Gertrud Kurz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gertrud Kurz (1965)

Gertrud Kurz, genannt die „Flüchtlingsmutter“ oder „Mutter Kurz“ (* 15. März 1890 in Lutzenberg im Kanton Appenzell Ausserrhoden; † 26. Juni 1972) gründete und leitete ein Schweizer Flüchtlingshilfswerk.

Biografie[Bearbeiten]

Kurz war die Tochter eines Textilfabrikanten. Sie wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf und besuchte nach der Schulzeit die Handelsschule in Neuenburg. Ihre Eltern schickten sie nach Frankfurt am Main auf eine Frauenbildungsschule, um sie auf eine Hausfrauenrolle vorzubereiten. Im Jahr 1912 heiratet sie Albert Kurz, der Rektor am Progymnasium in Bern war. In den ersten Jahren ihrer Ehe widmete sie sich fast ausschließlich ihrer Familie. Sie hatte zwei Söhne und eine Tochter. Gleichzeitig begann sie, sich sozial zu engagieren: Ihr Haus in Bern wurde Anlaufstelle für Bettler und Landstreicher. 1930 hatte sie erste Kontakte zur internationalen Friedensbewegung der „Kreuzritter“ und wurde auch aktives Mitglied.

Beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die internationale Tätigkeit der Kreuzritter unterbrochen. Gertrud Kurz sah aber im Einsatz für Flüchtlinge eine Möglichkeit zur Fortsetzung dieser Friedensarbeit. Sie organisierte darum 1938 spontan eine Weihnachtsfeier für alle Flüchtlinge in der Stadt Bern. Daraus entstand ein eigenes Hilfswerk: die „Kreuzritter“-Flüchtlingshilfe. Das von ihr ins Leben gerufene Hilfswerk entwickelte sich auf informelle Art. Zuerst funktionierte es vollständig auf privater Basis. Gertrud Kurz empfing in ihrem Haus Flüchtlinge und erteilte telefonische Auskünfte. Die „Kreuzritter“-Flüchtlingshilfe wurde schnell zu einem Sammelbecken für alle Personen, für die sich andere Hilfswerke nicht zuständig fühlten. Die Hauptbestandteile der Hilfstätigkeit waren materielle Hilfe, immaterielle Hilfe – in Form von Interventionen bei den Behörden – und Öffentlichkeitsarbeit.

Zu dieser Zeit publizierte sie in den Printmedien und im "Kreuzritter"-Mitteilungsblatt auch Artikel über die Flüchtlingssituation. Es meldeten sich immer mehr Freiwillige, die Gertrud Kurz unentgeltlich unterstützen wollten. Es entstanden weitere Hilfswerke in Basel, St. Gallen, Zürich, Genf und Lausanne. 1941 wurde die „Kreuzritter“-Flüchtlingshilfe an die Schweizerische Zentralstelle für Flüchtlingshilfe angeschlossen und somit stärker in das allgemeine schweizerische Hilfsnetzwerk integriert, blieb aber ein privates Hilfswerk, welches sich über Vortragskollekten und Spendengeldern finanzierte.

Während des Zweiten Weltkrieges bekam Gertrud Kurz täglich bis zu 30 Briefe und diverse Besuche von Hilfesuchenden. Diese direkte Konfrontation mit den Schicksalen verfolgter Menschen lösten bei ihr starke Betroffenheit aus. In ihrer Hilfstätigkeit wurde sie primär von religiöser Nächstenliebe geleitet. Sie war gegenüber allen Flüchtlingen sehr offen. Es war ihr wichtig, diesen Menschen einen Familienersatz zu bieten, um ihnen so einen Ort der Liebe und Geborgenheit zu schaffen. Sie konnte sich gegenüber den Flüchtlingen schlecht abgrenzen und war fast Tag und Nacht erreichbar. In zahlreichen Briefen bedankten sich Flüchtlinge für ihre Grossherzigkeit, Nächstenliebe und Aufopferung. Sie wurde von den Flüchtlingen, aber auch von Behördenmitgliedern und Freunden „Mutter Kurz“ genannt.

Folgende Merkmale fallen am kurzschen Interventionsstil auf: Kurz ging die Behördenvertreter direkt an, argumentierte sehr konkret und praxisbezogen und appellierte an die Menschlichkeit. Durch ihre Art, die Fälle zu schildern, setzte sie primär auf Wirkung im emotionalen Bereich. Gertrud Kurz legte es aber nie auf Konfrontation mit den Behörden an, sondern signalisierte gegenüber den Beamten Loyalität und stellte deren Autorität nicht in Frage. Sie brach in hartnäckigen persönlichen Gesprächen den politischen Widerstand des Bundesrats Eduard von Steiger gegen die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge[1]. Durch die guten Kontakte zu den Behörden verschaffte sie sich in breiten Kreisen Akzeptanz und Prestige. Sie war für Leute wie Karl Barth, für Paul Vogt oder Adolf Freudenberg, die beide auch Hilfswerke leiteten, eine wichtige Ansprechpartnerin und erhielt umgekehrt hilfreiche Informationen. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Gertrud Kurz weiterhin in der Flüchtlingshilfe aktiv; die "Kreuzritter"-Bewegung nannte sich in Christlicher Friedensdienst um und besteht bis heute.

Gertrud Kurz wurde auf dem Berner Schosshaldenfriedhof begraben, ihr Grab ist inzwischen aufgehoben.

Zwei Jahre nach Gertrud Kurz Tod gründeten Personen aus ihrem Freundeskreis und namhafte Persönlichkeiten wie Alfred A. Häsler und der Theologieprofessor Hans Ruh eine Stiftung, in der ihr Gedankengut weiterleben soll. Die heutige Stiftung Gertrud Kurz versucht den Geist und die Werte von Gertrud Kurz zeitgemäss umzusetzen. Sie unterstützt auf Spendenbasis Nischenprojekte, welche die Partizipationsmöglichkeiten von Migrant/innen erhöhen, publiziert zweimal jährlich Kurznachrichten und fördert eine kritische Auseinandersetzung mit der Schweizer Migrations- und Asylpolitik.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich Fink: Gertrud Kurz: "Das Boot ist nicht voll!", in dsb., Hg.: Stärker als die Angst. Den sechs Millionen, die keinen Retter fanden. Union, Berlin 1968, S. 89 - 98[2]

Weblinks[Bearbeiten]

Notizen[Bearbeiten]

  1. Quelle: Adolf Freudenberg: Begrenzte Hilfe außerhalb deutscher Grenzen, in Heinrich Fink, Hg.: Stärker als die Angst. Den sechs Millionen, die keinen Retter fanden. Union, Berlin 1968, S. 122
  2. Foto von G. Kurz im Anhang-Bildteil, unpaginiert, undatiert (vermutlich Nachkriegszeit); ebd. Faksimile eines Briefes von Geretteten, 5. September 1942, handschriftlich mit zahlreichen Unterschriften