Massaker von Adana

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Eine Straße im christlichen Viertel von Adana, Juni 1909.
Eine zerstörte armenische Stadt.

Das Massaker von Adana (auf türkisch/osmanisch: Adana İğtişaşı = Adana Unruhen, Adana Vakası = Adana Vorfall) ereignete sich im April 1909 in der türkischen Provinz Adana und wurde an der armenischen Bevölkerung von Adana verübt. Das Massaker, dem 20.000 bis 30.000 Armenier zum Opfer fielen[1][2], wurde von der konservativ-islamischen Regierung des Osmanischen Reiches veranlasst und zielte darauf ab, die Präsenz einer nicht-islamischen Bevölkerung in dem Vilâyet Adana zu beseitigen.[3][4][5][2]

Hintergrund[Bearbeiten]

Seit 1132 siedelten armenische Christen in Adana, vormals Kilikien. Diese Minderheit genoss den Schutz der Streitkräfte des Königreichs Kleinarmenien – bis 1360 blieb Adana Teil Kleinarmeniens. Die christlichen Armenier lebten auch nach der islamischen Eroberung jahrhundertelang in friedlicher Nachbarschaft mit den neuen Machthabern und bildeten als Minderheit, mit eigener kultureller Prägung, einen wichtigen Handelspartner, wobei besonders der Baumwollhandel von Armeniern dominiert wurde. Zu dieser Zeit hatte Adana mehr als 550.000 Einwohner. Neben Türken setzte sich die Bevölkerung aus etwa 60.000 Armeniern, 10–15.000 Griechen und 25.000 Arabern zusammen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Abdülhamid II. Sultan des Osmanischen Reiches. Dieser war Anhänger des Panislamismus und der christlichen Minderheit in seinem Reich feindlich gesinnt. Er befahl 1896 seinen Streitkräften gegen die Armenier vorzugehen, mit der Absicht, die armenische Bevölkerung zu vernichten. Infolge dieses Befehls wurden über 200.000 Armenier ermordet, darunter zahlreiche Frauen und Kinder.[6] Hintergrund des Massakers war es jedoch, die so genannte „Armenische Frage“ durch die Dezimierung und Einschüchterung der Betroffenen zu lösen.

Diese Massaker von 1894–1896 fand in Europa wenig Beachtung. Die Armenier des Reiches und der Diaspora beurteilten 1908 die Machtergreifung des „Komitees Einheit und Fortschritt“ positiv, da das Komitee die Versöhnung zwischen den Religionen und Ethnien des Reiches versprach. Türkische und armenische Revolutionsgruppen arbeiteten zusammen, um die Zweite Verfassungsperiode wiederherzustellen. Jedoch war eine der ersten Anordnungen der Jungtürken, dem Kopf der neuen Regierung, das Massakrieren der Armenier in der Provinz Adana, nachdem ihre Protestbewegungen niedergeschlagen wurden.

Als Ursachen der Massaker gelten politische, wirtschaftliche[7] und religiöse Differenzen zwischen den beteiligten Bevölkerungsgruppen. Der armenische Anteil der Bevölkerung von Adana wurde von religiösen Fanatikern sowie muslimischen Mitbürgern als „reich“ und „prosperierend“ denunziert, wodurch es zu Angriffen gegen Armenier und gewaltsamen Enteignungen armenischen Eigentums kam.[4] Das Erwachen des islamischen Nationalismus und die neue Einordnung der Armenier als „separatistische, europäisch kontrollierte“ Entität führte ebenfalls zu diesem Akt der Gewalt.[4]

Leichen von massakrierten Armeniern in Adana

Infolgedessen kam es zu weiteren Massakern, organisiert von der Bewegung der Jungtürken, denen zwischen 20.000 bis 30.000 Armenier zum Opfer fielen.[1] Während die Revolte der Jungtürken nur zehn Tage andauerte, zogen sich ihre Massaker an der armenischen Zivilbevölkerung über einen Monat hin. Dem Beispiel von Sultan Abdülhamid II. folgend, wurden die Jungtürken auch vom islamischen Nationalismus animiert, dem Pantürkismus, der die türkische Rasse über die Araber, die Perser und über alle Nichtmuslime stellte. Die ursprüngliche Idee, dass das „Reich des Islam großflächig genug sein wird, damit wir allen Kontakt mit den Christen abbrechen können“, diente teils aus und die Idee der Regenerierung der Türkei sollte schließlich durch die Säuberung und Vernichtung aller „Ungläubigen des Reiches“ erreicht werden.[8]

Einige Jahre nach den Massakern von 1894 bis 1896 organisiert, waren sie gleichzeitig ein erster Schritt hin zum Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917 während des Ersten Weltkrieges. Bei den Massakern von Adana waren neben den Armeniern auch andere christliche Minderheiten von der Verfolgung betroffen (vgl. Tabelle unten).

Ablauf[Bearbeiten]

Im März 1909 trafen kurdische und armenische Saisonarbeiter zur jährlichen Baumwoll- und Haferernte in Adana ein. Ab dem 13. April fanden Unruhen in Adana und umliegenden Ortschaften der Region statt. Eine Einsatztruppe marschierte am 23. April in Adana ein, um den Unruhen entgegenzuwirken. Nach einem Angriff der Armenier auf die örtliche Kaserne am 25. April flammte die Gewalt erneut auf. Die Regierung entließ daraufhin den Gouverneur, schickte eine Gesandtschaft aus mehreren osmanischen Abgeordneten in die Region und richtete in Adana sowie in Osmaniye zwei Kriegsgerichte ein. Gerichtsaussagen von Armeniern deuteten darauf hin, dass Bağdadizade Abdülkadir die muslimische Bevölkerung gegen die Armenier aufgestachelt habe. Türkische Zeugen beschuldigten den armenischen Geistlichen und Mitglied der Huntschak-Partei Museg Seropyan als Anstifter, der die Wiedergründung eines unabhängigen Armeniens beabsichtigt habe. Die Gerichte verurteilten 9 Muslime und 6 Armenier zum Tode und richteten sie am 10. Juni 1909 hin. Indessen dauerten die Unruhen weiter an und kamen erst im August zum Erliegen, als der neue Gouverneur Cemal Pascha 47 weitere Muslime und einen Armenier hinrichten ließ.

Lang andauernde Unruhen, Morde und Plünderungen führten letztlich zum Bruch zwischen dem Komitee für Einheit und Fortschritt und der armenischen Daschnakzutjun; zusammen hatten sie sich dafür starkgemacht, dass die osmanische Verfassung wieder eingesetzt wurde.

Verluste an Menschenleben[Bearbeiten]

Diese Seite aus einer Veröffentlichung 1911 demonstriert das Blutbad im armenischen Viertel von Adana, nebeneinandergestellt mit dem „Frieden im türkischen Distrikt“.[9]

Über die Opferzahlen gibt es keine übereinstimmenden Zahlen. Die osmanische Regierung beauftragte die Abgeordneten Yusuf Kemal Bey und Hagop Babikyan mit der Ausarbeitung eines Untersuchungsberichtes. Doch sie konnten keinen Konsens erzielen. Laut Babikyans Untersuchungen starben 21.000 Armenier. Die armenische Kirche vor Ort sprach von 17.844 Opfern und nach einem Bericht des Patriarchats in Istanbul waren es 21.236 Tote. Cemal Pascha nennt in seinen Memoiren 17.000 tote Armenier und 1850 tote Muslime. Die New York Times schrieb in einem Artikel vom 25. April 1909, dass 20.000 bis 30.000 Armenier bei dem Massaker in Adana ermordet wurden.[1] Der Historiker Taner Akçam beziffert die Opferzahl der Armenier auf 15.000 bis 20.000.[4]

Offizielle Verlustangabenliste für das Vilâyet Adana nach ethno-religiösen Gruppen[10]

Adana-Stadt Verluste
Armenier 2.093
Griechen 33
Chaldäer 132
Syrische Jakobiten 418
Assyrer 63
Muslime 782
Gesamt 3.521

Offizielle osmanische Verlustangabenliste nach Städten[10]

Ort Christen Muslime Gesamt
Adana 2.739 782 3.521
Bahçe 752 9 761
Ceyhan 378 175 553
Tarsus 463 45 508
Osmaniye 372 66 438
Erzin 208 12 220
Kozan 114 1 115
Saimbeyli 15 78 93
Kadirli 60 17 77
Islahiye 50 50
Karaisalı 44 44
Hassa 33 33
Elvanlı 13 1 14
Feke 2 2
Gesamt 5.243 1.186 6.429

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c 30,000 Killed in Massacres (englisch). In: New York Times. Abgerufen am 8. Juni 2013. 
  2. a b Samuel Totten, William Spencer Parsons, Israel W. Charny: Century of Genocide: Second Edition - Critical Essays and Eyewitness Accounts. Routledge, New York 2004, S. 68.
  3. James Creelman: The Slaughter Of Christians In Asia Minor, The New York Times. 22. August 1909. 
  4. a b c d Taner Akçam: A Shameful Act: The Armenian Genocide and the Question of Turkish Responsibility. Metropolitan Books, New York 2006, ISBN 0-8050-7932-7, S. 69–70.
  5. 30,000 Killed In Massacres, The New York Times. 25. April 1909. 
  6. Jacques de Morgan (préf. Constant Vautravers et Edmond Khayadjian): Histoire du peuple arménien: depuis les temps les plus reculés des annales jusqu’à nos jours. Académie de Marseille, Venise 1981, S. 269.
  7. Armenian Wealth Caused Massacres, The New York Times. 25. April 1909. 
  8. Jacques de Morgan, opcit, S. 270–271.
  9. H. Charles Woods: The Danger Zone of Europe: Changes and Problems in the Near East. 1911.
  10. a b französisch Les massacres de Cilicie d’avril 1909

Quelle[Bearbeiten]