Lucius Verus

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Büste des Lucius Verus (Metropolitan Museum of Art)

Lucius Aurelius Verus (vorher auch Lucius Ceionius Commodus, Lucius Aelius Commodus, Lucius Aelius Aurelius Commodus; * 15. Dezember 130; † 169 in Altinum) war gemeinsam mit Mark Aurel von 161 bis zu seinem Tod römischer Kaiser.

Leben[Bearbeiten]

Abstammung und Erziehung[Bearbeiten]

Verus war der Sohn des Lucius Aelius Caesar, eines Mannes aus der Umgebung des Kaisers Hadrian, und seiner Frau Avidia. Verus hieß zuerst wie sein Vater Lucius Ceionius Commodus. Als im Jahr 136 sein Vater von Hadrian adoptiert und als Nachfolger designiert wurde, erhielt Verus den Namen Lucius Aelius Commodus. Bereits im Januar 138 starb Aelius Caesar aber, und der todkranke Hadrian machte stattdessen Antoninus Pius zu seinem Nachfolger, allerdings unter der Bedingung, dass Antoninus seinerseits Lucius Verus adoptierte. Dies geschah am 25. Februar 138. Verus erhielt das Gentilnomen Aurelius und hieß nun Lucius Aelius Aurelius Commodus. Im selben Atemzug wurde er auf Hadrians Geheiß mit Faustina, der Tochter des Antoninus, verlobt; nach Ansicht mehrerer Forscher ist dies ein klarer Hinweis darauf, dass Hadrian ihn als künftigen Kaiser und Nachfolger des Antoninus ausersehen hatte (so etwa Timothy Barnes).[1] Mark Aurel, der angeheiratete Neffe des Antoninus, wurde von diesem ebenfalls adoptiert.

Nach Hadrians Tod bevorzugte Antoninus jedoch Mark Aurel gegenüber Verus und löste sofort die Verlobung zwischen Verus und Faustina, die stattdessen im Jahr 145 Mark Aurel heiratete. Die von Hadrian offenbar vorgesehene Rangordnung zwischen Verus und Mark Aurel wurde also umgekehrt. Als kaiserlicher Prinz wurde Verus dennoch sorgfältig durch den berühmten Rhetoriker und Anwalt Marcus Cornelius Fronto erzogen, der Verus und Mark Aurel sehr zugetan war. Von Verus wird berichtet, er sei ein außergewöhnlicher Schüler gewesen, stolz auf seine Leistungen in der Poesie und der freien Rede.

Politische Karriere[Bearbeiten]

Lucilla

Verus’ politische Karriere begann als Quästor im Jahre 153 und dann als Konsul 154, viel eher, als es das Mindestalter von 32 Jahren für diese Aufgabe eigentlich zuließ, und ohne zuvor Prätor gewesen zu sein. 161 war er erneut Konsul, mit Mark Aurel als Seniorpartner. Im selben Jahr starb Antoninus und wurde von Mark Aurel beerbt. Verus wurde von diesem wenig später zum Mitkaiser (Augustus) ernannt, ein Vorgang ohne vorheriges Beispiel im Römischen Reich. Verus erhielt als Kaiser den Namen Lucius Aurelius Verus Augustus.

Offiziell hatten beide Männer fast gleiche Machtbefugnisse, tatsächlich aber war es Mark Aurel, der eindeutig die Führung beanspruchte. Die Existenz von zwei völlig gleichberechtigten Herrschern wäre mit dem Wesen des Prinzipats auch unvereinbar gewesen. Der Rangunterschied zwischen den beiden Kaisern wurde nach außen unter anderem daran verdeutlicht, dass nur Mark Aurel pontifex maximus war; zudem war von Bedeutung, dass Mark Aurel der Urheber des Kaisertums (auctor imperii) seines Mitherrschers war. Verus erhielt die Kontrolle über die Armee im Osten. Um die Allianz zu festigen, gab Mark Aurel 163 seine Tochter Lucilla Verus zur Frau, mit der dieser eine Tochter und eventuell weitere Kinder hatte. Zugleich machte diese Heirat erneut die Hierarchie zwischen den beiden Kaisern deutlich: Als sein Schwiegersohn wurde Verus gewissermaßen künstlich um eine Generation gegenüber Mark Aurel herabgestuft.

Partherfeldzug[Bearbeiten]

Hauptartikel: Partherkrieg des Lucius Verus

Büste des Lucius Verus

Zwischen 162 und 166 führte Verus im Osten das Kommando über die römische Strafexpedition gegen die Parther, die 161 römische Territorien überfallen hatten, möglicherweise, um einem Angriff zuvorzukommen. Verus wird nachgesagt, er sei ein hervorragender Befehlshaber gewesen, ohne Angst, militärische Aufgaben an kompetentere Generäle zu delegieren. Spätere Berichte stellen aber fest, dass Verus auf dem Feldzug nicht das harte Leben der Soldaten geteilt habe. Er war, wie es heißt, immer umgeben von Schauspielern und Musikern, genoss Bankette in Unmengen und andere Freuden des Lebens. Fest steht, dass er sich 162 in die Mysterien von Eleusis einweihen ließ und damit seinen Philhellenismus zum Ausdruck brachte.

Allem Anschein nach konnte sich seine angeblich so lebensfrohe Art ohne Schaden auf die Offiziersränge übertragen, da die Moral der Truppe hoch war und die erforderlichen Aktionen der Armee nicht unterbrach: Verus blieb ein kompetenter Feldherr, der seine Ziele mit Geschick erreichte, wobei die operative Führung freilich erfahrenen Offizieren oblag, wie dem Syrer Avidius Cassius; denn weder Verus noch Mark Aurel hatten irgendwelche militärische Erfahrung. 163 stießen die römischen Truppen gegen die Parther vor und konnten das strategisch wichtige Armenien sichern, wo ein pro-römischer König eingesetzt wurde. Im folgenden Jahr erfolgte der Hauptangriff in Richtung Mesopotamien, und wieder konnten die Parther geschlagen werden.

165 fiel die parthische Hauptstadt Ktesiphon, und der Krieg konnte bald darauf beendet werden, ohne dass sich an der Ostgrenze Roms größere Veränderungen ergaben. Allerdings schleppten die aus dem Osten zurückkehrenden römischen Truppen eine Seuche in das Reich ein (die so genannte Antoninische Pest). Nach seiner Rückkehr wurde Verus am 12. Oktober des Jahres 166 in Rom mit einem Triumphzug gefeiert. Verus teilte den Triumph mit seinem Kaiserkollegen, dem senior Augustus Mark Aurel. Ungewöhnlich, weil unüblich, an der Parade war, dass sie als große Familienfeier Verus, Mark Aurel, ihre Söhne und die unverheirateten Töchter mit umfasste. Beide Augusti führten fortan auch den Titel pater patriae. Einige Jahre später wurde in Ephesos, von Verus zeitweilig sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, ein großes Siegesmonument für den mittlerweile verstorbenen Kaiser errichtet.

Lebensstil[Bearbeiten]

Die nächsten beiden Jahre verbrachte Verus in Rom. Die späteren Quellen berichten: Er fuhr in seinem glamourösen Leben fort und hielt eine Truppe von Schauspielern und Günstlingen um sich. Er habe sich sogar eine Schenke in sein Haus einbauen lassen, in der er mit seinen Freunden bis in den Morgen gefeiert habe. Er genoss es auch, durch die Stadt zu streifen, sich unters Volk zu mischen, ohne seine Identität zu offenbaren. Zirkusspiele waren eine weitere Passion seines Lebens, besonders Wagenrennen. Mark Aurel missbilligte seinen Lebensstil, wie es heißt, aber da Verus seine offiziellen Aufgaben effizient absolvierte, bot er ihm keinen Angriffspunkt.

Denkbar ist allerdings, dass die auffällige Diskrepanz zwischen den unbestreitbaren politischen und militärischen Leistungen und dem angeblich so liederlichen Privatleben des Verus bewusst konstruiert oder zumindest übertrieben wurde: Seine Erfolge drohten Mark Aurel, der nichts Vergleichbares vorzuweisen hatte, in den Schatten zu stellen, was die heikle Machtbalance zwischen den beiden Kaisern empfindlich gestört hätte. Kaum zufällig erhob Mark Aurel darum direkt nach dem Parthersieg 166 seinen erst fünfjährigen Sohn Commodus zum Caesar und machte damit deutlich, dass dieser - nicht Verus - als sein Nachfolger vorgesehen sei.

Tod und Vergöttlichung[Bearbeiten]

Anfang 168 überquerte Verus die Alpen und begab sich auf eine Inspektionsreise zu den römischen Truppen an der Nordgrenze. Nach dem Beginn der Markomannenkriege bezogen die Kaiser Mark Aurel und Lucius Verus im Herbst 168 ihr Hauptquartier in Aquileia in Oberitalien, um von hier aus die Kampfhandlungen zu leiten. Zu Beginn des Jahres 169, als die Pest innerhalb des Heeres wütete, entschlossen sich beide Augusti, nach Rom zurückzukehren. Auf der Reise erkrankte Verus ganz plötzlich und starb nach wenigen Tagen in dem Städtchen Altinum.

Späteren Quellen zufolge zweifelten manche Zeitgenossen an einem natürliche Tod des Verus. Sie verdächtigten unter anderem seine Schwägerin Faustina und seine Gattin Lucilla, seine Ermordung veranlasst zu haben, mit Wissen Mark Aurels. Für derartige Verdächtigungen gibt es aber keine stichhaltigen Beweise. Plausibler ist, dass Lucius Verus der Antoninischen Pest, die aller Wahrscheinlichkeit nach eigentlich eine Pockenepidemie war, erlegen ist. Nach anderen Angaben war ein Schlaganfall die Todesursache; dies setzt allerdings voraus, dass die Berichte über den ausschweifenden Lebenswandel des Kaisers der Realität entsprechen.

Trotz der wachsenden Differenzen zwischen ihnen betrauerte Mark Aurel den Verlust seines Adoptivbruders, der immer demonstrativ loyal zu ihm gestanden hatte. Er begleitete den Leichnam nach Rom, wo er Spiele zu seinen Ehren veranstaltete. Seine Asche wurde im Mausoleum Kaiser Hadrians, der heutigen Engelsburg, beigesetzt. Der Senat erklärte Verus zum Gott, der als Divus Verus verehrt werden sollte. Der Divus Verus und der Divus Marcus Antoninus Pius (der divinisierte Marcus Aurelius) wurden zusammen auch als Divi fratres verehrt.

Quellen[Bearbeiten]

Denar des Lucius Verus

Die Quellenlage zu Lucius Verus ist relativ schlecht. Weder sind Briefe erhalten noch eigene literarische Werke oder die Darstellung eines der großen römischen Historiker. Über den Partherkrieg sollen gleich mehrere Autoren geschrieben haben, so etwa Crepereius Calpurnianus. Lukian von Samosata machte sich über diese in seinem Werk Wie man Geschichte schreiben soll lustig, da sie sämtlich unzureichende Geschichtsschreiber seien. Von diesen Werken ist jedoch nichts erhalten; es wurde daher sogar erwogen, dass diese Autoren reine Fiktion Lukians seien.[2]

Deshalb basiert unser Wissen über diesen Kaiser vor allem auf der spätantiken Historia Augusta, in der Biografien zu Verus selbst, zu seinem Mitkaiser Mark Aurel und zu seinem Vorgänger Antoninus Pius enthalten sind. Die Historia Augusta ist seit dem 19. Jahrhundert unter Historikern sehr umstritten. Allgemein gilt sie als eher unzuverlässig, da sich darin immer wieder Fakten mit erfundenen Anekdoten und offensichtlich unwahren Behauptungen vermischen. Andererseits gelten die Viten zu den Kaisern des 2. Jahrhunderts als zuverlässiger als die zu den Soldatenkaisern. Insbesondere ein Vergleich der Biografien von Lucius Verus und Mark Aurel macht deutlich, dass in der Historia Augusta die Bewertung der Leistungen der Kaiser von der Einschätzung ihres Charakters durch den Autor und von ihrer Lebensweise abhängt: Der anonyme Verfasser hatte also von vornherein die Absicht, den jeweiligen Kaiser in einer bestimmten Weise darzustellen, und arrangierte und interpretierte sein Material dementsprechend. So wird Mark Aurel insgesamt sehr positiv, der angeblich zu lebenslustige Lucius Verus dagegen negativ beurteilt. Dennoch beinhaltet die Vita des Lucius Verus in der Historia Augusta in Hinblick auf die Fakten der Ereignisgeschichte durchaus wertvolles Material aus guten Quellen, was vor allem von Ronald Syme und Timothy D. Barnes hervorgehoben wurde.

Offenbar entwickelte sich bereits bald nach dem Tod des Kaisers eine dominante Tradition, die sich bemühte, seine militärischen Erfolge durch den Verweis auf persönliche Laster zu relativieren. Nur wenige Quellen zeichnen daher ein etwas anderes Bild des Verus. Dazu gehören vor allem die Briefe seines Freundes und Erziehers Marcus Cornelius Fronto. Hilfreiche Details enthalten auch die römische Geschichte des Cassius Dio und die Werke des Eutropius und des Festus. Auch einige frühchristliche Schriftsteller schreiben über ihn, darunter Anastasius, Orosius und Eusebius. Einen Abgleich der Überlieferung mit der historischen Realität ermöglichen Münzfunde, Inschriften, archäologische Ausgrabungen und im Codex Iustinianus enthaltene Gesetze des Lucius Verus. Die historische Hilfswissenschaft Numismatik und die Archäologie sind in diesem Falle von besonderer Bedeutung, da die Schriftzeugnisse wenig umfangreich sind und nichts von Lucius Verus selbst Verfasstes erhalten ist. Die obige Abbildung des Kaisers zeigt eine von ihm geprägte Silbermünze (Denar).

Literatur[Bearbeiten]

Vgl. auch die im Artikel Mark Aurel angegebenen Literaturhinweise.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lucius Verus – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Timothy D. Barnes: Hadrian and Lucius Verus. In: Journal of Roman Studies 57, 1967, S. 65–79, speziell S. 77–79.
  2. Vgl. die Erörterungen bei Karl Strobel: Zeitgeschichte unter den Antoninen: Die Historiker des Partherkrieges des Lucius Verus. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Bd. II.34.2, 1994, S. 1315–1360.
Vorgänger Amt Nachfolger
Antoninus Pius Römischer Kaiser
161–169
Mark Aurel