John Emerich Edward Dalberg-Acton, 1. Baron Acton

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John Emerich Edward Dalberg-Acton, 1. Baron Acton
Gedenktafel für John Lord Acton auf dem Friedhof in Tegernsee

John Emerich Edward Dalberg-Acton, 1. Baron Acton, KCVO (* 10. Januar 1834 in Neapel; † 19. Juni 1902 in Tegernsee, Bayern) war ein englischer Historiker, liberaler Katholik und Publizist, der den weltlichen Machtanspruch des Papsttums bekämpfte.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft und Bildungsweg[Bearbeiten]

John Emerich Edward Acton wurde 1834 in Neapel als Sohn von Sir Ferdinand Richard Acton und Marie Luise von Dalberg geboren. Wegen seiner mütterlichen Abstammung verstand sich Acton als „halber Deutscher“.[1] Die Mitglieder der Familie Acton kehrten im 18. Jahrhundert zum alten (katholischen) Glauben zurück. Unter den damaligen englischen Gesetzen war es einem Katholiken unmöglich, in einem freien Beruf zu reüssieren. Die Vorfahren von Lord Acton zogen deshalb nach Frankreich und danach nach Italien, wo der Großvater von Acton, Sir John Acton (1736–1811) neapolitanischer Admiral und zeitweise erster Minister war. 1791 trat er das Erbe der älteren Baronet-Linie in England an und erbte die Familiengüter in Shropshire (er war 6. Baronet).

Sein ältester Sohn Sir Ferdinand Richard Acton, 7. Baronet Acton, heiratete Marie Louise, die Tochter und Erbin Emmerich Josephs von Dalberg (1773–1833). Die Dalbergs bekleideten unter anderem als Fürstbischöfe von Worms und Kurfürsten von Mainz hohe Ämter im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.[2] Nach dem Tod des Herzogs 1833 nahm Richard Acton den Namen Dalberg-Acton an.

John Emerich Edward Dalberg Acton war drei Jahre alt, als sein Vater starb. Seine Mutter zog auf die Familiengüter nach Shropshire und heiratete 1840 den Earl of Granville (damals noch Lord Leveson), zu dem Lord Acton ein distanziertes Verhältnis hatte.

Als Katholik wurde der junge Acton am St. Mary’s College in Oscott bei Birmingham erzogen, das damals der spätere Kardinal Nicholas Patrick Stephen Wiseman leitete,[3] dann privat in Edinburgh. 1850 kam er nach München, wo er im Hause des bedeutenden – damals noch katholischen – Theologen und Kirchenhistorikers Ignaz von Döllinger lebte und von ihm ausgebildet und gefördert wurde.[3] Mit Döllinger verband Acton eine lebenslange Freundschaft. Seine Zeit bei Döllinger legte die Grundlagen für seine lebenslang verfolgten historischen Studien. Er trug eine umfangreiche historische Bibliothek zusammen, darunter 20.000 Bände mit Randnotizen von eigener Hand,[4] und war mit Historikern in Europa und den Vereinigten Staaten wie Alexis de Tocqueville, Heinrich von Sybel und Leopold von Ranke befreundet. Acton plante in Cambridge zu studieren, was aufgrund seines katholischen Glaubens damals jedoch nicht möglich war. 1856 war er Mitglied der Delegation von Lord Granville zu den Krönungsfeierlichkeiten von Zar Alexander II. in Moskau.

Abgeordneter, Publizist und Gelehrter[Bearbeiten]

1859 ließ sich Acton auf seinem Besitz in Aldenham (Shropshire) nieder und wurde Mitglied des Unterhauses, wo er ein eifriger Unterstützer von William Gladstone war. Als Parlamentarier war er allerdings wenig aktiv; er wurde 1865 abgewählt. Am 11. Dezember 1869 wurde er als „Baron Acton of Aldenham“ in der Grafschaft Shropshire zum erblichen Peer erhoben.

Acton war Herausgeber zweier einflussreicher katholischer Zeitschriften, zunächst von The Rambler, einer Monats-, später Zweimonatszeitschrift, deren Herausgeberschaft er 1859 von John Henry Newman übernahm. 1862 ging aus The Rambler die Quartalszeitschrift Home and Foreign Review hervor, ebenfalls von Acton herausgegeben. Einen Gutteil der Beiträge beider Zeitschriften schrieb Acton selbst; hier konnte er sein immenses historisches Wissen einbringen.[5] Doch schon bald geriet er in Konflikt mit der katholischen Hierarchie. Sein Freimut gefiel weder Kardinal Wiseman noch Henry Edward Manning, der 1861 die Römische Kurie vor Acton und The Rambler warnte und später der Nachfolger von Wiseman als Erzbischof von Westminster wurde.[6] U.a. als Reaktion auf Döllinger erließ Papst Pius IX. 1864 das Breve Tuas Libenter, demzufolge katholische Autoren der Autorität der römisch-katholischen Kirche untergeordnet waren.[7] Daraufhin stellte Acton Home and Foreign Review noch im selben Jahr ein.[3] Er schrieb jedoch weiterhin – bis zu dessen Einstellung 1872 – für den liberalen North British Review. Wie Döllinger bekämpfte Acton die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit; nachdem diese jedoch auf dem Ersten Vatikanischen Konzils erfolgt war, verließ er im Gegensatz zu dem darüber exkommunizierten Döllinger nicht die katholische Kirche. Seine Haltung legte er in damals weithin rezipierten öffentlichen Briefen an die Times vom November und Dezember 1874 dar. Insbesondere betonte er, dass die Verbindung mit Rom für ihn „teurer als das Leben“ (dearer than life) wäre. Berühmt geworden ist Actons in diesem Zusammenhang geäußerter Spruch: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“ („Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely“), in Großbritannien auch als „Lord Actons Dictum“ bekannt.[8] Ein weiteres Zitat von ihm verdeutlicht seine Einstellung: „Great men are almost always bad men.“

Während des amerikanischen Bürgerkriegs war er ein Sympathisant der Südstaaten und beeinflusste in diesem Sinn auch viele liberale Freunde. Er sah in der Haltung der Südstaaten die Verteidigung des föderalen Prinzips, das er als besten Garant gegen eine mögliche Tyrannei sah, gegen eine zentralistische Staatsmacht.

1865 heiratete John Emerich Edward Dalberg-Acton Maria Gräfin Arco-Valley aus dem bayerischen Zweig der Grafen von Arco. Ihnen wurden ein Sohn (Richard Lyon-Dalberg-Acton, 2. Baron Acton) und drei Töchter geboren.[9] Seit 1879 lebte Acton abwechselnd in London, im Winter in Cannes und in den Sommermonaten in Tegernsee in der Villa Arco (jetzt Teil der Orthopädischen Klinik).

Acton wurde ein enger Freund und Berater des britischen Premierministers (und Haupt der liberalen Partei) Gladstone, der ihm 1869 schon nach seinem Regierungsantritt die Peerswürde (Lord Acton) verschafft hatte und ihm 1892 während seiner zweiten Amtszeit als Premierminister den Titel eines „Lord-in-waiting“ verlieh. 1872 wurde er zum Ehrendoktor der Philosophie an der Universität München promoviert, und 1876 ernannte ihn die Bayerische Akademie der Wissenschaften zu ihrem Auswärtigen Mitglied.

1886 war er an der Gründung der Zeitschrift English Historical Review beteiligt. 1890 wurde er Fellow des All Souls College in Oxford. 1895 wurde er zum Regius Professor of Modern History in Cambridge berufen, „eben dort, wo er fünfundvierzig Jahre früher als Student wegen seines katholischen Bekenntnisses vergebens Einlass begehrt hatte“.[10] Er hielt Vorlesungen über die Französische Revolution und über Modern History.

John Emerich Edward Dalberg-Acton starb 1902 auf dem Familiensitz in Tegernsee, dort fand er auch seine letzte Ruhestätte. Seine bedeutende Bibliothek wurde von Andrew Carnegie aufgekauft und von ihm dem Gladstone-Biographen Viscount John Morley übergeben, der sie der Universität Cambridge vermachte.

Werk und Bedeutung[Bearbeiten]

Acton gilt als ein brillanter Essayist [11] und als einer der bedeutendsten Historiker des 19. Jahrhunderts,[12] obgleich er, von den Beiträgen in den genannten Zeitschriften abgesehen, vergleichsweise wenig publizierte. Doch seine wenigen Veröffentlichungen erzielten ein um so größeres Echo. Zu nennen sind besonders:

  • der Essay Nationality aus dem Jahre 1862, verfasst im Jahr nach der Gründung des Königreiches Italien. Dieser Essay ist eine eindringliche Warnung vor den Gefahren des allerorten aufkommenden Nationalismus, der – so befürchtete Acton – Europa in Kriege stürzen und zerreißen werde.[13] Deshalb ergriff er Partei für die Habsburgermonarchie als einen übernationalen Staat.[14]
  • der Essay Democracy in Europe (im Quarterly Review, Januar 1878)
  • die beiden 1877 in Bridgnorth gehaltenen Vorlesungen über The history of freedom in antiquity und The history of freedom in christianity. Diese sind Schlüsseltexte zum Verständnis von Acton, der die Geschichte als einen Prozess sich verwirklichenden Freiheit deutete.[15] [16] Acton hatte seit seiner Jugend beabsichtigt, eine History of Liberty zu schreiben, doch verwirklichte er sein Vorhaben zeitlebens nicht.
  • der Essay German Schools of History. Er ist eine Auseinandersetzung u.a. mit Barthold Georg Niebuhr, Leopold von Ranke, Heinrich von Sybel, Johann Gustav Droysen, Heinrich von Treitschke, Theodor Mommsen, außerdem mit Hegel und mit den Theologen der Tübinger Schule, und eine Verbeugung vor den Leistungen der Geschichtsschreibung der Schulen des Historismus.[17]
  • seine Antrittsvorlesung The Study of History, die einen tiefen Eindruck hinterließ.[18]
  • seine – später ebenfalls als Buch veröffentlichten – Vorlesungen in Cambridge über Modern History, wobei Acton unter Modern History die Epoche von der Renaissance bis zum Vorabend und der Französischen Revolution verstand. Das 19. Jahrhundert galt ihm als Zeitgeschichte.[19]
  • sein Brief an das Direktorium der Cambridge University Press vom Oktober 1896, in dem er die Grundlagen (Ziel, Themen, Darstellungsweise usw.) der geplanten Cambridge Modern History darlegte. Unter dem Eindruck seiner Antrittsvorlesung in Cambridge im Vorjahr hatte die Universität Acton ersucht, die Grundzüge einer Gesamtdarstellung der Geschichte der Neuzeit, für die es kein vergleichbares Vorbild gab, zu bestimmen.[20] Deren 14 Bände erschienen nach Actons Tod zwischen 1902 bis 1912.

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexander Dörrbecker (Hrsg.): Geschichte und Freiheit. Ein Lord-Acton-Brevier. NZZ Libro, Zürich 2010, ISBN 978-3-03823-612-2.
  • Roland Hill: Lord Acton. Ein Vorkämpfer für religiöse und politische Freiheit im 19. Jahrhundert. Herder, Freiburg 2002, ISBN 3-451-27875-8.
  • Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101.

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101, hier S. 96.
  2. Marie Luises Vater war naturalisierter Franzose. Er vertrat Ludwig XVIII. auf dem Wiener Kongress 1814.
  3. a b c Art. Acton, Lord John Emerich Edward. In: Friedrich Wilhelm Bautz (Hg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Bd. 1, Verlag Traugott Bautz, Hamm 1975, Sp. 21.
  4. Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101, hier S. 87.
  5. Edward Hallett Carr: What is history? The George Macaulay Trevelyan lectures delivered in the University of Cambridge, January – March 1961. Penguin, Harmondsworth 1964. S. 47.
  6. Edmund Sheridan Purcell: Life of Cardinal Manning, Archbishop of Westminister. Bd. 2: Manning as a Catholic. Macmillan, London 1895, S. 384.
  7. Charlotte Hansen: Ignaz von Döllinger and the Insistence on Academic Freedom in Theological Enquiry. In: Kirchliche Zeitgeschichte (KZG). ISSN 0932-9951. Jg. 24 (2011), S. 27–50.
  8. John Edward Emerich Dalberg-Acton: Historical Essays and Studies, edited by John Neville Figgis and Reginald Vere Laurence. Macmillan, London 1907, S. 504. Der Satz bezieht sich auf den Papst und findet sich in einem Brief Actons an den Historiker und späteren anglikanischen Bischof von London, Mandell Creighton, vom 5. April 1887.
  9. Anton Graf von Arco auf Valley, der Mörder Kurt Eisners, war Actons Neffe.
  10. Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101, hier S. 87.
  11. Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101, hier S. 87.
  12. Edward Hallett Carr: What is history? The George Macaulay Trevelyan lectures delivered in the University of Cambridge, January – March 1961. Penguin, Harmondsworth 1964. S. 15.
  13. Nationality. In: John Edward Emerich Dalberg-Acton: The History of Freedom and Other Essays, edited by John Neville Figgis and Reginald Vere Laurence. Macmillan, London 1907, S. 270–300.
  14. Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101, hier S. 96.
  15. Edward Hallett Carr: What is history? The George Macaulay Trevelyan lectures delivered in the University of Cambridge, January – March 1961. Penguin, Harmondsworth 1964. S. 115.
  16. Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101, hier S. 101.
  17. German Schools of History. In: English Historical Review, Jg. 1 (1886), S. 344–392.
  18. Inaugural Lecture on the Study of History. In: John Edward Emerich Dalberg-Acton: Lectures on Modern History, edited by John Neville Figgis and Reginald Vere Laurence. Macmillan, London 1906, S. 1–28.
  19. Golo Mann: Lord Acton. In: Ders.: Geschichte und Geschichten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1961. S. 85-101, hier S. 85.
  20. Edward Hallett Carr: What is history? The George Macaulay Trevelyan lectures delivered in the University of Cambridge, January – March 1961. Penguin, Harmondsworth 1964. S. 7–9.

Weblinks[Bearbeiten]

Vorgänger Amt Nachfolger
Titel neu geschaffen Baron Acton
1869–1902
Richard Lyon-Dalberg-Acton