Karl Raichle

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Karl Raichle (* 31. August 1889 in Dettingen unter Teck; † 16. April 1965 in Meersburg)[1] war ein deutscher Zinnschmied und Metallkünstler.

Zinnobjekte von Karl Raichle
Objekt und Detail in Messing von Karl Raichle

Karl Raichle widmete sich nach einem Studienaufenthalt am Bauhaus in Dessau der Herstellung kunsthandwerklicher Gefäße aus Zinn, Messing und Kupfer. Raichle lebte von 1918 bis 1926 in Bad Urach und gründete dort mit Freunden eine literarisch-sozialanarchistische Gruppe, den Uracher Kreis. Ab 1933 baute er in Meersburg eine Zinnschmiede auf und führte von dort seine Arbeit als Metallbildhauer weiter. Er war eng mit Julius Bissier befreundet.

Grundorientierung durch Wanderleben[Bearbeiten]

Nach Volksschule und Lehre als Kupferschmied bei der Lampenfabrik Max Krüger in Berlin ging er als Handwerksbursche in die Schweiz zu einer Kupferschmiede in Genf, kehrte nach Dettingen zurück und wurde eingezogen. Im Jahr 1912 interessierte er sich in Stuttgart für Gesang, dann versuchte er sich als Literat.

Im Ersten Weltkrieg kam er zur Kriegsmarine nach Wilhelmshaven, verfasste revolutionäre Bücher und lernte Theodor Plivier und Gregor Gog kennen. Raichle beteiligte sich im November 1918 als Matrosenrat am Kieler Matrosenaufstand und war Mitherausgeber der Zeitung Die Republik. Ende November 1918 verzog er nach Urach, wurde dort Schriftsteller und Landwirt, verzog vorübergehend nach Berlin und baute 1922 in Urach das Haus am Grünen Weg. Im Jahr 1925 war die Uraufführung seines proletarischen Stückes Das Tor des Ostens oder der Rote Schmied. Im Dezember 1925 wurde er Gemeinderat für die KPD in Urach. Ab 1926 begann er mit der Herstellung von Kunsthandwerk aus geschmiedetem Zinn. Im Sommersemester 1928 und Wintersemester 1928/29 orientierte er sich am Bauhaus in Dessau.[2]

Werksgemeinschaft Urach K. u. E. Raichle[Bearbeiten]

Karl und seine Frau Elisabeth beschäftigten in einem landwirtschaftlichen Nebengebäude in Urach von 1928 bis 1931 etwa vier Mitarbeiter. Sie stellten aus geschmiedetem und nicht aus gegossenem Zinn Haushaltsgegenstände wie Leuchter, Vasen sowie Tee- und Kaffeeservices her. Das Grassi-Museum in Leipzig kaufte 1930 einige seiner kunsthandwerklichen Gebrauchsgegenstände an.[3]

Werkgemeinschaft Raichle[Bearbeiten]

Von 1931 bis 1933 erstellte er seine Werke in einer Fabrik in Lützenhardt, dem heutigen Ortsteil der Schwarzwaldgemeinde Waldachtal. Nach dem 30. Januar 1933 flüchtete er nach Berlin und orientierte sich von dort nach Meersburg am Bodensee. Karl Raichle beteiligte sich an der Leipziger Frühjahrsmesse im März 1933.[4]

Meersburger Zinnschmiede Karl Raichle[Bearbeiten]

Grab von Karl Raichle

Die Meersburger Zinnschmiede bestand von 1933 bis zu Raichles Tod im Jahr 1965. Sie beschäftigte 1939 außer ihm und seiner Frau zwölf Mitarbeiter, die Werkstattmarke war r Meersburg. Die handgeschmiedete konstruktivistischen, modernistischen Zinngeräte der Meersburger Zinnschmiede galten als Zeugnisse deutscher Wertarbeit. Die handwerkliche Fertigung und der einfache und schlichte Stil passten in das nationalsozialistische Kunstempfinden. Raichle beteiligte sich u. a. mit einem fünfarmigen Tafelleuchter an der Pariser Weltausstellung von 1937 und wurde mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet.[5] Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verwendete er Messing, Kupfer und Aluminium als Ersatzmaterial. Er entwickelte eine seltene Methode der Feueroxydation für Messing und Kupfer. Seine Arbeiten wurden auch von dem als entartet verfemten Maler Julius Bissier in Hagnau beeinflusst. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg legte Raichle Wert auf Formvollendung, Symmetrie und organische Formen. Seine Arbeiten wurden 1951 auf der Triennale in Mailand und 1953 auf der Internationalen Ausstellung in Madrid ausgezeichnet.[6][7]

Uracher Kreis[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl Raichle - Metalltöpfer. Von Urach bis Meersburg. Arbeiten von 1929 bis 1960, in Zinn, Kupfer, Messing, Aluminium. Ausstellung vom 16.09.1993-30.10.1993 in der Galerie Auch Weinhandel, 90403 Nürnberg. S. 13 (Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg)
  2. Karl Raichle - Metalltöpfer. Von Urach bis Meersburg. Arbeiten von 1929 bis 1960, in Zinn, Kupfer, Messing, Aluminium. Ausstellung vom 16.09.1993-30.10.1993 in der Galerie Auch Weinhandel, 90403 Nürnberg. S. 7-9 (Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg)
  3. Karl Raichle - Metalltöpfer. Von Urach bis Meersburg. Arbeiten von 1929 bis 1960, in Zinn, Kupfer, Messing, Aluminium. Ausstellung vom 16.09.1993-30.10.1993 in der Galerie Auch Weinhandel, 90403 Nürnberg. S. 9-10 (Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg)
  4. Karl Raichle - Metalltöpfer. Von Urach bis Meersburg. Arbeiten von 1929 bis 1960, in Zinn, Kupfer, Messing, Aluminium. Ausstellung vom 16.09.1993-30.10.1993 in der Galerie Auch Weinhandel, 90403 Nürnberg. S. 10-11 (Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg)
  5. Museumsverein Meersburg (Hrsg.): Meersburg unterm Hakenkreuz 1933-1945. Robert Gessler Friedrichshafen, Meersburg 2011, ISBN 978-3-86136-164-0, S. 185,186.
  6. Karl Raichle - Metalltöpfer. Von Urach bis Meersburg. Arbeiten von 1929 bis 1960, in Zinn, Kupfer, Messing, Aluminium. Ausstellung vom 16.09.1993-30.10.1993 in der Galerie Auch Weinhandel, 90403 Nürnberg. S. 11-13 (Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg)
  7. Metallkunst der Moderne, Bestandskatalog des Bröhan-Museums Berlin 2001.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Raichle - Metalltöpfer. Von Urach bis Meersburg. Arbeiten von 1929 bis 1960, in Zinn, Kupfer, Messing, Aluminium. Ausstellung vom 16.09.1993-30.10.1993 in der Galerie Auch Weinhandel, 90403 Nürnberg. Bibliothek des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg
  • Metallkunst der Moderne. Bestandskatalog des Bröhan-Museums. Berlin 2001.
  • Johannes R. Becher: Lob des Schwabenlandes. Schwaben in meinem Gedicht. Konstanz und Leipzig 1947.
  • Harry Wilde: Theodor Plievier. Nullpunkt der Freiheit. München 1965.
  • Hans-Dieter Mück: Roter 'Verschwörerwinkel' am Grünen Weg. Der 'Uracher Kreis' Karl Raichles: Sommerfrische für Revolutionäre des Worts, 1918-1931. Bad Urach 1991.
  • Kurt Oesterle: Urach, Kanaan, Deutschland einig Vaterland. Zu Johannes R. Bechers politischer Mythologie. In: neue deutsche literatur, 45. Jg., 513. Heft, Mai/Juni 1997, S. 155-168.
  • Jens-Fietje Dwars: Abgrund des Widerspruchs. Das Leben des Johannes R. Becher. Berlin: Aufbau, 1998.

Dokumente[Bearbeiten]

  • Tonbandprotokoll 1960, Becher Archiv, Berlin.