Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945

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Der Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 forderte im Zweiten Weltkrieg nach den Angriffen auf Hamburg (1943) und Dresden (1945) die meisten Opfer im alliierten Luftkrieg gegen deutsche Städte.

Bei dem nur 22 Minuten dauernden Angriff von 379 Bombern der Royal Air Force wurde über ein Fünftel der Einwohner getötet – mehr als in jeder anderen Stadt des Deutschen Reiches. Von den 79.000 Pforzheimern, die bei der Volkszählung 1939 erfasst wurden, kamen 17.600 ums Leben.[1]

In der engbebauten Altstadt entwickelte sich ein Feuersturm, der 98 % des Stadtgebiets zerstörte. Pforzheim gehört damit zu den am stärksten durch alliierte Luftangriffe zerstörten Städten in Deutschland. Insgesamt war dieser Angriff der zerstörerischste und todbringendste der Alliierten im Krieg. Möglicherweise war die verwinkelte, malerische Fachwerkaltstadt, ausgewählt unter der Prämisse der Brennbarkeit im Rahmen der Moral-Bombing-Strategie, der eigentliche Grund für den Angriff, da die feinmechanische Industrie, mittlerweile weitgehend auf die Produktion von Zündern umgestellt, ausgelagert worden war. Nach dem Krieg wurde Pforzheim rasch wiederaufgebaut. Das heutige Stadtbild ist durch den Stil der 1950er Jahre geprägt.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Ähnlich wie Dresden wurde Pforzheim von den alliierten Luftverbänden erst spät ins Visier genommen. Ein erster Angriff der USAAF erfolgte am 1. April 1944. Dabei fanden 95 Menschen den Tod. Die Schäden waren vergleichsweise gering. Weitere Angriffe folgten. Größere Angriffe waren dabei an Heiligabend 1944 und am 21. Januar 1945.

Im November 1944 wurde Pforzheim erstmals auf einer Zielliste der Alliierten geführt. Allerdings wurde Pforzheim dort auf einer fünfstufigen Prioritätenliste die niedrigste Priorität zugeordnet. Der Bahnhof und die Straßen Pforzheims wurden zur Truppenverlegung und -verschiebung genutzt.

In einem Bericht für das RAF Bomber Command vom 28. Juni 1944 ist zu lesen, dass Pforzheim „one of the centres of the German jewellery and watch-making trades and is therefore likely to have become of considerable importance in the production of precision instruments“ war. Pforzheim war berühmt für seine Schmuckindustrie, die während des Krieges zeitweise auf die Produktion von Zündern und Munition umgestellt worden war. Dabei waren die vielen kleinen Produktionsstätten ziemlich gleichmäßig über die Stadt verteilt. In der 2. Ausgabe des „Bomber's Baedeker“, dem „Guide of Importance of German Towns and Cities“, vom August 1944 ist zu lesen: „almost every house in this city is a small workshop“. (Beinahe jedes Haus in dieser Stadt ist eine kleine Werkstatt). Weiter, ist im „Bomber’s Baedeker“ zu lesen, gab es größere Fabriken im Süden bzw. eine im Norden der Stadt. Im Einsatzbefehl des Bomber Command ist als Absicht des Angriffs zu lesen, „to destroy built up area and associated industries and rail facilities“. Es gab wohl kriegsrelevante, jedoch keine kriegsentscheidenden Ziele in Pforzheim. Dem Oberkommandierenden Arthur T. Harris war durchaus bewusst, dass neben den vielen rüstungswirtschaftlichen Zielen überwiegend zivile Ziele (Altstadt) getroffen werden.

Der Angriff[Bearbeiten]

Aufnahme des Angriffs aus einem der Bomber

Am 23. Februar um 19.45 Uhr gaben die Sirenen den Alarm „Akute Luftgefahr“. Fünf Minuten später überflogen vom Westen her die ersten Flugzeuge der RAF die Stadt. Insgesamt 368 Bomber, unter dem Kommando von Major Edwin Swales, überflogen innerhalb der nächsten 22 Minuten die Stadt und luden dabei Bomben mit dem Gesamtgewicht von 1575 Tonnen ab. Die ersten Flugzeuge setzten in der Dunkelheit Leuchtkörper aus, um das Zielgebiet zu markieren. Dabei drängte heftiger Nordwestwind die Leuchtkörper etwas ab, so dass ein Teil der Ladung in unbewohntes Gebiet im Südosten (Hagenschieß) niederging und der nordwestlichste Teil der Stadt verschont blieb. In der Innenstadt mit ihren engen Straßen und Gassen wirkte sich das Gemisch aus Spreng- und Brandbomben, Brandkanistern und Luftminen katastrophal aus. Große Flächenbrände vereinigten sich schnell zu einem gewaltigen Feuersturm.

Die Wasserversorgung fiel aus. Auf einer Länge von drei Kilometern und einer Breite von eineinhalb Kilometern brannten sämtliche Gebäude aus. Viele Menschen versuchten sich durch einen Sprung in die Flüsse Nagold und Enz zu retten und ertranken dabei. Dennoch konnten sich einige durch den Schutz des Wassers retten.

Nach dem Angriff[Bearbeiten]

Der Auswertungsbericht K.3838 der Royal Air Force vom 12. März 1945 fasst zusammen: „The attack on the night of 23/24 FEB 1944 [Datumsfehler im Original] has reduced the buildings in the greater part of the town to hollow shells or heaps of rubble. Most of the identifiable factories, including seven of priority 3 rating, have been destroyed or severely damaged.

Zwei Drittel der Gesamtfläche der Stadt, in der Innenstadt 80 bis 100 Prozent, waren zerstört. Waren im Innenstadtbereich „Marktplatz“ 1939 noch 4112 Anwohner registriert, lebte hier nach dem Februar 1945 auf Jahre hin niemand mehr.

Zerstört wurden Wohn- und Fabrikgebäude, Kirchen, Schulen, Krankenhäuser, Bäder, andere Einrichtungen und auch viele Zeugnisse der Vergangenheit.

Bei dem Angriff starben rund 17.600 Menschen. Insgesamt starben in Pforzheim durch alliierte Luftangriffe rund 20.300 Menschen. (Neben dem Hauptangriff gab es noch mehrere kleinere Angriffe.) Die Volkszählung von 1939 hatte eine Einwohnerzahl von rund 79.000 ergeben. Die ortsanwesende Bevölkerung während des britischen Luftangriffs war jedoch aufgrund der Einziehung eines Großteils der männlichen Bevölkerung erheblich geringer. Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass durch den Luftangriff rund 31,4 % der Bevölkerung ums Leben kamen. Dem Kommandeur des angreifenden britischen Bomberverbandes Masterbomber, Edwin Swales (er wurde auf dem Rückflug von Pforzheim durch ein deutsches Jagdflugzeug vom Typ Messerschmitt Bf 110 abgeschossen), wurde posthum für den besonders erfolgreichen Luftangriff auf Pforzheim vom britischen König Georg VI. die höchste britische Militärauszeichnung, das Victoria-Kreuz, verliehen. In Durban (seiner Heimatstadt, im damals britischen Dominion Südafrika) wurden ein Schulgebäude sowie eine Straße ('Edwin Swales VC Drive') nach ihm benannt.

Wiederaufbau[Bearbeiten]

Statt Restaurierung blieben nur Abriss und kompletter Neuaufbau. Die Straßen wurden deutlich breiter angelegt. Der Stadt ist ihre 2000 Jahre alte Geschichte kaum mehr anzusehen. Sie verlor stark an Bedeutung, konnte sich aber wieder erholen. Der Schutt der Stadt wurde auf einen Berg zusammengetragen, der dadurch nun 40 Meter höher ist als zuvor. Der Berg überragt Pforzheim weithin als sichtbares Mahnmal. Der Berg, der eigentlich Wallberg heißt, wird heute noch von vielen Pforzheimern als „Monte Scherbelino“ bezeichnet.

Erinnerung[Bearbeiten]

Seit 2003 ist der 23. Februar offizieller Gedenktag der Stadt Pforzheim, der mit Veranstaltungen, Gottesdiensten u. a. begangen wird. Die Städtepartnerschaft mit der baskischen Stadt Gernika soll an das gemeinsame Schicksal erinnern. Gernika war 1937 unter Beteiligung der deutschen Legion Condor bei einem Luftangriff zerstört worden. Gegen die alljährlich auf dem Pforzheimer Wartberg stattfindende sog. Fackel-„Mahnwache“ von ca. 100 Rechtsextremisten des „Freundeskreises Ein Herz für Deutschland“ und deren propagandistischen Missbrauch des Gedenktages wendet sich das „Bündnis Pforzheim Nazifrei“, das von vielen politischen, religiösen sowie anderen gesellschaftlichen Gruppen getragen wird und Gegenveranstaltungen organisiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Kunst & Literatur[Bearbeiten]

Das Musiktheater "Winterhagel, Wer ist der gute Täter? Wer ist der böse Täter? Wer ist das gute Opfer? Wer ist das böse Opfer?" ISBN 9783837071092 des Dichters Michalis Avramidis ist ein pazifistisches Gedenken an die Opfer des Bombenangriffs auf Pforzheim. Ebenso nimmt der gleichnamige Roman "Winterhagel, die Geschichte der kleinen Marie, Erinnerungen einer alten Dame" Bezug auf die Zerstörung Pforzheims, wie es der Titel aussagt. (ISBN 9783839123249)

Quellen[Bearbeiten]

  1. Pforzheim – 23. Februar 1945 von Christian Groh (Stadtarchiv Pforzheim)