Hermann Oppenheim

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Hermann Oppenheim, ca. 1870

Hermann Oppenheim (* 31. Dezember 1857[1] in Warburg, Westfalen; † 22. Mai 1919 in Berlin) (Familienname gelegentlich auch Oppenheimer geschrieben) war ein deutscher Neurologe.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Er war Sohn des langjährigen Rabbiners der Synagogengemeinde Warburg, Juda Oppenheim, und bestand 1877 am Gymnasium Marianum Warburg das Abitur als einer der Jahrgangsbesten. Anschließend studierte in Göttingen, Bonn und Berlin Medizin. Er war Schüler von Nathan Zuntz und promovierte 1881 mit einer preisgekrönten Schrift über die Physiologie und Pathologie der Harnstoffausscheidung. Nach kurzer Assistenzzeit an der Maison de Santé in Berlin-Schöneberg trat er in die Nervenklinik der Charité unter Carl Friedrich Otto Westphal ein, wo er von 1883 bis 1891 als dessen Assistent tätig war.

1886 habilitierte sich Oppenheim mit einer Sammlung von 18 kleineren Arbeiten auf dem Gebiet der Nervenpathologie für Neurologie. Er bot vor allem Vorlesungen Elektrodiagnose und -therapie an. Nachdem er nach Westphals Tod im Sommer 1891 aus der Charité ausschied, und ein Gesuch um ein Extraordinariat, das er 1891 an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin gerichtet hatte, abgelehnt wurde, gründete Oppenheim eine Privatklinik am Schiffbauerdamm 25 in Berlin-Mitte, die internationalen Rang erlangte. Als auch ein erneutes Gesuch Oppenheims um ein Extraordinariat 1901 abgelehnt wurde, trat er 1902 aus der medizinischen Fakultät aus. Privatim beklagte er die Zumutung, dass ihm sein Festhalten am Judentum und das Verweigern einer Konversion den Weg zu einer akademischen Karriere versperrt hätten.

In seinen Forschungen, durch die er die Anerkennung der Neurologie als eigener Disziplin maßgeblich förderte und großen Anteil an deren wissenschaftlicher Verbreitung hatte, widmete sich Oppenheim insbesondere den Erkrankungen nach Traumen und den Neubildungen des Zentralnervensystems. Bekannt wurde er durch seine Studien zur Klinik der pathologischen Anatomie der Tabes, zur multiplen Sklerose und zu den bulbärparalytischen Erscheinungen. Seine Theorie der traumatischen Neurose, die er in Abgrenzung zu Jean-Martin Charcots Theorie der Hysterie entwickelte, war besonders umstritten. Oppenheim beschrieb traumatische Neurosen als eigenes Krankheitsbild, das er unmittelbar auf traumatische Erlebnisse zurückführte. Als er während des Ersten Weltkriegs die Leitung eines Lazaretts im Kunstgewerbemuseum Berlin übernahm, wandte er diese Theorie auch auf das weit verbreitete Problems der Kriegszitterer an. Die seelischen Erschütterungen der Frontsoldaten, so seine These, hätten zu einer Erschütterung der feinsten Teile des Gehirns geführt. Das Zittern sei somit die Folge der anatomischen Auswirkung dieser ›Gehirnerschütterung‹. Hiermit vertrat er zumindest als Neurologe in der öffentlichen Auseinandersetzung um die anzuerkennenden Kriegsschäden eine Außenseiterposition innerhalb der deutschen Psychiatrie, insofern er die psychischen Probleme der Betroffenen als unmittelbare Kriegsfolge klassifizierte, vgl. a. Funktionelle Syndrome.[2]

Oppenheim war 1907 Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde. Von 1912 bis 1916 war er Präsident der von ihm gegründeten Gesellschaft Deutscher Nervenärzte.

Medizinische Nomenklatur[Bearbeiten]

Nach Hermann Oppenheim ist u. a. das Oppenheimsche Zeichen bzw. der Oppeheimsche Reflex benannt, d.i. die Beugung der großen Zehe oder des Fußes in Richtung Fußrücken bei Bestreichen der inneren muskelfreien Schienbeinkante. Dieser Reflex weist auf eine Rückenmarkserkrankung (Pyramidenbahnläsion) hin. In die medizinischen Nomenklatur ging er durch folgende weitere Krankheitsbilder und medizinische Begriffe ein, das Ziehen-Oppenheim-Syndrom (Dystonia musculorum deformans), die Oppenheimsche zerebrale Kinderlähmung, der Oppenheimsche Fressreflex und der Oppenheimsche Gang bei multipler Sklerose.

Werke[Bearbeiten]

  • Die traumatischen Neurosen (1889).
  • Lehrbuch der Nervenkrankheiten (bis 1923 7 Auflage).
  • Stand der Lehre von den Kriegs- und Unfallneurosen (1918).

Literatur[Bearbeiten]

  • Katrin Bewermeyer: Hermann Oppenheim: Begründer der deutschen Neurologie: Biographie anhand einer neuen Quelle. Marburg 2004 (Dissertation, Universität Marburg, 2003).
  • Katrin Bewermeyer, Heiko Bewermeyer, Hans Dieter Mennel: Hermann Oppenheim: Beitrag zur Lebens- und Wirkgeschichte anhand eines aufgefundenen Lebenslaufs. In: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Nervenheilkunde 10, 2004, S.337-351.
  • Paul Lerner: From Traumatic Neurosis to Male Hysteria. The Decline and Fall of Hermann Oppenheim, 1889–1919. in: Mark S. Micale u. Paul Lerner (Hrsg.): Traumatic Pasts. History, Psychiatry, and Trauma in the Modern Age, 1870–1930. Cambridge 2001, S. 140-171.
  • Anja Pech: Hermann Oppenheim (1858–1919) – Leben und Werk eines jüdischen Arztes. Herzogenrath: Murken-Altrogge, 2007 (Dissertation, Universität Hamburg, 2006; PDF; 1,5 MB). ISBN 3-935791-24-0.
  • Hans-Dieter Mennel, Bernd Holdorff, Katrin Bewermeyer u. Heiko Bewermeyer: Hermann Oppenheim und die deutsche Nervenheilkunde zwischen 1870 und 1919. Stuttgart ; New York: Schattauer, 2007. ISBN 3-7945-2544-2.
  • Susanne Zimmermann: Oppenheim, Hermann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 565 f. (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Oppenheim selbst gab als sein Geburtsdatum stets den 1. Januar 1858 an. Laut den Unterlagen des Personenstandsregisters Detmold sowie des Stadtarchivs Warburg wurde er jedoch am 31. Dezember 1857 geboren. Pech: Hermann Oppenheim, S. 9.
  2. Uexküll, Thure von: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963, Kap. Vorgeschichte der Psychosomatischen Medizin, Seite 17