Gerhard Zwerenz

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Gerhard Zwerenz (* 3. Juni 1925 in Gablenz, seit 1974 Ortsteil von Crimmitschau, Sachsen) ist ein deutscher Schriftsteller und ehemaliger Bundestagsabgeordneter und lebt zurzeit in Oberreifenberg im Taunus.[1]

Leben und Werk[Bearbeiten]

Gerhard Zwerenz wurde in Gablenz/Sachsen als Sohn eines Ziegeleiarbeiters und einer Textilarbeiterin geboren. Er begann nach der Schulzeit eine Kupferschmiedlehre, nahm dann zwei Jahre lang am Zweiten Weltkrieg teil und geriet 1944 nach seiner Desertion zur Roten Armee bei Warschau in sowjetische Kriegsgefangenschaft. 1948 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er wurde zunächst Dozent und dann Volkspolizist. Von 1949 bis 1957 war Zwerenz Mitglied der SED. Von 1952 bis 1956 studierte er Philosophie bei Ernst Bloch in Leipzig. Seit 1956 arbeitete Gerhard Zwerenz als freiberuflicher Schriftsteller. 1957 wurde er aus der SED ausgeschlossen und floh ein halbes Jahr später nach West-Berlin. Gerhard Zwerenz lebte in München, Köln und Offenbach/Main und lebt heute, gemeinsam mit der Autorin Ingrid Zwerenz, in Oberreifenberg/Taunus.

Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

1959 verfasste Gerhard Zwerenz Die Liebe der toten Männer, eine romanhafte Gestaltung des Aufstandes vom 17. Juni 1953. 1961 schrieb Zwerenz die Essaysammlung Ärgernisse – Von der Maas bis an die Memel. Den Essayband Wider die deutschen Tabus brachte er 1962 heraus, genauso wie Gesänge auf dem Markt und Heldengedenktage. Ein Jahr später verfasste er Dreizehn Versuche, eine ehrerbietige Haltung anzunehmen und eine biografische Skizze über Walter Ulbricht.

Mit Casanova oder Der Kleine Herr in Krieg und Frieden verfasste Zwerenz einen Bestseller. In der Gestalt des Helden Michel Casanova wird der Typ des unangepassten Menschen in verschiedenen gesellschaftlichen Systemen geschildert. Die Folgejahre thematisierte er die Sexualität mit Büchern wie Erbarmen mit den Männern. Ein Roman vom Aschermittwochsfest und den sieben Sinnlichkeiten. 1971 schrieb er den Roman Kopf und Bauch und den Essayband Der plebejische Intellektuelle (Ffm. Collection Fischer [1972]). 1973 dann Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond, eine Kritik der Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik. Die darin prominent agierende Figur eines jüdischen Grundstücksspekulanten – eine kaum verhüllte Karikatur Ignatz Bubis’ – löste bei Erscheinen des Werks einen Skandal aus und brachte dem Autor den Vorwurf antisemitischer Schriftstellerei ein. Zwerenz’ Freund Rainer Werner Fassbinder verarbeitete den Roman einige Jahre später zu seinem ebenso – wenn nicht noch stärker – umstrittenen Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod. 1980 spielte Zwerenz in dem Rainer Werner Fassbinder-Epos Berlin Alexanderplatz mit. 1986 nahm er mit dem Buch "Die Rückkehr des toten Juden nach Deutschland" zu den Antisemitismusvorwürfen gegen ihn und Fassbinder Stellung.

Weiterhin publizierte er Der Widerspruch. Autobiographischer Bericht (1974) und Die Quadriga des Mischa Wolf (1975), worin die von der Staatssicherheit der DDR und deren Leiter des Auslandsnachrichtendienstes Markus Wolf inszenierte Agentenaffäre Guillaume verarbeitet wird. Danach beschloss Zwerenz, seine Werke nur noch als Taschenbücher zu veröffentlichen. 1982 verfasste er Antwort an einen Friedensfreund oder längere Epistel für Stephan Hermlin und meinen Hund und 1989 den Roman Vergiß die Träume Deiner Jugend nicht. Zu seinem 65. Geburtstag 1990 kündigte Gerhard Zwerenz an, dass er nicht mehr schreiben wolle und in Rente gehe.

Während seiner schriftstellerischen Tätigkeit schrieb Zwerenz unter dem Pseudonym Gert Amsterdam auch erotische bis pornografische Literatur. Eines dieser Bücher, Das Kleingeld der Hetären, wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien 1987 als jugendgefährdend indiziert.

1991 erhielt er den Alternativen Georg-Büchner-Preis. Die politischen Schriften Rechts und dumm und Links und lahm schrieb er 1993 und 1994. 2004 schrieb er ein Vorwort für das Buch des einstigen Rechtsextremisten Torsten Lemmer, „Rechts raus“. Außerdem erschien sein gemeinsam mit Ingrid Zwerenz geschriebenes Buch Sklavensprache und Revolte.

Die linke Berliner Tageszeitung junge Welt veröffentlichte im Zusammenhang mit Gerhard Zwerenz’ 80. Geburtstag (2005) im Feuilleton (jW 7. Mai 2005, p. 12) Zwerenz’ zuerst 1948 publizierte Anti-Kriegs-Ballade vom Holzhaufen bei Minsk.

Politik[Bearbeiten]

Von 1994 bis 1998 war Zwerenz über die offene Liste der PDS Mitglied des deutschen Bundestags. Er erwarb sich einen Ruf als der „unbeugsame Deserteur“.[2]

Bei der Bundestagswahl 2009 rief Zwerenz öffentlich zur Wahl der Partei Die Linke auf.

Werkverzeichnis (eine Auswahl)[Bearbeiten]

  • 1956: Aristotelische und Brechtsche Dramatik. Versuch einer ästhetischen Wertung (Essays) (Greifen, Rudolstadt)
  • 1956: Magie, Sternenglaube, Spiritismus, Streifzüge durch den Aberglauben (Urania, Leipzig)
  • 1959: Die Liebe der toten Männer (Kiepenheuer & Witsch, Köln)
  • 1959: Aufs Rad geflochten. Roman vom Aufstieg der neuen Klasse (Kiepenheuer & Witsch, Köln)
  • 1961: Ärgernisse – Von der Maas bis an die Memel (Essays) (Kiepenheuer & Witsch, Köln)
  • 1962: Gesänge auf dem Markt. Satiren und phantastische Geschichten (Kiepenheuer & Witsch, Köln)
  • 1962: Wider die deutschen Tabus (Polemik) (List, München)
  • 1962: Nicht alles gefallen lassen. Schulbuchgeschichten (Fischer TB, Frankfurt) [Kleine Hilfe dazu HIER]
  • 1964: Heldengedenktag. Dreizehn Versuche in Prosa, eine ehrerbietige Haltung einzunehmen (Scherz, München) (1968 als Taschenbuch bei dtv, München)
  • 1966: Casanova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden (Roman) Scherz, München (1975 als Taschenbuch bei dtv, München) (1981 als Taschenbuch bei Moewig Verlag, Rastatt)
  • 1968: Vom Nutzen des dicken Fells und andere Geschichten (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1968: Erbarmen mit den Männern. Roman vom Aschermittwochsfest und den sieben Sinnlichkeiten (Scherz, München) (1971 als Taschenbuch bei Droemer u. Knaur, München u. Zürich)
  • 1969: Die Lust am Sozialismus (Heinrich-Heine, Frankfurt)
  • 1970: Leslie Markwart (d .i. G. Z.): Die Zukunft der Männer (Olympia Press, Frankfurt)
  • 1970: Peer Tarrok (d.i. G. Z.): Rasputin (Joseph Melzer Zero Press, Darmstadt)
  • 1971: Kopf und Bauch. Die Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intellektuellen gefallen ist (Fischer, Frankfurt) (1973 als Taschenbuch bei Fischer, Frankfurt am Main)
  • 1972: Der plebejische Intellektuelle (Frankfurt)
  • 1972: Bericht aus dem Landesinneren. City. Strecke. Siedlung (S. Fischer Verlag, Frankfurt)
  • 1973: Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond (S. Fischer Verlag, Frankfurt)
  • 1974: Der Widerspruch. Autobiographischer Bericht (Frankfurt)
  • 1975: Die Quadriga des Mischa Wolf (S. Fischer Verlag, Frankfurt)
  • 1975: Vorbereitungen zur Hochzeit. Erzählungen (Fischer Taschenbuch, Frankfurt)
  • 1977: Die Westdeutschen. Erfahrungen, Beschreibungen, Analysen (C. Bertelsmann, München)
  • 1977: Wozu das ganze Theater. Lustige Geschichten von Schauspielern, Verlegern, von Frankfurt, seiner Buchmesse und vom lieben schönen Tod (Verlag R.S. Schulz, Percha u. Kempfenhausen) (Taschenbuchausgabe bei Wilhelm Goldmann, München 1979 u. 1984)
  • 1978: Das Grosselternkind (Beltz & Gelberg, Weinheim)
  • 1978: Die schrecklichen Folgen der Legende, ein Liebhaber gewesen zu sein. Erotische Geschichten (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1979: Kurt Tucholsky. Biographie eines guten Deutschen (Bertelsmann, München)
  • 1979: Die Ehe der Maria Braun (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1979: Ein fröhliches Leben in der Wüste. Roman einer Reise durch drei Tage und drei Nächte (R.S. Schulz, Percha u. Kempfenhausen)
  • 1980: Die Geschäfte des Herrn Morgenstern (Universitas, München) (1984 als Taschenbuch bei Moewig, Rastatt)
  • 1980: Eine Liebe in Schweden. Roman vom seltsamen Spiel und Tod des Satirikers K. T. (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1980: Salut für einen alten Poeten (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1980: Der Mann und das Mädchen (Moewig, München)
  • 1980: Rohes Muster. In: Kritik der Tierversuche. Kübler Verlag, Lambertheim 1980, ISBN 3-921265-24-X, S. 37–40.
  • 1981: Wir haben jetzt Ruhe in Deutschland (Hoffmann & Campe, Hamburg)
  • 1981: Il matrimonio di Maria Braun (Übersetzung aus dem Deutschen: s.o. 1979) (Rizzoli Editore, Milano)
  • 1981: Der chinesische Hund (Roman) (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1981: Die 25. Stunde der Liebe (Roman) (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1981: Das Konzept des plebejischen Intellektuellen
  • 1981: Die lang verlorenen Gefühle (Moewig, München)
  • 1981: Die Freiheit einer Frau (Moewig, München)
  • 1981: Der Mann, der seinen Bruder rächte (Moewig, München)
  • 1981: Schöne Geschichten. Erotische Streifzüge (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1981: Ungezogene Geschichten (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1981: Wüste Geschichten von Liebe und Tod. Erotische Erzählungen (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1982: Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder. Ein Bericht (Schneekluth, Münchner Edition, München)
  • 1982: Venus auf dem Vulkan (März Verlag, Berlin & Schlechterwegen)
  • 1982: Abschied von den Mädchen (Arthur Moewig, Rastatt)
  • 1982: Der Mann und die Wilde (Arthur Moewig, Rastatt)
  • 1982: Antwort an einen Friedensfreund oder längere Epistel für Stephan Hermlin und meinen Hund (Bund, Köln)
  • 1982: Auf den Tod ist kein Verlass. Erotischer Thriller (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1983: Der Bunker (Roman) (Schneekluth, München)
  • 1983: Der Sex-Knigge. Erotische Spiele über und unter der Bettdecke (mit Ingrid Zwerenz) (Delphin, München)
  • 1983: Schöne Niederlagen. Wie Stories entstehen, und Weltuntergänge (Brennglas, Assenheim)
  • 1983: Berührungen. Geschichten vom Eros des 20. Jahrhunderts (Knaur, München)
  • 1983: Erotische Kalendergeschichten (12 Bände) (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1984: Reise unter die Haut (Knaur, München)
  • 1984: Die Tierschutz-Lady (Moewig, Rastatt)
  • 1984: Das Lachbuch (Gütersloh)
  • 1984: Lachen, Liebe, Laster. Erotische Stories (Wilhelm Goldmann, München)
  • 1985: Die Venusharfe. Liebeslieder, Zorngedichte, Knittelverse (Knaur, München)
  • 1985: Die DDR wird Kaiserreich. Thriller (Bastei, Bergisch Gladbach)
  • 1985: Langsamer deutscher Walzer. Thriller (Bastei, Bergisch Gladbach)
  • 1986: Frisches Blut und alte Krieger. Thriller (Bastei, Bergisch Gladbach)
  • 1986: Peepshow für den Kommissar. Thriller (Bastei, Bergisch Gladbach)
  • 1986: Die Rückkehr des toten Juden nach Deutschland (Max Hueber, München)
  • 1988: „Soldaten sind Mörder“. Die Deutschen und der Krieg (Knesebeck & Schuler, München)
  • 1989: Vergiß die Träume Deiner Jugend nicht (Rasch und Röhring, Hamburg)
  • 1991: Der Alternative Büchnerpreis 1991 (H.L. Schlapp, Darmstadt)
  • 1991: Der legitime Krieg? (Zimmermann, Berlin)
  • 1993: Rechts und dumm (Carlsen, Hamburg)
  • 1994: Links und lahm. Die Linke stirbt, doch sie ergibt sich nicht (Carlsen, Hamburg)
  • 1994: Die neue Weltordnung (Zimmermann, Berlin)
  • 1996: Das Großelternkind (ergänzt u. erweitert als „Ausgabe letzter Hand“; s.o. 1978) (Dingsda, Querfurt)
  • 1997: Die Antworten des Herrn Z. oder Vorsicht, nur für Intellektuelle Hgg. Ingrid Zwerenz und Joachim Jahns. Beigefügte Dokumentation: Freunde und Feinde über Zwerenz (Dingsda, Querfurt)
  • 1998: Unendliche Wende. Ein Streitgespräch (mit Hermann Kant) Hg. Joachim Jahns (Dingsda, Querfurt)
  • 1999: Die grundsätzliche Differenz. Ein Streitgespräch in Wort und Schrift (mit Sahra Wagenknecht) [Moderation des Gesprächs: Christa Gießler] (Dingsda, Querfurt)
  • 2000: Gute Witwen weinen nicht. Exil. Lieben. Tod. Die letzten Jahre Kurt Tucholskys (Kranichsteiner Literaturverlag) (Erstausgabe 1980 unter dem Titel Eine Liebe in Schweden, s.o.)
  • 2000: Krieg im Glashaus oder Der Bundestag als Windmühle. Autobiographische Aufzeichnungen vom Abgang der Bonner Republik (Edition Ost, Berlin)
  • 2004: „Rechts Raus.“ Biographie von Torsten Lemmer Ex-Rechter. Vorwort von Zwerenz. (Das Neue Berlin, Berlin)
  • 2004: Sklavensprache und Revolte (mit Ingrid Zwerenz) (Schwartzkopff Buchwerke, Hamburg)

Ehrungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Interview zum 85. Geburtstag [1]
  2. Jürgen Reents: Der unbeugsame Deserteur. Hoffnung mit Trotz, hundertsieben Bücher: Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz wird morgen 85. In: Neues Deutschland vom 2. Juni 2010.