Landesvertretung des Saarlandes (Bonn)

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Ehemaliges Gebäude der Landesvertretung des Saarlandes (2013)

Die Vertretung des Saarlandes beim Bund hatte von 1969 bis 1999 ihren Sitz im Bonner Parlaments- und Regierungsviertel. Das Gebäude, eine 1909/10 errichtete Doppelvilla, liegt im Ortsteil Gronau an der Kurt-Schumacher-Straße (Hausnummern 12/14) Ecke Heinrich-Brüning-Straße im Zentrum des Bundesviertels gegenüber dem Schürmann-Bau.

Geschichte[Bearbeiten]

Doppelvilla Rolffs/Banze[Bearbeiten]

Aufriss des ausgeführten Entwurfs, Rheinfront (1910)

Die Doppelvilla entstand zwischen Spätsommer 1909 und Herbst 1910 nach einem Entwurf des Bonner Architekten und Regierungsbaumeisters Julius Rolffs, als dessen drittes Projekt in direkter Rheinlage der damaligen „Villenkolonie Gronau“ am südlichen Bonner Stadtrand. Bauherr für die nördliche Halbvilla Drachenfelsstraße[1] Nr. 8 war der Dampfschreinereibesitzer Adolf Banze, Bauherr für die südliche Drachenfelsstraße Nr. 9 zunächst der Kettwiger Kommerzienrath Scheidt. Der Bau breiter Terrassen sowie hoher erkerartiger Vorbauten erforderte Ausnahmegenehmigungen. Die Einfriedung der Doppelvilla wurde 1911 fertiggestellt. Julius Rolffs entschied sich während der Bauzeit, die nördliche Halbvilla selbst als Büro zu nutzen. 1932 wurde ihr zweites Obergeschoss zu einer Eigentumswohnung umgebaut.

Nach der Arbeitsaufnahme des Parlamentarischen Rates in Bonn im September 1948 kamen in der Villa auf einer Nutzfläche von 371  in 18 Räumen die Teile des Sekretariats des Rates unter, deren Anwesenheit im Gebäude der Pädagogischen Akademie nicht erforderlich war.[2] Nachdem Bonn 1949 Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland wurde, befand sich das Anwesen inmitten des neuen Parlaments- und Regierungsviertels. 1950 wählte das Königreich Norwegen es als Sitz seiner ersten diplomatischen Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland aus.[3] Sie war an diesem Standort mindestens bis 1960 beheimatet und zog anschließend innerhalb Bonns um (→ Liste der diplomatischen Vertretungen).

Landesvertretung des Saarlandes[Bearbeiten]

1968 hatte das Saarland eine Haushälfte der Villa erworben, um dort seine bisher in Ippendorf ansässige Landesvertretung einzurichten. Den notwendigen Umbau leitete das Staatliche Hochbauamt in Saarbrücken. Das äußere Erscheinungsbild wurde dabei bis auf eine modernisierte Freitreppe bewahrt. 1969 zog die Landesvertretung des Saarlandes ein, 1972 kaufte es die angrenzende Halbvilla dazu. Unter dem Ministerpräsident Oskar Lafontaine (1985–1998) wurde in der Landesvertretung ein Spitzenkoch angestellt, was im Saarland öffentlich auf Kritik stieß.[4][5]

Im Zuge der Verlegung des Parlaments- und Regierungssitzes zog die saarländische Vertretung mit zuletzt 26 Mitarbeitern[6] 1999 nach Berlin um. Neuer Nutzer wurde zunächst die Solarworld AG mit ihrer 50 Mitarbeiter umfassenden Zentrale[7], die Ende 2008 nach Plittersdorf umsiedelte. Seit einem 2009 abgeschlossenen Umbau und einer Kernsanierung beherbergt die Doppelvilla unter dem Namen „Parc Offices III“ Büros der Deutschen Post AG. Sie steht als Baudenkmal unter Denkmalschutz.[8][9]

Vor dem Gebäude steht eine im März 1982 als Geschenk der Saarbergwerke AG an die Landesvertretung aufgestellte Schrämwalze, die auf die Bedeutung des Bergbaus für das Saarland hinweisen soll.[10]

Architektur[Bearbeiten]

Ansicht vom Post Tower (2011)

Die Villa ist zweigeschossig über einem zwei Meter hohen, leicht abgeböschten Sockelgeschoss (Souterrain) errichtet. An der Straßenfront (Kurt-Schumacher-Straße) bestehen zwei eingeschossige erkerartige Vorbauten, ein halbrunder und ein rechteckiger. Oculi, darunter ein stuckumrandeter, schmücken hier die beiden Giebelflächen. Ober- und Dachgeschoss der südlichen Seitenfront sind in der Breite eines Giebelrisalits mit Loggien ausgestattet. Die Fundamente des Gebäudes sind in Beton gestampft, als Baumaterial dienten für das Mauerwerk harte Ringofensteine und für die Deckenkonstruktion Stahlbeton.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 3, Katalog (2), S. 285–293. (zugleich Dissertation Universität Bonn, 1994)
  • Kerstin Wittmann-Englert, René Hartmann (Hrsg.): Bauten der Länder. Die Landesvertretungen in Bonn, Berlin und Brüssel, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2013, S. 48–49. ISBN 978-3-89870-796-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Landesvertretung Saarland Bonn – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vorläufig mit der Ziffer I bezeichnet
  2. Helmut Vogt: „Benötige Quartier für mich, Fahrer und Wagen“. Das Arbeitsumfeld des Parlamentarischen Rates in Bonn 1948/49. In: Bonner Heimat- und Geschichtsverein, Stadtarchiv Bonn (Hrsg.): Bonner Geschichtsblätter. Jahrbuch des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins, Band 57/58, Bonn 2008, ISSN 0068-0052, S. 455.
  3. Stadt Bonn, Stadtarchiv (Hrsg.); Helmut Vogt: „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“. Die Anfänge des Bundes in Bonn 1949/50, Bonn 1999, ISBN 3-922832-21-0, S. 221.
  4. Joachim Hoell: Oskar Lafontaine. Provokation und Politik. Eine Biografie. Dirk Verlag EK, Lehrach 2004, ISBN 3-9806151-8-9, S. 117/118
  5. Großzügiger Genußmensch oder Pfennigfuchser?, Die Welt, 13. März 1999
  6. Verkaufen, vermieten, verwerten: Abschied der Länder, General-Anzeiger, 9. Februar 1998, Stadtausgabe Bonn, S. 3
  7. Bonner kauft ehemalige ägyptische Botschaft, General-Anzeiger, 6. Januar 2002
  8. Denkmalliste der Stadt Bonn, S. 36, Nummer A 3602
  9. Parc Offices III, Manstein Architekten
  10. Gabriele Zabel-Zottmann: Skulpturen und Objekte im öffentlichen Raum der Bundeshauptstadt Bonn Aufgestellt von 1970 bis 1991. Dissertation, Bonn 2012. Teil 2, S. 153 (online; PDF; 5,8 MB)

50.7169267.126956Koordinaten: 50° 43′ 1″ N, 7° 7′ 37″ O