Erhard S. Gerstenberger

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Erhard Gerstenberger, Januar 2014

Erhard S. Gerstenberger (* 20. Juni 1932 in Hochemmerich) ist ein deutscher evangelischer Theologe und Alttestamentler.

Leben[Bearbeiten]

Gerstenberger wuchs in Rheinhausen als Sohn einer Bergmannsfamilie auf. Ab 1946 engagierte er sich beim CVJM. Von 1952 bis 1957 studierte er evangelische Theologie in Marburg, Tübingen, Bonn und Wuppertal. Zwischen 1957 und 1959 war Gerstenberger Vikar und zeitgleich wissenschaftlicher Assistent an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal.

1959–1964 schloss sich ein Studium mit Lehrtätigkeit an der Divinity School in Yale an. 1960 erhielt Gerstenberger den Magistergrad. 1961 wurde er in Bonn mit einer Arbeit über Wesen und Herkunft des „apodiktischen Rechts“ im Fach Altes Testament promoviert. Doktorväter waren Martin Noth und Otto Plöger. 1965–1975 arbeitete Gerstenberger als Gemeindepfarrer in Essen-Frohnhausen. 1969–1970 habilitierte er sich in Heidelberg bei Hans Walter Wolff.

Von 1975 bis 1981 war Gerstenberger Dozent für Altes Testament an der Theologischen Hochschule in São Leopoldo (Brasilien), wo er mit der Befreiungstheologie in Berührung kam. Wieder in Deutschland, lehrte Gerstenberger von 1981 bis 1997 als Professor für Altes Testament in Gießen und Marburg. Er versuchte, die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Befreiungstheologie in der deutschen Theologie anzuregen und organisierte einen studentischen Austausch mit São Leopoldo. Nach seiner Pensionierung 1997 setzte er sich weiter für die Rezeption der Befreiungstheologie ein, u. a. als Mitinitiator eines befreiungstheologischen Lesekreises an der Universität Marburg.[1]

Erhard Gerstenberger ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er lebt in Gießen.

Theologie[Bearbeiten]

Gerstenbergers Forschungsschwerpunkte sind die Psalmen, Theologie und Hermeneutik des Alten Testaments, Theologie der Befreiung und feministische Theologie. Er verfasste Kommentare zu den Psalmen und zum Buch Leviticus. Für die Bibel in gerechter Sprache übersetzte er das Buch Exodus. Gemeinsam mit Wanda Deifelt, Irmtraud Fischer und Milton Schwantes gibt er die Publikationsreihe Exegese in unserer Zeit heraus, die sich mit biblischer Auslegungsarbeit aus sozialgeschichtlicher, feministischer und befreiungstheologischer Perspektive befasst.[2]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Wesen und Herkunft des „apodiktischen Rechts“. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1965 (Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament. Band 20).
  • mit Wolfgang Schrage: Leiden. Biblische Konfrontationen. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1977, ISBN 3-17-002429-9.
  • Der bittende Mensch. Bittritual und Klagelied des Einzelnen im Alten Testament. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1980, ISBN 3-7887-0612-0 (Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament. Band 51).
  • mit Wolfgang Schrage: Frau und Mann. Biblische Konfrontationen. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1980, ISBN 3-17-005067-2.
  • als Hrsg.: Deus no Antigo Testamento. Coletânea. Aste, São Paulo 1981.
  • Jahwe – ein patriarchaler Gott? Traditionelles Gottesbild und feministische Theologie. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1988, ISBN 3-17-009947-7.
  • Psalms. Part 1 (Ps 1–60) with an Introduction to Cultic Poetry. Eerdmans, Grand Rapids 1988, ISBN 0-8028-0255-9 (The Forms of the Old Testament Literature. Band 14).
  • Das 3. Buch Mose – Leviticus. 6., völlig neubearbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-51122-1 (Das Alte Testament deutsch. Band 6).
  • mit Ulrich Schoenborn (Hrsg.): Hermeneutik – sozialgeschichtlich. Kontextualität in den Bibelwissenschaften aus der Sicht (latein)amerikanischer und europäischer Exegetinnen und Exegeten. Lit-Verlag, Münster 1999, ISBN 3-8258-3139-6 (Exegese in unserer Zeit. Band 1).
  • Psalms. Part 2 (Ps 61–150) with Lamentations. Eerdmans, Grand Rapids 2001, ISBN 0-8028-0488-8 (The Forms of the Old Testament Literature. Band 15).
  • Theologien im Alten Testament. Pluralität und Synkretismus alttestamentlichen Gottesglaubens. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 2001, ISBN 3-17-015974-7.
  • Israel in der Perserzeit. 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 2005, ISBN 3-17-012337-8 (Biblische Enzyklopädie. Band 8).
  • Liberation Hermeneutics in Old Europe, Especially Germany. In: Alejandro F. Botta, Pablo R. Andiñach (Hrsg.): The Bible and the Hermeneutics of Liberation. Brill, Atlanta 2009 (Society of Biblical Literature. Band 59).
  • mit Ute E. Eisen (Hrsg.): Hermann Gunkel revisited. Literatur- und religionsgeschichtliche Studien. Lit-Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-8258-1523-3 (Exegese in unserer Zeit. Band 20).
  • Liberating Readings of the Bible. Contexts and Conditions. In: Frank Ritchel Ames, Charles William Miller (Hrsg.): Foster Biblical Scholarship. SBL Press, Atlanta 2010 (Festschrift für Kent Harold Richards), S. 337–352.
  • „Befreiende Theologie“ in Zeiten von Demokratisierung und globaler Marktwirtschaft. In: Holger M. Meding (Hrsg.): Brückenschlag. Hans-Jürgen Prien zum 75. Geburtstag. Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2011, S. 43–58.
  • Die Hebräische Bibel als Buch der Befreiung. Ausgewählte Aufsätze. Gießener Elektronische Bibliothek, Gießen 2012, ISBN 978-3-9814298-5-5 (online).

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Kessler u. a. (Hrsg.): „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände!“ Festschrift für Erhard S. Gerstenberger zum 65. Geburtstag. Lit-Verlag, Münster u. a. 1997, ISBN 3-8258-2937-5 (Exegese in unserer Zeit. Band 3).
  • Selbstporträt in: Sebastian Grätz, Bernd U. Schipper (Hrsg.): Alttestamentliche Wissenschaft in Selbstdarstellungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 141–152.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Befreiungstheologischer Lesekreis Marburg. Website des Projekts Befreiungstheologisches Netzwerk. Abgerufen am 4. Februar 2011.
  2. Exegese in unserer Zeit. Website des Lit-Verlags. Abgerufen am 4. Februar 2011.