Mittelhausen (Erfurt)

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51.04083333333311.005277777778168Koordinaten: 51° 2′ 27″ N, 11° 0′ 19″ O

Mittelhausen (Erfurt)
Landeshauptstadt Erfurt
Wappen von Mittelhausen (Erfurt)
Höhe: 168 m ü. NN
Fläche: 5,14 km²
Einwohner: 1084 (31. Dez. 2012)
Eingemeindung: 1. Juli 1994
Postleitzahl: 99095
Vorwahl: 0361
Karte

Lage von Mittelhausen (Erfurt) in Erfurt

Mittelhausen ist ein Ortsteil der Stadt Erfurt in Thüringen und liegt etwa acht Kilometer nördlich der Innenstadt.

Geografie[Bearbeiten]

Mittelhausen liegt nördlich des Erfurter Stadtkerns an der Schmalen Gera. Am Südrand des Ortes führt die neue Bundesautobahn 71 vorbei.

Obelisk einer mittelalterlichen Gerichtsstätte bei Mittelhausen (Lage→51.05591206444410.986274480833)
Dorfkirche St. Severinus (Lage→51.04207859694411.007270813056)

Geschichte[Bearbeiten]

Ausgrabungen im Vorfeld des Baues der Autobahn A 71 in den Jahren 2001 und 2002 ergaben, dass es sich um einen Siedlungs- und Bestattungsplatz vom Neolithikum bis in die Zeit des Thüringer Reichs gehandelt hat.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts wird Mittelhausen in einem Verzeichnis der von Erzbischof Lullus († 786) von Mainz für das Klosters Hersfeld von Freien verliehenen Gütern erstmals urkundlich als Midilhusun in Reichsbesitz erwähnt. Zusammen mit dem benachbarten Riethnordhausen bildete Mittelhausen eine „kleinere Grafschaft“ im Besitz der Landgrafen von Thüringen. 1152 nannte sich ein Ministerialen-Geschlecht nach dem Ort.

Geschichtliche Bedeutung erlangte der Ort Mittelhausen für Thüringen um 1130, als Landgraf Ludwig II. Mittelhausen als Obersten Dingstuhl der Landgrafschaft auserkor, an dem er höchstpersönlich viermal im Jahr Recht – auf einer Gerichtsbühne – sprach: „Auf dem Riethe zu Mittelhausen“, auf der Wiese „Maspe“ (Am Aspenbaum). Beisitzer waren die Grafen des Landes. Über 200 Jahre blieb diese Institution erhalten und erlangte als Landfriedensgericht zentrale Bedeutung. Die Landgrafen sprachen hier nicht als Territorialfürsten Recht, sondern „unter Königsbann“ als vom Deutschen König bestallte Richter.[1] „In der Herrschaft über dieses zentral gelegene Landgericht bestand der eigentliche Inhalt der vom Deutschen König begründeten Landgrafenwürde“. 1250 und 1252 musste der Thüringer Adel bei Meitilishusen den Landfrieden beschwören, 1307 wurde das „widerspenstige Erfurt“ vor das Landgericht geladen. Erst der Thüringer Grafenkrieg 1342–1346 beendete das Wirken an dieser Stelle.

Mittelhausen und Riethnordhausen kamen bei der Leipziger Teilung im Jahr 1485 zum ernestinischen Kurfürstentum Sachsen. Sie gehörten ab 1542 zum neu gebildeten „Amt Ringleben“, welches nach der Wittenberger Kapitulation 1547 im Besitz der Ernestiner blieb und bei der Erfurter Teilung 1572 zum Herzogtum Sachsen-Weimar kam. Nach dem Tod des Herzogs Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar wurde das Amt Ringleben mit seinen drei Orten im Jahr 1662 dem neu entstandenen Herzogtum Sachsen-Eisenach zugeteilt und 1672 dem Amt Großrudestedt angegliedert.[2] Ab 1741 gehörte dieses zu Sachsen-Weimar-Eisenach. Der Ort wurde 1850 dem Verwaltungsbezirk Weimar des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach zugeteilt.

Mittelhausen hatte in besonderem Maße im Dreißigjährigen Krieg zu leiden. Die Kirche wurde als Pferdestall verwendet. Mittelhausen war 1705 von Hexenverfolgung betroffen. Die Gänsehirtin Anna Martha Hausburg geriet in einen Hexenprozess und wurde enthauptet. Ihre 7-jährige Tochter wurde freigelassen.[3]

Die Gerichtsstätte ist heute (2011) noch nordwestlich des Ortes vorhanden. Ein schlechter Feldweg („Am Denkmalsweg“) führt, nach links abgehend, von der Straße Mittelhausen / Nöda dorthin. Ein in einem kleinen Hain gelegenes Denkmal, in baufälligem Zustand und direkt neben mehreren Kiesgruben, erinnert an diesen geschichtsträchtigen Ort. Die Gedenktafel am Obelisken ist entfernt, der Sandstein übersät mit eingekratzten „Inschriften“. Nach Beendigung des Kiesabbaus ist eine Restaurierung des Denkmals vorgesehen, das dann in der „Erfurter Seenlandschaft“ liegen wird.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]

  • 1843: 0868[4]
  • 1910: 0974[5]
  • 1939: 1300[6]
  • 1990: 1098[7]
  • 1995: 1113
  • 2000: 1122
  • 2005: 1136
  • 2010: 1084
  • 2012: 1084[8]

Wirtschaft[Bearbeiten]

Die Ökonomie des Ortes war landwirtschaftlich geprägt. Davon zeugen die großen Hofanlagen. Später erlangten auch Abbau und Verarbeitung der reichen Tonvorkommen in der Mittelhäuser Flur wirtschaftliche Bedeutung und gaben Mittelhäuser Einwohnern Lohn und Brot. Außerdem wurden große Mühlen an der Gera betrieben. Die landwirtschaftlichen Flächen rund um Mittelhausen werden heute vorwiegend von der UNI- Agrar bewirtschaftet, die außerdem durch ihre Milchviehhaltung zu den Zulieferunternehmen des Milchhofes Erfurt gehört. Aus einem ehemaligen Betriebsteil des VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt (heute Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau) hat sich seit der Wende auf 12 ha eine Gärtnersiedlung entwickelt, die die Tradition des Gartenbaustandortes Mittelhausen weiterführt. Nördlich von Mittelhausen wird in großem Maßstab Kies abgebaut.

Westlich von Mittelhausen, zwischen der Ortsverbindungsstraße nach Kühnhausen und der A71 gelegen, baut seit 2012 der Buchgroßhändler Koch, Neff & Volckmar (KNV) sein neues Zentrallager.[9]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mittelhausen (Erfurt) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Mittelhausen in „Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands. Thüringen“. Hrsg. Hans Patze. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1989. S. 282–283. ISBN 3-520-31302-2

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ingrid Burghoff: „Reise in die Geschichte. Thüringen“. Kartographischer Verlag Busche GmbH. Dortmund 1991. ISBN 3-88584-312-9. S. 88
  2. Der Amtsgerichtsbezirk Großrudestedt in den Digitalen Sammlungen der Universitätsbibliothek Weimar
  3. Ronald Füssel: Die Hexenverfolgungen im Thüringer Raum, Veröffentlichungen des Arbeitskreises für historische Hexen- und Kriminalitätsforschung in Norddeutschland, Band 2, Hamburg 2003, S. 239f
  4. Johann Friedrich Kratzsch: Lexicon der sämmtlichen Ortschaften der Deutschen Bundesstaaten. Naumburg, 1843.
  5. gemeindeverzeichnis.de
  6. verwaltungsgeschichte.de
  7. Thüringer Landesamt für Umwelt und Geologie: Umwelt regional.
  8. Bevölkerung der Stadtteile
  9. Bau des Medienlogistikzentrums in Mittelhausen (Erfurt)