Siegel

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Dieser Artikel handelt von Siegeln als Beglaubigungsmitteln für Urkunden; zu anderen Bedeutungen siehe Siegel (Begriffsklärung).
Siegellack, Siegel, Siegelstempel
Siegel und Siegelstempel in Form einer Mandorla, Stiftssiegel, Hans von Reutlingen, 1528
Siegelurkunde

Das Siegel (von lat. sigillum, Bildchen) ist eine Form der Beglaubigung von Urkunden oder Sicherstellung (Verschluss) der Unversehrtheit von Gegenständen oder Behältnissen (Briefumschlag, Tür) mithilfe eines Siegelstempels oder, sphragistisch (siegelkundlich) korrekt, eines Typars, der in eine weiche, erhärtende Masse gedrückt wird (Siegelklumpen aus Siegellack, Wachs, früher Ton etc.). Oft wird zwischen „Siegel“ als Abdruck und „Siegelstempel“ als Prägewerkzeug begrifflich nicht unterschieden. Für „Siegelstempel“ kann auch der aus dem Slawischen stammende Begriff Petschaft (n. oder f.) benutzt werden.

Rechtliches[Bearbeiten]

Rechtlich ist jedes dienstliche „Siegel“ einzigartig (gegenüber beliebig herstellbaren „Stempeln“ – es verhält sich hier ähnlich wie bei dem Unterschied zwischen Fahne und Flagge). Wer es führen darf, ist eigens geregelt. Der Siegelbruch, das unberechtigte Zerstören eines Siegels, das durch eine Behörde, einen Amtsträger oder sonst dienstlich angebracht wurde, ist in Deutschland strafbar (§ 136 Abs. 2 StGB). Ein unbrauchbar gewordener Siegelstempel einer Behörde darf nur unter Hinzuziehung eines Zeugen und mit einem entsprechenden Protokoll vernichtet werden.

Historisches[Bearbeiten]

Sumerisches Rollsiegel und Abrollung

Die frühesten Stempelsiegel sind im Vorderen Orient nicht vor der Tell Halaf-Zeit nachzuweisen. Rollsiegel sind erstmals in Sumer zwischen 3200 und 3100 v. Chr. in der Uruk IV-Schicht belegt. Dies sind kleine Steinzylinder (Siegelsteine) aus Onyx, Lapislazuli, Achat oder anderen Stoffen, in die Figuren und Inschriften eingraviert (sog. Siegelgravur) wurden. Die Größe schwankt zwischen 0,15 und 10 Zentimetern. Durch das Abrollen des Zylinders in eine weiche Masse (zum Beispiel Ton) entsteht der charakteristische Siegelabdruck. Etwa zeitgleich tauchten zwischen 1600 v. Chr. und 1500 v. Chr. im Alten Ägypten, in Ugarit sowie bei den Hethitern die Siegelringe auf, wobei der Siegelring in Mesopotamien nicht in Gebrauch war.

Ton-Siegelabdrücke sind außer bei den Sumerern, Assyrern und Babyloniern (Rollsiegel) später auch bei Griechen und Römern zu finden, welche später die Herrscher des Frühmittelalters übernahmen.

Siegel führten zunächst Einzelpersönlichkeiten, später auch Körperschaften. Kaisersiegel gab es in Byzanz bereits seit dem 6. Jahrhundert, Papstsiegel seit dem 9. Jahrhundert. Im frühen und hohen Mittelalter siegelten Kaiser, Könige, Angehörige des Adels sowie die Hohe Geistlichkeit. Etwa seit dem 13. Jahrhundert machten auch Bürger von dieser Art der Beglaubigung Gebrauch. Siegel geistlicher Korporationen sind schon seit dem 11. Jahrhundert, Städtesiegel seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts (Trier 1113, Köln 1149) zu finden.

Metallsiegel, die sogenannten Bullen, waren aus Gold, Blei oder (seltener) aus Silber. Sie waren im Heiligen Römischen Reich hauptsächlich den Päpsten (siehe Goldene Bulle Karls IV.) oder den byzantinischen Kaisern für Dokumente besonderer politischer und verfassungsrechtlicher Bedeutung vorbehalten. Bleibullen waren zumeist massiv, Goldbullen hingegen fast nie. Es handelte sich vielmehr um zusammengefügte Goldplättchen, welche mit verschiedenen Materialien (Wachs, Sägemehl u.a.) gefüllt waren. Massive Goldbullen sind lediglich aus dem byzantinischen Raum und dem normannischen Königreich Sizilien bekannt.

Wachssiegel trugen im Mittelalter die meisten Urkunden und Rechtsgeschäfte aller Art. Die Päpste sowie römisch deutschen Kaiser und untergeordnete Siegelführer unterschieden sich durch farbige Wachssiegel mit folgender Rangkennzeichnung:

Zweiseitiges Siegel des englischen Königs Edward I. (1239–1307)

Seit dem 16. Jahrhundert wurde auch Siegellack verwendet, der hitzebeständiger als Wachs ist. Bereits seit dem 11. Jahrhundert wurden bildliche Darstellungen (z. B. Wappen) in Siegeln verwendet. Später verwendete man anstelle des Wachses sogenannte Oblaten (runde weiße Papierflächen), welche auf das Papier aufgeklebt und dann unter hohem Druck mit Hilfe von Hitze (wie beim Gaufrieren) zu einem Relief, dem Abdruck, verformt wurde.

Der Siegelmissbrauch wurde durch die Aufbewahrung bei eigens für diesen Zweck eingesetzten hohen Beamten verhindert, den Siegelbewahrern. Aus dieser Aufgabe wurde später ein Amt und ein Titel (siehe Lordsiegelbewahrer in England).

Formen von Siegeln[Bearbeiten]

Mit einem Griff versehen, wird ein Siegelstempel Petschaft genannt – älter sind Siegelringe. Das Siegel selbst kann auf die Urkunde gedrückt oder durch einen Schnitt im Pergament durchgedrückt sein. Angehängte Siegel sind an Schnüren aus Hanf, Seide, anderen Stoffen oder Pergamentstreifen befestigt. Diese Pergamentstreifen, Pressel genannt, wurden, wie auch die Schnüre, häufig durch einen Pergamentumbug, einer so genannten Plica, gezogen, um den Halt im Pergament zu erhöhen und ein Ausreißen zu verhindern.

Andere Ausführungsformen mit Siegelfunktion sind Aufkleber wie das Pfandsiegel (umgangssprachlich auch Kuckuck genannt), die an Kfz-Kennzeichenschildern angebrachte Zulassungsplakette, Plomben an Verschlüssen und Geräten, Sicherungsstempel an Messgeräten.

Beispiele unterschiedlicher Siegel[Bearbeiten]

Spezielle Siegel[Bearbeiten]

Sekretsiegel[Bearbeiten]

Ein Sekretsiegel, auch Geheimsiegel, wurde im Mittelalter als zweites Siegel zur Kontrolle und als nochmalige Echtheitsbestätigung auf die Rückseite des Hauptsiegels oder auch „Großen Siegels“ geprägt. Ursprünglich waren nur mit einem Sekretsiegel versehene Urkunden nicht rechtswirksam. Im Spätmittelalter fanden die Sekretsiegel dann aber akzeptierte Verwendung bei Beurkundungen alltäglicher und relativ unwichtiger Amtsgeschäfte und gingen somit im „Kleinen Siegel“ auf.

Weitere Fachbegriffe[Bearbeiten]

  • Großes Siegel – das Hauptsiegel einer Körperschaft, das für die Besiegelung wichtigster Urkunden verwendet wurde
  • Kleines Siegel – zur Beurkundung kleiner, alltäglicher Rechtsgeschäfte; aus dem Sekretsiegel hervorgegangen
  • Rücksiegel – wurde auf die Rückseite des Hauptsiegels geprägt (siehe Sekretsiegel), nicht zu verwechseln mit den ebenfalls beidseitig gestempelten Bullen
  • Wappensiegel – häufig schildförmigies Siegel mit dem Wappenbild des Siegelführers, stellenweise als Kleines Siegel oder Rücksiegel verwendet
  • Gemeinschaftssiegel – gemeinsames Siegel einer rechtlich verbundenen Körperschaft oder auch mehrerer Angehöriger eines Herrschaftshauses
  • Reitersiegel – stellt den Siegelführer oder die Siegelführerin (Damenreitersiegel) zu Pferd dar, männliche Siegelführer i.d.R. geharnischt und in Waffen
  • Signet – privates Siegel, meist als Ring ausgeführt; siehe auch Fischerring
  • Rombildsiegel - Siegel mit einer bildlichen Darstellung der Stadt Rom, in der Regel Teil der Bullen von Königen und Kaisern des mittelalterlichen deutschen Reiches
  • Gemmensiegel - Siegel mit dem charakteristischen Abdruck einer Gemme (häufig in Verbindung mit einem Siegelring), die entweder antiken oder zeitgenössischen Ursprungs sein kann; so verwendeten z.B. die frühen karolingischen Könige antike Gemmen zur Besiegelung ihrer Urkunden

Siegel im ostasiatischen Kulturkreis[Bearbeiten]

Die chinesische Bezeichnung für Siegel lautet yín (印) oder túzhāng (图章). Die japanische Bezeichnung für Siegel ist Inkan (印鑑) oder Hanko (判子). Diese Siegel werden geschäftlich und privat eingesetzt und sind oft wichtiger als die eigenhändige Unterschrift. In manchen Fällen wird gar nur das Siegel als Beglaubigung akzeptiert (siehe Artikel Chinesisches Siegel).

Verwandte Themen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Handbücher
  •  Toni Diederich: Rheinische Städtesiegel (= Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz, Jahrbuch 1984/85). Neuss 1984.
  •  Toni Diederich: Siegelkunde: Beiträge zu ihrer Vertiefung und Weiterführung. Köln 2012, ISBN 978-3412209568.
  •  Wilhelm Ewald: Siegelkunde (= Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte. 4). München-Berlin 1914 (Nachdruck München 1978).
  •  Erich Kittel: Siegel (= Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde. 11). Braunschweig 1970 (mit umfangreicher Bibliographie S. 468–509).
  •  Michel Pastoureau: Les sceaux (= Typologie des sources du moyen âge occidental. 36). Turnhout 1981, ISSN 0775-3381.
  •  Andrea Stieldorf: Siegelkunde (= Hahnsche Historischen Hilfswissenschaften. 1). Hannover 2004, ISBN 3-7752-6132-X.
Tafelwerke
  •  Wilhelm Ewald: Rheinische Siegel (= Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde. 27). Bonn 1906–1941 (6 Bände).
  •  Aldo Martini: Die Goldsiegelsammlung aus dem Geheimarchiv des Vatikans: Katalog der Ausstellung in der Bayerischen Landesbank München. 1989 (ohne Ort).
  •  Friedrich Philippi: Siegel (= Urkunden und Siegel in Nachbildungen. 4). Berlin 1914.
  •  Otto Posse: Die Siegel der deutschen Könige und Kaiser von 751–1913. Dresden 1909–1913 (5 Bände: 1. 751–1347, 2. 1347–1493, 3. 1493–1711, 4. 1711–1806 1871–1913, 5. Textband, auf Wikisource).
  •  Pietro Sella: I sigilli dell'Archivio Segreto Vaticano (= Inventari dell'Archivio Segreto Vaticano. 1-3). Vatikan 1937, 1946, 1964.
Hilfsmittel und Bibliographie 
  •  Eckart Henning, Gabriele Jochums: Bibliographie zur Sphragistik. Schrifttum Deutschlands, Österreichs und der Schweiz bis 1990 (= Bibliographie der Historischen Hilfswissenschaften. 2). Köln 1995, ISBN 3-412-08695-9.
  •  Vocabulaire international de la sigillographie (= Pubblicazioni degli Archivi di Stato, Sussidi. 3). Rom 1990.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Beispiele Siegel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien