Körperkontakt

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Körperkontakt bezeichnet die aktive oder passive Berührung des eigenen oder fremden Körpers. Die Intensität reicht dabei von der sanften Berührung mit den Fingerspitzen, über den Kontakt mit Lippen oder Händen usw., bis zum Schlag mit der Faust. Neuere Forschungen haben ergeben, dass wir ausreichenden und wohlmeinenden Körperkontakt brauchen, um zentrale Körperfunktionen wie beispielsweise unseren Wärmehaushalt, unser Immunsystem und unser Herz-/Kreislaufsystem zu regulieren. (Juhan, Bauer u. a.)

Körperkontakt und kindliche Entwicklung[Bearbeiten]

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Autoren wie der Kinderarzt L. Emmett Holt und der Psychologe John B. Watson die Idee popularisiert, dass Säuglinge und Kinder möglichst wenig Körperkontakt erhalten sollten.[1] In Deutschland wurden die sehr progressiven Ergebnisse der Säuglingsforschung aus den 20er Jahren (Wilhelm Reich) durch einen von den Nationalsozialisten herausgegebenen Erziehungsratgeber einer Frau Haarer in ihr Gegenteil verkehrt. So wurde ausdrücklich die Vermeidung von Körper- und Augenkontakt empfohlen, um die kindliche Bindung an die Mutter zu vermindern und auf diese Weise die Bindung an die Partei und den Führer zu fördern. (Chamberlain u. a.) Der von Sigmund Freud beeinflusste Kinderarzt Benjamin Spock war mit seinem Bestseller Säuglings- und Kinderpflege von 1946 an gegen eine solche Erziehung erfolgreich Sturm gelaufen. Ashley Montague veröffentlichte in den 50er Jahren erste Studien über die gesundheitlichen Folgen mangelnden Körperkontaktes bei Waisenkindern.

Heute sind Experten sich darüber einig, dass der intensive und regelmäßige Körperkontakt die Entwicklung des Kindes und die Eltern-Kind-Bindung positiv beeinflusst. Getragene Kinder weinen weniger und sind in der Regel zufriedener als Kinder, die nicht in den Genuss von so viel körperlicher Nähe kommen (Quelle: Der Einfluss des Tragens auf das Schreiverhalten des Säuglings von Dr. Urs A. Hunziker, Kinderspital Zürich, nach einer prospektiven kontrollierten Studie in zwei geburtshilflichen Abteilungen in Montreal (Kanada) von insgesamt 117 Müttern).

Ständiger Körperkontakt des Kleinkindes hat Einfluss auf die Entwicklung

Ein neugeborenes Kind wird bereits kurz nach dem Geburtsvorgang auf den Bauch der Mutter gelegt und beruhigt sich dadurch schnell. Es fühlt sich während des ersten Lebensjahres noch mit der Mutter verschmolzen. Brisch u. a. konnten in ihren Forschungen belegen, dass eine gelungene Bindung zur Mutter, die sich in einem Gefühl von Verschmolzen-Sein zwischen Mutter und Kind ausdrückt, erlernt wird und entscheidend von der Qualität der Berührung zwischen beiden abhängt. Beim Stillen entsteht ein für die Entwicklungspsychologie des Kindes wichtiger Körperkontakt zur Mutter. Erst ab etwa drei Jahren ist das Kind in der Lage, sich als ein unabhängig von der Mutter existierendes Wesen wahrzunehmen. Immer gibt der Körperkontakt dem Kind das Gefühl von Geborgenheit und das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit und Liebe seiner Betreuungspersonen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Entstehung des Urvertrauens.

Die Pädagogin und Therapeutin Marion Esser schreibt dazu in ihrem 1995 erschienenen Buch Beweg-Gründe: "Um nach der Geburt ein einheitliches Körper-Ich entwickeln zu können, ist der Säugling auf einen intensiven Kontakt mit der Mutter oder einer entsprechenden Bezugsperson angewiesen. Es benötigt einen tonischen Körperdialog, ein erneutes Verschmelzen mit dem Körper eines Erwachsenen im Wechsel mit motorischen und taktilen Erfahrungen, befriedigende und lustvolle körperliche Beziehungen, um die langsame Auflösung des direkten Körperkontaktes meistern zu können. An seine Stelle tritt symbolischer Ersatz: Blicke, Gesten, Stimme und schließlich die Sprache als abstrakteste Kommunikationsform " (Esser 1995, S. 23).

Siehe auch: Attachment Parenting, Babytragetuch, Co-Sleeping

Kommunikationsinstrument[Bearbeiten]

Der interpersonelle positiv erfolgte Körperkontakt dient hauptsächlich der Sympathiebekundung (körperliche Intimität). Es handelt sich um ein Mittel der nonverbalen Kommunikation. In der Körperpsychotherapie wird u. a. mit den Elementen des Haltens, des Augenkontaktes und des Widerspiegelns von Bewegungen an der Wiederherstellung und Erweiterung eingeschränkter Kommunikationsmöglichkeiten Betroffener aktiv gearbeitet. Erwünschter Körperkontakt aus emotionalen Gründen ist oft von Blickkontakt begleitet. Beim Körperkontakt werden der Körpergeruch oder die Parfümierung, sowie die Pheromone des anderen deutlich wahrgenommen, was für die weitere Kommunikationsbereitschaft entscheidend sein kann. In der traditionellen chinesischen Medizin gilt der körpereigene Geruch auch als Indikator für die Früherkennung von Organerkrankungen.

Glaser u. a. entwickelten mit der Psychotonik ein Konzept des Einsatzes von Berührung unter anderem in der Gerontologie, die einen positiven Effekt auf die Gesundheit der Betroffenen ausüben kann.

Grußkontakt[Bearbeiten]

Bei Grußhandlungen findet sehr oft ein Körperkontakt statt. Hier sind beispielhaft das Händeschütteln, das Schulterklopfen, die Umarmung und der Hongi zu nennen. Körperkontakt zu Fremden ohne Grußcharakter, der im westlichen Kulturkreis als unangenehm empfunden wird, findet zum Beispiel unbeabsichtigt oder beabsichtigt (Chikan) im Gedrängel statt.

Krankheitsübertragung durch Körperkontakt[Bearbeiten]

Zwischen dem frühen 16. und dem frühen 19. Jahrhundert herrschte in der Medizin die Ansicht vor, dass Krankheitsübertragungen durch Berührung geschehen. Erst mit der europäischen Choleraepidemie der frühen 1830er Jahre wurde diese „Kontagionstheorie“ widerlegt und erst gegen Ende des Jahrhunderts durch die Theorie der Infektion ersetzt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Zum Körperkontakt im sportlichen Bereich:

zum Körperkontakt in der Medizin

Literatur[Bearbeiten]

  • Renate Berenike-Schmidt und Michael Schetsche (Hrsg.): Körperkontakt. Interdisziplinäre Erkundungen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, 335 S., ISBN 978-3-8379-2119-9.
  • Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers. München 2007, S. 71 ff., ISBN 978-3-8218-6515-7
  • Wolfgang Anders und Sabine Weddemar: Häute scho(e)n berührt? Körperkontakt in Entwicklung und Erziehung. 2. Aufl. Verlag Modernes Lernen, 261 S., ISBN 3-86145-212-X.
  • Karl-Heinz Brisch: Bindungsstörungen - Von der Bindungstheorie zur Therapie. Stuttgart 1999, ISBN 978-3-608-94532-4
  • Sigrid Chamberlain: Adolf Hitler - Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Giessen 1997, ISBN 3-930096-58-7
  • Kuscheln ist wichtiger als waschen. In: BR Online - Thema Kuscheln
  • Marion Esser; Beweg-Gründe - Psychomotorik nach Bernard Aucouturier. 4., überarbeitete Auflage, E. Reinhardt Verlag, München 2011, ISBN 978-3-497-02252-6.
  • Moia Grossmann-Schnyder: Berühren - Leitfaden zur Psychotonik in Pflege und Therapie. Stuttgart 1996, ISBN 3-7773-1222-3
  • Dean Juhan: Lehrbuch der Körperarbeit - Die Soma-Psyche-Verbindung. München 1997, S. 146 ff., ISBN 3-426-76004-5
  • Legewie, H. und Ehlers, W.: Knaurs moderne Psychologie. München/Zürich 1994, S. 157 ff.
  • Bernhard Schlage: Die Entdeckung des (Un)Möglichen - Persönliche Veränderung durch Körperpsychotherapie. 2008, S. 71, ISBN 978-3-86805-224-4
  • Ein Buch über Haptonomie, vor- und nachgeburtliches Berühren und Tragen etc. Gestillte Sehnsucht - starke Kinder von Christine Müller-Mettnau, ISBN 3-00-013379-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. L. Emmett Holt: The Care and Feeding of Children: A Catechism for the Use of Mothers and Children’s Nurses, 1894; John Watson: Psychological Care of Infant and Child, 1928