Gustav Adolf Michaelis

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Gustav Adolf Michaelis nach einem Gemälde von Karl Aubel aus dem Jahr 1820

Gustav Adolf Michaelis (* 9. Juli 1798 in Harburg; † 8. August 1848 in Lehrte) war ein deutscher Mediziner und Geburtshelfer. Er war der Vater des Archäologen Adolf Michaelis (1835–1910).

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Michaelis entstammte einer Gelehrtenfamilie. Sein Großvater, Johann David Michaelis (1717–1791), war Professor für Theologie und Orientalistik an der Universität Göttingen. Der Vater, Gottfried Philipp Michaelis, war praktischer Arzt und Geburtshelfer in Harburg und machte 1809 mit der Idee einer prophylaktischen Gebärmutterentfernung bei Schnittentbindungen auf sich aufmerksam, die 1876 von Edouardo Porro (1842–1902) in Padua umgesetzt wurde.[1] Seine Tante Caroline Schelling (1763–1809) war Schriftstellerin.

Nach dem frühen Tod seines Vaters wurde der 13-jährige Gustav Adolf von seiner Tante Luise, geb. Michaelis und deren Ehemann Professor Christian Rudolf Wilhelm Wiedemann, dem ersten Direktor der Kieler Hebammenlehranstalt[2][3] in Kiel aufgenommen. Er besuchte ein Kieler Gymnasium und begann im Frühjahr 1817 ein Studium der Medizin in Göttingen. Die dortige medizinische Fakultät stand unter dem Einfluss des Chirurgen Konrad J. M. Langenbeck. Geburtshilfe wurde von Friedrich Benjamin Osiander gelehrt. Durch Wiedemann war Michaelis bereits mit den Gedankengängen der Wiener Schule vertraut, die unter Johann Lukas Boër eine konservative Geburtshilfe lehrte. Im Gegensatz dazu vertrat Osiander eine interventionelle Geburtsmedizin. So wurden in seiner Abteilung 40 % der Geburten vaginal-operativ mit der Zange beendet. Michaelis verschrieb sich nicht kategorisch einer der Schulen, sondern lernte von beiden. Neben dem Medizinstudium befasste sich Michaelis mit Literatur, Kunst, Mathematik und Naturwissenschaften.

Nach seiner Promotion kehrte er am 25. Juli 1820 nach Kiel zurück. Im Sommer 1821 reiste er zusammen mit Justus Olshausen, Victor Aimé Huber und Heinrich Splitter zur Erweiterung seiner medizinischen Kenntnisse für ein Jahr nach Paris. Auf der Rückreise wurde er in Heidelberg auf die Arbeiten von Franz Karl Naegele zum weiblichen Becken in der Geburtsmedizin aufmerksam. Michaelis hatte die Absicht, sich in Schleswig-Holstein niederzulassen, wofür er als "Ausländer" sein Examen und die Doktorprüfung wiederholen musste. Er ging an die Auswertung seiner in Paris gemachten Beobachtung über Zellgewebsverhärtung der Neugeborenen und konnte sich am 23. Oktober 1823 mit der Schrift "De induratione telae cellulosae recens natorum" habilitieren. Als Deutschem blieb ihm trotz seiner frühen Habilitation eine Professur im damals dänischen Kiel vorerst versagt.

1828 heiratete Michaelis Julie Jahn, die Schwester des Archäologen Otto Jahn. Zunächst musste Michaelis das Hauptgewicht seiner ärztlichen Tätigkeit auf den Ausbau einer eigenen Praxis legen, weil die Deutsche Kanzlei in Kopenhagen nicht bereit war, ihn als Assistenten Wiedemanns zu bestätigen. Diese Bestätigung erfolgte erst im Jahre 1830, nachdem er bereits einige Jahre seinem Onkel geholfen hatte. Ab 1836 leitete weitgehend er die Geschäfte der Hebammenlehranstalt.

1836 erlangte er den Status eines Physikus für Kiel, Bordesholm und Kronshagen und avancierte schließlich zum außerordentlichen Professor ohne Besoldung. Mit dem Tode Wiedemanns am 21. Dezember 1840 führte er die Anstalt zunächst interimistisch. Erst eine Bittschrift seiner Studenten an den dänischen König konnte die Ernennung zum Vorsteher des Gebärhauses und Oberlehrers der Hebammenanstalt durchsetzen. Die Ernennung dazu erfolgte am 28. August 1841, allerdings blieb die ordentliche Professur aus.

Nach ausgedehnten Studien zur Form des weiblichen Beckens beschrieb er die Michaelissche Raute. Seine prominenteste Patientin mit einem rachitisch verformten Becken war Frau Adametz aus Wilster, bei der er 1836 den vierten Kaiserschnitt von insgesamt sieben Schnittentbindungen ausführte. Als 1847 durch Puerperalfieber dreizehn Wöchnerinnen in weniger als sechs Wochen starben, schloss er die Anstalt in Kiel und beschloss, eine neue aufzubauen. Michaelis war einer der wenigen Geburtshelfer seiner Zeit, der die Richtigkeit der Erkenntnisse Semmelweis’ erkannte, und damit auch, dass er durch Missachtung der Hygiene den Tod vieler Frauen, auch den seiner Cousine, mitverursacht hatte. Er stürzte daraufhin in eine tiefe seelische Krise und nahm sich am 8. August 1848 in Lehrte das Leben.[2]

Nach seinem Tode übernahm Carl Conrad Theodor Litzmann die Leitung der Klinik.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Gustav Adolf Michaelis: Über das Leuchten der Ostsee, nach eigenen Beobachtungen nebst einigen Bemerkungen über diese Erscheinung in anderen Meeren. Perthes und Besser, Hamburg 1830.
  • Gustav Adolf Michaelis: Das enge Becken nach eigenen Beobachtungen und Untersuchungen. Wigand, Leipzig 1851.
  • Gustav Adolf Michaelis: Über die Retina, besonders über die Macula lutea und das Foramen centrale. Nova acta, Verhandlungen der Kaiserlichen-Leopoldisch-Carolinischen Akademie der Naturforscher, Bd 19, 2. Abtlg. 1842.
  • Gustav Adolf Michaelis: Kaiserschnitt, unglücklich für Mutter und Kind. Mittheilungen aus dem Gebiete der Medicin, Chirurgie und Pharmacie. Pfaff CH (Hrsg) 2 (1833), 111–124.
  • Gustav Adolf Michaelis: Abhandlungen aus dem Gebiete der Geburtshülfe. Kiel 1833.
  • Gustav Adolf Michaelis: Merkwürdiger Fall von einem zum vierten Male bei derselben Frau mit glücklichem Erfolge vorgenommenen Kaiserschnitte. Mittheilungen aus dem Gebiete der Medicin, Chirurgie und Pharmacie. Pfaff CH (Hrsg) 4 (1836), 60–61.

Würdigung[Bearbeiten]

Die Kieler Hebammenschule und eine Straße, die heute zum Klinikgelände gehört, wurden nach Gustav Adolf Michaelis benannt. Die Michaelissche Raute trägt seinen Namen.

Goethe hat sich, wie aus seinem Tagebucheintrag vom 21. Oktober 1830 hervorgeht [4], durch die Erklärung des Meeresleuchtens durch Gustav Adolf Michaelis im Jahre 1830 an der Arbeit zur Meeresgötterszene im Faust beeinflussen lassen.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Kayserliche Schnitt: die Geschichte einer Operation, Seite 181, Lehmann, V., Schattauer, 2006
  2. a b Geschichte der Universitätsfrauenklinik Kiel
  3. G. Neitzke and St. Hoffmann: Gustav Adolph Michaelis – Arzt, Forscher, Lehrer. Der Gynäkologe 32 (1998), 660–664, doi:10.1007/PL00003279
  4. Malte Herwig: Intertextuelle Irrlichter: Das Meeresleuchten in der Klassischen Walpurgisnacht, PDF-Datei