Kopfjagd

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Kopfjagd (Begriffsklärung) aufgeführt.
Timoresen präsentieren die Köpfe ihrer Feinde, Ende des 19. Jahrhunderts

Als Kopfjagd bezeichnet man die Tötung eines Menschen, um dessen Schädel als Siegestrophäe zu erbeuten. Heute gibt es nur noch sehr wenige Naturvölker, die Kopfjagd betreiben und die Schädel als kraftbringend oder magisch betrachten.[1] Die Kopfjagd ist nur in wenigen Fällen mit Kannibalismus verbunden.

Geschichte[Bearbeiten]

Viele Köpfe wurden zu Schrumpfköpfen verarbeitet

Die Kopfjagd zählt zu den ältesten Ritualen überhaupt und war überall auf der Welt verbreitet. Auch in Europa sind Geschichten überliefert, bei denen man aus Schädeln trank. Die Kopfjagd war eine feste Tradition der keltischen Kriegerkultur während der Eisenzeit. Kopftrophäen waren zu dieser Zeit verbreiteter Bestandteil des Zaumzeuges keltischer Reiter. In China und in Japan wurden Köpfe als Kriegstrophäen gesammelt. Die Kopfjagd wurde bis ins 20. Jahrhundert noch bei einigen Völkern in Südostasien, Westafrika, Südamerika, Melanesien und Taiwan betrieben.[2]

Zu den bekanntesten Völkern gehören in Südostasien die Dayak auf Borneo. Die Kopfjagd bei den früher sogenannten Alfuren auf den Molukken ist eher eine spekulative Zuschreibung, dagegen war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Kopfjagd auf Neuguinea verbreitet und wurde besonders aggressiv bei den Marind-anim, Sawi, Asmat und den Iatmul praktiziert. Bei Ritualen um Schädelkulte und Kopfjagd kam häufig eine Schlitztrommel (garamut) zum Einsatz.[3] Bei einer 1952 bei den Asmat beobachteten Zeremonie wurde die Enthauptung von zwei Frauen durchgeführt.[4] Im zentralen Bergland auf der nordphilippinischen Insel Luzon waren mehrere Völker Kopfjäger, unter ihnen die Igorot und Ifugao.[5]

Kopfjagd gab es auch bei den Naga (Indien), Garo (Indien/Bangladesh), Ekoi (Westafrika) und Shuar (Südamerika).[6]

Südamerikanische Kopfjäger präparierten ihre Trophäen häufig zu Schrumpfköpfen. Eine Sonderform der Kopfjagd ist das Skalpieren (Nordamerika, Europa).

Sinn und Bedeutung[Bearbeiten]

Kopfjagden dienten der Abschreckung und Demoralisierung des Gegners oder der Steigerung des sozialen Ansehens der tötenden Person.

In einigen Kulturen glaubte man, dass die im Kopf vermutete Lebenskraft des Opfers auf den Kopfjäger übergehen sollte. Der amerikanische Anthropologe Weston La Barre brachte die Vermutung, dass es steinzeitlichen Kopfjägern vor allem am Hirn als vermeintlichem Vorrat angestauten Spermas, des primitiven Inbegriffs von Lebens-Mark, gelegen habe.[7]

In einigen Völkern musste ein Junge einen Kopf erbeuten, um als Mann zu gelten und in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Eine Heirat war auch nur gegen Vorzeigen eines oder mehrerer Schädel möglich. Um die Häuptlingswürde zu erlangen, benötigte man bei einigen Völkern eine bestimmte Anzahl an erbeuteten Köpfen.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Arsenio Nicolas Jr.: Ritual Transformation and Musical Parameters. A Study of Selected Head-Hunting Rites on Southern Cordillera, Northern Luzon. (MA-Thesis) University of the Philippines, 1989
  • Alfried Wieczorek (Hrsg.), Wilfried Rosendahl: Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Schnell & Steiner, Regensburg 2011
  • Jörg Scheidt, Marc Hellstern: Ein übermodellierter Schädel der Dayak. In: K. Grundmann, Gerhard Aumüller (Hrsg.): Das Marburger Medizinhistorische Museum – Museum Anatomicum. (Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur 98) Marburg 2012, S. 84–86

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. dtv-Lexikon Band 10, Seite 262, München 1976, ISBN 3-423-03060-7
  2. http://www.lard.net/headhunters.html
  3. Walter Graf: Einige Bemerkungen zur Schlitztrommel-Verständigung in Neuguinea. In: Anthropos, Band 45, Heft 4./6, Juli–Dezember 1950, S. 861–868, hier S. 862
  4. Fr. G. Zegwaard: Bamboo Breastplates and Headhunting in the Asmat: The Ao—Mapac Case. In: Pacific Arts, No. 7, Januar 1993, S. 50f
  5. Head-Hunting in Southeast Asia. Center for Southeast Asian Studies, Northern Illinois University
  6. a b vgl. Meyers Konversationslexikon von 1888
  7. Weston La Barre: Muelos: A Stone Age Superstition about Sexuality. New York 1984 (Columbia University Press)