Hans Stille

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Hans Stille (* 8. Oktober 1876 in Hannover; † 26. Dezember 1966 ebenda) zählt zu den bedeutendsten Geologen des 20. Jahrhunderts. Er war Professor der Geologie an den Universitäten Göttingen, Hannover und ab 1932 Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität). 1946 gründete er in Ostberlin das Geotektonische Institut, aus dem später das geophysikalische Zentralinstitut ZIPE hervorging.

Stilles Forschungen – insbesondere zur Gebirgsbildung – trugen wesentlich dazu bei, dass sich die Geologie zum Mobilismus weiterentwickelte. Als Vertreter der Kontraktionstheorie der Erde war er ein Gegenspieler von Wegeners Kontinentalverschiebung.

Wissenschaftlicher Werdegang[Bearbeiten]

Seine Eltern waren der Spielkartenfabrikant Eduard Stille und Meta, geb. Hanckes,[1] Söhne waren die deutschen Diplomaten Wilhelm und Hans Stille.[2] Hans Stille legte 1895 das Abitur am Leibnitz-Gymnasium in Hannover ab und begann mit dem Studium in Hannover.[3]

Als Student wechselte Stille nach drei Semestern Chemiestudium in Hannover, wo er sich dem Corps Macaro-Visurgia angeschlossen hatte,[4] zur Geologie an die Universität Göttingen. Er war zeitlebens stolz auf seinen Doktorvater Adolf von Koenen (1837-1915), der ihn zu präzisem Arbeiten in Fossilienkunde und Geologie anleitete. Auch Stille erforschte fortan die Feinschichtung von Gesteinen und ihre genaue Datierung in der Erdgeschichte. Seine Dissertation schrieb 1898 über den Aufbau des Teutoburger Waldes.

Danach arbeitete er als kartierender Geologe in Berlin an der Preußische Geologische Landesanstalt. Als Koenens Schüler war er durch seine präzisen geologischen Karten in der Lage, globale Prozesse in alten geologischen Komplexen nachzuvollziehen, was seinen späteren Weltruhm begründete. Er habilitierte sich schon 1904 und folgte 1908 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Geologie und Mineralogie der Technischen Hochschule Hannover. 1912 wechselte er an die Universität Leipzig und 1913 als Ordinarius für Geologie und Paläontologie an die Universität Göttingen berufen. Hier blieb er bis 1932, folgte dann einem Ruf an die Berliner Universität und an die Akademie der Wissenschaften der DDR. Dort gründete er „sein“ Geotektonisches Institut und wurde zum Wegbereiter der horizontalen Tektonik, geehrt durch zahlreiche Auszeichnungen und Festschriften. Nach seiner Emeritierung ging er 1950 nach Hannover zurück, stand aber dem Ostberliner Institut weiterhin als Berater zur Verfügung.

In Westdeutschland wurde Stille zum Namensgeber der Hans-Stille-Medaille, welche die Deutsche Gesellschaft für Geowissenschaften (DGG) seit 1950 jährlich für herausragende Verdienste in den Geowissenschaften verleiht. 1932 wurde er korrespondierendes Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Entdeckung neuer Phänomene[Bearbeiten]

Die bei A.Koenen erlernte Präzision der Feldarbeit machte ihn aufmerksam für bisher unentdeckte Phänomene - etwa 1910/12 in Niedersachsen die jurassisch-saxonische Tektonik mit Ineinandergreifen von Pressung und Zerrung. So gelangte er als Anhänger der Kontraktionstheorie zur Ansicht, die Erdrinde müsse trotz langsamer Verkürzung auch Perioden der Ausweitung haben. Das Bruchfaltengebirge erklärte er mit der Biegsamkeit der Geosynklinalen-Bereiche gegen ihr steifes Vorland. Im Teutoburger Wald erkannte er vom Mesozoikum abweichende Faltenrichtungen, woraus er die variszische Orogenphase datieren konnte [5].

An plutonischem Magma erkannte er basisch/saure Unterschiede je nach orogenetischer Phase des Aufstiegs. An den vielen Salzdomen im norddeutschen Untergrund wies er Injektivfaltungen durch Salzfluss nach, die er vulkanischem Glutfluss gegenüberstellte [6].

Diese und andere Entdeckungen brachten ihn schließlich zur Erkenntnis, dass jede Gebirgsbildung typische Phasen ablaufen müsse.

Magmatisch-tektonischer Zyklus[Bearbeiten]

Wegweisend beschrieb Stille die geologische Geschichte Europas durch wiederholte tektonische und magmatische Stadien, was später als Zyklentheorie bezeichnet wurde. Diese tektonischen Stadien benannte er geosynklinal, orogen, quasikratonisch und kratonisch. In der geosynklinalen Phase öffnet sich ein Ozean, basaltischer Vulkanismus ist dominierend. In der orogenen Phase faltet sich ein Gebirge auf und durch die Interaktion mit den nun zunehmend dickeren Schichten entsteht felsischer oder intermediärer Vulkanismus. Später in der quasikratonischen Phase dringt kein Magma mehr an die Oberfläche, sondern bleibt in der Kruste stecken. Es bilden sich Intrusionen. Schließlich in der kratonischen Phase hört der Vulkanismus zunächst komplett auf oder einzelne neue basaltische Vulkane ragen empor.

Diese Phasen sind heute noch namengebend für die Prozesse der Gebirgsbildung (Orogenese), der kontinentalen Mikroplatten (Kratone) und ausgedehnter Riftzonen (Geosynklinalen). Hans Stille glaubte vier solcher sich wiederholender Phasen in Europa ausmachen zu können, die „fennosarmatische“ Bildung Ur-Europas im Präkambrium, die „kaledonische“ Konsolidierung Paläo-Europas im Altpaläozoikum, die Bildung der „Varisziden“ (heutige Mittelgebirge) und damit Meso-Europas im Jungpaläozoikum und schließlich die „alpidische“ Konsolidierung Neo-Europas, die bis ins Quartär (Geologie) andauert.

Siehe auch: Stille-Zyklus

Rolle als Gegenspieler von Alfred Wegener[Bearbeiten]

Alfred Wegeners heute allgemein anerkannte Theorie von der Kontinentalverschiebung war zu dessen Lebzeiten heftig umstritten und geriet nach Wegeners Tod zunächst sogar in Vergessenheit. In Deutschland war besonders die Ablehnung durch die Geologen Hans Stille und Hans Cloos entscheidend. Hans Stille blieb bis zu seinem Tod 1966 ein entschiedener Gegner der Kontinentaldrift, obwohl er vollständig im Unrecht war, und bestätigte damit die Ansicht Max Plancks, wonach sich umwälzende Theorien erst durchsetzen, wenn ihre Gegner aussterben. Seine Vorliebe für die Kontraktionshypothese als möglichen Motor der Erdkrustenbewegungen hat Stille in höherem Alter allerdings selbst relativiert, indem er sich u.a. um eine Synthese mit dem Modell der Isostasie bemühte.

Ehrungen[Bearbeiten]

Hans Stille wurde an fünf Hochschulen, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Sofia, der Eberhard Karls Universität Tübingen, Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Er war ordentliches, korrespondierendes bzw. Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Göttingen, München, Halle, Oslo, Paris, Madrid, Wien, Barcelona, Athen und Bukarest.[7] Seit 1956 war Stille Ehrenvorsitzender der Deutschen Geologischen Gesellschaft, bei der er seit 1898 Mitglied war.

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Trommsdorff: Der Lehrkörper der Technischen Hochschule Hannover 1831-1931. Hannover, 1931, S. 35.
  • Walter Eduard Hermann Carlé: Werner – Beyrich – von Koenen – Stille. Ein geistiger Stammbaum wegweisender Geologen. Geologisches Jahrbuch. Reihe A, Allgemeine und regionale Geologie Bundesrepublik Deutschland und Nachbargebiete, Tektonik, Stratigraphie, Paläontologie, Heft 108. Schweizerbart, Stuttgart 1988.
  • H. J. Martini: Abschied von Hans Stille am 30.12.1966, Geol. Jb., 84, Hannover 1967, S. XX – XXI

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lebenslauf in der Dissertation Der Gebirgsbau des Teutoburger Waldes zwischen Altenbeken und Detmold; Berlin, 1900
  2. Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Band 4: S. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst, Bearbeiter: Bernd Isphording, Gerhard Keiper, Martin Kröger. Schöningh, Paderborn u. a. 2012, ISBN 978-3-506-71843-3 S. 361ff
  3. Andreas Pilger: Ansprache zur Feier des 90. Geburtstages von Professor Dr. Hans Stille am 8. 10. 1966 in Hannover-Buchholz, Geol. Jb. 84, Hannover 1967, S. XIV
  4. 100 Jahre Weinheimer Senioren-Convent, S. 139. Bochum, 1963
  5. Helmut Hölder, Kurze Geschichte der Geologie.. p.93+139, Springer 1989
  6. Helmut Hölder, Kurze Geschichte der Geologie.. p.129-133, Springer 1989
  7. Andreas Pilger: Ansprache zur Feier des 90. Geburtstages von Professor Dr. Hans Stille am 8. 10. 1966 in Hannover-Buchholz, Geol. Jb. 84, Hannover 1967, S. XIII – XIX

Weblinks[Bearbeiten]