Kriegszitterer

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Als Kriegszitterer wurden im deutschsprachigen Raum im Ersten Weltkrieg und auch danach Soldaten bezeichnet, welche an posttraumatischen Belastungsstörungen litten. Die meisten Betroffenen zitterten unkontrolliert (daher der Name); viele hatten auch eines oder mehrere der folgenden Symptome:

  • sie konnten sich nicht mehr selbst auf den Beinen halten,
  • sie konnten keine Waffen mehr bedienen,
  • sie konnten nichts mehr essen oder verweigerten die Nahrungsaufnahme,
  • sie hatten vor banalen Gegenständen wie z. B. Mützen oder Schuhen panische Ängste.

Unter anderem war der Kampf mit Bajonetten im Grabenkrieg bzw. Stellungskrieg sehr belastend.

Ursachen und Folgen[Bearbeiten]

Verursacht oder ausgelöst wurde das Krankheitsbild durch psychische Überlastung der Soldaten in Situationen, denen sie im Krieg ausgesetzt waren. Ursprünglich waren führende Neurologen wie zum Beispiel Hermann Oppenheim (1857–1919) der Auffassung, diese Störungen seien durch mechanische Ursachen bedingt. Mit ihm nahmen auch Psychiater und Psychologen damals an, die Störungen würden durch die Druckwellen explodierender Granaten oder durch laute Explosionsgeräusche verursacht, deren Folge kleine Gehirnerschütterungen seien.[1] Heute wird das Leiden zum Teil auch als nichtorganischer Tremor bezeichnet und den Konversionsstörungen zugeordnet oder als Ausdruckskrankheit angesehen. Diese Diskussion wird als „bis heute nicht abgeschlossen“ bezeichnet (heute = Stand 2002).[2]

Die Alliierten nannten die Krankheit Bomb Shell Disease oder auch shell shock, da sie glaubten, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.[3]

Heilung gab es bis auf wenige Fälle praktisch keine, da es zu dieser Zeit noch keinerlei Therapien für derartige Störungen gab. Die Opfer waren meist für den Rest ihres Lebens schwerst pflegebedürftig.

Einfache Mannschaftssoldaten wurden (im Gegensatz zu Offizieren, die Bäder oder Beruhigungsmittel erhielten) mittels äußerst schmerzhafter Elektroschocks behandelt, die der „Überrumpelung“ dienen sollten. Mit längerer Kriegsdauer wurde immer öfter der Verdacht hysterischer Simulation geäußert und den Betroffenen unterstellt, von Unproduktivität und Rentenbezug profitieren zu wollen. Ärzte wurden daher angehalten, die Zahl der Rentenberechtigten so niedrig wie möglich zu halten und Heilungsraten zwischen 95 und 100 Prozent zu erzielen. Propagandistische Berichte und Filme aus psychiatrischen Kliniken ließen den Eindruck schneller „Wunderheilungen“ entstehen. In den Anstalten starb zwischen 1915 und 1918 ein Teil dieser Patienten an durch Unterernährung verursachten Krankheiten, da die Zuteilungen an psychiatrische Institutionen zu knapp waren und teilweise der Tod „unnützer Esser“ passiv in Kauf genommen wurde. Zusätzlich wurde von Medizinern zur Erfassung des Phänomens der Kriegsemotionen nach dem Modell epidemisch-infektiöser Erkrankungen eine militärische Topographie erstellt, die besonders den Gegensatz zwischen einer vermeintlich männlich dominierten Frontzone und einer weiblich dominierten Heimatfront (bei fluktuierendem Etappenbereich) hervorhob. So galten einem Arzt „Briefe aus der Heimat“ als stärkeres angst- und erregungsauslösendes und daher potentiell gefährlicheres Moment als unmittelbare Kriegserlebnisse. Der Tübinger Internist Gustav Liebermeister sah die stärkste Ansteckungsgefahr für Kriegsneurosen im Heimatgebiet, „wo wir nicht nur die Kriegsbeschädigten, sondern auch deren Angehörige, ferner einen grossen Teil der weiblichen Bevölkerung und sonst sehr viele Menschen haben, die als Krankheitsüberträger wirken.“ Nachdem in der NS-Zeit durch ein Gesetz vom 3. Juli 1934 seelische Erkrankungen grundsätzlich nicht mehr als Folge erlittener Kriegstraumata anerkannt wurden, wurden schließlich im Rahmen der NS-Euthanasiemorde zwischen 4000 und 5000 psychisch kranke Veteranen des Ersten Weltkriegs umgebracht.[4][5]

In Frankreich wurden Traumatisierte des Ersten Weltkriegs als „émotionnés de la guerre“ (Erkrankung nach einem schreckhaften Ereignis, plötzlicher Furcht oder dem Anblick toter Soldaten) bzw. „commotionés de la guerre“ (mechanische Erschütterung z. B. durch Granatenexplosion mit vermuteter Folge von feinsten Nervenläsionen) bezeichnet. Französische Psychiater klammerten einige Krankheitsbilder aus der generellen Kategorie der Hysterie (die leicht unter Simulationsverdacht geraten konnte) aus und diskutierten die Rolle der Kriegsangst („anxiété“, „angoisse“ oder „peur de la guerre“). Durch die Schaffung dieser neuen Kategorie konnten erkrankten Soldaten die gleichen Ehren zugestanden werden wie körperlich Versehrten. Albert Devaux und Benjamin Logre, zwei Schüler von Ernest Dupré, nannten dementsprechend Soldaten mit Angstzuständen „Invalides du Courage“ (Invaliden der Tapferkeit).[5]

Quellen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden: Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Pantheon Verlag, München 2011, ISBN 978-3570551523. (Habilitationsschrift)
  • Maria Hermes: Krankheit: Krieg. Psychiatrische Deutungen des Ersten Weltkrieges. Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2012, ISBN 978-3837507522.
  • Susanne Michl: Erster Weltkrieg 1914-1918. Gefühlswelten: Konzepte von Angst in der Kriegspsychatrie. In: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 111, Heft 33-34, 18. August 2014. (online)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Uexküll, Thure von: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963, Kap. Die Vorgeschichte der psychosomatischen Medizin, S. 17
  2. Hoffmann, Sven Olav und Hochapfel, G.: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. [1999], CompactLehrbuch, Schattauer, Stuttgart 62003, ISBN 3-7945-1960-4, S. 175, 230
  3. Shorter, Edward A historical Dictionary of Psychiatry. Oxford University Press, New York, 12005, ISBN 0-19-517668-5, Stw. Shell shock, S. 224 ff., 290; fernladbarer Text
  4. Fastnacht der Hölle. Der Erste Weltkrieg und die Sinne. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2014, S. 108 f.; 156-159; 166
  5. a b Susanne Michl: „Gefühlswelten: Konzepte von Angst in der Kriegspsychiatrie.“ Deutsches Ärzteblatt 2014; 111(33-34), S. 1218-1220