten ins Meer ragt.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Vor der Eingemeindung[Bearbeiten]

Bis ins Mittelalter war El Raval nahezu unbewohnt und wurde überwiegend landwirtschaftlich genutzt. Drei Straßen aus der Römischen Epoche kreuzten das Gebiet, die Barcelona mit umliegenden Orten verbanden: Eine Straße Richtung Sarrià (in etwa die heutige Carrer dels Tallers), eine Straße Richtung Llobregat (in etwa die heutige Carrer de l'Hospital) und eine Straße Richtung Montjuïc (in etwa die heutige Carrer de Sant Pau).

Vor der Eingemeindung existierten nur wenige relevante Bauwerke:

  • Monestir Sant Pau del Camp (katalanisch für Kloster des Heiligen Paul auf dem Feld): Erbaut ab 1117; ein Vorgängerbau soll bereits im 10. Jahrhundert existiert haben, dazu ein kleines Dorf, das direkt an das Kloster angegliedert war.
  • Convent de la Mare de Déu del Carme (katalanisch für Kloster der Muttergottes von Karmel): Erbaut ab 1291 vom Orden der Beschuhten Karmeliten, in Brand gesetzt 1835, abgerissen 1874, Standort an der Carrer del Carme/Carrer dels Àngels.
  • Priorat de Santa Maria de Natzaret (katalanisch für Kloster der Heiligen Maria von Nazareth): Erbaut ab 1311, erhalten ist nur das kleine Eingangstor in der heutigen Passatge de Sant Bernat – als Zugang zur Carrer de la Verge.

Eingemeindung durch Ausbau der Stadtbefestigung[Bearbeiten]

Im Jahre 1357 forderte der Consell de Cent (eine Art mittelalterliches Stadtparlament) von Peter dem Zeremoniösen (König von Aragon und Graf von Barcelona) die Modernisierung der Stadtbefestigung, um sich gegen feindliche Angriffe besser schützen zu können. Anlass war der 1356 begonnene Krieg Aragons gegen Kastilien. Die bis dato existierende Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert wurde als nicht mehr ausreichend erachtet. Der König genehmigte daraufhin den umfangreichen Ausbau der Verteidigungsanlagen; die Bauarbeiten begannen 1360.

Barcelona 1579: El Raval (vorne) ist vom Rest der Stadt durch die Rambla-Mauer getrennt

Das Stadtgebiet Barcelonas beschränkte sich damals auf den relativ kleinen Bereich, der heute als Barri Gòtic bekannt ist. Der Ausbau der Befestigungsanlagen wurde zur Stadterweiterung genutzt: Im Südwesten (weit außerhalb der bisherigen Stadtgrenze an der Rambla) wurde ein zusätzlicher Verteidigungswall erbaut. Die bereits bestehende Südwest-Mauer an der Rambla blieb aber erhalten und wurde modernisiert. Das etwa 110 Hektar große Areal zwischen alter und neuer Südwest-Mauer wurde eingemeindet und unter dem Namen El Raval bekannt. Dadurch vergrößerte sich das Stadtgebiet Barcelonas um etwa 70 Prozent.

Die Eingemeindung erfolgte aus militärstrategischen Gründen: El Raval bestand immer noch größtenteils aus Ackerflächen. Da sich diese nun innerhalb der Stadtmauern befanden, war im Fall einer Belagerung durch feindliche Truppen die Eigenversorgung mit frischen Lebensmitteln sichergestellt. Deshalb war geplant, den neuen Stadtteil auch zukünftig weitgehend unbebaut zu lassen und überwiegend landwirtschaftlich zu nutzen. Außerdem sollten die Krankenhäuser Barcelonas nach El Raval umgesiedelt werden – bisher befanden sie sich inmitten des dichtbesiedelten Altstadtkerns, wodurch permanente Seuchengefahr herrschte – besonders durch Pest- und Leprakranke.

„Klosterwelt“[Bearbeiten]

Kreuzgang im ehemaligen Hospital de la Santa Creu

Die ursprüngliche Planung, El Raval weitgehend unbebaut zu lassen, wurde in den folgenden Jahrhunderten besonders in der Nordhälfte des neuen Stadtteils kaum eingehalten: Neben Krankenhäusern entstanden vor allem zahlreiche Klöster und kleine Siedlungen. Besonders im Zuge der Gegenreformation nach dem Konzil von Trient entwickelte sich El Raval ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Tierra de Conventos (spanisch für Klosterwelt).

Nur im Süden des Stadtteils gab es noch nennenswerte landwirtschaftliche Nutzflächen. Deren Bedeutung zeigte sich zum Beispiel am Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1713/1714, als Barcelona 14 Monate lang von spanischen und französischen Truppen belagert wurde und auf seine autarke Lebensmittelversorgung dringend angewiesen war.

Die meisten Klöster in Barcelona (und somit auch in El Raval) wurden während der Unruhen vom Juli 1835 (katalanisch: Bullangues) in Brand gesetzt. Durch die anschließenden Desarmortisations-Dekrete von 1836 unter dem spanischen Premierminister Juan Álvarez Mendizábal wurden die Kirchengüter enteignet. Die Mönchs- und Nonnengemeinschaften lösten sich auf oder siedelten in Vororte um. Die meisten Kloster-Ruinen wurden abgerissen und die Grundstücke an Privatleute versteigert.

noch existierende Bauwerke aus der Zeit der Klosterwelt (Auswahl):

  • Convent de la Mare de Déu dels Àngels (katalanisch für Kloster der Muttergottes der Engel): Erbaut 1562 bis 1566 im spätgotischen Stil vom Orden der Dominikaner, beherbergt heute die private Kunst- und Design-Schule Foment de les Arts i del Disseny (FAD), die Klosterkapelle wird vom benachbarten Museum für zeitgenössische Kunst (MACBA) als Ausstellungsfläche genutzt.
  • Església de la Mare de Déu de Betlem (katalanisch für Kirche der Muttergottes von Bethlehem): Erbaut 1680 bis 1732 vom Orden der Jesuiten, galt als schönste Barock-Kirche Barcelonas, barocke Inneneinrichtung jedoch 1936 zerstört, wird auch heute als Kirche genutzt.

nicht mehr existierende Bauwerke aus der Zeit der Klosterwelt (Auswahl):

  • Monestir de Santa Maria de Jerusalem (katalanisch für Kloster der Heiligen Maria von Jerusalem): Erbaut ab 1453, abgerissen 1868, Standort auf dem heutigen Plaza de la Gardunya, wenige Ruinenreste sind noch erkennbar.
  • Convent de Sant Josep (katalanisch für: Kloster des Heiligen Josef): Erbaut ab 1586 vom Orden der Karmeliter-Barfüßer (in Barcelona bekannt als Els Josepets – katalanisch für die Josefiner), angezündet und geplündert 1835, wenig später abgerissen, seit 1840 steht an gleicher Stelle die Boqueria-Markthalle.
  • Col·legi de Sant Vicent i Sant Ramon (katalanisch für Schule des Heiligen Vinzez und des Heiligen Raimund): Genutzt seit 1758 als Ordensschule der Dominikaner, angezündet und geplündert 1835, Standort direkt auf der heutigen Rambla del Raval (zwischen Carrer de Sant Pau und Carrer de Sant Josep Oriol).

Abriss der Rambla-Stadtmauer[Bearbeiten]

Barcelona um 1695: Noch immer trennt die Rambla-Mauer El Raval vom Rest der Stadt

Die Stadtmauer entlang der Rambla bildete lange Zeit eine militärisch kaum noch notwendige Grenze zwischen El Raval und dem Rest der Altstadt. Erst mit dem Abriss dieser Mauer begann die Umgestaltung der Rambla in einen Boulevard und die schrittweise Urbanisierung von El Raval. Der Abriss erfolgte jedoch ettapenweise in einem ungewöhnlich langen Zeitraum zwischen 1704 und 1829.

Palau de la Virreina an der Rambla

Die ersten relevanten Profanbauten in El Raval entstanden ab 1704 zuerst nur direkt an der Rambla; zum Beispiel:

  • Palau de la Virreina (katalanisch für Palast der Vizekönigin): Erbaut 1772-1778; gilt als schönster barocker Profanbau Barcelonas, beherbergt heute u.a. die Ausstellung Els gegants de la Ciutat (katalanisch für die Stadtgiganten).
  • Caserna de les Drassanes (katalanisch für Kaserne an den Werften): Erbaut 1792, zerstört 1935; war fast 150 Jahre lang der zentrale Militärstützpunkt in der Innenstadt.

Industrielle Revolution[Bearbeiten]

Ausblick aus dem Fenster einer Mietskaserne auf den winzigen Innenhof

Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert und dem damit verbundenen sprunghaften Bevölkerungswachstum Barcelonas setzte in El Raval ein Bauboom ein. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden unzählige Straßen und Gassen angelegt; Manufakturen, Fabriken und Wohnhäuser schossen wie Pilze aus dem Boden – die Bebauungsdichte war bald ebenso groß wie im Barri Gòtic. Allerdings führte dies zu größtenteils menschenunwürdigen Lebensumständen: In den Mietskasernen herrschten Armut, Elend und unhygienische Zustände. Die meisten Wohnungen waren überbelegt und verfügten über kein fließendes Wasser und auch nicht über Elektrizität. Fenster, die nur zu einem winzigen Innenhof/Lichtschacht führten, waren keine Seltenheit. El Raval wurde zum Arme-Leute-Viertel und blieb es teilweise bis heute.

„Barri Xino“[Bearbeiten]

Die Südhälfte von El Raval war lange Zeit auch als Barri Xino oder Barri Xinès bekannt (katalanisch für „China-Viertel“, „Chinesenviertel“). Eine relevante Zahl chinesischstämmiger Einwanderer gab es dort aber nie! Vielmehr hatte ein Journalist den Begriff anfangs des 20. Jahrhunderts geprägt, als er die Lebensverhältnisse in El Raval (düstere Gassen, üble Spelunken, kleine Garküchen) mit denen amerikanischer Chinatowns verglich. Der Begriff wurde von diversen anderen Journalisten und Romanschriftstellern bei ihren Schilderungen über El Raval aufgegriffen und etablierte sich dadurch im Volksmund.[4]

Moll de Barcelona[Bearbeiten]

World Trade Center und Torre Jaume I auf der Moll de Barcelona

Die Moll de Barcelona (eine von zahlreichen Hafenmolen) ist der einzige Teil von El Raval, der nicht im mittelalterlichen Befestigungsring lag. Die rechteckige, künstliche Halbinsel wurde von 1877 bis 1886[5] gebaut und ragt fast 500 Meter weit ins Mittelmeer. An der Spitze der Mole befindet sich das World Trade Center Barcelona (WTCB) – ein modernes Kongresszentrum, in dem auch das 5-Sterne-Hotel Eurostars Grand Marina untergebracht ist. Das WTCB wurde 1999 eröffnet.[6]

Zudem steht auf der Mole der 107 Meter hohe Stahlturm Torre Jaume I als Stütze für die Hafenseilbahn von Barcelona.

Besondere Bedeutung hat die Mole für den Schiffsverkehr: An den beiden großen Terminals links und rechts des World Trade Centers werden die großen Fähren zu den Balearischen Inseln und nach Marokko abgefertigt.

Modernisierung seit 1985[Bearbeiten]

Heruntergekommene Mietskasernen direkt hinter dem postmodernen Museum MACBA

Die ärmlichen und unhygienischen Wohnverhältnisse aus der Zeit der Industriellen Revolution hielten sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Noch bis zum Ende der 1960er Jahre hatten beispielsweise 12 Prozent der Gebäude kein fließendes Wasser. Besonders das Barri Xino galt wegen Drogenkriminalität, umherstreifender Junkies, Zuhälterei und offener Straßenprostitution als gewalttätig und gefährlich. Für Touristen waren weite Teile von El Raval bis in die 1980er Jahre eine No-go-Area.

1985 beschloss der Stadtrat, die gesamte Altstadt zur Zone der Stadterneuerung zu erklären. Dies geschah vor allem in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele von 1992, bei denen einen saubere und moderne Metropole präsentiert werden sollte. Mehr als 800 Gebäude in der Altstadt wurden saniert; viele auch abgerissen, um Lichtschneisen ins Dickicht der engen Gassen zu schlagen. Außerdem wurde die private Sanierung von Wohnungen subventioniert. Mit verstärkter Polizeipräsenz wurden der offene Drogenhandel und die Straßenprostitution zurückgedrängt.

Rambla del Raval mit Hotel Barceló Raval

Auch nach den Olympischen Spielen ging die Modernisierung weiter: 1995 wurde im Norden von Raval der postmoderne Bau des Museums für zeitgenössische Kunst (MACBA) eingeweiht; die benachbarte Casa de la Caritat wurde saniert und beherbergt heute das Zentrum für zeitgenössische Kultur (CCCB).

Die optisch einschneidendste Veränderung war der Bau der Rambla del Raval: Mehr als Hundert Gebäude wurden abgerissen, um eine 300 Meter lange und fast 50 Meter breite, palmenbewachsene Flaniermeile in der Mitte von El Raval zu schaffen.

Aktuelle Situation[Bearbeiten]

Durch die Modernisierung der Bausubstanz und die Etablierung zahlreicher Kunst- und Kulturinstutionen hat sich El Raval in den letzten Jahren zumindest teilweise zum Studenten- und Szeneviertel gewandelt. Der Palau Güell und die Boqueria-Markthalle sind Touristenmagneten. Auf dem Platz vor dem MACBA tummeln sich zahlreiche Skateboardfahrer. In den historischen Gassen findet man Geschäfte für Vintage-Kleidung, Second-Hand-Plattenläden sowie trendige Bars und Restaurants. Sogar Luxushotels wie das Barceló Raval und das Casa Camper haben sich angesiedelt. Die Aufwertung des Viertels hatte aber zum Teil auch eine Änderung der Bevölkerungsstruktur zur Folge: Alteingesessene Bewohner und arme Immigranten können sich die hohen Wohnungspreise besonders im Norden des Stadtteils oft nicht mehr leisten und werden in Stadtrandgebiete verdrängt. Im Süden von El Raval (dem Barri Xino) leben aber weiterhin viele ärmere Menschen, überdurchschnittlich oft mit Migrationshintergrund. El Raval gilt deshalb als multikulturellster Stadtteil Barcelonas.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.bcn.es/estadistica/catala/dades/guiadt01/terri01/t1.htm (katalanisch)
  2. Yvonne Kiegel-Keicher: Iberoromanische Arabismen im Bereich Urbanismus und Wohnkultur. Max Niemeyer Verlag GmbH, Tübingen 2005, ISBN 3-484-52324-7, S. 147ff.
  3. http://barcelonaturisme.com/El-Raval/_xMCfM9AMDl_lKCezjRpMoNEhx38rOUP8Ob0Jr1Lo8XA (englisch)
  4. Michi Strausfeld: Barcelona – Ein Reisebegleiter, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2007, ISBN 978-3-458-34951-8, S. 131ff.
  5. http://www.portdebarcelona.cat/cntmng/d/d/workspace/SpacesStore/e666cc00-3471-486f-809d-98c2f5e46705/Proyectos_Indice_cronologico.pdf (spanisch)
  6. http://en.wikipedia.org/wiki/World_Trade_Center_Barcelona (englisch)