Falgard

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Die Falkensteiner Gardinenweberei (FALGARD) war ein bedeutendes Unternehmen in Falkenstein im Vogtland, das von 1883 bis zum Jahr 1995 unter wechselnden Namen und Rechtsformen den Kern der in der Stadt ansässigen Textilindustrie ausmachte. Die ursprünglichen Eigentümer siedelten 1948 mitsamt dem Mantel der AG in den Westen über und kamen 1994 nach Gera zurück.

Rechtsformen[Bearbeiten]

  • Gegründet 1883 als Fabrikanlagen G. Thorey, Falkenstein/V.
  • Ab 1888 Falkensteiner Gardinenweberei und Bleicherei Actiengesellschaft.
  • Östl.Zweig: Ab 1946 VEB "Falgard" Falkensteiner Gardinen- und Spitzenwebereien in Falkenstein.
  • Östl.Zweig: Ab 1970 Kombinat "Plauener Gardine" in Plauen.
  • Östl.Zweig: 1992 Privatisierung des Kombinats und Übernahme durch Fa. Hans Wiebe und Textilgruppe Hof. 1995 Konkurs.
  • Westl.Zweig: Ab 1948 Fortführung der AG in Neuss am Rhein, ab 1953 in Mering bei Augsburg.
  • Westl.Zweig: 1975 Umwandlung in GmbH (Thorey Textilveredelungsgesellschaft mbH & Co. KG).
  • Ab 1994 Thorey Gera Textilveredelung GmbH (Fortführung des "westlichen" Zweigs).

Geschichte[Bearbeiten]

Textilherstellung in Falkenstein seit dem 14. Jahrhundert[Bearbeiten]

Eine frühindustrielle Entwicklung begann im Vogtland im 14. Jahrhundert vor allem mit dem Textilhandwerk und dem Bergbau nach Kupfer, Eisen und Zinn. In Falkenstein blieb der Bergbau jedoch im Vergleich zur Textilherstellung ein eher unbedeutender Wirtschaftszweig. Die Weberei war in Falkenstein traditionell stark als produzierendes Gewerbe vertreten, sie ist dem alten, bäuerlichen Nebengewerbe der Leineweberei entsprungen. Um 1608 führte man in Falkenstein den Handwebstuhl ein, ab Mitte des 17. Jahrhunderts stieg die Stadt dann zu einem führenden Textilstandort auf. Auf 1700 datiert man den Beginn der maschinellen Leineweberei, von Wolle und Leinen zur Baumwolle, das Erzeugnis wurde "Musselin" genannt. In diese Zeit fällt auch die erste Teilnahme von Falkensteiner Webern an der Leipziger Messe. 1721 wurde in Falkenstein die Weberinnung gegründet, 1836 kamen die ersten Jacquardwebstühle nach Falkenstein. Ab etwa 1848 wurde im gesamten Vogtland die Bergmannsarbeit vom Textilhandwerk als wichtigstem Gewerbezweig abgelöst. 1870 wurde gegen den Widerstand der Unternehmer in Falkenstein eine Konsumgenossenschaft gegründet, welche als Keimzelle der örtlichen Arbeiterbewegung gilt.

Thorey und Falkensteiner AG von 1883 bis zum Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

1883 gründete schließlich der Kaufmann Georg Thorey die Thoreyschen Fabrikanlagen in der Bahnhofstraße. Die Arbeitszeit betrug täglich 12 bis 15 Stunden bei einer 7-Tage-Woche. Webstühle bezog man anfangs aus England, verarbeitet wurden die ebenfalls in der Stadt produzierten Zwirngarne. 1885 wurde dem Werk eine eigene Bleicherei und Veredelungsanstalt angegliedert. Am 26. Februar 1889 wurde das Unternehmen in die Falkensteiner Gardinenweberei und Bleicherei Actiengesellschaft umgewandelt. 1890 setzte bei den Arbeitern des Unternehmens eine breite politische Tätigkeit ein, ein sozialdemokratischer Arbeiterverein gründete sich und es fanden Vorbereitungen zur Zweiten Internationale statt. Die tägliche Arbeitszeit wurde auf 12-14 Stunden gekürzt. 1892 übernahmen die Söhne Emil und Fritz Thorey die Firma. 1898 schlossen sich viele Arbeiter der neuen Gewerkschaft, dem Deutschen Textilarbeiterverband, an. 1907 erzwangen die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter durch einen Streik große Zugeständnisse durch die Firmenleitung. Die Zahl der Beschäftigten lag bei 700. 1908 und 1909 wurde die Fabrik durch zusätzliche Gebäude in der Bahnhofstraße stark erweitert. 1910 erreichten die Arbeiter durch einen gewerkschaftlichen Streik die Einführung des 10-Stunden-Tages.

Im Ersten Weltkrieg litt dir Produktion stark durch die Beschlagnahme von Rohstoffen für Kriegsmaterial. Die Produktion für den zivilen Bedarf wurde eingestellt, für Baumwolle galt ein Webverbot und die Arbeitszeit wurde auf 5 Tage in der Woche gekürzt. Teilweise erfolgte eine Betriebsumstellung auf die Rüstungsproduktion (Metallverarbeitung).

Zur Zeit der Weimarer Republik fand 1920 dann die erste Betriebsratswahl in der Falkensteiner Gardinenweberei und Bleicherei statt. Erste Folge aus der Arbeit des Betriebsrates war, dass alle Arbeiter, die 5 und mehr Jahre dem Betrieb angehören, 5 Tage Urlaub im Jahr erhielten. 1922 litt der Betrieb wie nahezu alle deutsche Unternehmen unter der Hyperinflation und wurde wiederholt bestreikt. 1923 gab es die erste große Entlassungswelle, die Beschäftigtenzahl sank auf 400, jedoch ergab sich bereits ein Jahr später eine starke wirtschaftliche Erholung und 1925 waren nach einem Aufschwung wieder über 900 Beschäftigte im Betrieb tätig. 1926 sank die Beschäftigtenzahl wieder auf 750. 1927 fand die 50-Jahr-Feier statt und das Unternehmen nannte stolz 75 Gardinenwebmaschinen, 162 mechanischen Webstühle und ein eigenes Kraftwerk ("Kraftzentrale") sein eigen. Das Hauptarbeitsgebiet erstreckte sich auf Herstellung der Erzeugnisse des englischen Tüllgardinenstuhles, insbesondere Tüllgardinen, Stores, baumwollene Spitzenstoffe, Decken und Kanten. In der Baumwollweberei sind dies: Linon (ein Baumwollstoff, der Leinen imitiert), Renforcé (eine v.a. für Bettwäsche verwendete Baumwollwebart) und Fensterköper.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der darauffolgende Zweite Weltkrieg brachte Rohstoffknappheit und die Ausrichtung auf Rüstungsbelange. 1943 beteiligte sich das Unternehmen an der Baumwollspinnerei Lengenfeld/Vogtl. und der H. G. Eckstein GmbH, Falkenstein/Vogtl.

Aufspaltung nach 1945[Bearbeiten]

In der Nachkriegszeit wurde das Unternehmen 1948 von der Eigentümerfamilie (Großaktionär: Familie Thorey) juristisch nach Neuss am Rhein verlegt. 1950 wurde die Thorey-Textil-Veredelungs-Gesellschaft, Augsburg, gegründet und in Mering bei Augsburg ein neuer Betrieb mit Appretur, Druckerei und Färberei aufgebaut. 1953 zog die Falgard Neuss nach Mering um und hieß nun Falkensteiner Gardinen Weberei Mering. 1975 wurde die AG in eine GmbH umgewandelt und firmierte unter Thorey Textilveredelungsgesellschaft mbH & Co. KG.

Die älteren Betriebsstätten in Falkenstein, ab 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. ab 1949 in der DDR gelegen, wurden unter dem Namen VEB Falkensteiner Gardinen- und Spitzenwebereien (Falgard) ab 1946 als Volkseigener Betrieb fortgeführt. Aus dem Betrieb mit zersplitterter Warenhausproduktion entwickelte sich in Falkenstein ein hochspezialisierter, sozialistischer Großbetrieb, in dem weitere ortsansässige Textilunternehmen aufgingen. Im Zuge dieser Ausweitung wurden Gebäude anderer Unternehmen außerhalb des Ortes übernommen, so 1959 die Betriebsstätte der Textilweberei Schädlich in Grünbach. 1970 wurden die Unternehmen Plauener Gardine, der VEB Falgard und die Gardeko Zwickau zum Kombinat Plauener Gardine, mit Hauptsitz in Plauen, vereinigt. Die Plauener Gardine war ein Mischbetrieb mit 10 Werken, zu denen neben Webereien, Bleichereien und Färbereien auch eine Druckerei gehörte und die selbst wiederum Stammbetrieb im Plauener VVB Deko (ab 1979: VEB Kombinat DEKO) war. In diesem Kombinat, welches dem Ministerium für Leichtindustrie unterstand, war nun die gesamte Produktion von Gardinen und Spitzen, Deko- und Möbelstoffen, Plüschen, textilen Fußbodenbelägen, Bändern und Posamenten in der DDR zusammengefasst.

1975 wurde unter anderem für die Versorgung von Falgard mit Brauchwasser die Talsperre Falkenstein gebaut.

Nachwendezeit[Bearbeiten]

Zweig Plauener Gardine

Nach der Wende von 1989 ging der Absatz aufgrund der geänderten Bedingungen stark zurück. Etliche Betriebsstätten wurden stillgelegt, so auch das Gebäude der ehemaligen Textilweberei Schädlich. 1992 erfolgte die Privatisierung der Plauener Gardine und die Übernahme des ehemaligen Kombinats durch die Firma Hans Wiebe und die Textilgruppe Hof. 1994 erfolgte das Insolvenzverfahren, und das Unternehmen ging 1995 in Konkurs. Zwischen 1995 und 1999 brach man in Falkenstein die Betriebsgebäude ab.

1999 erwarb die Stadt Falkenstein die Industriebrache der früheren "FALGARD" aus der Konkursmasse der "Plauener Gardine" und begann deren Erschließung als neues Gewerbegebiet auf etwa 10 Hektar Gesamtfläche. Das neue Gewerbegebiet "Falgard" wurde 2001 offiziell übergeben. Im Juni 2002 konnte mit dem Umzug der Firma DuoDental Zahntechnik GbR das erste neue Unternehmen im Gewerbegebiet begrüßt werden. Textilproduktion findet allerdings auf dem Areal keine mehr statt.

Zweig Thorey

1994 meldete Volker Thorey, Nachfahre der vogtländischen Gründerfamilie, die von seinem Vater in Mering 1950 gegründete Thorey Textilveredelungsgesellschaft ab und errichtete in Gera die Thorey Gera Textilveredelung GmbH. Diese war bis 1999 vorwiegend im Bereich Heimtextilien als europaweiter Marktführer in der Gardinenstores-Lohnveredelung tätig und weitete ab 2000 die Produktionspalette auf weitere Segmente des Bereiches Technische Textilien aus. Sie beschäftigt 69 Mitarbeiter (Sept. 2004). In Mering erinnert noch die Verkaufsstelle Thorey Gardinen an die ehemalige süddeutsche Niederlassung des Unternehmens.

Beschäftigtenzahlen[Bearbeiten]

  • 1907: 700
  • 1914: 800
  • 1923: 400
  • 1925: 900
  • 1926: 750
  • 1975: ca. 2000 (VEB Falgard, geschätzt)
  • 1994: 69 (Thorey Gera)
  • 2011: 75 (Gera)

Ausstellung[Bearbeiten]

Vom 8. März 2008 bis zum 25. Mai 2008 zeigte das Heimatmuseum Falkenstein eine Ausstellung zum Thema 100 Jahre Falkensteiner Gardinen in alle Welt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Kuttig: Falgard – Geschichte einer Weltfirma. Der Aufstieg und Untergang von 1883 bis 2000. Verlag bibliofidel, Falkenstein 2000, ISBN 3-925820-75-2.
  • SED-Betriebsparteiorganisation des VEB Plaugard Werk FALGARD (Hg.): Wir und unser Betrieb - Betriebsgeschichte des VEB Falkensteiner Gardinen- und Spitzenwebereien bis 1970. Falkenstein: o.J. (Diese Broschüre ist in Restexemplaren über Verlag bibliofidel erhältlich)
  • Archivbestaende im Archiv Chemnitz, Abteilung 8.: Wirtschaft: VEB Plauener Gardine und Vorgänger, Plauen/V., (1839 - 1954) 1962 - 1992.

Weblinks[Bearbeiten]