Franziska Tiburtius

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Franziska Tiburtius (* 24. Januar 1843 auf dem Gut Bisdamitz auf Rügen; † 5. Mai 1927 in Berlin) war eine deutsche Ärztin und Kämpferin für das Frauenstudium.

Leben[Bearbeiten]

Geboren als Pächterstochter auf Rügen, absolvierte Tiburtius eine private Mädchenschule in Stralsund. Nach dem Schulabschluss war sie mehrere Jahre Gouvernante und Erzieherin beim Baron Lyngen in Werbelow (1860-66), Erzieherin im Hause des Herrn von Behr-Schmoldow (1867) sowie als Lehrerin in Rambin auf Rügen (1868) tätig. Im Jahre 1870 ging sie als Lehrerin nach London, anschließend war sie Lehrerin in Walton Rectory (Grafschaft Surrey, zwischen Epson u. Rygate). Nach dem Lehrerinnenexamen in Stralsund entschloss sie sich Medizin zu studieren – ein ungewöhnlicher Entschluss für eine Frau ihrer Zeit.

Aufgrund des in Deutschland herrschenden Studierverbotes für Frauen begab sich Tiburtius nach Zürich, da lediglich die Schweiz zur damaligen Zeit ihre Universitäten für Frauen geöffnet hatte und ihnen das Promotionsrecht bot. Motiviert zu diesem Entschluss hatte sie ihr Bruder Karl Tiburtius[1], vielleicht auch ihre spätere Schwägerin Henriette Hirschfeld-Tiburtius, die selbst in den USA studiert hatte.[2] Im Jahre 1871 nahm sie in Zürich ein Studium der Medizin auf und wurde 1876 zum Doktor der Medizin promoviert. Anschließend verbrachte sie noch einmal sechs Wochen bei ihrer Mutter in Rambin auf Rügen. Wie sie später in ihren Lebenserinnerungen schilderte, wurde Tiburtius bereits dort als Ärztin in Anspruch genommen; kurz vor ihrer Abreise schlugen ihr die Dorfbewohner vor, gleichsam als eine besoldete Gemeindeärztin dort zu bleiben. Sie nahm jedoch die professionelle Laufbahn wieder auf und ging als Volontärärztin nach Leipzig und anschließend an die Frauenklinik in Dresden. Trotz der in Zürich erteilten Berufszulassung erhielt sie in Dresden dennoch keine Approbation, worauf sie nach Berlin ging.

Wirken[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus Alte Schönhauser Straße 23/24
Grabmal von Franziska Tiburtius in Stralsund

In Berlin eröffnete Tiburtius mit ihrer Studienkollegin Emilie Lehmus eine eigene Praxis in der Alten Schönhauser Straße 23/24. Als erste deutsche Ärztinnen mit eigener Praxis sahen beide sich jahrelang öffentlichen Anfeindungen und Vorbehalten der männlichen Ärzteschaft ausgesetzt. Sie durften zwar praktizieren, jedoch mussten sie sich als „Dr. med. in Zürich“ ausweisen, wonach sie dem Status nach Heilpraktiker waren. Der Titel „Arzt“ wurde ihnen nicht zugestanden, da dieser an eine deutsche Approbation gebunden war. Mit einer weiteren Studienkollegin, der deutschen Ärztin Agnes Hacker (1860-1909), eröffnete Franziska Tiburtius dessen ungeachtet im Jahr 1908 die Chirurgische Klinik weiblicher Ärzte. In dieser Poliklinik wurden insbesondere Frauen aufgenommen, die keiner Krankenkasse angehörten. An Bedürftige wurde kostenlos Arznei ausgegeben.

Tiburtius engagierte sich für die Frauenbewegung und insbesondere für die Aufhebung des Studierverbots für Frauen in Deutschland. Jedoch wurden erst im Jahre 1908 Frauen als Studierende an preußischen Universitäten in der Medizin und ab 1914 zur Approbation zugelassen.

1908 setzte sich Franziska Tiburtius zur Ruhe. In der Folgezeit bereiste sie unter anderem Amerika, Nordafrika sowie Ziele innerhalb Europas. Sie verstarb 1927 in Berlin.

Franziska Tiburtius gilt als die erste deutsche promovierte Ärztin der neueren Zeit. Ihr abwechslungsreiches Leben schrieb sie in ihrer Autobiographie Erinnerungen einer Achtzigjährigen nieder. Darin berichtet sie unter anderem von ihrer Kindheit auf Rügen.

Schriften[Bearbeiten]

Ehrungen[Bearbeiten]

  • Das ehemalige Stralsunder Bezirkskrankenhaus, heute „Klinikum am Sund“, stiftete 1987 eine Preismedaille, die ab 1988 als Wissenschaftspreis jährlich zum Tag des Gesundheitswesens verliehen wurde.
Gestaltet wurde sie von Helmut König aus Zella Mehlis nach einem Entwurf des Stralsunders Peter Ganz, sie besteht aus Kupfer und hat einen Durchmesser von 40,2 mm..
Vorderseite: „DR. MED. FRANZISKA TIBURTIUS“ und „* 1843“ sowie „† 1927“; ein Brustbild zeigt die Medizinerin.
Rückseite: „BEZIRKSKRANKENHAUS“ und Äskulapstab, umschlossen von einem Lorbeerkranz
  • Im Jahre 2002 widmete der „Stralsunder Philatelisten-Verein von 1946 e.V.“ zum 75. Todestag ihr einen Gedenkumschlag mit der Abbildung der Tiburtius-Medaille. Dazu passend gab es einen Sonderstempel (18439 Stralsund 1) mit dem Porträt der Ärztin.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Franziska Tiburtius: Erinnerungen einer Achtzigjährigen, Berlin 1923, S. 86.
  2. James C. Albisetti: Mädchen- und Frauenbildung im 19. Jahrhundert. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2007, S. 148.

Literatur[Bearbeiten]

  • Conradine Lück: Frauen, 8 Lebensschicksale. Verlag Enßlin & Laiblin, Reutlingen 1937.
  • Hildegard von Podewils: Bekannte - Unbekannte. Frauen am Rande der Geschichte. Verlag Franz Müller, Dresden 1941.
  • Christa Lange-Mehnert: Marie Heim-Vögtlin und Franziska Tiburtius: erste Ärztinnen im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Medizin. Motive, Hintergründe und Folgen ihrer Berufswahl. Dissertation, Münster 1989.
  • Lydia Kath: „Mudding, vertell!“ In: Pommersches Heimatbuch 2008. Pommersche Landsmannschaft, Lübeck 2008, S. 83–90. Neu abgedruckt in: Die Pommersche Zeitung. Nr. 10/2014, S. 16.
  • Cauleen Suzanne Gary: Bildung and Gender in Nineteenthcentury Bourgeois Germany. A Cultural Studies Analysis of Texts by Women Writers. Dissertation, Maryland 2008. (PDF)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Franziska Tiburtius – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien