Neues Rathaus (Wiesbaden)

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Das Neue Rathaus der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden wurde 1883[1] bis 1887 von Georg von Hauberrisser, welcher auch im neogotischen Stil das Neue Münchner Rathaus und das Rathaus St. Johann in Saarbrücken entwarf, im Stil der Neorenaissance erbaut.

Das Rathaus gesehen vom Südende des Dern'schen Geländes
Das Rathaus gesehen vom Hessischen Landtag.
Das Neue Rathaus und der Schloßplatz

Lage[Bearbeiten]

Das Gebäude befindet sich am Schloßplatz, an dem sich auch das Alte Rathaus, das Stadtschloss, dem Sitz des Hessischen Landtags, sowie die Marktkirche befinden. Auf der anderen Seite grenzt das Dernsche Gelände an.

Aufbau[Bearbeiten]

Neues Rathaus Wiesbaden, um 1900

Äußerlich überbot die Architektur des Rathauses[2] das gegenüberliegende Stadtschloss an Prunk, die Fassade wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg beschädigt und in vereinfachter Form ohne ihren beherrschenden Hauptgiebel wiederaufgebaut.

Funktion[Bearbeiten]

Das Amtsgebäude besitzt neben seiner eigentlichen Bestimmung auch öffentliche Ausstellungsräume sowie einen von der Bayerischen Gastronomie AG betriebenen Ratskeller. Es kann mit Thermalwasser beheizt werden.

Ratskeller[Bearbeiten]

1890 erhielt der Wiesbadener Maler Kaspar Kögler den Auftrag zur Ausmalung des Ratskellers. Um die Aufgabe bewältigen zu können, zog er seinen in Wiesbaden-Biebrich gebürtigen Schüler Wilhelm Weimar (1859–1914) hinzu. Kögler schmückte den „Weinkeller“ und das „Ratsstübchen“ mit launigen Gemälden und versah seine Malereien mit witzigen Texten. Sein ehemaliger Schüler Heinrich Schlitt - damals 41-jährig und mittlerweile erfolgreich in München tätig - war ebenfalls an der Ausmalung des Wiesbadener Ratskellers beteiligt. Er gestaltete den „Bierkeller“ mit humorvollen Szenen und Sprüchen.[3]

Der vielsagende Reim: „Ob Heide, Jud‘ oder Christ, herein was durstig ist“, der den Gast – zusammen mit der Darstellung eines Herrn im Frack und Zylinder, einem Juden mit Pejes-Locken im Kaftan und einem Südseekanibalen im Bastrock – am Eingang zum Ratskeller begrüßte, wurde offensichtlich den Malereien in der Nazi-Zeit zum Verhängnis. Obwohl unter Denkmalschutz stehend, wurden die kostbarsten realistischen, wilhelminischen Fresken übertüncht.[4]

Bei der Restaurierung des Rathauses 1987 wurde erwogen, die alten Fresken wieder freizulegen. Doch sie wurden aus „Kostengründen“ nicht restauriert, sondern getilgt und gingen ein zweites Mal verloren.[5]

Der damalige Pächter des Rathauskellers, engagierte auf eigene Kosten – den jungen Wiesbadener Maler Eberhard Münch[6], der damals noch historisch realistisch orientiert war – damit dieser nach alten Vorlagen die Kellerräume im Stil von Kögler und Schlitt neu gestalten konnte.[7]

Heute wird der Ratskeller von der Bayerischen Gastronomie AG betriebenen. Nach dem Verbleib der Münch’schen Malereien nachgefragt, bekommt man dort zur Antwort: „Die Räume wurden renoviert!“[8]

In München, im ebenfalls von Hauberrisser erbauten Rathaus, fühlte man sich der Historie verpflichtet. Man pflegte und erhielt die dortigen Ratskeller-Malereien von Schlitt.[9] Auf diese Weise erhielt sich in der bayerischen Hauptstadt ein einzigartiges Denkmal der humorigen Malerei.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kaspar Kögler und Heinrich Schlitt: Die Wandmalereien im Ratskeller zu Wiesbaden: 124 Abbildungen nach den Originalhandzeichnungen von Kaspar Kögler und Heinrich Schlitt mit begleitendem Text. Gebrüder Petmecky, Wiesbaden o.J. (nach 1895)
  • Woldemar Waldschmidt: Kaspar Kögler (1838–1926) In: Karl Wolf (Hrsg.): Nassauische Lebensbilder. Band 3, Wiesbaden 1948. S. 237–242
  • Bertram Heide: Altmeisterliche Maltechnik im Wiesbadener Ratskeller, Eberhard Münch rekonstruierte die Gemälde des Wiesbadener Maler-Poeten Caspar Kögler/Illusionsmalerei aus der Versenkung gehoben. Wiesbadener Tagblatt, 26 Juni 1987
  • Marianne Fischer-Dyck/Gretel Baumgart-Buttersack: Geschichten aus dem alten Wiesbaden, Kaspar Kögler - 150 Jahre, und nicht vergessen .... Wiesbadener Leben 3/1988, S. 29
  • Günther Leicher: Kaspar Kögler. Leben und Werk. Wiesbaden 1996, ISBN 3-928085-11-5.
  • Baedeker Wiesbaden Rheingau, Karl Baedeker GmbH, Ostfildern-Kemnat 2001, ISBN 3-87954-076-4

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Neues Rathaus (Wiesbaden) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Seit 1883 Oberleitung (PDF; 935 kB), Im Centralblatt der Bauverwaltung, Nr. 52, 29. Dezember 1883, S. 486, abgerufen am 22. Dezember 2012
  2. Berthold Bubner, Wiesbaden, Baudenkmale und Historische Stätten, Wiesbaden 1993, S. 37 f
  3. „Leicher: Kaspar Kögler, Leben und Werk. 1996, S. 22.“
  4. „Heide: Altmeisterliche Maltechnik im Wiesbadener Ratskeller, Eberhard Münch rekonstruierte die Gemälde des Wiesbadener Maler-Poeten Caspar Kögler/Illusionsmalerei aus der Versenkung gehoben.. 26 Juni 1987.“
  5. „Fischer-Dyck/ Baumgart-Buttersack: Geschichten aus dem alten Wiesbaden, Kaspar Kögler – 150 Jahre, und nicht vergessen …. 1988, S. 29.“
  6. http://www.atelier-muench.de/
  7. „Heide: Altmeisterliche Maltechnik im Wiesbadener Ratskeller, Eberhard Münch rekonstruierte die Gemälde des Wiesbadener Maler-Poeten Caspar Kögler/Illusionsmalerei aus der Versenkung gehoben.. 26 Juni 1987xy.“
  8. Nachzulesen ist auch: „ Der derzeitige Pächter , Brauerei Andechser hat die nachempfundenen Wandmalereien entfernen lassen.“ Vgl.: Der Verlag Edition 6065, Die Zeichnungen von Kaspar Kögler, in: Günther Böhme, Wiesbadener Spätlese, Gedichte in Versen, Wiesbaden 2006, S. 78
  9. http://www.ratskeller.com/index.php?id=25
  10. Der Münchner Ratskeller und seine Geschichte, abgerufen am 23. April 2013

50.0819444444448.2419444444444Koordinaten: 50° 4′ 55″ N, 8° 14′ 31″ O