Johann Gustav Droysen

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Johann Gustav Droysen

Johann Gustav Bernhard Droysen (* 6. Juli 1808 in Treptow an der Rega; † 19. Juni 1884 in Berlin) war ein deutscher Historiker.

Leben[Bearbeiten]

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Stettin widmete sich Droysen dem Studium der Philosophie und Philologien in Berlin, wo er unter anderem bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, August Boeckh und Karl Lachmann hörte. Dann war er zunächst von 1827 bis 1829 Hauslehrer von Felix Mendelssohn Bartholdy, danach ab 1829 Lehrer am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. Ab 1833 war er Privatdozent, ab 1835 außerordentlicher Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, seit 1840 Professor an der Universität Kiel, dann in Jena (ab 1851) und wieder an der Universität Berlin (seit 1859).

Schon vor der Schleswig-Holsteinischen Erhebung kam Droysen zur Politik: 1846 nahm er an den sogenannten Germanisten-Tagen teil. 1848 war er Vertreter der Provisorischen Regierung in Kiel beim Bundestag in Frankfurt, dann Abgeordneter der Nationalversammlung, in der er sich dem rechten Zentrum („Casino“) anschloss. Er hielt zwar nie eine Rede im Parlament, war aber hinter den Kulissen einer der einflussreichsten rechtsliberalen Politiker. Sein entschiedenes Eintreten für die Trennung Schleswigs und Holsteins von der dänischen Krone führte verständlicherweise zu Spannungen mit der Regierung in Kopenhagen. Droysen bewarb sich daher rechtzeitig um den neugeschaffenen Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Jena, den er 1851 auch erhielt, während die acht übrigen revolutionären Professoren der Kieler Universität 1852 aus ihrem Amt entlassen wurden.

Droysens Grab auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin

Droysen stellte sich bereits mit seinem Erstlingswerk Geschichte Alexanders des Großen 1833 in die erste Reihe der Historiker seiner Zeit. Den Begriff „Hellenismus“ erhob er zur Epochenbezeichnung für die Zeit zwischen Alexander und Kleopatra. Später arbeitete er auf dem Gebiet der neueren Geschichte. Dies war zu dieser Zeit ungewöhnlich, da viele Historiker die gesamte Welt- und Universalgeschichte als ihr Arbeitsfeld ansahen. Seine Geschichte der preußischen Politik (1855–1886) ist die umfassendste Darstellung der preußisch-kleindeutschen Geschichtsidee. Droysen gehörte nicht direkt zur Schule Heinrich von Sybels und Heinrich von Treitschkes, verstand die Aufgabe der Geschichtswissenschaften aber in einem verwandten Sinne. Die Forderung Leopold von Rankes nach Objektivität in der Geschichtsschreibung lehnte Droysen entschieden ab: für ihn hatte die Geschichte vielmehr eine erzieherische Funktion für den Staat wahrzunehmen.

Droysen war Mitglied mehrerer Akademien. So gehörte er zur Königlich Sächsischen Gesellschaft für Wissenschaften zu Leipzig und der Berliner Akademie der Wissenschaften.

Als Geschichtstheoretiker hat Droysen die Grundlage für die hermeneutische Methodik in den modernen Geschichtswissenschaften gelegt. Die quellenkritische Methode, die von weitreichendem Einfluss auf die Historiographie war, geht auf Droysen und Barthold Georg Niebuhr zurück. Zu Droysens bedeutendsten Studenten zählt Friedrich Meinecke. Sein Sohn Gustav Droysen war ebenfalls Geschichtsprofessor und legte wichtige Forschungen zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges vor.

Familie[Bearbeiten]

J. G. Droysen Eltern waren Johann Christoph Droysen (1773–1816), lutherischer Militärpfarrer, und Friederike Casten († 1827), Tochter eines Eisenwarenhändlers. Er wuchs mit drei Schwestern und einem Bruder in Greifenhagen bei Stettin auf.

J. G. Droysen war in erster Ehe (1836) mit Marie Mendheim (1820–1847) verheiratet. Sie ist die Tochter des Samuel Ferdinand Mendheim (1786–1860), Buchhändler und Musikverleger in Berlin und der Marianne Friedländer (1797–1826). Sie wuchs nach dem Tod der Mutter bei den Großeltern Rebecca und Benoni Friedländer auf.

Aus dieser Ehe stammen die Kinder

  • Gustav (1838–1908), Historiker in Halle (Saale)
  • Marie (1839–1896), verh. mit Emil Hübner, klassischer Philologe und Epigraphiker
  • Anna (1842–1918), verh. mit Henri Jordan, klassischer Philologe
  • Ernst Droysen (1844–1874).

In zweiter Ehe (1849) war J. G. Droysen mit Emma Michaelis (1829–1881) verheiratet. Sie ist die Tochter des Kieler Gynäkologen Gustav Adolf Michaelis. Sie war eine Freundin seiner ersten Frau Marie. Aus dieser Ehe stammt

  • Hans Droysen (1851–1918), Historiker und Gymnasialprofessor in Berlin.

Werke[Bearbeiten]

Übersetzungen
Herausgeberschaft
Eigenes
  1. Die Gründung. Berlin 1855 (Volltext)
  2. Die territoriale Zeit. 1857.
  3. Der Staat des Großen Kurfürsten. 1865.
  4. Zur Geschichte Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. von Preußen. 1869.
  5. Friedrich der Große. 1. Bd. 1874 - 4. Bd. 1886.
Bibliografie
  • Horst W. Blanke (Hrsg.): Droysen-Bibliographie („Historik. Historisch-kritische Ausgabe. Supplement“). Frommann-Holzboog, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-7728-2379-4 (Verzeichnis seiner Schriften, Autographen, Bildnisse sowie Auswahl an Literatur zu seiner Person).

Literatur[Bearbeiten]

  • Otto HintzeDroysen, Johann Gustav. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 48, Duncker & Humblot, Leipzig 1904, S. 82–114.
  • Theodor SchiederDroysen, Johann Gustav. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 135–137 (Digitalisat).
  • Hiram Kümper: DROYSEN, Johann Gustav Bernhard. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 25, Bautz, Nordhausen 2005, ISBN 3-88309-332-7, Sp. 303–306.
  • Uwe Barrelmeyer: Geschichtliche Wirklichkeit als Problem. Untersuchungen zu geschichtstheoretischen Begründungen historischen Wissens bei Johann Gustav Droysen, Georg Simmel und Max Weber. Reihe: Beiträge zur Geschichte der Soziologie 9, Münster 1997.
  • Christoph Johannes Bauer: Das Geheimnis aller Bewegung ist ihr Zweck. Geschichtsphilosophie bei Hegel und Droysen. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2001 (Diss. 2000).
  • Horst Walter Blanke (Hg.): Historie und Historik. 200 Jahre Johann Gustav Droysen. Festschrift für Jörn Rüsen zum 70. Geburtstag. Böhlau, Köln/ Weimar/ Wien 2009, ISBN 978-3-412-20425-9.
  • Andreas Buller: Die Geschichtstheorien des 19. Jahrhunderts. Das Verhältnis zwischen historischer Wirklichkeit und historischer Erkenntnis bei Karl Marx und Johann Gustav Droysen. Logos, Berlin 2002 (Diss. 2002).
  • Dirk Fleischer: Geschichtserkenntnis als Gotteserkenntnis: Das theologische Fundament der Geschichtstheorie Johann Gustav Droysens. In: Horst Walter Blanke (Hrsg.): Historie und Historik. 200 Jahre Johann Gustav Droysen. Festschrift für Jörn Rüsen zum 70. Geburtstag. Köln/ Weimar/ Wien 2009, S.73-89.
  • Christiane Hackel (Hrsg.): Johann Gustav Droysen 1808–1884. Philologe – Historiker – Politiker. (Katalog zur Ausstellung an der Humboldt-Universität zu Berlin). G + H Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-940939-05-0.
  • Irene Kohlstrunk: Logik und Historie in Droysens Geschichtstheorie. Eine Analyse von Genese und Konstitutionsprinzipien seiner "Historik". Steiner, Wiesbaden 1980, ISBN 3-515-03325-4.
  • Hans-Ulrich Lessing: Das Wahrheitsproblem im Historismus: Droysen und Dilthey, in: Markus Enders und Jan Szaif (Hg.): Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit. Walter de Gruyter, Berlin u.a. 2006.
  • Wilfried Nippel: Johann Gustav Droysen. Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik. Verlag C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56937-1.
  • Jörn Rüsen: Begriffene Geschichte. Genesis und Begründung der Geschichtstheorie J. G. Droysens. Schöningh, Paderborn 1969 (Diss. 1966).
  • Werner Schiffer: Theorien der Geschichtsschreibung und ihre erzähltheoretische Relevanz: Danto, Habermas, Baumgartner, Droysen. Metzler, Stuttgart 1980.
  • Falko Schnieke: Elemente biographischer Legitimation, Funktionen historischer Forschung: Johann Gustav Droysens „Friedrich I. König von Preußen“ (1867, GPP IV/1), in: Archiv für Kulturgeschichte Bd. 96, Heft 1, S. 27-56.
  • Christian-Georg Schuppe: Der andere Droysen. Neue Aspekte seiner Theorie der Geschichtswissenschaft. Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07391-4.
  • Robert Southard: Droysen and the Prussian school of history. University Press of Kentucky, Lexington 1995.
  • Christine Wagner: Die Entwicklung Johann Gustav Droysens als Althistoriker. Habelt, Bonn 1991 ISBN 3-7749-2500-3.
  • Wolfgang Eric Wagner (Hrsg.): Die Bibliothek der Historischen Gesellschaft von Johann Gustav Droysen 1860-1884. Akademie Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004381-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Johann Gustav Droysen – Quellen und Volltexte
 Commons: Johann Gustav Droysen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien